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Donnerstag, 26. März 2015

Zu Besuch bei den Cham-Muslimen (Teil 11)

Unseren letzten Tag in Phnom Penh verbrachten wir mit einem Marktbesuch und einem kleinen Ausflug in den muslimischen Teil der Stadt. Im Grunde besteht das islamische Phnom Penh nur aus einer einzigen Straße, die parallel zum Fluss verläuft und von der links und rechts kurze Seitenwege abzweigen. Etwa zwanzig Minuten nördlich des Stadtzentrums reihen sich hier ein Dutzend Moscheen auf einer Strecke von circa zwei Kilometern aneinander. Michael hatte uns am Morgen verlassen und war an die Küste nach Sihanoukville weitergezogen, also waren wir für heute nur noch zu zweit. Marian gehört zu meinen fellow orientalists aus Tübinger Zeiten und war deswegen genauso interessiert an einem Abstecher zu den Cham-Muslimen.


Das muslimische Volk der Cham bildet nach den Vietnamesen die größte Minderheit in Kambodscha. Zu den genauen Zahlen gibt es sehr widersprüchliche Angaben, verlässliche Quellen gehen von 237.000 Muslimen in Kambodscha aus, was ungefähr 1,6% der Bevölkerung gleichkommt. Die hiesigen Cham werden seit den 1960er Jahren auch als Khmer Islam bezeichnet, um sie als Kambodschaner von den chinesischen und vietnamesischen Muslimen abzuheben. Sie besitzen eine eigene Sprache und Schrift und gehören größtenteils dem sunnitischen Islam an. Unter den Roten Khmer litten sie Seite an Seite mit allen anderen religiösen Kambodschanern. Nach eigenen Angaben wurden 132 Moscheen zerstört, nur 20 Geistliche überlebten das Terrorregime. Viele der modernen Moscheen wurden beim Wiederaufbau durch ausländische Gelder gefördert, so gibt es (wie vergleichbar z.B. auch in Bosnien nach dem Bosnienkrieg) einige von Saudi-Arabien finanzierte Moscheen.


Ein Tuk Tuk bringt uns durch die Vororte, wo sich wieder Textilfabriken und Tochterunternehmen vietnamesischer Lebensmittelhersteller zwischen Straße und Fluss drängen. Vor einer Moschee lässt er uns absteigen. Wir haben uns bei der größten Hitze trotzdem Jeans angezogen, um nicht in Shorts durch die Gotteshäuser tingeln zu müssen. Pünktlich zum Nachmittagsgebet kommen wir an und setzen uns in den hinteren Teil der Moschee, während sich die vorderen Reihen mit Gläubigen füllen. Einige kleine Jungen, vermutlich Koranschüler, scheinen noch nie Ausländer aus dem Westen gesehen zu haben und halten es nicht so genau mit Disziplin und Ernsthaftigkeit beim Gebet. Als wir wieder gehen spricht uns jemand von den erwachsenen Männern an und fragt freundlich, woher wir kommen. Natürlich interessiert es ihn auch, ob wir Muslime sind, er verabschiedet uns nach einem sehr kurzen Gespräch mit „Welcome to Cambodia“ und erstattet seinen Freunden Bericht.


Wir spazieren die Straße entlang. Nirgendwo sonst in Phnom Penh sieht man Frauen mit Kopftuch oder Männer mit langen Gewändern und Käppchen. Das muslimische Leben scheint sich ausschließlich in dieser Gegend abzuspielen. Vor den Eingängen fehlen die kleinen Geisterhäuschen, die man überall sonst findet, und es gibt eine Vielzahl von Koranschulen und religiösen Einrichtungen. Viele Cham-Muslime leben vom Fischfang. In einer unscheinbaren Einfahrt auf der flussabgewandten Seite befindet sich das Amt des Muftis von Kambodscha, der höchsten religiösen Autorität. Die Männer an der Rezeption beäugen uns misstrauisch, während wir uns draußen den Schaukasten mit den angepinnten Fotos des letzten großen Projektes mit Malaysia anschauen. Wieder fragt jemand, was uns hierher verschlagen hat, und wieder geben wir Auskunft. Im Erdgeschoss soll gleich der Englischunterricht stattfinden.


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir zu oft eher die Rolle des passiven Beobachters zufällt, der die Szene überfliegt und dann zum nächsten Ort weiterzieht. Zum Glück ist Marian da anders und fragt, ob wir uns den Unterricht mal anschauen können. Wir müssen kurz auf die Lehrerin warten, die zwei Minuten später auf ihrem Moped angeflogen kommt. Die kleine Frau mit den stets vor Erstaunen geweitetem Augen und dem schwarzen Khimar, einem langen Kopftuch, ist von der Idee begeistert. Da wir Ausländer seien, hätten wir eine bessere Aussprache („prrrrronunciation“) als die Kambodschaner, meint sie und beschließt, dass heute wir den Unterricht durchführen. Die Lehrerin schaut uns perplex und abermals mit großen Augen an, als wir ihre Frage ob wir Muslime seien verneinen, aber das scheint nicht allzu schlimm zu sein. Wir stellen uns zunächst vor, Marian glänzt mit seinem Arabisch und dann lassen wir die Jungen und Mädchen, die wohl zwischen 15 und 18 Jahren alt sind und getrennt nach Geschlechtern vor uns sitzen, Fragen stellen. Die meisten trauen sich nicht richtig und die Lehrerin verkündet fast schon drohend, dass dies eine einmalige Chance sei – schließlich seien wir die ersten Ausländer in ihrem Unterricht, nach dem Mann aus Pakistan, der vor zwei Monaten zu Gast war. Nach und nach kommen dann doch in äußerster Höflichkeit gestellte Fragen, hauptsächlich von den jungen Männern: Wo kommt Ihr her? Warum seid Ihr hier? Wie gefällt Euch Kambodscha? Ein Mädchen fragt wie groß wir eigentlich seien, was für ein paar Lacher sorgt. Die meisten Fragen drehen sich aber um die Religion: Wenn Ihr Euch doch mit dem Islam beschäftigt, wieso seid Ihr dann noch nicht konvertiert? Was denkt Ihr über den Islam? Welchen Eindruck habt Ihr von Muslimen? Wir finden diplomatische Antworten und erzählen ein wenig von Deutschland. Leider vergesse ich Fotos zu machen, denn der Unterricht nimmt ein abruptes Ende, als die Lehrerin nach einer Dreiviertelstunde gehen muss. Vorher lädt sie uns aber noch für irgendwann zu sich nach Hause ein. Da wir dankend ablehnen, weil für den Folgetag schon die Weiterfahrt nach Thailand geplant ist, ruft sie einen „Bruder“ an, der mit uns reden soll. Über Islam natürlich. Wir wissen nicht, ob er ihr wirklicher Bruder ist oder nur in religiösen Dingen, doch er heißt Said und kommt mit dem Moped, auf das wir uns zu dritt setzen. Nur eine kurze Strecke ist es bis zu der großen Wiese hinter dem Viertel, in dem das Amt des Muftis liegt, und wir steigen ab.


Der Bruder kann nur Arabisch und weiß erst nicht so recht, was er mit uns anfangen soll. Auf der Fläche wird Fußball gespielt, in einem verschmutzten Wasserloch am Rande plantschen ein paar Kinder. Der Mann holt einen Freund zur Hilfe, der Englisch spricht und interessanterweise in nächster Nähe zu unserem Hostel in einem anderen Hotel arbeitet. Wir fragen typische Recherchefragen: Wie viele Muslime gibt es in Kambodscha? Das entpuppt sich allerdings als sehr interessante Frage, denn die meisten Menschen in dieser Gegend scheinen die Zahl der Muslime deutlich zu überschätzen. Als ich in der Schule erzählte, in Deutschland seien fünf Prozent der Bevölkerung muslimisch, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen und erst als die Lehrerin übersetzte, dass Deutschland aber auch 80 Millionen Einwohner hätte, sah man Köpfe nicken. Auch der Mann auf der Fußballwiese behauptet, dass knapp die Hälfte der Kambodschaner muslimischen Glaubens sei. Ich erkläre mir diese Überschätzung am ehesten mit der Tatsache, dass das muslimische Viertel von Phnom Penh tatsächlich sehr isoliert ist. Die Menschen bleiben unter sich und kommen vermutlich eher selten aus ihrer Welt heraus.
Vor einer anderen Moschee machen wir Abschlussfotos mit Said und lassen uns von einem Tuk Tuk wieder in die Stadt bringen. Irgendwie war das ganze ziemlich surreal und obwohl der Fernbus aus und nach Siem Reap genau durch diese Gegend fährt kommt es uns vor, als seien wir die ersten Touristen auf diesem Fleckchen Erde gewesen. Der kurze Besuch war aber eines der Highlights unseres ganzen Urlaubs und schon am Abend hat Said die zwei Fotos mit uns auf Facebook hochgeladen.


Dienstag, 24. März 2015

Phnom Penh, seine Straßen und Märkte (Teil 9)

Mein erster Eindruck von Phnom Penh, einer Stadt, der ich allein wegen des Namens schon immer einen Besuch abstatten wollte, war ein recht ernüchternder: Staubige Vororte, auffallend viel Müll und Dreck auf den Wegen, und je nach Stadtteil eine eigene penetrante Duftmarke, erbarmungsloses Manifest der Luft- und Umweltverschmutzung. Doch bei genauerem Hinsehen verspürt man ein gewisses Flair zwischen den nummerierten und rasterförmig angelegten Straßen, wo sich alle paar Meter entweder ein Restaurant mit westlichen Preisen findet oder aber ein Imbiss unter freiem Himmel. In einer gewöhnlichen Seitenstraße finden sich Reiseagenturen und Gästehäuser, kleine Ecksupermärkte und Gardinenläden, gleich neben zwielichtigen Bars und farbig ausgeleuchteten Bordellen. Auch gibt es in Phnom Penh mehr Obdachlose und Bettler als auf den bisherigen Stationen unserer Reise, doch man geht in der Regel respektvoll miteinander um: Der Wachmann, der auf seinem Plastikstuhl vor einer Bank den Nachtdienst antritt, hat Zeit für einen Plausch mit der obdachlosen Mutter, die an der Straßenecke gerade ihre drei Kinder in einem Verschlag aus Pappkartons und Moskitonetzen zur Ruhe gebettet hat. Da erscheint es noch surrealer, in einer amerikanischen Bar den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen zu lassen, obwohl man sich auf eine sonderbare Art und Weise dennoch nicht fehl am Platze fühlt.

Wie überall ist man auch in Phnom Penh auf gnädige Tuk-Tuk-Fahrer oder zumindest gutes Schuhwerk angewiesen. Mopeds brausen umher und auch die eine oder andere Luxuskarosse, die sich wohl nur ein Staatsbediensteter leisten kann, parkt auf dem Bordstein.


In den 1970er Jahren litt Phnom Penh von alle Städten am meisten unter dem verheerenden Regiment der Roten Khmer (oder Khmer Rouge), der kommunistischen Bewegung unter ihrem Führer Pol Pot. Fast die gesamte Stadtbevölkerung wurde aufs Land verschleppt, tausende Menschen wurden in Internierungslagern ermordet. In Phnom Penh selbst litt neben den Menschen auch die Architektur unter den Kommunisten. Einer blutigen Kulturrevolution fielen vor allem Gebäude im französischen Kolonialstil und Tempel, aber auch Moscheen und Kirchen zum Opfer. Doch viele Relikte des Bauhaus und des Art déco sind erhalten geblieben, und manchmal lässt sich noch eine Ruine als verfallendes Erbe der Kolonialzeit identifizieren.


Die kambodschanische Hauptstadt liegt am Tonle Sap, einem aus dem gleichnamigen See gespeisten Fluss, in den heute aber viele Abwässer aus den Fabriken, die in Phnom Penh angesiedelt sind, geleitet werden. Die großen Textilproduktionen liegen nördlich und südlich des Stadtzentrums, am Flussufer im eigentlichen Stadtkern ermöglicht eine Promenade abendliche Spaziergänge, tagsüber bietet sie jedoch wenig Schatten.


Zur Tageszeit kann man den Königspalast gegenüber der Promenade besuchen, denn auch Kambodscha ist wie Thailand eine Monarchie. Auf der Suche nach den spärlichen (offen sichtbaren) Sehenswürdigkeiten der Stadt kommen sogar ganze Reisebusse hierher.


Nebenan steht das Wat Ounalom, ein durchschnittliches buddhistisches Kloster mit sorgfältig renovierten Gebäuden. Die Architektur ist nicht unbedingt außergewöhnlich, aber interessanterweise scheint die Tempelmauer ein ganzes Viertel einzuschließen. Dieses städtische Kloster muss einer Vielzahl von Mönchen und Novizen als Zuhause dienen.


Märkte gehören auf der ganzen Welt zu den wahren Attraktionen einer Stadt oder eines Dorfes, denn hier spielt sich das örtliche Leben für die Beobachtenden offensichtlich ab. Auf einem Markt wird normalerweise auch jede/-r Reisende fündig, sei er oder sie nun auf der Suche nach Souvenirs, reifen Mangos oder einfach nur einem Hauch exotischen Flairs. Und es gibt überall etwas zu essen…


An verschiedenen Orten der Stadt kann man auf Marktstraßen stoßen. Angrenzend an ein ostasiatisch geprägtes Viertel und umrahmt von chinesischen Goldhändlern liegt jedoch der große Zentralmarkt von Phnom Penh. Das riesige gelbe Art-déco-Gebäude wurde 1937 von den Franzosen auf einem trockengelegten Sumpf errichtet und beherbergt bis heute die unterschiedlichsten Geschäfte.


Direkt unter der großen Kuppel, die ein wenig an das Pantheon in Rom erinnert, werden Uhren, Schmuck und Silberwaren gehandelt. In den äußeren Bezirken des Gebäudes gibt es Textilien und billige Shirts, Räucherstäbchen und Porzellan, Gemüse und frischen Fisch. Sogar Hai kann man unter den Auslagen entdecken.


Kambodscha hat ein beachtliches Stück Küste und wird auch durch die Flüsse mit Fisch versorgt. Es ist also nicht verwunderlich, dass alle Arten von Seafood die Speisekarte um ein ordentliches Fischsortiment ergänzen. Auf dem Markt bekommt man das Abendessen noch lebend zu Gesicht.


Die Hygienestandards mögen andere sein als bei uns – was jedes Mal deutlich wird, wenn Fleisch ungekühlt an Haken unter der Decke hängt oder der einzige Widerstand gegen Keime und Insekten aus einem schwachen Ventilator mit Fliegenstreifen besteht. Doch auf dem Hauptmarkt bleibt nichts dem Zufall überlassen: Das kühlende Eis wird frisch angeliefert und rutscht als großer Block über eine Schiene zum Eisverkäufer, der es dann in handliche Stücke zerhackt und in Plastiktüten verpackt.


Man sollte Phnom Penh nicht unrechttun, indem man nur einen einzigen Tag bleibt und sich dann unbeeindruckt oder gar naserümpfend abwendet. Die Stadt bietet einen sicheren Hafen für Gourmets (so lange sie ausreichend Dollars in der Tasche haben) und stimmt nachdenklich, vor allem wenn man sich näher mit der Geschichte des Landes und seiner Leute beschäftigt. Eine Station auf unserer Rundreise waren auch die sogenannten Killing Fields außerhalb der Stadt, wo sich eines der Todeslager der Roten Khmer befand. Dorthin wollten wir einen Ausflug unternehmen, von dem ich in meinem nächstenBeitrag berichten werde.


Sonntag, 22. März 2015

Vang Vieng & Vientiane (Teil 6)

Eine kleine Zwischenstation auf unserem Weg nach Süden sollte Vang Vieng sein, das eigentlich nur 230 Kilometer von Luang Prabang entfernt liegt. Dank der kurvigen Straße trennen Start und Ziel aber ganze sieben Stunden. Alles halb so schlimm, hätte ich mich am Vorabend genauer informiert und wäre am Tag der Abreise nicht guten Mutes eine Viertelstunde zu spät vom Hostel aufgebrochen. So habe ich den Bus um eben diese fünfzehn Minuten verpasst. Spontan wie planlos kam ich mit meinem (deutlich zu schwer bepackten) Reiserucksack an der Busstation an und erkannte, dass ich ganze fünf Stunden Zeit haben würde, um mich mit roten Plastikbänken, grimmigen Ticketverkäufern und laotischem Fernsehen anzufreunden. Das Ticket kostete 14 Dollar, was für die bisherigen Verhältnisse ein kleines Vermögen war. Ich schaute tatsächlich eine Weile fern, nachdem mir keine Notizen mehr einfielen, die ich hätte niederschreiben können, und war erstaunt über die Bandbreite und Qualität des sozialistischen Staatsfernsehens. Nur ein einziges Mal wurden schwarz-weiße Aufnahmen irgendeines militärischen Ereignisses gezeigt, der Rest des Programmes bestand aus Nachrichten, Talkrunden und einer äußerst modernen Koch-Show. Als vorurteilsbeladener Sensationstourist hätte ich im TV zumindest im Ansatz so etwas ähnliches wie Nordkorea erwartet, doch stattdessen wirbt das laotische Staatsfernsehen für den hauseigenen Youtube-Channel und die offizielle Facebook-Präsenz. Die zwei ewig wehenden Flaggen am oberen linken Bildschirmrand – eine für den Staat, eine für die (einzige) Partei – sind da nur ein schwacher Trost. Nach quälend langen Stunden des Wartens und einer höchst delikaten Nudelsuppe ging es endlich los – und die eigentliche Odyssee begann: Immer wenn die klägliche Hoffnung bestand, der Bus würde hinter der nächsten Biegung endlich auf über 60 km/h beschleunigen, lauerte ein paar Meter weiter schon die nächste scharfe Kurve. So ging es stundenlang durch atemberaubende Landschaften mit bewaldeten Berggipfeln und kleinen Dörfern, die sich zwischen Straße und Hang festklammerten. Die schlichten Siedlungen beheimaten jeweils ein paar Hütten aus Holz und Schilfmaterial und sind besonders vor und nach Einbruch der Nacht sehr beeindruckend. Busfahren wird zum Kino. Wenn in der Dämmerung die Frauen an den Brunnen Wasser holen, Kinder an der Straße mit Hunden und Hühnern spielen und die Männer das letzte Licht ausnutzen, um in Badehose neben den Häusern zu duschen, fühlt man sich als unbeteiligter Beobachter irgendwie mitten in den örtlichen Alltag versetzt. Die Haustüren sind stets offen. Wenn es dunkel ist, kann man so in die sporadisch eingerichteten Wohnzimmer hineinsehen, wo in jedem Haushalt ein Fernseher läuft. Oft sitzen Familien um einen Topf mit Klebereis und essen zu Abend. Zumindest aus dem klimatisierten Bus heraus, der über die einzige Hauptstraße wackelt, hat die nicht abreißende Kulisse aus Dorf und Urwald etwas Idyllisches.

Irgendwann nachts bin ich schließlich am Ziel und checke in ein Backpacker-Hostel ein. Wenn man bei Dunkelheit ankommt merkt man erst am nächsten Morgen, wo man eigentlich gelandet ist. Vang Vieng ist nicht die schönste Stadt der Welt, aber es bietet viele Ausflugsziele in der Umgebung. Per Fahrrad kann man die Wasserfälle und Höhlen des Umlands erkunden, wobei die Schotterpisten oft besser für Mopeds geeignet sind als für klapprige, ganglose Drahtesel. Doch die Natur ist jede Anstrengung wert.


In dieser Stadt treffen wir uns wieder, da meine zwei Freunde zuvor ja eine andere Route genommen haben. Sie waren bei den Steinkrügen in Phonsavan und sind deshalb deutlich mehr Bus gefahren als ich. Im Waschbecken eines Dreibettzimmers lässt sich die erste Ladung Wäsche zumindest notdürftig reinigen und dann in der Abendsonne trocknen.


Nach zwei Nächten geht es weiter gen Süden in die mit 620.000 Einwohnern größte Stadt von Laos und kleinste Hauptstadt Asiens: Vientiane – ein Name, den ich als Elfjähriger ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse noch ausgesprochen habe wie er geschrieben wird und der mir immer wie ein merkwürdiger Frauenname vorkam. Meinen ersten Eindruck von Laos bekam ich in meiner Kindheit durch eine Buchreihe, die mein Vater irgendwann Anfang der Neunziger gekauft hatte. Aus diesen Büchern nahm ich mein erstes geografisches Wissen, ich lernte alle Hauptstädte der Welt auswendig, von denen ich bis heute über die Hälfte wieder vergessen habe. Zu Laos gab es in einem dieser Bücher nur eine einzige Seite, mit einem einzigen Bild. Es war das einer Straßenszene, natürlich mit Moped. Irgendwann in den vier Wochen unserer Reise habe ich mich an jenes Bild zurückerinnert und bemerkt, dass ich jahrelang keine andere Vorstellung von Laos und Vientiane hatte als eben diese Frau oder diesen Mann auf einem Moped. Auch hätte ich früher nie gedacht, dass ich jemals in dieses Land kommen würde, doch nun war ich aber tatsächlich hier. Die schwammige Erinnerung an dieses Buch konnte ich nun durch neue Impressionen ersetzen – und vor allem durch neue Bilder von Mopeds. Der Verkehr von Vientiane – das auf Laotisch übrigens Vieng Chang heißt und einem so auch nahelegt, wie der französische Name auszusprechen sein könnte – führt einem vor Augen, dass es hier tatsächlich auch große Städte gibt, oder mindestens eine. Beruhigend und ernüchternd zugleich, denn Vientiane ist nicht wirklich schön. Aber es gibt einige beachtenswerte Sehenswürdigkeiten, wie etwa den Triumphbogen (Patuxai) irgendwo im Zentrum der Stadt. Die Türmchen und die Figuren entstammen der indischen Mythologie, auffallend sind dabei vor allem die Kinnari (halb Frau, halb Vogel). Beim Bau des Monuments fand auch Zement Verwendung, den die USA eigentlich zum Bau eines Flugplatzes für den Vietnamkrieg vorgesehen hatten.


Zum Zeichen des weltweiten Friedens wurde am anderen Ende des Patuxai-Boulevards ein großer Gong angebracht, auf dem sämtliche Religionen der Welt durch Symbole markiert sind. Zunächst wird man stutzig, wenn man das Zeichen mit den vier Haken sieht, aber natürlich muss man sich den kulturellen Kontext vor Augen führen: Die Swastika ist im indischen Kulturraum ein Symbol für verschiedene Dinge, es ist u.a. dem Sonnenaufgang, dem Tag oder auch dem Gott Ganesha zugeordnet. In Europa wäre dieser Gong allein wegen dieses Zeichens wohl undenkbar gewesen, aber jenseits von Indien hat man hier natürlich keine Bedenken.


Das Wahrzeichen von Laos ist der Pha That Luang, der Große Stupa aus dem 16. Jahrhundert. Er ist auch auf einem Geldschein zu sehen und stellt die Vereinigung des Buddhismus mit der laotischen Kunst dar.


Leider war das Gebäude schon geschlossen, denn wir kamen dort recht spät am Tag an. Dafür konnten wir die zahlreichen Sportbegeisterten beobachten, die von ihrem abendlichen Workout zurückkamen und über die riesige geteerte Fläche vor dem Pha That Luang nach Hause gingen. Ich habe keinen Schimmer, ob das mal ein Flugplatz war oder Paraden diente, aber es bot hunderten Menschen aller Generationen einen Ort um sich zu versammeln. Abends kann man jedoch auch den Nachtmarkt am Ufer des Mekong besuchen, wenn man unter Menschen sein will. Auf der anderen Seite liegt Thailand, aber diesseits des Flusses lassen sich nach Einbruch der Dunkelheit die letzten Souvenirs in Laos kaufen, nebst kurzen Hosen, billigen Hemden und gefälschten Musik-CDs.


Ich muss ja zugeben, dass bei mir nach den ersten zwei Wochen ein bisschen die Luft raus war. Quasi fast so wie bei dem Hund oder dem Buddha da oben im Bild. In Laos hatten wir Bergfest und somit die zeitliche Mitte unserer Reise erreicht. Die nächste Etappe wollten wir von der laotisch-thailändischen Grenze aus mit dem Nachtzug zurücklegen, wodurch wir morgens in Bangkok ankommen würden und dann gleich weiter nach Kambodscha starten könnten. Eine Tour von mehr als 24 Stunden, aber durch den Nachtzug würden wir nur wenig Zeit verlieren.

Donnerstag, 19. März 2015

Welcome to Bangkok! (Teil 1)

Das Essen von Oman Air ist fast so gut wie das von Turkish Airlines. Dennoch kann keine in Alu-Behälter verpackte und lauwarm servierte Speise über die 8.967 Kilometer hinwegtäuschen, die zwischen Frankfurt und Bangkok liegen. Vor allem dann nicht, wenn man zuerst in Mailand zwischenlandet und erneut in Muscat. Als wir im Oman das Flugzeug verlassen, kommen mir die zwanzig Grad schon recht warm vor, zumindest für einen Tag im Februar. Man könnte es also als Temperaturschock bezeichnen, was den/die kältegezeichnete/-n Mitteleuropäer/-in in Thailands Hauptstadt heimsucht: Nächtliche 30°C und eine tropische Luftfeuchtigkeit, dass einem der Atem stockt. Hinzu kommen die Abgase einer Millionenstadt, denn Bangkok ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt Südostasiens und beherbergt über acht Millionen Einwohner sowie mehr als 400 Tempelanlagen (Wat). Der Verkehr ist heftig, doch anderswo auf der Welt (insbesondere in Kairo) ist er noch schlimmer. Gefährlich sind lediglich die kleinen Motorradrikschas, die in Thailand, Laos und Kambodscha lautmalerisch Tuk Tuk heißen. Sie bilden eine Gefahr für den Geldbeutel, wenn man nicht ordentlich handelt, und eine für das eigene Leben, wenn man sich nicht festhält. Ihre Fahrer passen jeden westlich aussehenden Menschen schon vor dem Hotel-Eingang ab und fragen „Sir, you want Tuk Tuk?“ – Oft kommen sie schon von weitem auf einen zu, wild gestikulierend und als würden sie keinem Touristen auch nur einen selbstständigen Schritt auf den von losen Gullideckeln durchlöcherten Trottoirs der Stadt zutrauen. Man lehnt meist dankend, nach einigen Wochen auch ein wenig genervt ab. Doch wenn man Bangkok erkunden will, dann ist ein (der/die/das?) Tuk Tuk tatsächlich die schnellste Lösung, um von A nach B zu kommen.


Bangkok bietet alles, was das Herz begehrt – zumindest für die ersten drei Tage, bevor man das dringende Gefühl verspürt, weiterziehen zu müssen. Doch bis es soweit ist laden die zahlreichen Märkte, die goldenen Wats und die Straßen mit ihren endlosen Möglichkeiten, einen Snack zu sich zu nehmen, zum Verweilen ein.
Wir haben uns natürlich auch den Königspalast angeschaut. Er kostet ganze 500 Baht (ca. 15 Euro) Eintritt und ist überlaufen von Touristen, doch er bietet eine Fülle von Fotomotiven, die ich nun mit zehntausenden von Chinesen, Europäern und Amerikanern teile.


Das Areal wurde Ende des 18. Jahrhunderts angelegt, nachdem die Burmesen die bisherige Hauptstadt Ayutthaya zerstört hatten. Die neue Hauptstadt des Reiches wurde Bangkok, das auf Thai seither eigentlich verkürzt Krung Thep (meist übersetzt mit „Stadt der Engel“) heißt. Der richtige Name ist um einiges länger. Der Palast ist sehr eindrucksvoll, er muss es auch sein. König Bhumibol Adulyadej (oder Rama IX.) ist das derzeit am längsten amtierende Staatsoberhaupt der Welt und im Alltag überall präsent. Der König verkörpert die Identität der Thais und ist bei der Bevölkerung äußerst beliebt, weshalb ihm 1987 per Volksabstimmung der Titel „der Große“ verliehen wurde. Überall in Thailand finden sich seine Porträts, mal mit Ehefrau, mal mit Fotokamera, mal in Denkerpose oder im Sportdress. Das Land erhebt sich täglich zweimal zur Hymne und neben der Flagge des Landes weht auch immer die gelbe Flagge des Monarchen.


Im Grunde ist jeder Tempel in Bangkok ähnlich beeindruckend wie der Königspalast. Für das ungeübte Auge unterscheiden sich die verschiedenen prunkvollen Bauwerke nur in der Größe. Überzogen von Gold und ausgezeichnet durch riesige Buddhas porträtieren die Wats den Glanz des Buddhismus. Religion prägt hier den Alltag: Fast jedes Haus hat ein „Geisterhäuschen“, in dem die Hausgeister wohnen und den Haushalt beschützen. Sogar die großen Hotels scheuen weder Geld noch Mühe, um besonders große dieser Häuschen vor ihrem Eingang aufzustellen. Geopfert wird regelmäßig Klebereis und Coca Cola.


An den Türen von vielen Geschäften hängen Räucherstäbchen, jeder Laden hat einen kleinen Hausaltar. Die religiöse Facette macht die ohnehin schon bunten Märkte noch bunter. In touristisch geprägten Gebieten Bangkoks wie etwa der Khaosan Road oder dem Kleidermarkt in Silom weicht diese Harmonie den Bedürfnissen der Touristen. Hier sind die Händler unfreundlicher und die Preise höher, die Prostituierten zahlreicher und Thailand weniger thailändisch. Wer Bangkok abseits der Touri-Route erleben will, sollte einen Abstecher in die Seitengassen wagen oder in den äußeren Bezirken in einer der zahlreichen Suppen- oder Bratküchen zu Mittag essen. Hier gibt es das, was man bei keinem Asia-Wok in Deutschland findet, weil die wenigsten Deutschen vier oder fünf Euro für eine Suppe zahlen würden. Eine gute Nudelsuppe zum Frühstück gibt es in Bangkok und überall sonst an jeder Ecke, mit Rind oder Hühnchen, Koriander, Soja-Sprossen und einem Schuss Fischsauce. Sie kostet hier gerade mal einen Euro und schmeckt hervorragend. Gegessen wird mit Löffel und Stäbchen.


Die Thai-Küche ist sehr scharf, wenn man es darauf anlegt. Man kann zwar überall Reis mit Gemüse bekommen oder Padthai, gebratene Nudeln. Doch bestimmte Spezialitäten wie z.B. Tom Yam, eine sauer-scharfe Suppe mit Garnelen oder Fleisch, können die Geschmacksnerven zeitweise betäuben und bisweilen auch verdauungstechnische Malheurs hervorrufen.
Die thailändische Cuisine unterliegt natürlich den unterschiedlichsten Einflüssen. Chinesische und indische Nuancen bereichern die kulinarische Vielfalt des Landes. Doch auch in Bangkok selbst stolpert man unversehens über Chinatown, ein Viertel mit endlos langen Marktstraßen und chinesischen Reklametafeln. Bis zu fünfzehn Prozent der Bevölkerung Thailands soll chinesischer Abstammung sein. Die Yaowarat Road bildet den Mittelpunkt des chinesischen Bangkok, mit ihren Seafood-Restaurants und Geschäften für Gold und Schmuck aller Art.


Gleich daneben schließt das Marktviertel Phahurat an, wo sich vor allem Textilhändler angesiedelt haben. Viele von ihnen sind indischer Abstammung und es gibt eine große Gruppe von Sikhs, die sich vor etwa hundert Jahren hier sesshaft gemacht haben.


Man kann sich in den verschiedenen Vierteln, auf den Märkten und auch in den touristisch geprägten Teilen Bangkoks die Füße wund laufen. Es geht immer weiter. Und wenn die Beine schwach werden, fährt auf wundersame Weise immer irgendein Bus in die richtige Richtung. Eine auf etwas andere Weise Erholung spendende Institution ist der Seven Eleven: Die japanische Supermarktkette ist in Thailand überall. Allein in Bangkok gibt es 3.177 Filialen, quasi an jeder Straßenecke eine. Klimatisiert und erfrischend bietet dieser Ort alles, was das Herz begehrt in dieser tropischen Schwüle, von der Cola bis hin zu erstaunlich fluffigem Royal Bread, das in ganz Thailand außer uns wahrscheinlich niemand wirklich gegessen hat.


Bangkok bietet Neues und Sehenswürdigkeiten für einige Tage, doch dann ist die Luft raus beziehungsweise der Smog, die Abgase und die Großstadtluft zu dick. Auch für uns wurde es nach wenigen Tagen Zeit weiterzuziehen. Unsere nächsten Ziele lagen nördlich von Bangkok: Ayutthaya und Sukhothai, zwei ehemalige Hauptstädte des siamesischen Königreichs.

Südostasien 2015

Man muss nur in die richtige Richtung fliegen, wenn man morgens um sechs in Bangkok eine Heimreise antreten und nach 22 Stunden per Taxi, Flugzeug und Zug wieder in Bonn ankommen will, lange bevor der Tag zu Ende ist. Zu Ende gehen dann jedenfalls vier Wochen Südostasien, von denen ich Euch in den nächsten Tagen einige Bilder zeigen und Hintergrundinfos liefern möchte. Marian, Patrick und Michael, drei Freunde vom Studium in Tübingen, haben mich als letzten Passagier mit ins Boot geholt und zusammen sind wir durch Thailand, Laos und Kambodscha gereist.


Thailand ist jedes Jahr das Reiseziel von ca. einer halben Million Deutschen, im Grunde also alles andere als eine unbekannte Welt.  Exotisch ist das Königreich, wo sich morgens um acht und abends um sechs alle Menschen zur Nationalhymne erheben, aber allemal. Vor allem für mich, der bis dahin alle Regionen verschmäht hat, die östlich des Euphrat liegen. Ein bisschen Südostasien für Einsteiger kam mir da ganz gelegen und dementsprechend haben wir dann auch versucht, uns das volle Programm aus Kultur, Geschichte und Natur zu gönnen, verfeinert von einer Brise Chili und einigen Tagen Strand. Und mein Blog erlaubt es mir, mich aus Schreiblust schon mitten im Urlaub auf die Rückkehr zu freuen. In meinen Beiträgen der nächsten Tage möchte ich Euch mitnehmen in die smogverhangene Metropole Bangkok und zu den Ruinen der siamesischen Königsstädten Ayutthaya und Sukhothai. Von dort ging es über Chiang Mai im Norden Thailands, einem wichtigen Ausgangspunkt für Trekking-Touren jeder Art und Muss für alle Naturliebhaber, hinübergeht nach Laos. Von Luang Prabang am Mekong führt die Route über Vang Vieng hinunter nach Vientiane, in die kleinste Hauptstadt Asiens. Nach einem kurzen thailändischen Intermezzo, in das ein ratternder Nachtzug und eine zu teure Busfahrt verwickelt waren, geht es nach Kambodscha zur größten religiösen Tempelanlage der Welt in Angkor Wat und natürlich auch in die Millionenstadt Phnom Penh, vorletzte Station unserer Reise. Dort setzten wir uns mit der leidvollen neueren Geschichte Kambodschas auseinander und mit den Roten Khmer, die in den Siebzigerjahren ein grausames Regime führten. Unsere letzten Tage verbrachten wir dann auf der grünen Insel Koh Chang in Thailand, pünktlich zum Beginn der Regenzeit, bevor es zurück ging nach Bangkok. Dort nahm unsere durch kulinarische Vielfalt geprägte und von vielen alten Ruinen gezeichnete Reise ihr Ende.


Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, ein wenig das Reisefieber wecken zu können, das in jedem von uns schlummert. Natürlich bin ich wie immer offen für Anmerkungen und Kritik, also meldet Euch.

Viele Grüße aus Bonn,


Thorschten

Donnerstag, 21. August 2014

Das jüdische Prag

Vor einer Woche war ich in der tschechischen Hauptstadt Prag, wo das Bier günstig ist und die Touristen zahlreich sind. In der „Goldenen Stadt“ verbrachte ich einige sonnige und auch verregnete Tage. Meiner Meinung nach ist Prag eine der schönsten Metropolen Europas, die sich nicht nur durch eindrucksvolle epochenübergreifende Architektur auszeichnet, sondern auch durch kulturelle Vielfalt. Jahrhundertelang war Prag ein Zentrum der tschechischen, deutschen und jüdischen Kultur. Komponisten wie Smetana, Schriftsteller wie Kafka und Politiker wie Václav Havel verbindet man mit Prag. Wer mich kennt, der kennt aber auch mein frühes Interesse für das Judentum und seine kulturellen und historischen Aspekte. Es ist daher fast schon eine Schande, dass ich dieser hochinteressanten Stadt nun im Jahr 2014 zum ersten Mal einen Besuch abstattete, denn Prag und das europäische Judentum gehören zusammen. Mit ein paar Bildern möchte ich Euch auf einen „jüdischen Stadtrundgang“ mitnehmen.

Nordwestlich der Altstadt liegt das Viertel Josefov, die Josefstadt. Per Königserlass wurde dieser Stadtteil im 13. Jahrhundert zum jüdischen Viertel ernannt. Von dieser Zeit an bis zur Assimilierung der jüdischen Bevölkerung am Ende des 18. Jahrhunderts war dies der Ort, an dem sich der Alltag und das ganze Leben der Prager Juden abspielten. Kaiser Joseph II. erließ im Jahre 1781 das Toleranzpatent, um 1850 wurde den Juden dann das Bürgerrecht gewährt. Den Ghettozwang war damit aufgehoben und viele Familien zogen aus der Josefstadt fort. Die meisten Synagogen und der gewaltige jüdische Friedhof aber blieben bis heute erhalten. Ebenso kann man bis heute das Jüdische Rathaus sehen, heute Sitz der tschechischen jüdischen Gemeinde.


Das wohl bedeutendste Gebäude des Viertels ist aber die Altneusynagoge. Sie ist einer der frühesten gotischen Bauten Prags und eine der ältesten noch erhaltenen Synagogen Europas. Jahrhundertelang war sie von Legenden und Mythen umwoben. Ein Tunnel sollte von hier direkt nach Jerusalem führen.


Am bekanntesten ist jedoch die Geschichte des Golems: Der Gelehrte Rabbi Löw (Jehuda ben Bezalel Löw) soll im 16. Jahrhundert einen Koloss aus Lehm gebildet und ihm Leben eingehaucht haben. Dieser Golem sollte dem Schutz der jüdischen Gemeinde dienen und war angeblich auf dem Dachboden der Altneusynagoge versteckt. Die Neugier eines Journalisten machte diese Legende im 19. Jahrhundert zunichte, als er heimlich den Dachboden erklomm und keinen Golem vorfand.

In nächster Nähe zur Altneusynagoge und dem Rathaus befindet sich der alte jüdische Friedhof der Prager Gemeinde. Auf nur einem Hektar stehen hier 12.000 Grabsteine. Da der Platz auf dieser letzten Ruhestätte begrenzt war, wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Erde aufgeschüttet, sodass die Toten stellenweise in bis zu neun Lagen übereinander bestattet sind. Heute bietet der (von Touristen überlaufene) Friedhof mit seinen mystisch und exotisch anmutenden Grabsteinen dutzende spannende Fotomotive.

  
Auch Rabbi Löw, der Erschaffer des Golem, fand hier seine letzte Ruhe. Heute ist sein Grab ein Anlaufpunkt für einige der Gläubigen unter den Touristen.


Direkt an den alten Friedhof grenzt die Klausensynagoge an, in der sich heute ein recht gut ausgestattetes Museum über die jüdische Kultur befindet. Hier kann man Artefakte aus dem religiösen Leben der jüdischen Gemeinde betrachten.
Auf der anderen Seite des Friedhofs steht die Pinkas-Synagoge. Hier stehen die Namen der 78.000 tschechoslowakischen Juden, die während des Holocaust umgekommen sind.


Eines der schönsten jüdischen Gotteshäuser in Prag ist die Spanische Synagoge. Vor ihr steht eine kafkaeske plastische Figur, die den Herrn Kafka abbilden soll. Das Innere der Synagoge ist jedoch (für den Moment) viel interessanter.


In einem anderen Stadtteil, nahe dem Wenzelplatz, findet man die Jerusalem-Synagoge. Ihr maurischer Stil mutet sehr orientalisch. Sie wurde erst 1906 gebaut und ist somit eine der jüngeren Synagogen der Stadt.


Wer das Grab Franz Kafkas sucht, muss zum Neuen Jüdischen Friedhof gehen. Dort entdeckt man ein Zeugnis der Komplexität und Vielfalt der Prager Bevölkerung, die sich sogar innerhalb der jüdischen Gemeinde wiederspiegelte. Friedhöfe sind wunderbar aufschlussreiche Orte, die man nicht unterschätzen sollte. Sie dokumentieren durch ihre verschiedensprachigen Grabsteininschriften ein breites kulturelles Spektrum: Hier liegen assimilierte tschechisch-jüdische Familien neben assimilierten deutsch-jüdischen Familien begraben. Weltkriegssoldaten, gefallen in Diensten des österreichischen Kaisers. Grabdenkmäler nennen die Namen derer, die in Auschwitz, Treblinka oder Theresienstadt verscharrt wurden. Deutsche Namen, tschechische Namen, hebräische Namen. Vereinzelt russische Gräber.


Die Grabsteinsymbolik gibt Auskunft über den Stamm oder die historische Abkunft der Verstorbenen: Zum Segen erhobene Hände stehen für ein Mitglied des Priestergeschlechts, der Kohanim. Und wer die hebräischen Schriftzeichen lesen kann, der findet Aufschluss darüber, ob die hier bestattete Person ein Abkömmling der Leviten, der Priester oder gar der Hohepriester des Jerusalemer Tempels war. Fehlt die hebräische Inschrift, war der verstorbene königliche Kommerzienrat wahrscheinlich sehr tief in die nichtjüdische Gesellschaft der Stadt integriert. Friedhöfe sind ein offenes Buch und eine historische Dokumentensammlung. Und inmitten dieses Waldes aus steinernen Grabstelen, relativ am Anfang und in der ersten Reihe, stößt man auf Herrn Dr. jur. Franz Kafka, dessen letzte Ruhestätte mit Zettelchen, Steinchen und geschriebenen Nachrichten auf Englisch, Deutsch und Japanisch übersät ist.


Zum jüdischen Prag gehören viele Aspekte: Das alte Viertel Josefov, die Synagogen, der alte und der neue Friedhof, Kafka, der Holocaust. Diese Bilder waren nur ein kleiner Einblick in ein spannendes, vielseitiges, doch von Touristen überlaufenes Kapitel der Prager Geschichte.

Sonntag, 11. Mai 2014

Museumsnacht in Halle und Leipzig 2014

Am 11. Mai 2014 fand in Halle und Leipzig die Museumsnacht statt. In der Nacht zum Muttertag hatten insgesamt 78 Museen, Gedenkstätten und Galerien ihre Tore geöffnet und lockten unter dem Motto „Lockstoffe“ tausende Besucher an. Da die Eintrittspreise zu einigen Museen in Leipzig normalerweise nicht ganz günstig sind, bietet diese Nacht einmal im Jahr die Möglichkeit, für wenig Geld alle interessanten Standorte abzuklappern. Es gibt einen Shuttlebus zwischen Halle und Leipzig, die Straßenbahnen fahren bis tief in die Nacht. Die meisten Orte hatten bis 1.00 Uhr geöffnet. Die „Runde Ecke“, ehemalige Stasi-Zentrale, bot auf vier Etagen informationsreiche Ausstellungen an, im Schulmuseum konnte man neben Artefakten aus dem Bildungswesen in Kaiserreich, Nazizeit und DDR auch einen Extra-Saal zum Thema Friedliche Revolution 1989 besichtigen. Eine Führung im Stadtgeschichtlichen Museum beschäftigt sich mit dem Thema Ehe und der absurd hohen Literzahl an Bier und Wein, die im 16. Jahrhundert auf einer Hochzeit in Leipzig versoffen wurde – Sachsen und andere ostdeutsche Regionen galten als "die großen Trinklande". Seife herstellen und Pillen pressen im Apothekenmuseum, in die Geschichte des Verlagswesens und des Buchdrucks eintauchen in der Deutschen Nationalbibliothek und die Räume des verwinkelten Cafés „Zum Coffe Baum“ erkunden, wo das Kaffeemuseum interessante Fakten über die Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts und ihr Klientel bereithielt. Woher kommt der Begriff Kaffeekränzchen? Und was haben die Hunde und Papageien zu bedeuten, die sich auf den Stichen aus jener Zeit zwischen der Kaffeehausgesellschaft verstecken? Ein bisschen störend war der Regen, der wohl auch einige Besucher von einer ausgedehnteren Tour durch die Städte abgehalten hat an dieser äußerst lehrreichen und bildungsaktiven Nacht teilzuhaben.

Montag, 5. Mai 2014

Ausflug nach Torgau

Den ersten Teil meiner quasi mehrmonatigen Expedition durch Sachsen bildete vor ein paar Wochen ein Ausflug in das Städtchen Torgau, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Leipzig. Der Bahnhof empfängt mich wie jeder andere mehr oder weniger ländliche Bahnhof auch: trostlos und in bahnhöflicher Nostalgie. Und genau das gefällt mir immer wieder.


Ein kurzer Regenschauer treibt die Leute unter das Vordach der winzigen Wartehalle, wo man sich ein Schnitzel im Brötchen bestellen kann, frisch aus der Tiefkühltruhe und ab in die Pfanne.


Über eine Allee geht es in Richtung Stadt. An diesem Ostermontag ist nicht viel los. Gleich am Ortseingang liegt der sowjetische Soldatenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg.


Kaum jemand ist unterwegs. Die Kopfsteinpflasterstraßen sind mehr oder weniger leer. Ein älterer Herr mit Sakko schlendert durch die Gegend und fühlt sich von mir beobachtet.


Ich gehe in die Touristeninformation und hole mir ein bisschen Literatur. Torgau und Luther. Torgau und die sächsischen Burgen. Torgau und das DDR-Jugendumerziehungslager. Hier kann man auf den Spuren der Geschichte wandeln. Es gibt immer irgendwo ein Haus, in dem Luther mit Melanchthon über seine Thesen diskutiert hat.


Meine Kamera macht sich daran, noch ein wenig Architektur einzufangen. Schloss Hartenfels, in dessen Burggraben sich zur richtigen Zeit Braunbären zeigen.


Die spätgotische Marienkirche, in der Luthers Ehefrau und Witwe Katharina von Bora begraben liegt.


Das slawische Wort torgov, von dem sich der Name der Stadt ableitet, bedeutet so viel wie „Marktort“. Torgau hat eine bewegte Geschichte, geprägt von neuzeitlichen Kriegen, Reformation und Hexenverbrennungen. Die meisten, denen die Stadt ein Begriff ist, kennen sie jedoch aus den hinteren Kapiteln der Geschichtsbücher: An der Elbe bei Torgau trafen 1945 die Sowjets und die Amerikaner zusammen, auf ihrem Weg durch Deutschland.


Der Elbe Day erinnert an den 25. April 1945, an dem sich Soldaten zweier gegensätzlicher und doch verbündeter Staaten gegenüberstanden. Der genaue Ort des Zusammentreffens befindet sich eigentlich 30 Kilometer flussaufwärts, bei Strehla. Das Denkmal hat man jedoch hier gesetzt.


Der Text zeugt davon, dass sich Torgau nach dem Zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite der innerdeutschen und innereuropäischen Grenze wiederfand:
Ruhm und Ehre der siegreichen Roten Armee und den heldenmütigen Truppen unserer Verbündeten die den Sieg über das faschistische Deutschland erkämpft haben.“ Und darunter auch auf Englisch: „Glory to the victorious Red Army…

Der Fluss selbst, die Elbe, bietet allerdings kein sonderlich majestätisches Bild. Das etwas verschlafene Städtchen Torgau war seinen Besuch jedoch wert.