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Donnerstag, 26. März 2015

Zu Besuch bei den Cham-Muslimen (Teil 11)

Unseren letzten Tag in Phnom Penh verbrachten wir mit einem Marktbesuch und einem kleinen Ausflug in den muslimischen Teil der Stadt. Im Grunde besteht das islamische Phnom Penh nur aus einer einzigen Straße, die parallel zum Fluss verläuft und von der links und rechts kurze Seitenwege abzweigen. Etwa zwanzig Minuten nördlich des Stadtzentrums reihen sich hier ein Dutzend Moscheen auf einer Strecke von circa zwei Kilometern aneinander. Michael hatte uns am Morgen verlassen und war an die Küste nach Sihanoukville weitergezogen, also waren wir für heute nur noch zu zweit. Marian gehört zu meinen fellow orientalists aus Tübinger Zeiten und war deswegen genauso interessiert an einem Abstecher zu den Cham-Muslimen.


Das muslimische Volk der Cham bildet nach den Vietnamesen die größte Minderheit in Kambodscha. Zu den genauen Zahlen gibt es sehr widersprüchliche Angaben, verlässliche Quellen gehen von 237.000 Muslimen in Kambodscha aus, was ungefähr 1,6% der Bevölkerung gleichkommt. Die hiesigen Cham werden seit den 1960er Jahren auch als Khmer Islam bezeichnet, um sie als Kambodschaner von den chinesischen und vietnamesischen Muslimen abzuheben. Sie besitzen eine eigene Sprache und Schrift und gehören größtenteils dem sunnitischen Islam an. Unter den Roten Khmer litten sie Seite an Seite mit allen anderen religiösen Kambodschanern. Nach eigenen Angaben wurden 132 Moscheen zerstört, nur 20 Geistliche überlebten das Terrorregime. Viele der modernen Moscheen wurden beim Wiederaufbau durch ausländische Gelder gefördert, so gibt es (wie vergleichbar z.B. auch in Bosnien nach dem Bosnienkrieg) einige von Saudi-Arabien finanzierte Moscheen.


Ein Tuk Tuk bringt uns durch die Vororte, wo sich wieder Textilfabriken und Tochterunternehmen vietnamesischer Lebensmittelhersteller zwischen Straße und Fluss drängen. Vor einer Moschee lässt er uns absteigen. Wir haben uns bei der größten Hitze trotzdem Jeans angezogen, um nicht in Shorts durch die Gotteshäuser tingeln zu müssen. Pünktlich zum Nachmittagsgebet kommen wir an und setzen uns in den hinteren Teil der Moschee, während sich die vorderen Reihen mit Gläubigen füllen. Einige kleine Jungen, vermutlich Koranschüler, scheinen noch nie Ausländer aus dem Westen gesehen zu haben und halten es nicht so genau mit Disziplin und Ernsthaftigkeit beim Gebet. Als wir wieder gehen spricht uns jemand von den erwachsenen Männern an und fragt freundlich, woher wir kommen. Natürlich interessiert es ihn auch, ob wir Muslime sind, er verabschiedet uns nach einem sehr kurzen Gespräch mit „Welcome to Cambodia“ und erstattet seinen Freunden Bericht.


Wir spazieren die Straße entlang. Nirgendwo sonst in Phnom Penh sieht man Frauen mit Kopftuch oder Männer mit langen Gewändern und Käppchen. Das muslimische Leben scheint sich ausschließlich in dieser Gegend abzuspielen. Vor den Eingängen fehlen die kleinen Geisterhäuschen, die man überall sonst findet, und es gibt eine Vielzahl von Koranschulen und religiösen Einrichtungen. Viele Cham-Muslime leben vom Fischfang. In einer unscheinbaren Einfahrt auf der flussabgewandten Seite befindet sich das Amt des Muftis von Kambodscha, der höchsten religiösen Autorität. Die Männer an der Rezeption beäugen uns misstrauisch, während wir uns draußen den Schaukasten mit den angepinnten Fotos des letzten großen Projektes mit Malaysia anschauen. Wieder fragt jemand, was uns hierher verschlagen hat, und wieder geben wir Auskunft. Im Erdgeschoss soll gleich der Englischunterricht stattfinden.


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir zu oft eher die Rolle des passiven Beobachters zufällt, der die Szene überfliegt und dann zum nächsten Ort weiterzieht. Zum Glück ist Marian da anders und fragt, ob wir uns den Unterricht mal anschauen können. Wir müssen kurz auf die Lehrerin warten, die zwei Minuten später auf ihrem Moped angeflogen kommt. Die kleine Frau mit den stets vor Erstaunen geweitetem Augen und dem schwarzen Khimar, einem langen Kopftuch, ist von der Idee begeistert. Da wir Ausländer seien, hätten wir eine bessere Aussprache („prrrrronunciation“) als die Kambodschaner, meint sie und beschließt, dass heute wir den Unterricht durchführen. Die Lehrerin schaut uns perplex und abermals mit großen Augen an, als wir ihre Frage ob wir Muslime seien verneinen, aber das scheint nicht allzu schlimm zu sein. Wir stellen uns zunächst vor, Marian glänzt mit seinem Arabisch und dann lassen wir die Jungen und Mädchen, die wohl zwischen 15 und 18 Jahren alt sind und getrennt nach Geschlechtern vor uns sitzen, Fragen stellen. Die meisten trauen sich nicht richtig und die Lehrerin verkündet fast schon drohend, dass dies eine einmalige Chance sei – schließlich seien wir die ersten Ausländer in ihrem Unterricht, nach dem Mann aus Pakistan, der vor zwei Monaten zu Gast war. Nach und nach kommen dann doch in äußerster Höflichkeit gestellte Fragen, hauptsächlich von den jungen Männern: Wo kommt Ihr her? Warum seid Ihr hier? Wie gefällt Euch Kambodscha? Ein Mädchen fragt wie groß wir eigentlich seien, was für ein paar Lacher sorgt. Die meisten Fragen drehen sich aber um die Religion: Wenn Ihr Euch doch mit dem Islam beschäftigt, wieso seid Ihr dann noch nicht konvertiert? Was denkt Ihr über den Islam? Welchen Eindruck habt Ihr von Muslimen? Wir finden diplomatische Antworten und erzählen ein wenig von Deutschland. Leider vergesse ich Fotos zu machen, denn der Unterricht nimmt ein abruptes Ende, als die Lehrerin nach einer Dreiviertelstunde gehen muss. Vorher lädt sie uns aber noch für irgendwann zu sich nach Hause ein. Da wir dankend ablehnen, weil für den Folgetag schon die Weiterfahrt nach Thailand geplant ist, ruft sie einen „Bruder“ an, der mit uns reden soll. Über Islam natürlich. Wir wissen nicht, ob er ihr wirklicher Bruder ist oder nur in religiösen Dingen, doch er heißt Said und kommt mit dem Moped, auf das wir uns zu dritt setzen. Nur eine kurze Strecke ist es bis zu der großen Wiese hinter dem Viertel, in dem das Amt des Muftis liegt, und wir steigen ab.


Der Bruder kann nur Arabisch und weiß erst nicht so recht, was er mit uns anfangen soll. Auf der Fläche wird Fußball gespielt, in einem verschmutzten Wasserloch am Rande plantschen ein paar Kinder. Der Mann holt einen Freund zur Hilfe, der Englisch spricht und interessanterweise in nächster Nähe zu unserem Hostel in einem anderen Hotel arbeitet. Wir fragen typische Recherchefragen: Wie viele Muslime gibt es in Kambodscha? Das entpuppt sich allerdings als sehr interessante Frage, denn die meisten Menschen in dieser Gegend scheinen die Zahl der Muslime deutlich zu überschätzen. Als ich in der Schule erzählte, in Deutschland seien fünf Prozent der Bevölkerung muslimisch, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen und erst als die Lehrerin übersetzte, dass Deutschland aber auch 80 Millionen Einwohner hätte, sah man Köpfe nicken. Auch der Mann auf der Fußballwiese behauptet, dass knapp die Hälfte der Kambodschaner muslimischen Glaubens sei. Ich erkläre mir diese Überschätzung am ehesten mit der Tatsache, dass das muslimische Viertel von Phnom Penh tatsächlich sehr isoliert ist. Die Menschen bleiben unter sich und kommen vermutlich eher selten aus ihrer Welt heraus.
Vor einer anderen Moschee machen wir Abschlussfotos mit Said und lassen uns von einem Tuk Tuk wieder in die Stadt bringen. Irgendwie war das ganze ziemlich surreal und obwohl der Fernbus aus und nach Siem Reap genau durch diese Gegend fährt kommt es uns vor, als seien wir die ersten Touristen auf diesem Fleckchen Erde gewesen. Der kurze Besuch war aber eines der Highlights unseres ganzen Urlaubs und schon am Abend hat Said die zwei Fotos mit uns auf Facebook hochgeladen.


Mittwoch, 25. März 2015

Die Killing Fields von Choeung Ek (Teil 10)

In der Geschichte des 20. Jahrhunderts stößt man in nahezu jedem Jahrzehnt auf von Menschen an Menschen verübte Verbrechen, im Krieg und zu Friedenszeiten. Es ist schlimm genug, wenn der Wert eines Menschenlebens nur auf dem Papier Relevanz besitzt. Schlimmer ist es aber, wenn sie offiziell von einer Ideologie als lebensunwert oder gar als Feinde der Gesellschaft in die Händen der Henker überliefert werden. Massenhaftes Morden und systematisches Totarbeiten gab es in britischen und belgischen Kolonien, zu Millionen in nationalsozialistischen Vernichtungslagern und auch in stalinistischen Gulags. Jahrzehnte nach dem Töten beginnt die Aufarbeitung jener Gleichgültigkeit, die diese Verbrechen oftmals hat geschehen lassen. Ein Ort des Gedenkens bei Phnom Penh sind die Killing Fields von Choeung Ek, denn auch Kambodscha war einst trauriger Schauplatz von zahllosen Massakern. Die Zäsur im nationalen Gedächtnis liegt noch keine siebzig Jahre zurück, viele Kambodschaner erinnern sich noch schmerzlich an die Tage des Vietnamkriegs und die Vorkommnisse dieser unübersichtlichen Zeit. Abseits der Schlagzeilen und unzugänglich für die meisten Journalisten errichteten die Roten Khmer ihr Terrorregime und gaben ihm den Titel Demokratisches Kampuchea. Unter der Führung von Pol Pot, einem gelernten Zimmermann und Privatschullehrer, ergriff die maoistisch-nationalistische Gruppe Mitte der Siebzigerjahre die Macht. Zahllose politische Gegner und jene, die das Regime als Feinde ausgemacht hatte, wurden in Lager deportiert und nicht selten umgebracht. Kambodscha hatte 1975 etwa acht Millionen Einwohner, von denen bis zu drei Millionen an den Strapazen und am Hunger während groß angelegter Umsiedlungsaktionen starben, oder in den kommunistischen Hinrichtungslagern.

Wir nehmen uns ein Tuk Tuk vom Hostel aus und brausen durch die belebten Straßen von PhnomPenh, zu den etwas außerhalb der Stadt gelegenen Killing Fields. Es geht vorbei an Autowerkstätten und durch ärmlichere Siedlungen, die sich jeweils dicht an die Hauptstraße drängen. Ab und zu führen dicke Abwasserrohre unter der Asphaltdecke hinunter zum Tonle Sap, um ihre giftige und bestialisch stinkende Mischung zuerst über die saftig grünen Reisfelder und schließlich in den Fluss zu entladen. Um unsere Motorradrikscha schwirren Mopeds und Lastwagen, irgendwann geht es aus der Stadt heraus auf eine staubige Straße in Richtung Süden und nach kurzer Fahrt kommen wir in Choeung Ek an.


Am Eingang werden wir mit einem Audio-Guide ausgestattet. Das Areal erkundet man schweigend zu Fuß, die deutsche Stimme im Ohr erzählt die Geschichte der Hinrichtungsstätte und der vielen Menschen, die in ihr umkamen. Alles ist sorgfältig aufgearbeitet. Man erfährt auch von den Anfängen der Roten Khmer und ihrem Führer, der unter der durch den Vietnamkrieg geschundenen Bevölkerung im östlichen Grenzgebiet großen Zuspruch fand. Pol Pot versprach den Menschen, die zum größten Teil in Armut lebten, vor allem Nahrung und Arbeit. In seiner Ideologie wurden die Städte als Wurzeln des Hungers ausgemacht, ihre Bewohner bezeichnete er als Parasiten. Privatbesitz wurde unter den Roten Khmer verboten und Geld abgeschafft, Religion wurde mit allen Mitteln bekämpft und Schulen wurden geschlossen. Pol Pot setzte seine Armee aus ungebildeten Bauern zusammen, unter denen er den Hass auf die Städter schüren konnte. Grausame Parolen versuchten schon am Anfang zu rechtfertigen, was später bittere Wahrheit werden sollte. Am 17. April 1975 eroberten die Roten Khmer die Hauptstadt und verschleppten daraufhin fast die gesamte Stadtbevölkerung aufs Land. Millionen Menschen in ganz Kambodscha wurden von den Machthabern entwurzelt und neuen Arbeitsbereichen im ganzen Land zugeteilt, wo sie auf den Reisfeldern arbeiten sollten. Durch die Vertreibung, das Chaos und den Hunger auf dem Land kamen Hunderttausende um. Die Getreideproduktion sollte verdreifacht werden, doch ein Großteil der Ernte wurde exportiert. Im Gegenzug erhielt die Führung Waffen und Vorräte von den Chinesen, während selbst die Arbeiter auf den Reisfeldern verhungerten. In den Internierungslagern, die übers ganze Land verteilt waren, wurden Millionen ermordet. Pol Pot war paranoid, Lehrer und Intellektuelle wurden kollektiv zum Tode verurteilt. Wer Fremdsprachenkenntnisse besaß war als Angehöriger der Bourgeoisie von vornherein verdächtig. Auch Menschen mit Brille und mit weichen Händen wurden zusammen mit politischen Gegnern zuerst in Gefängnissen interniert und dann in Lager wie Choeung Ek gebracht.


Choeung Ek war früher ein Obstgarten, auf dem Gebiet der Killing Fields befand sich ein Friedhof der örtlichen chinesischen Bevölkerung. Nach der Einrichtung des Hinrichtungslagers wurden die Ermordeten in Erdlöchern rund um die chinesischen Gräber verscharrt. An einer Stelle des Rundgangs wird an das Massengrab von 166 desertierten Soldaten der Roten Khmer erinnert. „Kambodschanischer Körper, vietnamesischer Kopf“, hieß es in der Staatspropaganda. In den Vietnamesen sahen die gleichfalls kommunistischen Roten Khmer den Feind der Stunde.


Über die Killing Fields verteilt gibt es auf 2,4 Hektar Land ganze 129 Massengräber, von denen nicht alle geöffnet wurden. Doch selbst dort, wo nur noch leere grasbewachsene Gruben den Grund durchlöchern, kommen auf den Wegen nach jedem Regenfall neue Knochen und Kleiderfetzen der Opfer ans Tageslicht. Die Stimme im Guide erklärt, man solle auf die Fragmente nicht treten und sie auch nicht aufheben. Alle paar Monate geht ein Team der Gedenkstätte über das Areal und sammelt die Überreste ein, um sie in zwei große Glaskästen zu legen.


Der Audio-Guide gibt Zeitzeugenberichte wieder von Menschen, die in Choeung Ek oder im Tuol-Sleng-Gefängnis (auch als S-21 bekannt) in Phnom Penh inhaftiert waren. Man erfährt, wie Häftlinge eigene Geschichten von nie verübten Taten erfinden und danach um Vergebung bitten mussten. „Wenn einem die Geschichten ausgingen, war die Zeit der Hinrichtung gekommen“, erzählt die Stimme eines Mannes namens Yuk. Nachts übertönten Lautsprecher mit Revolutionsliedern und das Rattern des Dieselgenerators die Schreie der Sterbenden. Zuletzt wurden auf den Killing Fields bis zu 300 Gefangene pro Tag hingerichtet.
Am Rande der Besichtigungstour steht ein alter Baum. Es ist der sogenannte Killing Tree, an den Aufseher die kleinen Kinder der weiblichen Häftlinge geschlagen hatten, bis sie tot waren. Taten, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind. Das Massengrab der Opfer liegt direkt daneben. An diesem Ort war der ehemalige Gefängnisleiter, bekannt unter dem Namen Duch, zusammengebrochen und hatte unter Tränen seine Taten gestanden, als er Jahrzehnte nach den Verbrechen selbst als Gefangener im Rahmen einer Tatortsichtung des Gerichts hierher gebracht wurde.


Noch im Jahre 1979 kam wenige Monate nach der Vertreibung der Roten Khmer durch die vietnamesischen Truppen die schreckliche Wahrheit ans Licht. Die Befreier fanden Grabhügel, die sich durch die Verwesungsgase gewölbt hatten. Bis heute wurden etwa 20.000 Massengräber in Kambodscha freigelegt, die meisten davon über das ganze Land verteilt in etwa 300 Hinrichtungsstätten. Es gibt auf den Killing Fields noch 40 ungeöffnete Gräber, doch der Gedenkstupa ist voll. Die Hüter von Choeung Ek, wie die Mitarbeiter der Gedenkstätte im Audio-Guide heißen, wollen die restlichen Opfer in Frieden ruhen lassen. Doch fast 9.000 Tote wurden noch 1980 der Erde entnommen und obduziert. Die Todesursachen wurden festgestellt. Was auf den Informationstafeln abstrakt dargestellt wird, kann und will man sich nicht vorstellen. Einschusslöcher im Kopf, mit Spitzhacken zertrümmerte Schädel. In der Gedenkpagode sind die Überreste der exhumierten Opfer gestapelt, auf 17 Stockwerken und sorgfältig nach Alter der Opfer angeordnet.


Aus europäischer Sicht eine etwas bizarre Art und Weise, den Ermordeten zu gedenken. Doch die Symbolik, die in der traditionellen Architektur der Pagode steckt und auch die Tatsache, dass man beim Betreten wie bei jeder heiligen Stätte in Südostasien die Schuhe auszieht, verleihen dem Ort den zu erwartenden Respekt.


Choeung Ek ist vielleicht einer der Orte wie Dachau und Auschwitz, die tatsächlich zum Nachdenken anregen. Doch wie die Stimme im Audio-Guide schon sagt: Die Verbrechen der Roten Khmer waren nicht die ersten Massenmorde der Welt und – wie uns die Geschichte zum Beispiel 1994 in Ruanda lehrte – auch nicht die letzten. In der Gedenkstätte von der Killing Fields drängt sich weniger die Frage nach dem Warum auf als vielmehr die Erkenntnis, dass es auch hier passiert ist. Während man nachdenklich zurück in die Stadt gefahren wird realisiert man, dass in Phnom Penh fast jeder Mensch über 40 in irgendeiner Weise von den Vertreibungen oder Morden durch die Roten Khmer betroffen gewesen sein musste. Die Täter von damals und ihre Taten sind bis heute in den Zeitungen des Landes präsent. Die Führungsriege der Roten Khmer wurde mit der Zeit von internationalen Gerichten unter kambodschanischem Vorsitz zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, die Nachfolgeprozesse laufen bis heute. Die Anführer der Roten Khmer lebten teilweise bis in die 1990er Jahre im Grenzgebiet zu Thailand, erst 1997 wurde Pol Pot von ehemaligen Mitstreitern aus seiner Führungsposition als „Bruder Nr. 1“ verdrängt. Kurz darauf beging er vermutlich Selbstmord, ohne dass er jemals für seine Taten zur Verantwortung gezogen worden wäre.


Dienstag, 24. März 2015

Phnom Penh, seine Straßen und Märkte (Teil 9)

Mein erster Eindruck von Phnom Penh, einer Stadt, der ich allein wegen des Namens schon immer einen Besuch abstatten wollte, war ein recht ernüchternder: Staubige Vororte, auffallend viel Müll und Dreck auf den Wegen, und je nach Stadtteil eine eigene penetrante Duftmarke, erbarmungsloses Manifest der Luft- und Umweltverschmutzung. Doch bei genauerem Hinsehen verspürt man ein gewisses Flair zwischen den nummerierten und rasterförmig angelegten Straßen, wo sich alle paar Meter entweder ein Restaurant mit westlichen Preisen findet oder aber ein Imbiss unter freiem Himmel. In einer gewöhnlichen Seitenstraße finden sich Reiseagenturen und Gästehäuser, kleine Ecksupermärkte und Gardinenläden, gleich neben zwielichtigen Bars und farbig ausgeleuchteten Bordellen. Auch gibt es in Phnom Penh mehr Obdachlose und Bettler als auf den bisherigen Stationen unserer Reise, doch man geht in der Regel respektvoll miteinander um: Der Wachmann, der auf seinem Plastikstuhl vor einer Bank den Nachtdienst antritt, hat Zeit für einen Plausch mit der obdachlosen Mutter, die an der Straßenecke gerade ihre drei Kinder in einem Verschlag aus Pappkartons und Moskitonetzen zur Ruhe gebettet hat. Da erscheint es noch surrealer, in einer amerikanischen Bar den Abend mit einem kühlen Bier ausklingen zu lassen, obwohl man sich auf eine sonderbare Art und Weise dennoch nicht fehl am Platze fühlt.

Wie überall ist man auch in Phnom Penh auf gnädige Tuk-Tuk-Fahrer oder zumindest gutes Schuhwerk angewiesen. Mopeds brausen umher und auch die eine oder andere Luxuskarosse, die sich wohl nur ein Staatsbediensteter leisten kann, parkt auf dem Bordstein.


In den 1970er Jahren litt Phnom Penh von alle Städten am meisten unter dem verheerenden Regiment der Roten Khmer (oder Khmer Rouge), der kommunistischen Bewegung unter ihrem Führer Pol Pot. Fast die gesamte Stadtbevölkerung wurde aufs Land verschleppt, tausende Menschen wurden in Internierungslagern ermordet. In Phnom Penh selbst litt neben den Menschen auch die Architektur unter den Kommunisten. Einer blutigen Kulturrevolution fielen vor allem Gebäude im französischen Kolonialstil und Tempel, aber auch Moscheen und Kirchen zum Opfer. Doch viele Relikte des Bauhaus und des Art déco sind erhalten geblieben, und manchmal lässt sich noch eine Ruine als verfallendes Erbe der Kolonialzeit identifizieren.


Die kambodschanische Hauptstadt liegt am Tonle Sap, einem aus dem gleichnamigen See gespeisten Fluss, in den heute aber viele Abwässer aus den Fabriken, die in Phnom Penh angesiedelt sind, geleitet werden. Die großen Textilproduktionen liegen nördlich und südlich des Stadtzentrums, am Flussufer im eigentlichen Stadtkern ermöglicht eine Promenade abendliche Spaziergänge, tagsüber bietet sie jedoch wenig Schatten.


Zur Tageszeit kann man den Königspalast gegenüber der Promenade besuchen, denn auch Kambodscha ist wie Thailand eine Monarchie. Auf der Suche nach den spärlichen (offen sichtbaren) Sehenswürdigkeiten der Stadt kommen sogar ganze Reisebusse hierher.


Nebenan steht das Wat Ounalom, ein durchschnittliches buddhistisches Kloster mit sorgfältig renovierten Gebäuden. Die Architektur ist nicht unbedingt außergewöhnlich, aber interessanterweise scheint die Tempelmauer ein ganzes Viertel einzuschließen. Dieses städtische Kloster muss einer Vielzahl von Mönchen und Novizen als Zuhause dienen.


Märkte gehören auf der ganzen Welt zu den wahren Attraktionen einer Stadt oder eines Dorfes, denn hier spielt sich das örtliche Leben für die Beobachtenden offensichtlich ab. Auf einem Markt wird normalerweise auch jede/-r Reisende fündig, sei er oder sie nun auf der Suche nach Souvenirs, reifen Mangos oder einfach nur einem Hauch exotischen Flairs. Und es gibt überall etwas zu essen…


An verschiedenen Orten der Stadt kann man auf Marktstraßen stoßen. Angrenzend an ein ostasiatisch geprägtes Viertel und umrahmt von chinesischen Goldhändlern liegt jedoch der große Zentralmarkt von Phnom Penh. Das riesige gelbe Art-déco-Gebäude wurde 1937 von den Franzosen auf einem trockengelegten Sumpf errichtet und beherbergt bis heute die unterschiedlichsten Geschäfte.


Direkt unter der großen Kuppel, die ein wenig an das Pantheon in Rom erinnert, werden Uhren, Schmuck und Silberwaren gehandelt. In den äußeren Bezirken des Gebäudes gibt es Textilien und billige Shirts, Räucherstäbchen und Porzellan, Gemüse und frischen Fisch. Sogar Hai kann man unter den Auslagen entdecken.


Kambodscha hat ein beachtliches Stück Küste und wird auch durch die Flüsse mit Fisch versorgt. Es ist also nicht verwunderlich, dass alle Arten von Seafood die Speisekarte um ein ordentliches Fischsortiment ergänzen. Auf dem Markt bekommt man das Abendessen noch lebend zu Gesicht.


Die Hygienestandards mögen andere sein als bei uns – was jedes Mal deutlich wird, wenn Fleisch ungekühlt an Haken unter der Decke hängt oder der einzige Widerstand gegen Keime und Insekten aus einem schwachen Ventilator mit Fliegenstreifen besteht. Doch auf dem Hauptmarkt bleibt nichts dem Zufall überlassen: Das kühlende Eis wird frisch angeliefert und rutscht als großer Block über eine Schiene zum Eisverkäufer, der es dann in handliche Stücke zerhackt und in Plastiktüten verpackt.


Man sollte Phnom Penh nicht unrechttun, indem man nur einen einzigen Tag bleibt und sich dann unbeeindruckt oder gar naserümpfend abwendet. Die Stadt bietet einen sicheren Hafen für Gourmets (so lange sie ausreichend Dollars in der Tasche haben) und stimmt nachdenklich, vor allem wenn man sich näher mit der Geschichte des Landes und seiner Leute beschäftigt. Eine Station auf unserer Rundreise waren auch die sogenannten Killing Fields außerhalb der Stadt, wo sich eines der Todeslager der Roten Khmer befand. Dorthin wollten wir einen Ausflug unternehmen, von dem ich in meinem nächstenBeitrag berichten werde.


Samstag, 21. März 2015

Die Tempelanlage (Wat) in Südostasien (Teil 5)

Das Wat in Thailand, Laos und Kambodscha bildet den Mittelpunkt des buddhistischen Lebens jedes Dorfes. In größeren Städten findet man meist mehrere dieser Tempelanlagen, in Bangkok sind es über 400 und auch in Chiang Mai gibt es ganze zweihundert von ihnen. Neben seiner Rolle als Ort des Gebets und Quartier für die Mönche hat jedes Wat auch eine wichtige soziale Funktion: Hier kommen Menschen zusammen, um sowohl religiöse wie auch nicht unbedingt religiös behaftete Feste zu feiern. Innerhalb der Mauern der Anlage kann es sogar Kinovorstellungen und Musikkonzerte geben. In Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha, konnte ich einen sehr gut besuchten Vortrag verfolgen – leider konnte ich nicht feststellen, um welche Art von Vortrag es sich gehandelt hat, weil ich kein Wort verstanden habe. Es war jedenfalls keine Predigt. In manchen Wat hat es schon Rockkonzerte gegeben, häufiger als das auch Feuerwerke. Besonders bekannt sind natürlich die Klosteranlagen der thailändischen Städte Ayutthaya und Sukhothai, wo die Verbindung zwischen Monarchie und Religion anhand der geografischen Nähe von Königspalast und Tempel immer wieder deutlich wird. Etwas untypischer ist die weltbekannte und weltgrößte Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha: Die Anlage war ursprünglich dem Gott Vishnu geweiht und sein Grundriss folgt auch in seiner Form einer symbolhaften Darstellung des hinduistischen Kosmos. Ich werde deshalb in diesem Beitrag vor allem auf Wat in Laos und Thailand eingehen.

Im Folgenden möchte ich die einzelnen Gebäude eines Wat kurz vorstellen. Zwar gibt es in Thailand, Laos und Kambodscha durchaus Unterschiede bei den Tempelanlagen, doch der Grundbauplan ist immer sehr ähnlich. Der Chedi, der einer Stupa in anderen buddhistischen Ländern entspricht, bildet eines der zentralen Elemente eines Wat. Unter dem glockenartigen, häufig mit Blattgold überzogenen Bau verbirgt sich oft eine Buddha-Reliquie. Es wird angenommen, dass viele Chedis selbst Nachbauten eines anderen Chedi sind, der wohl ehemals eine Reliquie enthalten haben mag, da es unmöglich so viele Reliquien des Buddha geben kann wie es Chedis gibt. Besonders große Chedis findet man zuhauf in den Ruinen von Ayutthaya. Die wenigsten Chedis sind jedoch so prachtvoll wie der des Wat Phra Kaeo im Königspalast von Bangkok.

Wat Phra Kaeo (Bangkok)

Das heiligste Gebäude in einem Wat ist der Usobot (kurz auch Bot), die Gebetshalle. Sie muss nach alten Überlieferungen mindestens 21 Mönchen Platz bieten und ist nicht zwangsläufig das größte Gebäude eines Wat. Hier befindet sich jedoch die zentrale Buddha-Statue, die (im Optimalfall) nach Osten schaut. Bei seiner Erleuchtung soll der Buddha nämlich ostwärts geblickt haben, die Bautradition knüpfte an diese Überlieferung an.

Gebetshalle im Wat Ounalom (Phnom Penh)

Religiöse Zeremonien können durch die Mönche nur innerhalb eines Areals abgehalten werden, das durch acht Markierungssteine begrenzt wird. Diese Steine sind rund um ein Bot deutlich zu sehen. Die Außenmauern sind mit Motiven aus dem Leben des Buddha bemalt. Manchmal stößt man auch auf blau bemalte Charaktere, die an indisch-hinduistische Ikonografie erinnern. Die Verzierung ist also recht vielfältig und auch unterschiedlich beeinflusst. In Laos hatte man sich bei der Restaurierung eines Wat in Luang Prabang wohl dafür entschieden, eher moderne Szenen bei der Bemalung zu verwenden.

Wat Tat Luang in Luang Prabang (Laos)

Ein weiteres großes Gebäude im Tempelkomplex ist der Wihan, ein sporadisch eingerichteter Versammlungsraum der Mönche. Hier werden die Meditationen abgehalten, der Wihan kann aber auch normalen Gläubigen als Ort des Gebets dienen. Es gibt einen Glockenturm, aus dem die Mönche zum Gebet gerufen oder morgens aus dem Schlaf geweckt werden. Jedes Wat hat – meist in der Nähe des Haupteingangs – auch ein Häuschen für die Trommel. Die riesige Trommel in diesem Pavillon erklingt an besonderen Feiertagen, so etwa an Tagen des Bootsrennens.

Trommel auf dem heiligen Berg Phousi in Luang Prabang (Laos)

Für die Drachenrennen, die zum laotischen Neujahrsfest abgehalten werden, gibt es meist ein eigenes Drachenrennboot in jedem Wat. Auch dieses Boot hat seinen Platz, in einem Bootshaus am Rande des Tempelareals.

Wat Xieng Thong in Luang Prabang (Laos)

Boote haben vor allem in den Städten entlang des Mekong einen wichtigen Platz in der Architektur der örtlichen Wat, wie man auf dem nächsten Bild sehen kann. Betende können ihre Kerzen in diesen bootsförmigen, mit Sand gefüllten Kasten zu Füßen des Chedi stecken. Räucherstäbchen und auch Kerzen aus Wachs sind wichtiger Bestandteil des Gebets. Sie verbinden das jahrtausendealtes Ritual des Gebets mit Meditation und ritueller Reinigung.

Tat Luang in Luang Prabang

Weitere unfehlbare Gebäude sind die Bibliothek (Hor Trai), in der die heiligen Schriftrollen (Tipitaka) aufbewahrt werden, und ein offener Pavillon (Sala), der den Mönchen zum schattigen Verweilen dient. Manchmal gibt es noch weitere Schreine und Pavillone mit Buddha-Statuen und heiligen Artefakten.

Goldene Statuen im Wat Sisavan Tevalok bei Luang Prabang

Einige Wat haben auch ein eigenes Krematorium, wohin Angehörigen eines Verstorbenen den Leichnam in einer fröhlichen Prozession überführen. Anders als in westlichen Auffassungen hat man im Buddhismus eine andere, sehr viel positivere Einstellung gegenüber dem Tod.
In Laos wie auch in Thailand finden sich so gut wie keine Friedhöfe. Nach buddhistischer Tradition werden die Toten verbrannt, die Asche wird danach beerdigt. Es bleibt normalerweise nicht viel übrig von einem verstorbenen Menschen, doch in vielen Wat befinden sich an der Mauer, von der die Tempelanlage umschlossen wird, kleine oder große Grabstelen und Obelisken, in denen Urnen bestattet werden. Im Wat Si Saket in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, stehen sogar sehr viele dieser Gräber, von denen die meisten größer sind als im Rest des Landes.

Wat Si Saket in Vientiane (Laos)

Von den heiligen Bezirken getrennt, aber meist in nächster Nähe zu den religiösen Gebäuden eines Wat stehen die Wohnquartiere (Kuti) der Mönche. Hier sieht man nach der Wäsche aufgehängt Kutten, zum Trocknen ausgelegten Reis oder auch das Auto des Klostervorstehers.

Wat Sisavan Tevalok bei Luang Prabang

Die Mönche und jungen Novizen, die im Wat ordiniert wurden, leben auf dem Gebiet der Tempelanlage in Häusern, Hütten und Zellen, die je nach Größe des Wat mal mehr, mal weniger luxuriös oder ärmlich eingerichtet sind. Wikipedia klärt uns darüber auf, dass in Thailand etwa ein Drittel der männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 18/20 Jahren für ein bis sechs Jahre als Novizen im Tempel lebt und von dort aus auf besondere Mönchsschulen geht. Für die Familie ist es ehrenwert, wenn ein Angehöriger ins Mönchtum eintritt, denn Mönchen, Novizen und Nonnen wird in der Gesellschaft viel Respekt entgegengebracht. In ärmeren Ländern wie Laos gibt das Mönchtum außerdem eine gewisse Sicherheit für viele Familien, da am Tisch ein Magen weniger zu füllen ist und der junge Novize gleichzeitig eine gute Bildung bekommt. Religiöse Gelehrsamkeit oder eine Ausbildung in Meditation sind hoch angesehen. Buddhistische Mönche zeichnen sich durch ihre safranfarbene Kleidung aus und durch die Armut, in der sie leben. Zum Tagesablauf eines Buddhisten oder einer Buddhistin gehört auch die Gabe von Almosen, wenn die Mönche im Morgengrauen nur mit ihrem Gewand und einer Almosenschüssel ausgestattet das Kloster verlassen und Spenden in Form von Reis einsammeln. Das Geben von Almosen verbessert nach buddhistischer Vorstellung das Karma und erhält gleichzeitig das Mönchtum am Leben. Mittels finanzieller Spenden wird jedes Wat durch reiche Mäzenen wie arme Gläubige gleichermaßen getragen.


Wat in Ayutthaya
In den Tempeln können Gläubige Opfergaben kaufen – meist Räucherkerzen oder Lebensmittelpakete – und dann bei einem Gebet vor einer der Buddha-Statuen abstellen. Was genau in den Päckchen drin ist, die auf dem obigen Bild zu sehen sind, weiß ich nicht. Es könnte sich vielleicht um Textilien handeln. Anderswo kann man auch diesen lustigen Zeitgenossen begegnen: