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Donnerstag, 21. August 2014

Das jüdische Prag

Vor einer Woche war ich in der tschechischen Hauptstadt Prag, wo das Bier günstig ist und die Touristen zahlreich sind. In der „Goldenen Stadt“ verbrachte ich einige sonnige und auch verregnete Tage. Meiner Meinung nach ist Prag eine der schönsten Metropolen Europas, die sich nicht nur durch eindrucksvolle epochenübergreifende Architektur auszeichnet, sondern auch durch kulturelle Vielfalt. Jahrhundertelang war Prag ein Zentrum der tschechischen, deutschen und jüdischen Kultur. Komponisten wie Smetana, Schriftsteller wie Kafka und Politiker wie Václav Havel verbindet man mit Prag. Wer mich kennt, der kennt aber auch mein frühes Interesse für das Judentum und seine kulturellen und historischen Aspekte. Es ist daher fast schon eine Schande, dass ich dieser hochinteressanten Stadt nun im Jahr 2014 zum ersten Mal einen Besuch abstattete, denn Prag und das europäische Judentum gehören zusammen. Mit ein paar Bildern möchte ich Euch auf einen „jüdischen Stadtrundgang“ mitnehmen.

Nordwestlich der Altstadt liegt das Viertel Josefov, die Josefstadt. Per Königserlass wurde dieser Stadtteil im 13. Jahrhundert zum jüdischen Viertel ernannt. Von dieser Zeit an bis zur Assimilierung der jüdischen Bevölkerung am Ende des 18. Jahrhunderts war dies der Ort, an dem sich der Alltag und das ganze Leben der Prager Juden abspielten. Kaiser Joseph II. erließ im Jahre 1781 das Toleranzpatent, um 1850 wurde den Juden dann das Bürgerrecht gewährt. Den Ghettozwang war damit aufgehoben und viele Familien zogen aus der Josefstadt fort. Die meisten Synagogen und der gewaltige jüdische Friedhof aber blieben bis heute erhalten. Ebenso kann man bis heute das Jüdische Rathaus sehen, heute Sitz der tschechischen jüdischen Gemeinde.


Das wohl bedeutendste Gebäude des Viertels ist aber die Altneusynagoge. Sie ist einer der frühesten gotischen Bauten Prags und eine der ältesten noch erhaltenen Synagogen Europas. Jahrhundertelang war sie von Legenden und Mythen umwoben. Ein Tunnel sollte von hier direkt nach Jerusalem führen.


Am bekanntesten ist jedoch die Geschichte des Golems: Der Gelehrte Rabbi Löw (Jehuda ben Bezalel Löw) soll im 16. Jahrhundert einen Koloss aus Lehm gebildet und ihm Leben eingehaucht haben. Dieser Golem sollte dem Schutz der jüdischen Gemeinde dienen und war angeblich auf dem Dachboden der Altneusynagoge versteckt. Die Neugier eines Journalisten machte diese Legende im 19. Jahrhundert zunichte, als er heimlich den Dachboden erklomm und keinen Golem vorfand.

In nächster Nähe zur Altneusynagoge und dem Rathaus befindet sich der alte jüdische Friedhof der Prager Gemeinde. Auf nur einem Hektar stehen hier 12.000 Grabsteine. Da der Platz auf dieser letzten Ruhestätte begrenzt war, wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Erde aufgeschüttet, sodass die Toten stellenweise in bis zu neun Lagen übereinander bestattet sind. Heute bietet der (von Touristen überlaufene) Friedhof mit seinen mystisch und exotisch anmutenden Grabsteinen dutzende spannende Fotomotive.

  
Auch Rabbi Löw, der Erschaffer des Golem, fand hier seine letzte Ruhe. Heute ist sein Grab ein Anlaufpunkt für einige der Gläubigen unter den Touristen.


Direkt an den alten Friedhof grenzt die Klausensynagoge an, in der sich heute ein recht gut ausgestattetes Museum über die jüdische Kultur befindet. Hier kann man Artefakte aus dem religiösen Leben der jüdischen Gemeinde betrachten.
Auf der anderen Seite des Friedhofs steht die Pinkas-Synagoge. Hier stehen die Namen der 78.000 tschechoslowakischen Juden, die während des Holocaust umgekommen sind.


Eines der schönsten jüdischen Gotteshäuser in Prag ist die Spanische Synagoge. Vor ihr steht eine kafkaeske plastische Figur, die den Herrn Kafka abbilden soll. Das Innere der Synagoge ist jedoch (für den Moment) viel interessanter.


In einem anderen Stadtteil, nahe dem Wenzelplatz, findet man die Jerusalem-Synagoge. Ihr maurischer Stil mutet sehr orientalisch. Sie wurde erst 1906 gebaut und ist somit eine der jüngeren Synagogen der Stadt.


Wer das Grab Franz Kafkas sucht, muss zum Neuen Jüdischen Friedhof gehen. Dort entdeckt man ein Zeugnis der Komplexität und Vielfalt der Prager Bevölkerung, die sich sogar innerhalb der jüdischen Gemeinde wiederspiegelte. Friedhöfe sind wunderbar aufschlussreiche Orte, die man nicht unterschätzen sollte. Sie dokumentieren durch ihre verschiedensprachigen Grabsteininschriften ein breites kulturelles Spektrum: Hier liegen assimilierte tschechisch-jüdische Familien neben assimilierten deutsch-jüdischen Familien begraben. Weltkriegssoldaten, gefallen in Diensten des österreichischen Kaisers. Grabdenkmäler nennen die Namen derer, die in Auschwitz, Treblinka oder Theresienstadt verscharrt wurden. Deutsche Namen, tschechische Namen, hebräische Namen. Vereinzelt russische Gräber.


Die Grabsteinsymbolik gibt Auskunft über den Stamm oder die historische Abkunft der Verstorbenen: Zum Segen erhobene Hände stehen für ein Mitglied des Priestergeschlechts, der Kohanim. Und wer die hebräischen Schriftzeichen lesen kann, der findet Aufschluss darüber, ob die hier bestattete Person ein Abkömmling der Leviten, der Priester oder gar der Hohepriester des Jerusalemer Tempels war. Fehlt die hebräische Inschrift, war der verstorbene königliche Kommerzienrat wahrscheinlich sehr tief in die nichtjüdische Gesellschaft der Stadt integriert. Friedhöfe sind ein offenes Buch und eine historische Dokumentensammlung. Und inmitten dieses Waldes aus steinernen Grabstelen, relativ am Anfang und in der ersten Reihe, stößt man auf Herrn Dr. jur. Franz Kafka, dessen letzte Ruhestätte mit Zettelchen, Steinchen und geschriebenen Nachrichten auf Englisch, Deutsch und Japanisch übersät ist.


Zum jüdischen Prag gehören viele Aspekte: Das alte Viertel Josefov, die Synagogen, der alte und der neue Friedhof, Kafka, der Holocaust. Diese Bilder waren nur ein kleiner Einblick in ein spannendes, vielseitiges, doch von Touristen überlaufenes Kapitel der Prager Geschichte.

Sonntag, 3. August 2014

Merkwürdige Begegnung im Museum

Heute Vormittag war ich mit einem Bekannten im Ägyptischen Museum in Leipzig. Dort habe ich eine der verwirrendsten, beeindruckendsten und merkwürdigsten Personen getroffen, die mir seit Langem untergekommen sind.

„Glauben Sie, dass die alten Ägypter den Regenbogen gekannt haben?“, fragte mich die alte Dame.

Merkwürdige Frage. Ich antwortete: „Hmm, Regenbögen treten ja in regenreicheren Ländern bestimmt häufiger auf.“

Und mit dieser einfachen, physikalisch und optisch völlig inkorrekten Antwort hätte ich es wahrscheinlich auf sich beruhen lassen.

„Aber beim Wasserschlauch…“ – Okay, sie war nicht zufrieden. Und sie hatte auf dieses Gespräch gelauert, merkte ich.

Was folgte, waren in wenige Sätze gefasste Erklärungen, die von den beiden Enden eines Regenbogens sowie seines parallel verlaufenden, aber spiegelverkehrten Ebenbildes bis hin zu dem Schmuckstück führte, das vor uns in der Vitrine lag. Zunächst hielt ich die alte Dame für eine verwirrte Kampfrentnerin. Doch ihre Erklärung, wieso das vor uns liegende Collier in Wirklichkeit grün gewesen sein musste und nicht blau und rot, wie die Restaurateure es eingefärbt hatten, überzeugte mich. Wieso genau und warum, ich kann es nicht mehr sagen. Ich fragte sie, ob sie Ägyptologin sei. Doch da meinte sie nur, sie sei hier, um nicht mit Demenz ins Heim eingeliefert zu werden. Sie hätte keine leiblichen Kinder, deshalb bräuchte sie Kinder im Geiste. Dann folgte irgendeine Erklärung, die mit ägyptischer Symbolik zu tun hatte. Dabei berührte sie ihren Kopf und klopfte auf ihren Unterleib.
Als ich dieser Frau eine Etage weiter oben wieder begegnete, ging es wieder los. Dieses Mal hatte sie einen Schakal auf einem Boot oder Schlitten entdeckt und quasi ad hoc eine neue Erkenntnis gewonnen – an die ich mich im Detail allerdings nicht erinnern kann. Es ging mit heiligen Schriften los. Am Anfang war das Wort, meinte sie jedenfalls. Und dann ging es über frühchristliche Sakralarchitektur, Vorhänge im Altarraum und das geometrische Kreuz zwischen Ost und West zur nächsten Erkenntnis: Ost und West seien dasselbe. Was man übrigens auch an Frau Merkel und Herrn Putin merken würde. Aber da war nichts Politisches dabei, es ging vielmehr um Philosophie. Dazu malte sie irgendwelche Bilder auf ihre Eintrittskarte. Ich meinte stirnrunzelnd, dass ich auf diesen Gedanken jetzt nicht gekommen wäre – halb skeptisch, aber auch ein wenig beeindruckt von dieser unglaublich gebildeten Dame, für die jeder Satz zu kurz war, um alles hineinzupacken was sie eigentlich loswerden wollte. Die Frau meinte nur, ich sei ja auch keine 75 Jahre alt wie sie selbst. Sie fragte mich, was ich studiert hätte. Als ich ihr geantwortet hatte meinte sie, dass es kein Zufall sei, dass ich ihr heute begegnet war. Sie redete noch ein wenig weiter und irgendwann meinte sie dann noch, dass sie keine Angst vor dem Tod hätte, da ja schon Einstein bewiesen hätte (e=mc²), dass Masse nicht einfach verschwinden könne und so immer irgendetwas zurückbliebe. Schließlich wünschte sie mir viel Erfolg und wandte sich anderen Vitrinen zu.

Fazit: Entweder bin wirklich ich persönlich zu dumm, um die wesentlichen Erkenntnisse dieser Frau weiterzutragen – oder sie war uns allen einfach irgendwie voraus. Egal wie wirr alles geklungen haben mag, was sie mir gesagt hat, ich konnte kaum etwas hinterfragen. Diese alte Frau war nicht verrückt und nicht im Geringsten verwirrt. Alles was sie sagte hatte – auf den ersten Blick zumindest - Hand und Fuß. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie in jeden einzelnen Satz so viel Information packte, dass es schwierig war ihr zu folgen. Unmittelbar nach den beiden Gesprächen hatte ich das Gefühl, einer der „erleuchtetsten“ Personen begegnet zu sein, die mir jemals über den Weg gelaufen sind. Aber irgendwie fand ich es auch gleichermaßen erschreckend und gruselig.


Aber ihr dürft mich gern für verrückt erklären… ;)