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Samstag, 4. April 2015

Amin al-Husseini in Philadelphia - Vermerk zu amerikanischer Islamophobie

Seit einigen Tagen fahren plakatierte Stadtbusse durch die US-amerikanische Metropole Philadelphia, PN und verbreiten u.a. den Slogan „Islamic Jew-Hatred: It’s in the Quran“ („Islamischer Judenhass: Es ist im Koran“). Dahinter steckt eine Organisation mit dem Namen American Freedom Defense Initiative (AFDI), die in New Hampshire angesiedelt ist. Mit der Banner-Aktion protestiert die „Initiative“ gegen eine vorhergegangene Kampagne, die sich gegen die amerikanische Unterstützung für Israel gewandt hatte. Nun seien verschiedene Anzeigen der Gruppe auf insgesamt 84 Bussen zu sehen, meldete der Tagesspiegel – darunter eben auch dieses Bild aus dem Jahre 1941, das den palästinensischen Nationalisten und Großmufti von Jerusalem al-Husseini zusammen mit Adolf Hitler zeigt. Gegen die Aktion gab es Proteste und Demonstrationen, die u.a. von Bürgermeister Michael Nutter unterstützt wurden.


Die Werbemaßnahme der AFDI reiht sich ein in eine Fülle antiislamischer Aktionen. Im Mai wird eine provokante Muhammad Art Exhibit eröffnet: In der Ausstellung werden künstlerische Werke rund um den Propheten Muhammad gezeigt, der nach den gängigsten Meinungen in der islamischer Tradition nicht visuell abgebildet werden darf. Für die AFDI steht Pamela Geller, eine New Yorker Aktivistin der extremen Rechten und Mitgründerin der Initiative. Entstanden war die AFDI als amerikanischer Arm von Stop Islamisation of Europe (SIOE) im Jahr 2010. Die Busaktion ist in ihrer Art nicht neu, schon 2014 gab es ähnliche Projekte.

Was steckt hinter den Aussagen? Ein kurzer Blick auf die Hintergründe. Der arabische Geistliche Hajj Mohammed Amin al-Husseini wird als „leader of the Muslim world“ bezeichnet, was historisch schon einmal falsch ist. Der aus einer arabischen Notablenfamilie von Jerusalem stammende al-Husseini (1897-1974) brach sein religiöses Studium in Kairo ab, stieg aber dennoch zu einer bedeutenden religiösen Autorität auf, als ihn die britische Mandatsverwaltung von Palästina zum Großmufti von Jerusalem erhob. Zuvor war er durch seine starke Opposition gegen die jüdische Besiedlung des Heiligen Landes aufgefallen und wurde zeitweise von den Briten inhaftiert. Er gilt als einer der ersten großen Verfechter des palästinensischen Nationalismus und trat vor allem durch seinen Antisemitismus in Erscheinung. Er instrumentalisierte die fiktiven „Protokolle der Weisen von Zion“ für seine politischen Zwecke und war nach der Flucht vor den britischen Behörden 1939 in einen Pogrom an irakischen Juden verwickelt. Heute ist er in der westlichen Geschichtsschreibung in erster Linie aufgrund seiner Reise zu Adolf Hitler (1941) und durch seinen Besuch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bekannt. Hitler hätte den Mufti als „berufensten Sprecher der arabischen Welt“ angesehen, wenn sich der deutsche Machtbereich bis nach Palästina ausgedehnt hätte. Doch ein „Führer der [gesamten] muslimischen Welt“ war al-Husseini nie.
Die zentrale Aussage der Banner-Aktion ist jedoch: „Der Judenhass steckt schon im Koran.“ – Dies ist ein gängiges Argument unter antiislamischen Aktivisten und Wasser auf den Rädern der sich breitmachenden Islamophobie unter besorgten Bürgern. In der Geschichte des Islam gab es immer auch Perioden, in denen Juden zusammen mit den Christen als Bürger zweiter Klasse und sogenannte Dhimmis (Schutzbefohlene mit Sondersteuer) behandelt wurden. Auch unter islamischer Herrschaft gab es verpflichtende Kennzeichnungen an der Kleidung, die einen Juden oder eine Jüdin als solche auswies. Abgesonderte Wohnviertel (Mellah) hatten wie auch die europäischen Ghettos zunächst die Aufgabe, eine dauerhafte Trennung durch eine (geografische und juristische) Parallelwelt zu gewährleisten. Es gab jedoch (ebenso wie in Europa) auch Blutbäder und Ausschreitungen. Die Aussage, der Judenhass stecke schon im Koran, ist trotzdem falsch: Die meisten der oft zitierten antijüdischen Aussagen stammen aus anderen islamischen Quellen, u.a. aus den extra gesammelten Aussprüchen der Propheten. Im Koran gibt es lediglich Stellen, die man bei großzügigem Interpretationsspielraum als antisemitisch auslegen könnte: Einer der sogenannten Schwertverse des Koran lautet „Und erschlagt die Ungläubigen, wo immer Ihr sie findet […]“ (2,191). Zu ihm sagte die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in einem taz-Interview: „Gemeint sind unter anderem jüdische Stämme, mit denen der historische Mohammed damals kämpfte. Es geht dabei aber um eine Kriegshandlung und nicht um einen religiösen Disput. Gleichzeitig spricht der Koran an anderer Stelle auch positiv über Juden.“ In der islamischen Tradition findet sich ein hohes Antisemitismus-Potenzial, doch anderswo in der Geschichte funktionierten Koexistenz und Zusammenleben von Juden und Muslimen auch durch die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen. Islamistische Fundamentalisten ziehen aus den Schwertversen außerdem ihre religiöse Grundlage für die Bekämpfung aller Ungläubigen, die antisemitische Nuance ist da eher ein Nebenprodukt. Anders war es im Christentum, wo das Neue Testament zu unterschiedlichsten Zeiten als Werkzeug der Antisemiten diente, u.a. weil es sich explizit und zuallererst an (und unter bestimmten Aspekten auch gegen) die Juden richtete.


Fazit: Die Aktivisten von AFDI versuchen mit oberflächlichen Aussagen die israelkritischen Stimmen innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit zu übertönen, doch genau diese Unsachlichkeit entlarvt sie als rassistische Scharlatane. Es geht ihnen nicht darum, den Antisemitismus zu bekämpfen, sondern schlichtweg „den Islam“ und alle Menschen, die sich mit ihm in irgendeiner Weise identifizieren.

Donnerstag, 26. März 2015

Zu Besuch bei den Cham-Muslimen (Teil 11)

Unseren letzten Tag in Phnom Penh verbrachten wir mit einem Marktbesuch und einem kleinen Ausflug in den muslimischen Teil der Stadt. Im Grunde besteht das islamische Phnom Penh nur aus einer einzigen Straße, die parallel zum Fluss verläuft und von der links und rechts kurze Seitenwege abzweigen. Etwa zwanzig Minuten nördlich des Stadtzentrums reihen sich hier ein Dutzend Moscheen auf einer Strecke von circa zwei Kilometern aneinander. Michael hatte uns am Morgen verlassen und war an die Küste nach Sihanoukville weitergezogen, also waren wir für heute nur noch zu zweit. Marian gehört zu meinen fellow orientalists aus Tübinger Zeiten und war deswegen genauso interessiert an einem Abstecher zu den Cham-Muslimen.


Das muslimische Volk der Cham bildet nach den Vietnamesen die größte Minderheit in Kambodscha. Zu den genauen Zahlen gibt es sehr widersprüchliche Angaben, verlässliche Quellen gehen von 237.000 Muslimen in Kambodscha aus, was ungefähr 1,6% der Bevölkerung gleichkommt. Die hiesigen Cham werden seit den 1960er Jahren auch als Khmer Islam bezeichnet, um sie als Kambodschaner von den chinesischen und vietnamesischen Muslimen abzuheben. Sie besitzen eine eigene Sprache und Schrift und gehören größtenteils dem sunnitischen Islam an. Unter den Roten Khmer litten sie Seite an Seite mit allen anderen religiösen Kambodschanern. Nach eigenen Angaben wurden 132 Moscheen zerstört, nur 20 Geistliche überlebten das Terrorregime. Viele der modernen Moscheen wurden beim Wiederaufbau durch ausländische Gelder gefördert, so gibt es (wie vergleichbar z.B. auch in Bosnien nach dem Bosnienkrieg) einige von Saudi-Arabien finanzierte Moscheen.


Ein Tuk Tuk bringt uns durch die Vororte, wo sich wieder Textilfabriken und Tochterunternehmen vietnamesischer Lebensmittelhersteller zwischen Straße und Fluss drängen. Vor einer Moschee lässt er uns absteigen. Wir haben uns bei der größten Hitze trotzdem Jeans angezogen, um nicht in Shorts durch die Gotteshäuser tingeln zu müssen. Pünktlich zum Nachmittagsgebet kommen wir an und setzen uns in den hinteren Teil der Moschee, während sich die vorderen Reihen mit Gläubigen füllen. Einige kleine Jungen, vermutlich Koranschüler, scheinen noch nie Ausländer aus dem Westen gesehen zu haben und halten es nicht so genau mit Disziplin und Ernsthaftigkeit beim Gebet. Als wir wieder gehen spricht uns jemand von den erwachsenen Männern an und fragt freundlich, woher wir kommen. Natürlich interessiert es ihn auch, ob wir Muslime sind, er verabschiedet uns nach einem sehr kurzen Gespräch mit „Welcome to Cambodia“ und erstattet seinen Freunden Bericht.


Wir spazieren die Straße entlang. Nirgendwo sonst in Phnom Penh sieht man Frauen mit Kopftuch oder Männer mit langen Gewändern und Käppchen. Das muslimische Leben scheint sich ausschließlich in dieser Gegend abzuspielen. Vor den Eingängen fehlen die kleinen Geisterhäuschen, die man überall sonst findet, und es gibt eine Vielzahl von Koranschulen und religiösen Einrichtungen. Viele Cham-Muslime leben vom Fischfang. In einer unscheinbaren Einfahrt auf der flussabgewandten Seite befindet sich das Amt des Muftis von Kambodscha, der höchsten religiösen Autorität. Die Männer an der Rezeption beäugen uns misstrauisch, während wir uns draußen den Schaukasten mit den angepinnten Fotos des letzten großen Projektes mit Malaysia anschauen. Wieder fragt jemand, was uns hierher verschlagen hat, und wieder geben wir Auskunft. Im Erdgeschoss soll gleich der Englischunterricht stattfinden.


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir zu oft eher die Rolle des passiven Beobachters zufällt, der die Szene überfliegt und dann zum nächsten Ort weiterzieht. Zum Glück ist Marian da anders und fragt, ob wir uns den Unterricht mal anschauen können. Wir müssen kurz auf die Lehrerin warten, die zwei Minuten später auf ihrem Moped angeflogen kommt. Die kleine Frau mit den stets vor Erstaunen geweitetem Augen und dem schwarzen Khimar, einem langen Kopftuch, ist von der Idee begeistert. Da wir Ausländer seien, hätten wir eine bessere Aussprache („prrrrronunciation“) als die Kambodschaner, meint sie und beschließt, dass heute wir den Unterricht durchführen. Die Lehrerin schaut uns perplex und abermals mit großen Augen an, als wir ihre Frage ob wir Muslime seien verneinen, aber das scheint nicht allzu schlimm zu sein. Wir stellen uns zunächst vor, Marian glänzt mit seinem Arabisch und dann lassen wir die Jungen und Mädchen, die wohl zwischen 15 und 18 Jahren alt sind und getrennt nach Geschlechtern vor uns sitzen, Fragen stellen. Die meisten trauen sich nicht richtig und die Lehrerin verkündet fast schon drohend, dass dies eine einmalige Chance sei – schließlich seien wir die ersten Ausländer in ihrem Unterricht, nach dem Mann aus Pakistan, der vor zwei Monaten zu Gast war. Nach und nach kommen dann doch in äußerster Höflichkeit gestellte Fragen, hauptsächlich von den jungen Männern: Wo kommt Ihr her? Warum seid Ihr hier? Wie gefällt Euch Kambodscha? Ein Mädchen fragt wie groß wir eigentlich seien, was für ein paar Lacher sorgt. Die meisten Fragen drehen sich aber um die Religion: Wenn Ihr Euch doch mit dem Islam beschäftigt, wieso seid Ihr dann noch nicht konvertiert? Was denkt Ihr über den Islam? Welchen Eindruck habt Ihr von Muslimen? Wir finden diplomatische Antworten und erzählen ein wenig von Deutschland. Leider vergesse ich Fotos zu machen, denn der Unterricht nimmt ein abruptes Ende, als die Lehrerin nach einer Dreiviertelstunde gehen muss. Vorher lädt sie uns aber noch für irgendwann zu sich nach Hause ein. Da wir dankend ablehnen, weil für den Folgetag schon die Weiterfahrt nach Thailand geplant ist, ruft sie einen „Bruder“ an, der mit uns reden soll. Über Islam natürlich. Wir wissen nicht, ob er ihr wirklicher Bruder ist oder nur in religiösen Dingen, doch er heißt Said und kommt mit dem Moped, auf das wir uns zu dritt setzen. Nur eine kurze Strecke ist es bis zu der großen Wiese hinter dem Viertel, in dem das Amt des Muftis liegt, und wir steigen ab.


Der Bruder kann nur Arabisch und weiß erst nicht so recht, was er mit uns anfangen soll. Auf der Fläche wird Fußball gespielt, in einem verschmutzten Wasserloch am Rande plantschen ein paar Kinder. Der Mann holt einen Freund zur Hilfe, der Englisch spricht und interessanterweise in nächster Nähe zu unserem Hostel in einem anderen Hotel arbeitet. Wir fragen typische Recherchefragen: Wie viele Muslime gibt es in Kambodscha? Das entpuppt sich allerdings als sehr interessante Frage, denn die meisten Menschen in dieser Gegend scheinen die Zahl der Muslime deutlich zu überschätzen. Als ich in der Schule erzählte, in Deutschland seien fünf Prozent der Bevölkerung muslimisch, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen und erst als die Lehrerin übersetzte, dass Deutschland aber auch 80 Millionen Einwohner hätte, sah man Köpfe nicken. Auch der Mann auf der Fußballwiese behauptet, dass knapp die Hälfte der Kambodschaner muslimischen Glaubens sei. Ich erkläre mir diese Überschätzung am ehesten mit der Tatsache, dass das muslimische Viertel von Phnom Penh tatsächlich sehr isoliert ist. Die Menschen bleiben unter sich und kommen vermutlich eher selten aus ihrer Welt heraus.
Vor einer anderen Moschee machen wir Abschlussfotos mit Said und lassen uns von einem Tuk Tuk wieder in die Stadt bringen. Irgendwie war das ganze ziemlich surreal und obwohl der Fernbus aus und nach Siem Reap genau durch diese Gegend fährt kommt es uns vor, als seien wir die ersten Touristen auf diesem Fleckchen Erde gewesen. Der kurze Besuch war aber eines der Highlights unseres ganzen Urlaubs und schon am Abend hat Said die zwei Fotos mit uns auf Facebook hochgeladen.


Samstag, 7. Februar 2015

Zum Selbstverständnis vom Charlie Hebdo

Dieses Video von VICE könnte all denen etwas von dem Selbstverständnis von Charlie Hebdo vermitteln, die bis heute an der Relativierung „Naja, aber sie haben es ja auch provoziert…“ festhalten und den Eindruck haben, es handle sich bei der Zeitschrift lediglich um ein islamfeindliches Schmähblatt. VICE-Reporterin Milène Larsson hat sich mit einem der überlebenden Karikaturisten der französischen Satirezeitschrift getroffen.


Der Karikaturist Luz (eigentlich Renald Luzier) erzählt vom Tag des Anschlags, wie er ihn überlebte und warum er heute einen Gürtel trägt. Doch es wird auch ein wenig mehr deutlich, was Charlie Hebdo eigentlich ist. „Charlie ist ein satirisches Magazin, mehr oder weniger anarchistisch.“ Es sei seit den 1960er Jahren bestrebt, Tabus zu brechen sowie Symbole und jegliche Form von Fanatismus zu attackieren. Es war 2007 die einzige Zeitschrift in Frankreich, welche die dänischen Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Damals wurden sie als Provokateure bezeichnet, eine Abbildung des Propheten auf der Titelseite hatte zur Folge, dass die Büros von Charlie Hebdo niedergebrannt wurden. Nach dem Attentat vom Januar 2015 wurde Charlie Hebdo selbst zu einem Symbol – was Luz sehr kritisch sieht, denn Symbole hätte die Zeitschrift ja schließlich bekämpft.
Eine wichtige Antwort gibt Luz auf die Frage, ob er manchmal nicht besorgt sei, die Cartoons könnten die Gefühle der muslimischen Gemeinde verletzen. „Ich denke, dass Charlie Hebdo den meisten Muslimen egal ist.  Jene, die behaupten, alle Muslime seien beleidigt, halten Muslime für schwachsinnig“, sagt er. „Wir halten Muslime nicht für Schwachsinnige.“ Luz erzählt von einer bewegenden Begegnung mit einem Muslim auf der Beerdigung von Charb, dem Zeichner Stéphane Charbonnier, und meint dann: „Ich bin nicht gegen den Glauben der Menschen. Ich will Rabbis, Priester, Mullahs kritisieren – Menschen, die den Glauben anderer als politische und nicht immer als friedliche Angelegenheiten betrachten. Und das werde ich auch weiterhin tun.“ Der Zeichner berichtet auch von der Demonstration, an der (abseits, in einer abgesperrten Straße) auch die Staatschefs mehrerer Länder teilnahmen. Dabei bringt er auch zum Ausdruck, dass er es heuchlerisch findet, wenn der saudische König sich der Aussage „Je suis Charlie“ anschließt, gleichzeitig aber den Blogger Badawi in seiner Heimat auspeitschen lässt. Die Staatschefs sollten ihren Bürgern erlauben, über sie zu lachen, meint er.

Eine kurze Info zu meiner Motivation dahinter, fertige Reportagen in mein Blog einzubauen und zu kommentieren: Ich bin ein großer Fan von VICE und finde es bedauerlich, dass es viele Videos und Reportagen nur auf Englisch zu sehen gibt. Um die meist großartigen Reportagen und Interviews auch denjenigen zugänglich zu machen, die eher ungern englische Videos schauen, gebe ich hier zumindest einen kurzen Kommentar ab. Natürlich fließen hier auch meine eigenen Wertungen und Kommentare ein. Dies bitte ich zu berücksichtigen.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 2)

Heute befassen wir uns mit einem IS-Video, das nicht zu den Kategorien Nasheed (Musikvideo) oder Grußvideo gehört. Ich war mir nicht ganz sicher, wie dieses Filmchen einzuordnen ist, doch am nächsten kommt vielleicht die Bezeichnung Reportage.  

A Visit To Mosul“ bringt das Publikum ins Herz des Islamischen Staates und an die aktuelle Kraftquelle der Terrorbewegung. Seit Mitte Juni 2014 befindet sich die Stadt in der Macht des IS und ist seither einer schaurigen Entwicklung ausgesetzt: Christen wurden vertrieben oder zur Konversion gezwungen, Jesiden in der Umgebung mussten flüchten und waren in isolierten Bergregionen zeitweise dem Hungertod ausgesetzt. In Mosul selbst begann der IS, Kirchen zu Moscheen umzuweihen und schiitische Schreine, Grabstätten und Gotteshäuser mit Dynamit oder Vorschlaghämmern dem Erdboden gleich zu machen. Nun ist Mosul die Hauptstadt des „Wilayat Ninawa“, des Verwaltungsbezirks Ninive. 
Zu Beginn des Videos werden Passanten gefragt, wie sich die Situation seit der „Befreiung“ durch den IS verändert habe. Natürlich gibt es nur positive Resonanz: „Es gab [früher] Verhaftungen. Verhaftungen ohne Gnade“, erzählt einer der Befragten. Straßenblockaden, unbeschreibliche Ereignisse. Doch die Behandlung der Menschen durch die Soldaten des Islamischen Staates sei sehr gut. „Es gibt keine Probleme mit der Behandlung.“ – Nach dem kurzen Interview folgt der eigentlich interessante Teil: Ein bärtiger, mutmaßlich tschetschenischer Kämpfer beschreibt die Eroberung der Millionenstadt. Er steht auf einer Autobahnbrücke und erzählt, wie die irakischen Truppen nach der Tötung eines Offiziers aus der Stadt flohen und Waffen und Ausrüstung zurückließen. Als nächstes nimmt der dschihadistische „Tour Guide“ die Zuschauer mit zur Großen Moschee von Mosul. „Mit der Ankunft des Islamischen Staates nahm der Islam in einem völlig neuen Weg Eingang in das Leben der Bewohner“, erzählt er, während zwei Männer gezeigt werden, die mit einem Auto durch die Straßen fahren und durch Lautsprecher etwas verkünden. Auf einem Schild steht „Hisba“ (حسبة), es handelt sich dabei wohl um eine Art Religionspolizei oder eher noch „Ordnungsamt“. Während die Straßenszenen mit der Kamera aufgefangen werden, berichtet der Erzähler stolz: „Viele Christen, die in der Stadt geblieben sind, sind jetzt interessiert am Islam, weil sie den wahren Islam gesehen haben, wie er umgesetzt wird und welche Ergebnisse er für alle Aspekte des Lebens bringt.“ Viele christliche Familien würden nun den Islam annehmen. Etwas zynisch – aber vom Erzähler wohl tatsächlich als Errungenschaft wahrgenommen – wirkt der Bericht darüber, dass „erst vor kurzem 130 jesidische Männer den Islam angenommen“ hätte. „Und wie Ihr wisst, sind die Jesiden Teufelsanbeter.“ Der Islam verbreite sich mit Wort und Schwert. Und aller Lob gebühre Allah…
Letzte Station der „Reportage“ ist der bekannte Scharia-Gerichtshof von Mosul. Denn die Durchsetzung der Scharia für alle Lebensbereiche sei der fundamentale Unterschied zwischen säkularen Staaten und dem Islamischen Staat. In den letzten zwei Monaten seien an diesem Gericht mehr als 1.000 Fälle behandelt worden, sagt der Reporter. Ein Beweis dafür, dass das Vertrauen der Menschen in den Islamischen Staat ungebrochen sei.


Das Video ist von der Machart her den von mir in Teil 1 gezeigten Produktionen ähnlich, was Effekte und Qualität angeht. Es fällt zudem auf, dass sich dieses Video an russisches oder tschetschenisches Publikum richtet. Dennoch wird das Gesagte durch Untertitel auch auf Englisch und Arabisch wiedergegeben. Ich bin mir nicht sicher, welcher Kategorie man dieses Video zuordnen kann, aber es trägt ganz klar Züge einer Reportage. Es gibt Interviews mit Passanten oder Offiziellen, Straßenszenen und Aufnahmen des Gebets, während der Kampfveteran das Publikum mit Informationen versorgt. Wenn er selbst ins Bild kommt, steht er meistens, doch im letzten Abschnitt geht er die Treppe des Scharia-Gerichtshofes hinauf, während er erzählt – und erinnert dabei fast zwangsläufig an amerikanische Dokumentationen, in denen der Reporter gerne gestikulierend eine Straße entlanggeht oder Treppenstufen ersteigt. Während diese Elemente zunehmen, werden andere Effekte seltener. Hintergrundmusik setzt erst im letzten Fünftel des Videos ein, schwarze Fahnen treten etwas weniger vehement auf. Bilder von Toten, die der Abschreckung dienen sollen, fehlen gänzlich. In der letzten Minute werden aber trotzdem Zeitlupe und Zeitraffer eingesetzt, fast so als sei dieses Merkmal charakteristisch für die zynische Verspieltheit der Produzenten des Al-Hayat Media Center. Als wolle es das Video, das die Ideologie eines kunst- und humorlosen Herrschaftsgebildes in die Welt tragen soll, doch um eine kunstvolle Nuance ergänzen. Und um dem Ganzen einen gewichtigen Schlusspunkt zu setzen, zeigen die Macher am Ende, als der Gerichtsbeamte aus dem Koran zitiert, ein Minarett, über dem die schwarze Fahne des IS weht. Willkommen im Kalifat, wo Recht und Ordnung herrscht. Diese Botschaft geht – wie wir gesehen haben – auf den verschiedensten Sprachen und auf unterschiedlichen Wegen hinaus in die Welt. Die wichtigste Erkenntnis für die Beobachtenden mag aber sein, dass der IS auf keinen Fall zu unterschätzen ist, was seine strukturgebenden Fähigkeiten angeht: Diese Videos bleiben nur Videos, Erzeugnisse einer Propagandamaschinerie, doch trotzdem geben sie dem Experiment „Terrorgruppe gründet Staat“ eine gewisse Festigkeit und Stabilität sowie eine Repräsentanz, die fast ganz ohne hohe Abgeordnete auskommt, sondern sich hauptsächlich auf (insgeheim wahrscheinlich verängstigte) Passanten und Ex-Frontkämpfer beruft.

Montag, 15. Dezember 2014

Demo und Gegendemo in Bonn

Was wäre ein Montag ohne Demonstrationen? Das haben sich auch ein paar Zeitgenossen aus der oft beschworenen bürgerlichen Mitte gedacht und im Namen von Bogida („Bonn gegen Islamismus in Deutschland und im Abendland“) einen sogenannten „Abendspaziergang“ organisiert. Angemeldet waren 500 Teilnehmer für 18.30 Uhr, doch mit dem Spaziergang wurde es nichts, denn „Bonn stellt sich quer“ stellte sich erfolgreich in den Weg. Um zwanzig vor sieben wird der Spaziergang abgesagt und stattdessen gibt es ein paar Redebeiträge: „Seit 1945 kamen 600.000 Muslime in unser Land!“ – „Moscheen!“ – „Frauen!“ – „Wir sind das Volk!“ – Das Übliche eben.

Bevor die beiden Demos losgingen, konnte man noch unbehelligt zwischen den Polizeireihen hindurch diffundieren und von den Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Antifas hinüberwechseln zu den Verteidigern der deutschen Weltordnung. Ab und zu traf man aber auf ein paar wackere Großmütter, die sich den Weg zur Bogida erfragten. Die Bonner Bürgerschaft teilte sich mit der Zeit je einer der beiden Seiten zu. Wie vermutet waren die Personen mit Deutschlandfahnen in der Unterzahl. Am Rande der anfangs noch recht mickrigen Truppe diskutierte man schon über das N-Wort. „Nein, das sind doch keine Nazis!“, argumentiert ein angegrauter Herr. – „Ja, was sind Sie dann?“, wird er direkt angesprochen. – „Ich? Ich gehöre da gar nicht dazu! Ich beobachte nur.“ Fast will man den beiden entgegenrufen: Nazis sagt man doch heute nicht mehr! Das sind doch lediglich treue Nationaldemokraten. Und AfD-Professoren natürlich.


Zurück zur Ernsthaftigkeit, denn ernst ist die Lage ganz sicher. Die ganze Pegida-, Bogida- oder Dügida-Debatte führt uns eines vor Augen: Möglicherweise demonstriert hier tatsächlich nur die bürgerliche Mitte. Hatte nicht 1933 niemand anderer das große Unheil heraufgewählt als eben die Durchschnittsbürger/-innen ihrer Zeit? Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus und vor allem das Misstrauen gegenüber Asylbewerbern finden sich in der Mitte der Gesellschaft, nicht seltener und nicht weniger als anderswo.

Glücklicherweise gibt es noch einen weit größeren Teil, der sich dem entgegenstellt. Auch wenn sich nicht jeder mit den „Nie wieder Deutschland!“-Rufen der antideutschen extremen Linken identifizieren kann, so kann man doch sagen, dass am Montag in Bonn ein befriedigendes Zeichen gegen Rechts gesetzt wurde. Mit Musik und vor allem mit viel Lärm wurden die Redner der Gegenseite übertönt, mit Menschenmassen wurde die rechte Demo eingekesselt. Bonn kriegen sie nicht.

Gegendemonstrantion in Bahnhofsnähe.
Da wäre aber noch etwas anderes. Ich habe mich ungefähr zwei Sekunden lang gefragt, was es denn zu bedeuten hätte, dass neben Plakaten mit der Forderung „Stoppt die Islamisierung Europas!“ eine norwegische Flagge auftaucht. Und die Antwort darauf offenbart, dass der patriotische Teil der bürgerlichen Mitte keine Skrupel hat, sich mit einem Mann zu identifizieren, der am 22. Juli 2011 den Kampf gegen die „Islamisierung“ begann und kaltblütig 77 Menschen massakrierte. Wenn das mal nicht einiges über diese neue abendlandsbesessene Bewegung aussagt...

Klarstellung und Anmerkung vom 21. Dezember: Norwegische Flaggen werden auf rechten Demos schon seit Jahren verwendet, nicht erst seit den Attentaten von Breivik. Norwegen ist ein besonders tolerantes und offenes Land, gilt bei europäischen Nationalisten jedoch als jenes Land, in dem sich bis heute die "arische Rasse" am reinsten erhalten hat. Es besteht natürlich noch eine zweite Möglichkeit, nämlich dass es sich dabei nicht um eine norwegische Flagge gehandelt hat, sondern um jenen Entwurf, der 1948 als Vorschlag zur neuen deutschen Flagge eingereicht wurde. In diesem Fall war es kein blaues Kreuz (wie das auf der norwegischen Flagge), sondern ein schwarzes. Diese "alternative" deutsche Flagge wird gerade auf solchen "patriotischen" Demonstrationen oft gern gezeigt.

Freitag, 12. Dezember 2014

"Sie sind überall!" - Faktencheck und nachdenkliches Kopfschütteln

Der Spiegel macht den Faktencheck zu Behauptungen der Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“), widerlegt falsche Behauptungen und uralte Ressentiments. Sogar GMX fragt: „Was ist dran an den Vorurteilen?“ So stellt man sich den neuen alten Ängsten derjenigen, die von sich selbst behaupten, aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen. Die Zeitungen und Magazine schreiben angestrengt gegen jene Kräfte an, die in Dresden kürzlich 19.000 „besorgte Bürger“ mobilisieren konnten, um gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. Zumindest versuchen sie es.
Doch wo schreiben hoffnungslos erscheint, muss man fragen: Was treibt diese Menschen an? Woher kommt die Angst – und wie kann man ihr begegnen?

Die immer gleichen Vorurteile

Die gängigsten Vorurteile und Behauptungen lassen sich mittlerweile sogar mit Statistiken und in Stein gemeißelten Zahlen widerlegen. Dass Zuwanderung den fleißigen Deutschen nur Geld kosten würde, hat eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) als falsch erwiesen: Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass haben im Jahr 2012 für einen Überschuss von rund 22 Milliarden Euro gesorgt. Jeder Ausländer und jede Ausländerin zahlt pro Jahr etwa 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er oder sie an staatlichen Leistungen erhält.
Nun gut, aber kriminell ist der Ausländer an und für sich ja doch, oder? Wieder falsch. Die polizeiliche Kriminalstatistik (ebenfalls 2012) offenbart, dass nur jeder vierte Tatverdächtige keinen deutschen Pass hat – darin inbegriffen Touristen und aus dem Ausland agierende Banden.

Das älteste aller Vorurteile müsste heutzutage eigentlich gar nicht mehr thematisiert werden, gäbe es nicht einige Hetzer und ihre ungebildeten Fußsoldaten, die immer noch an das Märchen von der weggenommenen Arbeit glauben: Ausländer nehmen den fleißigen Deutschen die Arbeitsplätze weg. – Die Zahlen sprechen auch hier eine andere Sprache, der Mangel an Fachkräften und die Vielzahl unbesetzter Lehrstellen in vielen Regionen Deutschlands untermauern die Statistik. Währenddessen arbeiten studierte Iraner mitunter als Taxifahrer in Köln oder München, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden.
Aber wenn wir ehrlich sind, hat „der Ausländer“ immer nur die Drecksarbeit gemacht – und wurde genauso behandelt wie das, was er wegputzen musste. Wer sich an die Achtziger und Günter Wallraffs „Ganz unten“ (1985) nicht mehr erinnern kann, der sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Links verwiesen.

„Sie sind überall“

Wer mit dem Jargon der extremen Rechten vertraut ist, dem muss jedes Mal ein Schauer über den Rücken laufen, wenn er Stimmen aus der Mitte der Gesellschaft mit dem Begriff „Überfremdung“ jonglieren hört. Was bitte soll man darunter verstehen? Von Überfremdung singen „national gesinnte“ Liedermacher mit weinerlicher Stimme, gegen die Überfremdung schreien neubraune Führer in Bierzelten auf NPD-Kinderfesten an – aber in der bürgerlichen Mitte hat diese Sprache nichts verloren, nicht zuletzt weil die Aussage, die dahinter steht, grober Unfug ist. Wenn sich ein ganzes Land fremd wird, dann hat es größere Probleme als die Zuwanderung.

Die Diskussion um Zuwanderung, Integration und Migranten hält mittlerweile schon zu viele Jahre an, ohne wirklich Ergebnisse zu liefern. Bei den zuvor genannten Vorurteilen und den dazugehörigen Diskussionen am sprichwörtlichen Stammtisch geht es in Wirklichkeit nicht um Tatsachen – auch nicht beim Thema Muslime. Es geht um subjektives Empfinden. Denn Fakt ist: Muslime machen in Deutschlands gerade einmal um die 5 Prozent der Bevölkerung aus. Eine verschwindend kleine Minderheit, vor der das deutsche Abendland eigentlich keine Angst zu haben braucht. Doch fragt man jenen Teil der Bevölkerung, der Angst vor „dem Islam“ hat, so wird der Anteil der Muslime um ein Vielfaches höher eingeschätzt. Dieses Phänomen gibt es nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Einwanderer ankommen und sich ins alltägliche Stadtbild integrieren. So wird z.B. auch in Großbritannien der prozentuale Anteil von Muslimen und Ausländern zu hoch eingeschätzt.
Die Angst vor dem Fremden hat die Tendenz, sich bisweilen in eine unkontrollierbare Hysterie zu steigern. Doch wie kommt man gegen die neue Bewegung der Angstbürger an? Scheinbar nicht mit Zahlen und Fakten, denn die Anhänger dieser selbsternannten Bürgerbewegungen glauben nur der eigenen Statistik: Sie sehen einige überwiegend von Arabern bevölkerte Stadtteile, eine größtenteils von fremdländisch aussehenden Kindern besuchte Schule, ein morgenländisches Gebetshaus und können es angesichts dessen nicht ertragen, dass in ihrer Heimat auch andere Menschen heimisch geworden sind.
Die Angst vor dem Unbekannten – oder noch schlimmer: vor dem aus politically incorrecten Gruselmärchen schon bekannt Erscheinenden – ist es, die neuerdings Massen auf die Straße bringen kann. Seit dem Elften September ist das Kopftuch, das unsere deutschen Großmütter vor vierzig oder fünfzig Jahren noch wie selbstverständlich trugen, zu einem Symbol der „Überfremdung“ geworden. Die Debatte über entweder unterdrückte oder fundamentalistische „Kopftuchmädchen“, die in Wirklichkeit doch eigentlich nur ihren Glauben leben und in Ruhe gelassen werden wollen, scheint erst jetzt abzuflauen, da man endlich ein handfestes, brandgefährliches und noch bedrohlicheres Beispiel für die Schattenseiten der islamischen Kultur gefunden hat: Während Terroristen und Theokraten im Nahen Osten ein Kalifat des Schreckens zu errichten versuchen, fühlen sich die rechten Hetzer und Breivik-Anhänger in der Echtheit des Konstrukts, das sie „Islamisierung des christlich-jüdischen Abendlandes“ nennen, bestärkt.

Willkommenskultur – Auffanglagerkultur

Ressentiments gegen Ausländer und Zuwanderungskritik gibt es seit der ersten Stunde deutscher Einwanderungsgeschichte. Bis zum heutigen Tag hat sich die Stimmung zu einem neuen Höhepunkt seit den 1990er Jahren hochgeschaukelt, doch der Grund ist nicht etwa die aggressive Missionierungskultur rheinländischer Salafisten. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass immer mehr Menschen – und darunter auch viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern – in Deutschland Schutz vor Krieg, Vergewaltigung und Mord suchen. Denn mehr noch als das geliebte Vaterland lieben der und die Deutsche das Geld, das im Namen der deutschen Allgemeinheit ausgegeben wird. Und da kommt es vielen gerade Recht, wenn ihnen jemand erzählt, dass hunderttausende Asylbewerber_innen in Deutschland wie Gott in Frankreich leben. Bei Pegida-Demonstrationen wetterte der Initiator Lutz Bachmann gegen „Heime mit Vollversorgung“ für Flüchtlinge, während sich die deutschen Alten „manchmal noch nicht mal ein Stück Stollen leisten können zu Weihnachten“. Wie groß muss der Hass eines Volkes sein, wenn es seine Alten in miserable Heime steckt und dann Bürgerkriegsflüchtlinge zu Schuldigen erklärt?

Die ZEIT (04.12.2014, Nr. 50) berichtet über die aktuellen Zustände in vielen Lagern. Es wird auch der Kinderarzt Andreas Schultz zitiert, der in einem Asylbewerberheim in München Kinder behandelt.

Manchmal, sagt Schultz, erinnere ihn München an den Sudan. […] An die hundert Kinder wohnen in der Notunterkunft, viele von ihnen seien krank, sagt Schultz. Er hört ihren Brustkorb ab, untersucht ihre Ohren und Atemwege. Er erzählt von Kindern, die eitrige Mandeln haben, weil sie seit Tagen im Zelt schlafen. Von Jungen und Mädchen, die apathisch an die Decke starren, weil es kein Spielzeug gibt. Von Jugendlichen, die nachts vor Kummer schreien und tagsüber Bilder mit blutüberströmten Menschen malen. Von Babys, die Durchfall bekommen, weil sie das Essen im Heim nicht vertragen. „Die Kleinen bräuchten Brei“, sagt Schultz. „Stattdessen setzt man ihnen Hackfleisch vor.“

Vollverpflegung sieht anders aus. Das interessiert Leute wie Pegida-Bachmann aber nicht. Dabei geht es hier nicht einmal um Zuwanderung an sich, denn Asylbewerber sind zunächst einmal Schutzsuchende. (Oft wird dies auf beiden Seiten missverstanden: Asylgegner argumentieren, das Boot sei voll. Deutschland könne nicht noch mehr Menschen durchfüttern. Asylbefürworter argumentieren dagegen beim Thema Asyl, Deutschland bräuchte doch Zuwanderung, allein schon um die Wirtschaft am Laufen zu halten.)  Doch Flüchtlinge in Deutschland wollen in allererster Linie als Menschen behandelt werden und nicht als Zahlen, Nummern und Objekte. Sie wollen ein Leben in Würde führen. Ein Recht, das ihnen das Grundgesetz eigentlich zugesteht.
Dabei sind die meisten Deutschen gastfreundlich – nur eben nicht im eigenen Wohngebiet:

Im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvestehude wird seit Oktober um ein Asylbewerberheim gestritten. Einige Nachbarn sind gegen das Heim vor Gericht gezogen, sie sagen, sie hätten Angst vor „Kinderlärm“. Harvestehude ist kein kinderfeindlicher Ort. Es gibt „Wohlfühlkindergärten“ mit Biofrühstück und Kinderyogakursen, es gibt Kochschulen für Zwölfjährige und Kieferorthopäden speziell für Kinder. In manchen Flüchtlingsheimen gibt es nicht einmal Zahnbürsten. In Würzburg zum Beispiel werden Zahnbürsten nur an Asylbewerber verteilt, die älter als zwölf Jahre sind. Deutsche Kinder bekommen Zahnputzkurse, sie haben kaum noch Karies. Viele Flüchtlingskinder kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen, sie sind oft braun und morsch. Wenn ein deutsches Kind Karies hat, bohrt man ein Loch und füllt den Zahn. wenn ein Flüchtlingskind Karies hat, wartet man, bis der Zahn verrottet ist, so will es das deutsche Gesetz.

Das ist eigentlich zum Heulen. Menschen leben in Baracken, bekommen nicht einmal Hartz-IV und alleinstehende Männer versuchen häufiger als der umliegende deutsche Durchschnitt, sich selbst das Leben zu nehmen. Doch der Mainstream will in den Zeitungen lieber von ungerechtfertigter Vollverpflegung oder Drogenrazzien lesen.

„Ich bin autochthoner Deutscher.“ – „Ist das heilbar?“

„Bürgerbewegungen“ wie die Pegida und viele andere sprechen das offen aus, was (zu) viele Deutsche mittlerweile oder noch immer denken. Sie vertreten ein unvertretbares Deutschlandbild, in dem unterschieden wird zwischen Einheimischen und „Gästen“, die oft seit Generationen ihre Steuern in Deutschland zahlen, nie wirklich wie Gäste aufgenommen wurden und auch so schnell wie möglich wieder verschwinden sollen. Sie werfen diesen Gästen vor, undankbar zu sein. Dabei sind sie es selbst, die undankbar sind. In einem Land, das aus jeder Krise nahezu unbeschadet hervorgeht und sich dennoch bemitleidet, haben Zuwanderer oder Flüchtlinge dennoch keinen Platz. Im Land der Dichter und Denker denkt man immer weniger und dichtet nur noch selten – allerdings nicht deshalb, weil Zuwanderer, Asylanten oder Salafisten einen davon abhalten würden, sondern weil es viel komfortabler ist, erst einmal einen Schuldigen für ein aktuelles Schlamassel zu suchen. Doch vielleicht ist es die Art des (und der) Deutschen an sich: Wir haben schon mit uns selbst ein Problem, da brauchen wir nicht noch Andere, mit denen wir mehr Probleme haben können.

Doch wann fangen wir endlich an, uns um die wirklichen  Probleme zu kümmern – gemeinsam?

Sonntag, 23. November 2014

Der "Tanz um die Toleranz" - Kommentar zur Horizonte-Sendung

In den letzten Tagen hat die Horizonte-Sendung vom 15. November 2014 im Hessischen Rundfunk  mancherorts für einige Diskussionen und oft auch für große Empörung gesorgt. Als Auftakt einer ARD-Themenwoche gedacht, begann der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhardt mit den Worten: „Man kann ja über Deutschland denken, was und wie man will. Sie dürfen gerne mäkeln, sie dürfen meckern, aber komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Ihm gehe dieser „Tanz um die Toleranz“ auf den Geist. Und das erste Einspieler-Video polarisiert, was es nur zu polarisieren gibt: „Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt?“ Dabei werden Frauen mit Kopftuch zusammen mit dem Bundespräsidenten gezeigt. „Schmeißen wir nicht bewährte Ansichten über Bord und jeder wird glücklich?“ Im Bild: Eurovision-Songcontest-Gewinner Conchita Wurst. In diesem Fall heißt altbewährt scheinbar nicht homosexuell. Ist diese Art von Intro überhaupt noch provokant oder ist das schon strafbar? Dann: Bilder von gewaltbereiten, tobenden Nazis, kommentiert mit den Fragen „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Als Zuschauer zögert man. Ist das ernst gemeint, kommt da noch ein großer Umschwung zur Objektivität? Man vermutet, dass sich hier etwas wenig konstruktives anbahnt. 


Geladen sind Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags, und Matthias Matussek, katholischer Journalist und Autor. Gleich zu Beginn geht es um Salafisten und den Umgang mit dem Islam. Das Einspieler-Video zu diesem ersten Themenblock: „Nie wieder Schweineschnitzel, nie wieder Bier, kein Kreuz an der Wand“ – eine Realität wird suggeriert, die angeblich den deutschen Alltag schon lange bestimmt. Und das alles aus Toleranz? Matussek spricht von „tolerant bis zur Prinzipienlosigkeit“, gerade im Umgang mit dem Islam. Anstatt Nazis den Protest gegen den Salafismus zu überlassen, solle lieber die Mitte der Gesellschaft – die Christen – auf die Straße gehen und ihren Glaubensbrüdern zur Seite stehen. Welche Glaubensbrüder er hier meint wird nicht deutlich. Das Publikum darf sich hier wohl eine bedrohte christliche Minderheit aussuchen. Ueberschär will die ziellose Diskussion weg von den wahllosen Beispielen Matusseks hin zu konstruktiven Ansätzen lenken. Wir würden Toleranz mit Beliebigkeit verwechseln, meint sie. Und genau das könnten wir der Gesellschaft nicht deutlich machen. Doch hier Lösungsansätze zu entwerfen ist von Anfang an ein aussichtsloses Unterfangen.
Weiter geht es mit Themenblock zwei: Sex. Im Intro-Einspieler geht ein nachdenklicher Mann über den Kiez, überall das gleiche Bild: Jeder mit jedem. Seine Freundin hat 5 unbeantwortete Anrufe auf dem Handy – er muss eben akzeptieren, dass es neben ihm noch andere gibt, denkt er sich. Der arglose Zuschauer runzelt hier die Stirn, die Darstellung ist schon ziemlich verstörend. Doch hier werden gesellschaftliche Problematiken oder Phänomene zusammengefasst und bewertet aus der Sicht einen erzkonservativen Christen. Die Welt wird so gezeigt, wie sie durch eine äußerst religiöse Brille gesehen wird. Und auch Matussek macht sich Sorgen über dieses Thema: Sex sei ja fast die neue Religion, meint er. Über nichts werde so viel gequatscht. Und natürlich läuft dieser Themenblock auf die Homo-Ehe hinaus. Matussek scheint in einen Sack zu stecken, was Ueberschär zum Glück deutlich zu unterscheiden weiß: Prostitution und Menschenhandel sind eine Sache, die Heirat homosexueller Paare sei eine ganze andere. Matussek verteidigt sofort – ohne direkt angegriffen worden zu sein – die katholische Kirche in ihrem Umgang mit den Homosexuellen, indem er darauf verweist, in Teheran würden Schwule an Kränen aufgehängt. Mehrmals lenkt er die Diskussion auf den Islam, um die katholische Kirche in Schutz zu nehmen. Ohne sichtlichen Zusammenhang wirft er dem Moderator, der so tut, als würde er kritisch nachfragen wollen, entgegen: „Ehrenmord gibt’s auch hier!
Im dritten Themenblock dann: Eine Art Kapitalismuskritik, der Zuschauer fühlt seine Aufmerksamkeit wieder auf die wirklich wichtigen christlichen Werte gelenkt. Welch eine Erlösung…

Was spielt sich in dieser Sendung eigentlich ab? Islam, Homosexuelle – und immer wieder dieselbe Frage: Müssen wir denn überall tolerant sein? Dürfen wir da überhaupt tolerant sein? Beantwortet wird durch die Videobeiträge von alleine: Nein, denn es läuft aus dem Ruder. Der Islam regiert unsere Straßen, Schwule heiraten und paaren sich an jeder Ecke, vor den Augen unserer Kinder.

Nun, das Entscheidende ist aber: Bei der Sendung Horizonte im Hessischen Rundfunk handelt es sich um ein offensichtlich christliches Programm, die Diskussion zwischen Matussek und Ueberschär ist eine Auseinandersetzung unter Christen. Hier wird nicht von einer säkularen Gesellschaft ausgegangen, sondern von einem christlichen Deutschland, das alles außerhalb dieses Rahmens vielleicht dulden, im seltensten Fall aber tolerieren kann. Und diese christliche Auseinandersetzung mit Problemen der modernen Gesellschaft ist nicht nur äußerst homophob, sondern auch enorm Islam-fixiert. Horizonte entlarvt sich an dieser Stelle aber nicht als hetzerisches Anti-Toleranz-Programm, was von vielen Beobachtern vielleicht so aufgenommen wurde. Vielmehr zeigt die Sendung, was für ein klägliches Minimum an Toleranz unter großen Teilen der deutschen Christenheit vertretbar erscheint – nicht mehr und nicht weniger. Bewerten kann man das jetzt auf unterschiedliche Art und Weise – von skandalisierend bis achselzuckend. Verstörend und auch ein wenig beschämend ist es aber auf jeden Fall.

Es kann eigentlich nur festgestellt werden: Fernsehsendungen wie Horizonte, die scheinbar nur mit den und für die christlichen Zuschauer sprechen, sind alles andere als geeignet, um in einer gesellschaftlichen Diskussion über Salafismus und Scharia-Polizei angehört zu werden. Selten habe ich erlebt, dass Stereotypen über Kopftuchfrauen und Schwule so fahrlässig (oder beabsichtigt?) zu einem Toleranz-Brei vermischt wurden, der natürlich jedem konservativem Publikum eklig erscheinen muss. Es wird propagiert, dass der eigentliche Grund für den Verfall der Gesellschaft und den scheinbaren Aufwind rechtsextremer Kräfte die Toleranz gegen Andersgläubige und Andersdenkende sei. Erneut muss man die Frage stellen, ob Thesen, Behauptungen und emotional-unsachliche Auswüchse wie die des Herrn Matussek sowie die auf unverschämte Art und Weise polarisierende Anmoderation von Herrn Schmidt-Degenhardt einen Platz haben dürfen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ein sinnvoller Auftakt zur ARD-Themenwoche hätte wohl anders ausgesehen. Der eigentliche Skandal an der ganzen Geschichte ist es, dass jede/-r BürgerIn in Deutschland für diese Art des Fernsehens eine Zwangsabgabe namens G.E.Z. leisten muss.
Für jede inhaltliche Auseinandersetzung ist die Sendung eigentlich ungeeignet. Nur so viel: Toleranz – das ganze Wochenende hätten wir jetzt Zeit und Pflicht, darüber nachzudenken, meint der Moderator. Oh ja, das sollten wir, lieber Herr Schmidt-Degenhardt.


(Ein Artikel, der einigermaßen investigativ vorgeht und auf den Kern der Sache zu sprechen kommt:

Dienstag, 26. August 2014

Der Versuch eines Einblicks in die Terrorgruppe IS

Die Vorgänge in Syrien und im Irak sind brutal, die letzten überlebenden Reste jahrtausendealter Kulturen werden zerstört. In Syrien gehen die Toten seit Beginn des Konflikts in die Hunderttausende, im Irak müsste man erst den Zeitpunkt definieren, ab dem man mit dem Zählen der Opfer beginnt. Das Regime von Saddam Hussein hat laut Human Rights Watch bis zu 290.000 Menschen auf dem Gewissen. Die US-amerikanische Besatzung und die in der Folge stellenweise eskalierenden Konflikte kosteten nicht nur über 4.000 alliierten Soldaten das Leben, sondern auch das von bis zu 600.000 irakischen Zivilisten. Heute, im Sommer des Jahres 2014, findet sich das Zweistromland erneut zwischen den Fronten verfeindeter Kräfte und internationaler Interessen wieder. Doch mittlerweile hat sich ein Gegner zwischen Syrien und Irak festgesetzt, den alle Beteiligten gleichermaßen fürchten: Der selbst proklamierte Islamische Staat (IS), eine dschihadistische Terrorgruppe, erobert Städte und Dörfer im Norden des Landes, vertreibt Christen, Jesiden und Turkmenen, köpft und massakriert Zivilisten, ausländische Berichterstatter und gefangene Soldaten. Vor einigen Tagen wurde der Journalist James Foley von IS-Terroristen enthauptet. Kurze Zeit später hat die Al-Nusra-Front, eine Gruppe aus dem Umfeld des Terrornetzwerks Al-Qaida, den US-Amerikaner Peter Theo Curtis freigelassen, der seit zwei Jahren in Syrien festgehalten wurde. Was dieser Schritt gerade jetzt zu bedeuten hat, erklärt Aviv Oreg, ehemaliger Leiter der Abteilung zum Thema Globaler Dschihad bei der israelischen Armee. Er geht davon aus, dass der Zeitpunkt der Freilassung bewusst gewählt ist. „Al-Qaida hat diesen Schritt zur Freilassung von Peter Curtis unternommen, um innerhalb der islamischen Welt wieder mehr Legitimität zu erhalten“, erklärte er laut der Nachrichtenagentur dpa.  Al-Qaida will sich noch mehr vom IS abgrenzen. Es ist paradox: Knallharte Dschihadisten distanzieren sich von noch knallhärteren Dschihadisten.

Doch wer sind die Männer, die hinter der Gruppe IS (arab. dā‘isch) stecken? Und wie funktioniert dieses Netzwerk? Leider ist es den meisten Journalisten nicht möglich, vor Ort und brandaktuell Hintergrundberichte aus dem Inneren des Terrornetzwerks zu liefern. Deshalb bleibt auch mir nur übrig, mich auf all das zu stützen, was im Internet an mehr oder weniger glaubwürdigen Berichten kursiert.

Der „Kalif“

Abu Bakr al-Baghdadi al-Husseini al-Quraschi hat seinen Name treffend gewählt: Abu Bakr war der zweite der sogenannten Rechtgeleiteten Kalifen und der direkte Nachfolger Muhammads im 7. Jahrhundert. Mit dem Namenszusatz (nisbe) al-Baghdadi will er sich als einheimischen Iraker legitimieren, der Zusatz al-Quraischi weist ihn als Angehörigen des Stammes des Propheten aus, den Quraisch. Ob diese Tatsachen der Wahrheit entsprechen, lässt sich schwer feststellen. Doch es ist zu vermuten, dass die Wahl des Namens lediglich der Festigung der Macht al-Baghdadis dienen sollte. In Wirklichkeit heißt der Mann, der gerade den Nahen Osten und die Welt darüber hinaus in Angst und Schrecken versetzt, Ibrahim al-Badri und stammt aus der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Samarra, einem bedeutenden schiitischen Pilgerort am Ostufer des Tigris. Er studierte Islamic Studies in der irakischen Hauptstadt und war zur Zeit der US-Invasion angeblich Geistlicher in seinem Heimatort. Seit 2003 durchlief er eine Laufbahn als Kämpfer in unterschiedlichen militanten Gruppierungen, bis er bei den Vorgängern des IS landete. Seit 2010 war al-Baghdadi Chef des IS, seit Ende Juni 2014 nennt er sich offizielle „Kalif Ibrahim“. Am 29. Juni rief er bei der Freitagspredigt in der Hauptmoschee von Mossul vor sorgfältig ausgewählten Gästen das „Kalifat“ aus. Er will einen neuen islamischen Staat auferstehen lassen und momentan scheint ihn niemand daran hindern zu können.

Terroristen online - Propaganda und wertvolle Einblicke

Wertvolle Einblicke in die Welt des IS liefert eine Reportage des VICE-Magazins: In „The Islamic State“ begleitet der Journalist Medyan Dairieh die Kämpfer des IS in und um Raqqa (Syrien) und bekommt die Möglichkeit, Statements von ranghohen Führern der Gruppe aufzunehmen. Dem Zuschauer wird Einsicht gewährt in das ganze System des „Kalifats“: Dairieh besucht ein Gefängnis und den Scharia-Gerichtshof, wird Zeuge der Vereidigung neuer Kämpfer und begleitet einen IS-Funktionär bei seiner Patrouille durch die Stadt. Diese Dokumentation ist momentan die einzige, in der die Zuschauer das Innere der besetzten Gebiete zu Gesicht bekommen. Daneben bleiben nur noch die zahlreichen Propagandavideos des IS als virtuelle Quellen übrig: Paraden durch eroberte Gebiete auf weißen Geländewagen, immer dabei die schwarze IS-Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Vermummte und unvermummte Kämpfer posieren mit Gefangenen. Auf einigen Videos sind Hinrichtungen zu sehen, auf anderen rufen ausländische Terroristen ihre Landsleute in der Heimat dazu auf, dem Ruf des Dschihad zu folgen. Es existiert auch ein längeres Video, eine Produktion der Propagandaabteilung des „Kalifats“. Und am bedeutendsten ist wohl die aufgezeichnete Predigt des Kalifen Ibrahim, die er vor seinen freiwilligen und unfreiwilligen Gefolgsleuten in der Moschee von Mossul hielt, bevor er - abgeschirmt von seinen Sicherheitsleuten - wieder im Nirgendwo verschwand. Mit diesem Video appelliert er an die Muslime der Welt, seinem Ruf zu folgen und in sein Kalifat zu immigrieren. Das wichtigste Ziel des gesamten Propagandaapparates ist es, kampfbereite junge Muslime in aller Welt zu mobilisieren. Der Kampfeswille soll durch die begeisterten Zeugnisse kampferprobter Dschihadisten geweckt werden, der Alltag vor Ort wird durch diese Videos verherrlicht und die Legitimation des örtlichen Dschihad bekommt man durch die Rede des Kalifen gleich mitgeliefert. Wir sind das Kalifat und wir sind unbesiegbar. Das ist die Botschaft. Und nicht wenige ausländische Fanatiker kamen dieser Aufforderung nach: Wie schon in anderen Konflikten (z.B. Ex-Jugoslawien oder Afghanistan) kommen auch jetzt zahlreiche Muslime aus Saudi-Arabien, den Golfstaaten und auch Europa nach Syrien und in den Irak. Diese Bewegung wurde schon früh im Syrienkrieg losgetreten, als sich die Rebellengruppen gerade formiert hatten. Die europäischen Dschihadisten reisten größtenteils über die Türkei ins Kampfgebiet ein, wurden dort auf ihre Treue geprüft und an der Waffe trainiert. Seitdem tauchen Videos auf, in denen sich auch Deutsche damit rühmen, „Ungläubige“ getötet zu haben. Nach einem Bericht von n24 sollen derzeit 139 Deutsche im Kriegsgebiet kämpfen, eine große Zahl von ihnen in den Reihen es IS. Sie befeuern die Propaganda des Terrornetzwerks und ermutigen ihre Glaubensgeschwister zuhause zur Reise an die Levante. Und der Grund, wieso VICE seine Dokumentation drehen durfte, liegt auf der Hand: IS will sich der Welt präsentieren - als Kämpfer, als Sieger.
Die eigene Online-Recherche birgt aber die eine oder andere Tücke: Natürlich ist an allen Fronten und auf allen Seiten Propaganda im Umlauf. Nicht selten finden sich hier Fehler oder Falschmeldungen: Es kursierten zum Beispiel Bilder von Frauen, die vom IS angeblich in die Sklaverei verkauft wurden. Gestalten in schwarzer Burka, die Hände aneinandergekettet. Doch diese Fotos stammen vom Aschura-Ritual, bei dem Schiiten dem Tod des dritten Imams Hussein gedenken. Bilder des Aschura-Tages und der damit verbundenen Paraden, Rituale und Praktiken kennt man aus dem Iran: Männer geißeln sich selbst, indem sie sich mit Peitschen den Rücken blutig schlagen. Dazu gehören auch Frauen in Ketten, doch die haben mit dem IS in keiner Weise etwas zu tun - zumindest nicht auf den präsentierten Bildern.

Terror und Zerstörung

Inhalt der Propaganda, aber auch bittere Realität sind die Vertreibungen und die Massaker des IS an religiösen Minderheiten. Die christlichen Einwohner Mossuls wurden vor die Wahl gestellt zu fliehen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die Türen christlicher Haushalte wurden mit einem arabischen N (für narānī, „Nazarener“) gekennzeichnet. Sprühfarbe zur Brandmarkung. Die allermeisten Betroffenen verließen daraufhin Ende Juli 2014 die Stadt. Die christliche Gemeinde, die sich traditionell aus aramäischen, syrisch-orthodoxen und chaldäischen Gläubigen zusammensetzt, bestand seit über eineinhalb Jahrtausenden. Nun hat sie aufgehört zu existieren. Bei der Machtübernahme des IS lebten nach unterschiedlichen Angaben noch zwischen 25.000 und 35.000 Christen in der Stadt. Die meisten von ihnen sind nun auf das Gebiet der Autonomen Region Kurdistan geflüchtet. Die kurdischen Gebiete rund um Erbil und Dohuk waren auch das Ziel von ca. 200.000 Jesiden, die aus ihren Dörfern vor den herannahenden IS-Truppen geflohen waren. Unzählige Menschen verhungerten, während sie auf dem Dschabal Sindschar, einem Gebirge, festsaßen und auf Rettung warteten.
Neben der Vertreibung und Ermordung von Christen, Jesiden und Turkmenen begeht der IS auch ein unglaubliches Verbrechen am kulturellen Erbe des Irak: Aus Propagandavideos und Augenzeugenberichten geht hervor, dass die Gruppe damit begann, christliche Kirchen, aber auch schiitische Schreine und Moscheen sowie die Gräber von Heiligen oder islamischen Propheten zu sprengen. Im dogmatischen Islam ist die Verehrung von Heiligen und ihrer Gräber verpöhnt, für Dschihadisten ist sie inakzeptabel. Nun werden die eroberten Regionen nicht nur von Andersgläubigen, sondern auch von ihrem historischen Erbe „gesäubert“. Was einst die Taliban im afghanischen Bamian anrichteten, als sie die uralten Buddhastatuen sprengten, wiederholt der IS nun im Irak, einer der wichtigsten Wiegen der menschlichen Zivilisationsgeschichte.Innerhalb seines Machtbereich regiert der IS mit voller Härte. Die Gesetzgebung basiert dabei auf der individuellen Interpretation des islamischen Scharia-Gesetzeskorpus. Das „Kalifat“ soll eine Theokraie sein, die Gesetze werden auf der Straße von patroullierenden Aufsehern durchgesetzt. Im Fastenmonat Ramadan ist essen und trinken tagsüber streng verboten, Händler werden kontrolliert, Passanten im Falle eines Verstoßes gegen die Kleiderordnung gerügt. Angeblich verabschiedete der IS als erstes Regelwerk einen 16-Punkte-Katalog voller Einschränkungen, so ein Bericht des Merkur Online. Konsum und Verkauf alkoholischer Getränke oder Drogen sind verboten, gleiches gilt für das Rauchen. Das Tragen von Waffen ist untersagt, ebenso Versammlungen. Ausgenommen sind IS-Kämpfer. Frauen in den eroberten Gebieten müssen ihren gesamten Körper bedecken und optimalerweise zuhause bleiben. Das System des Islamischen Staates hat alles, was zur Aufrechterhaltung dieser neuen Ordnung notwendig ist: Gefängnisse und organisierte Gerichte mit Büros und Sprechstunden, wie sie in der VICE-Reportage zu sehen sind, existieren in jeder großen Stadt. Die Strafen für Verbrechen wie Mord oder Diebstahl sind drastisch: Dieben werden die Hände abgehackt, wegen unterschiedlichster Vergehen werden Menschen geköpft. Auch Abfall vom Glauben kann unmittelbar zum Tode führen. Es ist dabei aber nicht einmal sicher, ob sich der IS in der Durchsetzung dieser Urteile überhaupt an irgendwelchen Regeln orientiert oder ob die Scharia nur als Entschuldigung vorgeschoben wird, um Gegner gnadenlos niederzumetzeln. Laut WELT berichteten die UN unter Berufung auf Zeugenaussagen, dass im Juni in der Haftanstalt Badush ein Massaker verübt wurde. In dem Gefängnis in Mossul sollen 670 irakische Insassen hingerichtet worden sein. Es ist nur eine von vielen Meldungen über Massaker, Hinrichtungen und blutrünstige Massentötungen.

Wie finanziert sich der IS-Terror?

Wie konnte es so weit kommen? Wie wurde es möglich, dass der IS Mitte 2014 über ein eigenes Territorium von beachtlicher Größe verfügt? Dies ist neben einer politischen und militärischen auch eine finanzielle Frage, auf die es mehrere Antworten gibt: Der Islamische Staat handelt mit Rohöl und verkauft es an die verschiedensten Konfliktparteien. Große Ölfelder in Syrien, aber auch rund um die nordirakische Stadt Kirkuk gehören oder gehörten zum Machtgebiet der Terrorgruppe. Von hier aus wurden Tanklaster mit der wertvollen Ladung zum Export losgeschickt. Über die Empfänger gibt es unterschiedliche Meldungen: Das Öl werde an die iranische Grenze transportiert, hieß es. Doch vor allem der syrische Diktator Assad, der dem IS wie die meisten anderen politischen Akteure der Region als Feind gilt, soll laut taz zu den Hauptabnehmern des erbeuteten Öls gehören. Während andere bewaffnete Rebellengruppen den Rohstoff in Plastikflaschen und Kanistern über die Grenze in die Türkei schmuggeln, liefert IS im großen Stil an das benachbarte und offiziell verfeindete Regime. Aber schon vor der Eroberung dieser Ölfelder war der IS die reichste Terrorgruppe der Welt. Es ist zu vermuten, dass die Terroristen aus unterschiedlichen Richtungen große Spenden erhalten. Geld fließe vor allem aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, meldete die Tagesschau Ende Juli. Und auch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien zählen zu den Einnahmequellen der Gruppe. Ein großer Coup gelang ihr außerdem im Juni 2014: Bei der Eroberung von Mossul fiel die Zentralbank in die Hände des IS - dabei wurden laut Washington Post ganze 425 Millionen US$ erbeutet. Die Welt hat es also nicht nur mit einer Bande von Terroristen zu tun, sondern mit einer gut organisierten Bewegung, die mittlerweile sowohl über Land als auch Geld verfügt.

Militärisch unterschätzt

Im Juni 2014 eroberte der IS - damals noch ISIS - die Metropole Mossul. Die zweitgrößte Stadt des Irak hat fast drei Millionen Einwohner und war schon 2006 Mittelpunkt der Terrorbewegung, als ISIS dort das „Islamische Emirat Irak“ ausrief und begann, die Bevölkerung zu terrorisieren. Seitdem war Mossul geplagt von Anschlägen, Entführungen und Morden an Journalisten, Frauen ohne Kopftuch oder Ladenbesitzern, die den Vorgaben der Terrorgruppe nicht Folge leisteten. Acht Jahre später ist die Stadt nun vollkommen in der Hand des IS und die Welt fragt sich: Wie konnte eine handvoll Terroristen diese große Stadt scheinbar im Handumdrehen einnehmen? Wie konnten 800 Kämpfer eine Metropole erobern, die von knapp 30.000 irakischen Soldaten verteidigt wurde? Militärexperten vermuten als Hauptursache die schlechte Ausbildung der irakischen Streitkräfte und vor allem die mangelnde Moral. Die Gründe liegen jedoch auch in der Strategie des IS, Furcht und Schrecken zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass es sich herumspricht. Meldungen von exekutierten Gefangenen und Videos von Massenhinrichtungen untermauern die Brutalität des IS, deren Opfer jeder wird, der in ihre Hände gerät. Doch nicht nur die furchteinflößende Kriegspropaganda verhilft zum militärischen Sieg, es ist auch die Vorgehensweise an der Front: „Sturmattacken wie im siebten Jahrhundert“, titelt Spiegel Online. Modernste Kriegstaktik mischten die Dschihadisten mit apokalyptischen Angriffen, heißt es. Blitzschnell und skrupellos. „Sie kamen wie ein Schwarm, rasend, schießend, als ob nichts sie aufhalten könne“, berichtet ein kurdischer Kommandeur. Angriffe wie aus der Zeit der ersten islamischen Expansionen? Nur ohne Pferde: Auf 70 oder 80 Wagen seien sie angerast gekommen. „Sie rollten in breiter Linie durch die Wüste, Dutzende Fahrzeuge nebeneinander, und schossen dabei. Egal, ob wir einen Wagen ausschalten konnten, die anderen rasten einfach weiter“, erzählt ein weiterer kurdischer Soldat. „Sie schickten erst mehrere Selbstmordattentäter mit sprengstoffbeladenen Wagen, dann kam die Haupttruppe - und zwar so schnell nach den Explosionen, dass keiner reagieren konnte. Wer konnte, floh.“ Die IS-Kämpfer sind hoch motiviert und gnadenlos, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Dschihadisten fürchten den Tod nicht, sondern sehnen sich nach dem „Martyrium“. Und Berichte wie diese sorgen zudem dafür, dass die Moral derjenigen, die sich den Kämpfern entgegenstellen, noch weiter gegen Null geht. Die irakischen und kurdischen Soldaten fliehen vor heranbrausenden Jeeps und Pickups, auf denen Maschinengewehre installiert sind. Darunter sind dutzende Humvees: Vor ihrem Abzug hatten die US-Truppen der irakischen Armee viel Material überlassen, u. a. auch gepanzerte Fahrzeuge. Große Teile der militärischen Ausrüstung des IS stammen aus diesen Beständen, wurden schon andernorts von den fliehenden Irakern erobert. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte kämpfen nun Terroristen mit amerikanischen Waffen, rücken Woche für Woche ein Stück weiter vor und vergrößern ihr Territorium unaufhaltsam.

Kampf, Politik und aufgekündigte Bündnisse

Während in Deutschland und Europa diskutiert wird, ob man die kurdische Armee des Nordirak mit Waffen beliefern sollte, läuft den Menschen vor Ort die Zeit davon. Kurden, Jesiden, Christen - sie sind auf der Flucht. Und selbst gegen sunnitische Gruppen wendet sich der IS mittlerweile. Militärische Bündnisse sind nur so lange attraktiv, bis sie nicht mehr nützlich sind. Wer anfängt zu rebellieren, wird automatisch zum Feind und kommt unter die Räder des IS-Vormarsches. Mitte August soll der IS ganze 700 Mitglieder des asch-Scheitaat-Stammes getötet haben, nachdem es im Zuge der Besetzung mehrerer Ölfelder zu Konflikten gekommen war.
Bündnisse sind flüchtig beim Islamischen Staat. Von Beginn an war die Terrorgruppe eng mit Al-Qaida vernetzt. Als der IS noch kein Land und auch noch keinen bedeutenden Einfluss hatte, war das Terrornetzwerk um Osama Bin Laden ein wichtiger, ein unerlässlicher Verbündeter. Bis heute hat sich die Situation geändert: Erst machte sich der IS selbstständig, jetzt distanziert sich al-Qaida sogar von dieser Gruppe. Die Süddeutsche schrieb auch wieso: „Die dynamischen Emporkömmlinge lassen die einstigen Terror-Fürsten verkopft und entscheidungsschwach aussehen. Die Ausrufung des Kalifats ist für al-Qaida nicht nur eine Provokation - sie ist eine Kriegserklärung.“ Die Dschihadisten-Szene sei nicht weniger zerklüftet als andere arabische Gemeinschaften.Währenddessen macht sich in der gesamten islamischen Welt Widerstand breit: In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde, wurde jegliche Unterstützung der IS-Terroristen von höchster religiöser Instanz für illegal erklärt. Muslimische Gemeinden weltweit geben Erklärungen ab und distanzieren sich von diesem ungekannten Terror im Namen eines selbsternannten Kalifen.

Doch „außenpolitisch“ verunsichert der IS seine Gegner noch immer. Die USA beginnen zwar, Luftangriffe auf IS-Stellungen zu fliegen, um die kurdischen Peschmerga bei der Verteidigung der nordirakischen Städte zu unterstützen. Doch die Türkei erscheint still und passiv, fast schon eingeschüchtert. Mit gutem Grund: Im Laufe des Jahres nahmen die Terroristen 28 türkische Lastwagenfahrer als Geiseln. Und im Juni stürmten sie bei der Eroberung von Mossul auch das türkische Konsulat. Seitdem befinden sich fast 50 Mitarbeiter und Diplomaten in Geiselhaft, darunter der Generalkonsul der Türkei selbst. In den letzten Aufnahmen bei VICE gab es harte Worte vonseiten des IS an die türkischen Nachbarn. Man werde Istanbul erobern, hieß es. Ob dies eine Drohung sei? Ja, das sei eine Drohung.

IS-Dschihadisten im Nordirak: "Kämpfen bis zum Ende"
(Reuters)

Link:

Medyan Dairieh: „The Islamic State“ (VICE, Sommer 2014; englisch)