Dienstag, 10. Februar 2015

"Freeing The Slave Women Of ISIS" (BBC Arabic)

Eine Reportage von BBC Arabic über die vom IS verschleppten Frauen im Nordirak und die Bemühungen, die Entführten wieder zurückzubringen. Die kurdische Journalistin Nareen Shammo hat ihren Job aufgegeben, um mit IS-Kämpfern zu verhandeln und gekidnappte Jesidinnen zu befreien.


In der Reportage kommen schockierende Details ans Tageslicht. Als der IS den nordirakischen Ort Shingal eroberte, wurden tausende von Menschen verschleppt und verkauft. Junge Frauen werden von IS-Kämpfern zu einem lächerlichen Preis ersteigert und geheiratet. Einige von ihnen müssen sogar Blut spenden für verwundete Kämpfer. Nareen Shammo kontaktiert entführte Frauen oder ihren Entführer, macht die Opfer über Facebook ausfindig und besucht ihre Familien. In dieser sehr emotionalen BBC-Reportage kommen die Opfer zu Wort, ihre Angehörigen, die unmittelbar Betroffenen. Die erschütternden Berichte und die Art und Weise, wie mit der Problematik umgegangen wird, ermöglichen einen Blick aus unbekannter Perspektive auf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche im Nordirak.

Samstag, 7. Februar 2015

Zum Selbstverständnis vom Charlie Hebdo

Dieses Video von VICE könnte all denen etwas von dem Selbstverständnis von Charlie Hebdo vermitteln, die bis heute an der Relativierung „Naja, aber sie haben es ja auch provoziert…“ festhalten und den Eindruck haben, es handle sich bei der Zeitschrift lediglich um ein islamfeindliches Schmähblatt. VICE-Reporterin Milène Larsson hat sich mit einem der überlebenden Karikaturisten der französischen Satirezeitschrift getroffen.


Der Karikaturist Luz (eigentlich Renald Luzier) erzählt vom Tag des Anschlags, wie er ihn überlebte und warum er heute einen Gürtel trägt. Doch es wird auch ein wenig mehr deutlich, was Charlie Hebdo eigentlich ist. „Charlie ist ein satirisches Magazin, mehr oder weniger anarchistisch.“ Es sei seit den 1960er Jahren bestrebt, Tabus zu brechen sowie Symbole und jegliche Form von Fanatismus zu attackieren. Es war 2007 die einzige Zeitschrift in Frankreich, welche die dänischen Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Damals wurden sie als Provokateure bezeichnet, eine Abbildung des Propheten auf der Titelseite hatte zur Folge, dass die Büros von Charlie Hebdo niedergebrannt wurden. Nach dem Attentat vom Januar 2015 wurde Charlie Hebdo selbst zu einem Symbol – was Luz sehr kritisch sieht, denn Symbole hätte die Zeitschrift ja schließlich bekämpft.
Eine wichtige Antwort gibt Luz auf die Frage, ob er manchmal nicht besorgt sei, die Cartoons könnten die Gefühle der muslimischen Gemeinde verletzen. „Ich denke, dass Charlie Hebdo den meisten Muslimen egal ist.  Jene, die behaupten, alle Muslime seien beleidigt, halten Muslime für schwachsinnig“, sagt er. „Wir halten Muslime nicht für Schwachsinnige.“ Luz erzählt von einer bewegenden Begegnung mit einem Muslim auf der Beerdigung von Charb, dem Zeichner Stéphane Charbonnier, und meint dann: „Ich bin nicht gegen den Glauben der Menschen. Ich will Rabbis, Priester, Mullahs kritisieren – Menschen, die den Glauben anderer als politische und nicht immer als friedliche Angelegenheiten betrachten. Und das werde ich auch weiterhin tun.“ Der Zeichner berichtet auch von der Demonstration, an der (abseits, in einer abgesperrten Straße) auch die Staatschefs mehrerer Länder teilnahmen. Dabei bringt er auch zum Ausdruck, dass er es heuchlerisch findet, wenn der saudische König sich der Aussage „Je suis Charlie“ anschließt, gleichzeitig aber den Blogger Badawi in seiner Heimat auspeitschen lässt. Die Staatschefs sollten ihren Bürgern erlauben, über sie zu lachen, meint er.

Eine kurze Info zu meiner Motivation dahinter, fertige Reportagen in mein Blog einzubauen und zu kommentieren: Ich bin ein großer Fan von VICE und finde es bedauerlich, dass es viele Videos und Reportagen nur auf Englisch zu sehen gibt. Um die meist großartigen Reportagen und Interviews auch denjenigen zugänglich zu machen, die eher ungern englische Videos schauen, gebe ich hier zumindest einen kurzen Kommentar ab. Natürlich fließen hier auch meine eigenen Wertungen und Kommentare ein. Dies bitte ich zu berücksichtigen.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 2)

Heute befassen wir uns mit einem IS-Video, das nicht zu den Kategorien Nasheed (Musikvideo) oder Grußvideo gehört. Ich war mir nicht ganz sicher, wie dieses Filmchen einzuordnen ist, doch am nächsten kommt vielleicht die Bezeichnung Reportage.  

„A Visit To Mosul“ bringt das Publikum ins Herz des Islamischen Staates und an die aktuelle Kraftquelle der Terrorbewegung. Seit Mitte Juni 2014 befindet sich die Stadt in der Macht des IS und ist seither einer schaurigen Entwicklung ausgesetzt: Christen wurden vertrieben oder zur Konversion gezwungen, Jesiden in der Umgebung mussten flüchten und waren in isolierten Bergregionen zeitweise dem Hungertod ausgesetzt. In Mosul selbst begann der IS, Kirchen zu Moscheen umzuweihen und schiitische Schreine, Grabstätten und Gotteshäuser mit Dynamit oder Vorschlaghämmern dem Erdboden gleich zu machen. Nun ist Mosul die Hauptstadt des „Wilayat Ninawa“, des Verwaltungsbezirks Ninive. 
Zu Beginn des Videos werden Passanten gefragt, wie sich die Situation seit der „Befreiung“ durch den IS verändert habe. Natürlich gibt es nur positive Resonanz: „Es gab [früher] Verhaftungen. Verhaftungen ohne Gnade“, erzählt einer der Befragten. Straßenblockaden, unbeschreibliche Ereignisse. Doch die Behandlung der Menschen durch die Soldaten des Islamischen Staates sei sehr gut. „Es gibt keine Probleme mit der Behandlung.“ – Nach dem kurzen Interview folgt der eigentlich interessante Teil: Ein bärtiger, mutmaßlich tschetschenischer Kämpfer beschreibt die Eroberung der Millionenstadt. Er steht auf einer Autobahnbrücke und erzählt, wie die irakischen Truppen nach der Tötung eines Offiziers aus der Stadt flohen und Waffen und Ausrüstung zurückließen. Als nächstes nimmt der dschihadistische „Tour Guide“ die Zuschauer mit zur Großen Moschee von Mosul. „Mit der Ankunft des Islamischen Staates nahm der Islam in einem völlig neuen Weg Eingang in das Leben der Bewohner“, erzählt er, während zwei Männer gezeigt werden, die mit einem Auto durch die Straßen fahren und durch Lautsprecher etwas verkünden. Auf einem Schild steht „Hisba“ (حسبة), es handelt sich dabei wohl um eine Art Religionspolizei oder eher noch „Ordnungsamt“. Während die Straßenszenen mit der Kamera aufgefangen werden, berichtet der Erzähler stolz: „Viele Christen, die in der Stadt geblieben sind, sind jetzt interessiert am Islam, weil sie den wahren Islam gesehen haben, wie er umgesetzt wird und welche Ergebnisse er für alle Aspekte des Lebens bringt.“ Viele christliche Familien würden nun den Islam annehmen. Etwas zynisch – aber vom Erzähler wohl tatsächlich als Errungenschaft wahrgenommen – wirkt der Bericht darüber, dass „erst vor kurzem 130 jesidische Männer den Islam angenommen“ hätte. „Und wie Ihr wisst, sind die Jesiden Teufelsanbeter.“ Der Islam verbreite sich mit Wort und Schwert. Und aller Lob gebühre Allah…
Letzte Station der „Reportage“ ist der bekannte Scharia-Gerichtshof von Mosul. Denn die Durchsetzung der Scharia für alle Lebensbereiche sei der fundamentale Unterschied zwischen säkularen Staaten und dem Islamischen Staat. In den letzten zwei Monaten seien an diesem Gericht mehr als 1.000 Fälle behandelt worden, sagt der Reporter. Ein Beweis dafür, dass das Vertrauen der Menschen in den Islamischen Staat ungebrochen sei.


Das Video ist von der Machart her den von mir in Teil 1 gezeigten Produktionen ähnlich, was Effekte und Qualität angeht. Es fällt zudem auf, dass sich dieses Video an russisches oder tschetschenisches Publikum richtet. Dennoch wird das Gesagte durch Untertitel auch auf Englisch und Arabisch wiedergegeben. Ich bin mir nicht sicher, welcher Kategorie man dieses Video zuordnen kann, aber es trägt ganz klar Züge einer Reportage. Es gibt Interviews mit Passanten oder Offiziellen, Straßenszenen und Aufnahmen des Gebets, während der Kampfveteran das Publikum mit Informationen versorgt. Wenn er selbst ins Bild kommt, steht er meistens, doch im letzten Abschnitt geht er die Treppe des Scharia-Gerichtshofes hinauf, während er erzählt – und erinnert dabei fast zwangsläufig an amerikanische Dokumentationen, in denen der Reporter gerne gestikulierend eine Straße entlanggeht oder Treppenstufen ersteigt. Während diese Elemente zunehmen, werden andere Effekte seltener. Hintergrundmusik setzt erst im letzten Fünftel des Videos ein, schwarze Fahnen treten etwas weniger vehement auf. Bilder von Toten, die der Abschreckung dienen sollen, fehlen gänzlich. In der letzten Minute werden aber trotzdem Zeitlupe und Zeitraffer eingesetzt, fast so als sei dieses Merkmal charakteristisch für die zynische Verspieltheit der Produzenten des Al-Hayat Media Center. Als wolle es das Video, das die Ideologie eines kunst- und humorlosen Herrschaftsgebildes in die Welt tragen soll, doch um eine kunstvolle Nuance ergänzen. Und um dem Ganzen einen gewichtigen Schlusspunkt zu setzen, zeigen die Macher am Ende, als der Gerichtsbeamte aus dem Koran zitiert, ein Minarett, über dem die schwarze Fahne des IS weht. Willkommen im Kalifat, wo Recht und Ordnung herrscht. Diese Botschaft geht – wie wir gesehen haben – auf den verschiedensten Sprachen und auf unterschiedlichen Wegen hinaus in die Welt. Die wichtigste Erkenntnis für die Beobachtenden mag aber sein, dass der IS auf keinen Fall zu unterschätzen ist, was seine strukturgebenden Fähigkeiten angeht: Diese Videos bleiben nur Videos, Erzeugnisse einer Propagandamaschinerie, doch trotzdem geben sie dem Experiment „Terrorgruppe gründet Staat“ eine gewisse Festigkeit und Stabilität sowie eine Repräsentanz, die fast ganz ohne hohe Abgeordnete auskommt, sondern sich hauptsächlich auf (insgeheim wahrscheinlich verängstigte) Passanten und Ex-Frontkämpfer beruft.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 1)

Wie sieht Öffentlichkeitsarbeit von Terroristen aus? Heute möchte ich unseren Blick auf das Al-Hayat Media Center, die Propaganda-Abteilung des Islamischen Staates, und vor allem auf seine Videos lenken. Public Relations spielen auch im Dschihadismus eine wichtige Rolle. Während Osama bin Laden seinerzeit in unregelmäßigen Abständen Drohbotschaften gegen die USA in die Welt sendete und sich die Youtube-Channels der meisten Terrorgruppen durch verwackelte Handyvideos von nächtlichen Kampfszenen auszeichnen, fährt der IS mittlerweile ganz andere Kaliber auf. Mehrminütige Videos, raffiniert zusammengeschnitten und qualitativ hochwertig. Es soll scheinbar mehr auf die Leinwand gebracht werden als nur Dschihad und Geballer.

Wie die meisten Videos aus islamistischer oder dschihadistischer Produktion arbeiten auch die Filme des IS mit Musik. Bei manchen von ihnen bleibt die Musik im Hintergrund, anderswo ist sie Trägerin der eigentlichen Botschaft. Im folgenden Video spielt der Nasheed, die a-cappella-Lobpreisung des Propheten (oder in diesem Fall: des Kalifen), eine zentrale Rolle. Es ist ein deutschsprachiges Video, das sich an muslimisches Publikum richtet:

[Warnung: Zwischen 2:29 und 3:05 wird eine sehr unschöne Aufnahme eines toten kurdischen Kämpfers gezeigt.]


In diesem kurzen Film wird all das deutlich, was eine Produktion von Al-Hayat Media Center ausmacht: Gesang und Lobpreisung des Kalifen auf der Audio-Ebene, die schwarze Fahne des Propheten, Kämpfer auf Pferden und in den Sonnenuntergang ziehende Dschihadisten auf der visuellen Ebene. Bemerkenswert ist der Einsatz von Effekten – erbebender Boden beim Abschuss einer Mörsergranate, bewegte Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Vor allem mit Zeitlupen wird gearbeitet, einzelne Abschnitte innerhalb bestimmter Sequenzen werden im Tempo verlangsamt, um gezielt Elemente wie etwa vorbeifahrende Panzer oder einen Jungen, der die schwarze Fahne des IS über eine Straße trägt, hervorzuheben. Zu diesem Zweck wird auch mit Schärfen und Unschärfen gespielt.
Ein weiteres Element, das in keinem der zahlreichen IS-Videos fehlt, sind die vielen kampferprobten Männer, die sich in den wenigen Pausen, die der Dschihad ihnen bietet, versammeln um zu beten, ihrem Kalifen die Treue zu schwören und sich an mehreren Stellen in den Videos kameradschaftlich umarmen. Ob am Ende eines Gebets oder anlässlich eines Sieges – Kameradschaft und Umarmungen spielen eine wichtige Rolle.

Doch wieso? Und hier kommen wir auch schon zum Sinn und Zweck dieser Videos: Während die ersten unkoordinierten Produktionen des IS noch Szenen der Eroberung irakischer und syrischer Armeestützpunkte zeigten, hat sich der Fokus nun gewandelt. In jungen muslimischen Männern aus aller Welt soll nicht mehr nur der Kampfesgeist geweckt werden. Anstelle das blutige Gemetzel zu zeigen, das der IS zwischen Euphrat, Tigris und Mittelmeer anrichtet, wird vielmehr die Illusion eines islamischen „Staates“, eines funktionierenden Kalifats in den Mittelpunkt gerückt, in dem neben (radikal ausgelegtem islamischen) Recht und Ordnung auch vor allem die Männerfreundschaft unter Kameraden und Kampfgenossen herrscht. Die IS-Propagandaabteilung versucht, das Bild einer Oase inmitten einer Wüste von Ungläubigen zu zeichnen. Hierbei füllen Kalaschnikows, Panzer und Raketen zwar noch eine Rahmenfunktion aus, doch der Trend geht zu befriedeten Straßen, im Park spielenden kleinen Jungen oder auch zu Besuchen im Scharia-Gerichtshof (ein Beispiel folgt im nächsten Teil der Reihe).
Das nächste Beispielvideo wurde anlässlich des Eid al-Fitr, dem islamischen Fest des Fastenbrechens zum Ende des Monats Ramadan, im Sommer 2014 veröffentlicht und übermittelt die Grüße verschiedener Dschihadisten an ihre „Brüder“ im Rest der Welt. Das Video beginnt mit einer längeren Gebetsszene in der Hauptmoschee des IS im irakischen Mosul. Dann folgen verschiedene Szenen, in denen kleine Jungen instrumentalisiert werden und „Allahu Akbar“ singen und rufen. Schließlich kommen die Grüße, die dem Video den Titel „Eid Greetings from the Land of Khilafa“ („Eid-Grüße aus dem Land des Kalifats“) gegeben haben. Abu Abdullah al-Habashi aus Großbritannien spricht ein Grußwort, Abu Shua’ib as-Somali aus Finnland kommt zu Wort und reitet auf einem Esel über eine Kreuzung. Zwischendurch verteilen Männer Spielzeugpistolen an Kinder im Park. Ein belgischer Dschihadist wendet sich sogar auf Flämisch an seine Glaubensgenossen (14:00).


Auffällig ist vor allem in diesem Video, dass keine einzige Frau auf den Straßen, im Park, oder generell in der Öffentlichkeit zu sehen ist. In der islamischen Welt kommt Frauen traditionell verstärkt die Rolle der Hausfrau und Mutter zu, was sie jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben und alltäglichen Straßenszenen ausschließt. Im Islamischen Staat sind Frauen jedoch in die Häuser verbannt, die Straße bleibt den Männern vorbehalten. Ob diese Diskriminierung auch in der Realität so durchgesetzt wird lässt sich mit Sicherheit kaum feststellen, doch in den PR-Videos wird dieses Bild (bewusst) vermittelt.

Wo wir auch schon beim viel interessanteren Teil der Analyse wären: Was können wir anhand der Propaganda-Videos des IS an Einblicken in das Innerste der Bewegung gewinnen? Diese Art von Videos unterscheidet sich nämlich von jenen, die abschrecken sollen (Hinrichtungen, v.a. Enthauptungen ausländischer Geiseln), und solchen, die durch Kampfszenen einfach nur die Abenteuerlust vieler junger Männer ansprechen. Die aufwändigen Produktionen von Al-Hayat Media Center versuchen ein (trotz aller Waffen und der zynischen Botschaften) harmonisches Bild darzustellen. Dennoch zeigen sie uns vor allem das, was die Terroristen uns sehen lassen wollen. Man bekommt keine getöteten Jesiden zu Gesicht, keine gesprengten schiitischen Schreine und keine vertriebenen Christen. Die Beter in der Moschee von Mosul sind ausgewählt, die Jungen im Park sind naive Kinder und Jugendliche. Die bärtigen Männer, die sich in ihrer Landessprache an die Daheimgebliebenen richten, offenbaren ihre eigene Identität, verbrennen teilweise vor den IS-Kameras ihre Pässe. Sie sind sich ihrer Sache sicher. Sie kämpfen nicht einmal mehr nur für eine verzerrte Paradiesvorstellung, sondern sie opfern sich bereitwillig einem Staat, der in losen Grenzen schon lange besteht. Ein wichtiges Mittel, um den Islamischen Staat zu festigen, sind neben Waffen und Männern auch die Propagandavideos. Sie locken neue Kämpfer an, heben die Moral der Alten und bauen mit an dem Bild eines Staates, der zum Schrecken der ganzen Welt zu existieren begann. Das Kalifat ist ein funktionierendes System und es heißt alle Gläubigen willkommen, sich hier niederzulassen – das ist die Botschaft.

Die hier vorgestellten Videos sind nur zwei Beispiele für das Propaganda-Repertoire des IS: Nasheed-Videos und Grußworte. Mit weiteren Kategorien beschäftige ich mich in späteren Beiträgen, so auch mit einem Video in russischer Sprache (mit arabischen und englischen Untertiteln), in dem ein einzelner Protagonist vom Leben im IS erzählt und das uns wiederum einen anderen Blickwinkel mit wertvollen Einblicken bietet.

Dienstag, 3. Februar 2015

Music: "Up The Wolves" by The Mountain Goats

Normally I don’t write about songs and lyrics. The reason for that might be a certain lack of specific taste for music that I did or didn’t develop over the years. Nevertheless, this one I found interesting:


I didn’t really love it when we had to do interpretation work on poetry at school. What’s the use of that anyway? As far as I experienced it you can never be certain about the meaning of any phrase in any poem or lyrics unless you ask the composer, poet or writer himself (or herself). And even then you can never be sure about anything. However, this song by The Mountain Goats caught my attention when I watched The Walking Dead. It was released in 2005 and combines elements of revenge, relief, and maybe a sense of revolution. “There'll always be a few things, maybe several things / That you're gonna find really difficult to forgive” – But the day will come when these feelings will fall off eventually. In this song the great relief culminates in revenge, even brutality to an epic extend: “I'm gonna bribe the officials / I'm gonna kill all the judges / It's gonna take you people years / To recover from all of the damage.” But what is the actual message this song carries to the listener’s minds? Let’s ask singer John Darnielle himself:

“I'm always trying to figure out what to say about this god damn song. Part of me wants to say look it's about revenge, but as soon as I say that... no, that's not quite it. Part of me wants to say it's about the satisfaction of not needing revenge... and I say no, that some new age stuff. I think it's a song about the moment in your quest for revenge when you learn to embrace the futility of it. The moment when you know that the thing you want is ridiculous and pompous and a terrible thing to want anyway. The direction in which you're headed is not the direction in which you want to go, yet you're going to head that way a while longer anyway cause that's just the kind of person you are.” (Darnielle at Bowery Ballroom, 2007)

Thus, the chorus becomes the most important part of this song:

“Our mother has been absent
Ever since we founded Rome
But there's gonna be a party
When the wolf comes home.”

Romulus and Remus, the two wolves that founded the Eternal City, were abandoned by their mother. But nevertheless, Darnielle makes them having a party when she returns. This song is about how you’re going to be alright, Darnielle said at another occasion. So, revenge might be the wrong way to go and in the end it’s a path you eventually don’t even find worth going. And in my point of view, that is a very encouraging conclusion and a nice message, too. One day...? – One day I don’t even care anymore and it will be quite well.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Friedrich, Deutschland und Pegida

Es freut mich ja, wenn unsere eiserne, unbeugsame und alternativlose Kanzlerin auch aus den eigenen Reihen mal Kritik zu hören bekommt – allerdings nicht unbedingt von Peter Friedrich! Dieser macht nämlich den scheinbar zu linken Kurs der CDU mitverantwortlich für den aktuellen Pegida-Höhenflug und meint: „Ich glaube, dass wir in der Vergangenheit mit der Frage nach der Identität unseres Volkes und unserer Nation zu leichtfertig umgegangen sind.“ Zur doppelten Staatsbürgerschaft (für Türken in Deutschland) hat er zu sagen: „Natürlich war die Zustimmung zur doppelten Staatsangehörigkeit ein Fehler. Gerade in einer Zeit, in der die Menschen wieder nach kultureller Identität, Heimat und Zusammenhalt fragen, ist der leichtfertige Umgang mit der Staatsbürgerschaft falsch.“
Fragen die Menschen wirklich wieder nach kultureller Identität, Heimat und Zusammenhalt? Und wenn ja, warum?! Die Deutschen gehen wie Jahre und Jahrzehnte zuvor auf Weihnachtsmärkte, die in keiner einzigen deutschen Stadt in „Jahresabschlussmärkte“ umbenannt wurden. Ob Christ/-in oder nicht, gefühlt hat jede/-r zweite Facebook-Nutzer/-in mindestens ein kitschiges Foto gepostet, auf dem irgendwelche Weihnachtsaccessoires zu sehen sind. Die Deutschen sind Weltmeister und haben im Sommer eine riesige Party in Schwarz-Rot-Gold auf den Straßen gefeiert. Deutschland ist seit November offiziell das beliebteste Land der Welt. Natürlich geht es in diesem Land auch einigen Menschen ziemlich sche*ße, aber alles in allem haben wir eine souveräne Grundlage, auf die wir aufbauen können. Wieso um alles in der Welt sucht der/die durchschnittliche Deutsche plötzlich nach mehr Identität, mehr Heimat, mehr Zusammenhalt? Ist das, was wir haben, nicht schon eine ganze Menge?
Vielleicht stellt sich heute gar nicht die Frage, wie viel „Fremdes“ eine Gesellschaft verträgt, sondern wie viel „Nation“ eine Gesellschaft ertragen kann, bevor es zu bleibende Schäden kommt. Doch in unseren Tagen gehen immer mehr „besorgte Deutsche“, die angeblich der „bürgerlichen Mitte“ entstammen, auf die Straße und vertreten Thesen wie „Für mich ist es völlig unerheblich, ob es denHolocaust gegeben hat. Das ist 70 Jahre her!“ – Zur Erinnerung: Im März 1933 wurde die NSDAP von 43,9% des Volkes demokratisch an die Macht gewählt. Damals waren (nur) etwas mehr als 9% der Bevölkerung arbeitslos. Dies offenbart, was oft übersehen wird: Hitlers Wahlsieg wurde von großen Teilen der „bürgerlichen Mitte“ getragen. – Vielleicht ist das auch der Grund, wieso uns unser deutsches Schulsystem und die von Pegida & Co. als „Lügenpresse“ bezeichneten Medien zu Recht immer wieder daran erinnern, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist.

Montag, 22. Dezember 2014

Zweite Bogida-Demo in Bonn

Oh, Du friedliche Weihnachtszeit…! Heute, am 22. Dezember 2014, fand die zweite Bogida-Demonstration in Bonn statt. Wahrscheinlich ist dies der Anfang einer Reihe von Veranstaltungen gegen Islamismus und die „Islamisierung des Abendlandes“. Man darf sich also – wie in so vielen deutschen Großstädten – auf mehr gefasst machen.


Es waren angeblich über 2.500 Gegendemonstranten,die sich vor dem Rathaus auf dem Bonner Marktplatz versammelten. Anders als letzte Woche war man sich näher, stand sich Auge in Auge gegenüber. Wie angekündigt waren rechte Demonstranten eigens aus dem Saarland angereist. „Saarländer gegen Salafisten“ konnte man auf einem Plakat lesen, hinter dem sich Kahlköpfe mit Deutschlandflaggen postiert hatten. Zu Beginn und am Ende präsentierten die Rechten ihre Redner. Die Stimmung war aufgeheizt, meist gelang es, die Worte von Initiatorin Melanie Dittmer, einer stadtbekannten Persönlichkeit der rechten Szene, zu übertönen. Ein mehr oder weniger prominenter Gast war Udo Ulfkotte, ehemaliger FAZ-Reporter und Politikwissenschaftler, der in der Vergangenheit schon oft wegen islamfeindlicher Haltungen aufgetreten ist und den rechtspopulistischen Verein Pax Europa mitbegründet hat. Von den verschiedenen Rednern gab es wieder die gewohnten Fakten zum gewohnten Zweck: "Es wurden über 3.000 Moscheen gebaut!" - "Asylbewerber machen hier Urlaub!" - "Die Politiker wollen Deutschland islamisieren."


Diese Woche dominierten Hooligans und kahl rasierte Köpfe unter den 250 Teilnehmern, doch auch die eine oder andere Großmutter war unter den Bogida-Demonstranten. Eine von ihnen streckte den lauten Gegendemonstranten ein Plakat entgegen, das über die Bösartigkeit des Islam aufklärte, man winkte sich höhnisch zu und würdigte sich mit Stinkefingern. Ein Nazi drehte durch und wurde abgeführt, ein paar Antifas warfen mit Plastikbechern. Doch dann setzte sich der Zug in Bewegung und den Rechten gelang es dieses Mal tatsächlich, ihren „Abendspaziergang“ zu vollführen. Die Straßen waren gesäumt von Polizeisperren und Uniformierten mit Helmen, laut vorherigen Berichten waren 900 Polizisten im Einsatz. Jenseits der Sperren warteten die gegendemonstrierenden Hundertschaften mit Pfiffen und Sprechchören, sogar aus den Fenstern der umliegenden Häuser kam das eine oder andere Plakat.


Auch anderswo in Deutschland kam es heute zu Demonstrationen. Allerdings sieht es nicht überall gut aus für den Widerstand gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus: In Dresden zum Beispiel konnten sich gegen 17.500 Pegida-Demonstranten nur 4.300 Bürger_innen mobilisieren. Die Rechten haben gegenüber letzter Woche einen Zulauf erfahren. In München gingen aber immerhin 12.000 Menschen gegen die Pegida-Bewegung auf die Straße. Höchstwahrscheinlich wird die Welle des Ausländerhasses und der Islamfeindlichkeit uns auch nächstes Jahr begleiten. Doch die Bonner Bogida hat durch ihre kahlköpfigen Unterstützer ein für alle Mal klargemacht, wo sie zu verordnen ist – am äußeren rechten Rand dieser Stadt.


Bericht zur ersten Bogida-Demo: hier.

Samstag, 20. Dezember 2014

Rheinländische Weihnacht

Weihnachtsmärkte sind der perfekte Ort, um das alltägliche Elend, das einen in diesem Jahr stetig begleitet hat, eine kurze Weile zu vergessen. Sicherlich, um an Glühwein-, Bratwurst- und Crêpes-Ständen satt zu werden ist ein gewisses finanzielles Polster von Nöten. Aber wenn man das einmal außer Acht lässt sind Weihnachtsmärkte einfach nur schön. Wo sonst findet man bunte Vogelhäuschen, Himbeerseife und Lángos auf einem Fleck? Wo könnte man sonst dem Lachs zusehen, wie er – mit mittelalterlichen Metallstiften an grobe Holzbretter genagelt – vor sich hin räuchert? Kunst und Kitsch erfreuen das Auge, Brauchbares und Unbrauchbares findet seinen Weg in die Einkaufstüte, bis die Liste mit den Namen der zu Beschenkenden nach und nach mit Häkchen abgearbeitet ist. Jung und alt erwärmt sich am Glühwein, während die sprechenden Hirsche auf dem Dach versuchen, die bayerische Sprache zu imitieren oder die Trinkenden mit den nervigsten Weihnachtsliedern anzulocken.
Es ist aber mal wieder an der Zeit für ein paar Fotos aus Bonn. Weihnachtsmärkte ähneln sich überall, und dennoch hat jede Stadt ihren eigenen Style, wie sie eben auch ihren eigenen Charme hat.

Das typischste aller Bilder von jedem Weihnachtsmarkt: Bunte Herzen, allesamt essbar, aber schwer verdaulich...

Der Bonner Weihnachtsmarkt bietet sogar ein Riesenrad.

Dom und Weihnachtspyramide in Großformat.

Zum Schluss noch ein Ausflug nach Köln mit einem Bild der Krippe im Dom, die ich irgendwie sehenswert fand. Jesus und seine Family sind allerdings irgendwo rechts versteckt, dafür sehen wir in der Mitte unten auch einen netten „Weihnachtsmarkt“.


Montag, 15. Dezember 2014

Demo und Gegendemo in Bonn

Was wäre ein Montag ohne Demonstrationen? Das haben sich auch ein paar Zeitgenossen aus der oft beschworenen bürgerlichen Mitte gedacht und im Namen von Bogida („Bonn gegen Islamismus in Deutschland und im Abendland“) einen sogenannten „Abendspaziergang“ organisiert. Angemeldet waren 500 Teilnehmer für 18.30 Uhr, doch mit dem Spaziergang wurde es nichts, denn „Bonn stellt sich quer“ stellte sich erfolgreich in den Weg. Um zwanzig vor sieben wird der Spaziergang abgesagt und stattdessen gibt es ein paar Redebeiträge: „Seit 1945 kamen 600.000 Muslime in unser Land!“ – „Moscheen!“ – „Frauen!“ – „Wir sind das Volk!“ – Das Übliche eben.

Bevor die beiden Demos losgingen, konnte man noch unbehelligt zwischen den Polizeireihen hindurch diffundieren und von den Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Antifas hinüberwechseln zu den Verteidigern der deutschen Weltordnung. Ab und zu traf man aber auf ein paar wackere Großmütter, die sich den Weg zur Bogida erfragten. Die Bonner Bürgerschaft teilte sich mit der Zeit je einer der beiden Seiten zu. Wie vermutet waren die Personen mit Deutschlandfahnen in der Unterzahl. Am Rande der anfangs noch recht mickrigen Truppe diskutierte man schon über das N-Wort. „Nein, das sind doch keine Nazis!“, argumentiert ein angegrauter Herr. – „Ja, was sind Sie dann?“, wird er direkt angesprochen. – „Ich? Ich gehöre da gar nicht dazu! Ich beobachte nur.“ Fast will man den beiden entgegenrufen: Nazis sagt man doch heute nicht mehr! Das sind doch lediglich treue Nationaldemokraten. Und AfD-Professoren natürlich.


Zurück zur Ernsthaftigkeit, denn ernst ist die Lage ganz sicher. Die ganze Pegida-, Bogida- oder Dügida-Debatte führt uns eines vor Augen: Möglicherweise demonstriert hier tatsächlich nur die bürgerliche Mitte. Hatte nicht 1933 niemand anderer das große Unheil heraufgewählt als eben die Durchschnittsbürger/-innen ihrer Zeit? Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus und vor allem das Misstrauen gegenüber Asylbewerbern finden sich in der Mitte der Gesellschaft, nicht seltener und nicht weniger als anderswo.

Glücklicherweise gibt es noch einen weit größeren Teil, der sich dem entgegenstellt. Auch wenn sich nicht jeder mit den „Nie wieder Deutschland!“-Rufen der antideutschen extremen Linken identifizieren kann, so kann man doch sagen, dass am Montag in Bonn ein befriedigendes Zeichen gegen Rechts gesetzt wurde. Mit Musik und vor allem mit viel Lärm wurden die Redner der Gegenseite übertönt, mit Menschenmassen wurde die rechte Demo eingekesselt. Bonn kriegen sie nicht.

Gegendemonstrantion in Bahnhofsnähe.
Da wäre aber noch etwas anderes. Ich habe mich ungefähr zwei Sekunden lang gefragt, was es denn zu bedeuten hätte, dass neben Plakaten mit der Forderung „Stoppt die Islamisierung Europas!“ eine norwegische Flagge auftaucht. Und die Antwort darauf offenbart, dass der patriotische Teil der bürgerlichen Mitte keine Skrupel hat, sich mit einem Mann zu identifizieren, der am 22. Juli 2011 den Kampf gegen die „Islamisierung“ begann und kaltblütig 77 Menschen massakrierte. Wenn das mal nicht einiges über diese neue abendlandsbesessene Bewegung aussagt...

Klarstellung und Anmerkung vom 21. Dezember: Norwegische Flaggen werden auf rechten Demos schon seit Jahren verwendet, nicht erst seit den Attentaten von Breivik. Norwegen ist ein besonders tolerantes und offenes Land, gilt bei europäischen Nationalisten jedoch als jenes Land, in dem sich bis heute die "arische Rasse" am reinsten erhalten hat. Es besteht natürlich noch eine zweite Möglichkeit, nämlich dass es sich dabei nicht um eine norwegische Flagge gehandelt hat, sondern um jenen Entwurf, der 1948 als Vorschlag zur neuen deutschen Flagge eingereicht wurde. In diesem Fall war es kein blaues Kreuz (wie das auf der norwegischen Flagge), sondern ein schwarzes. Diese "alternative" deutsche Flagge wird gerade auf solchen "patriotischen" Demonstrationen oft gern gezeigt.

Freitag, 12. Dezember 2014

"Sie sind überall!" - Faktencheck und nachdenkliches Kopfschütteln

Der Spiegel macht den Faktencheck zu Behauptungen der Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“), widerlegt falsche Behauptungen und uralte Ressentiments. Sogar GMX fragt: „Was ist dran an den Vorurteilen?“ So stellt man sich den neuen alten Ängsten derjenigen, die von sich selbst behaupten, aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen. Die Zeitungen und Magazine schreiben angestrengt gegen jene Kräfte an, die in Dresden kürzlich 19.000 „besorgte Bürger“ mobilisieren konnten, um gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. Zumindest versuchen sie es.
Doch wo schreiben hoffnungslos erscheint, muss man fragen: Was treibt diese Menschen an? Woher kommt die Angst – und wie kann man ihr begegnen?

Die immer gleichen Vorurteile

Die gängigsten Vorurteile und Behauptungen lassen sich mittlerweile sogar mit Statistiken und in Stein gemeißelten Zahlen widerlegen. Dass Zuwanderung den fleißigen Deutschen nur Geld kosten würde, hat eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) als falsch erwiesen: Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass haben im Jahr 2012 für einen Überschuss von rund 22 Milliarden Euro gesorgt. Jeder Ausländer und jede Ausländerin zahlt pro Jahr etwa 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er oder sie an staatlichen Leistungen erhält.
Nun gut, aber kriminell ist der Ausländer an und für sich ja doch, oder? Wieder falsch. Die polizeiliche Kriminalstatistik (ebenfalls 2012) offenbart, dass nur jeder vierte Tatverdächtige keinen deutschen Pass hat – darin inbegriffen Touristen und aus dem Ausland agierende Banden.

Das älteste aller Vorurteile müsste heutzutage eigentlich gar nicht mehr thematisiert werden, gäbe es nicht einige Hetzer und ihre ungebildeten Fußsoldaten, die immer noch an das Märchen von der weggenommenen Arbeit glauben: Ausländer nehmen den fleißigen Deutschen die Arbeitsplätze weg. – Die Zahlen sprechen auch hier eine andere Sprache, der Mangel an Fachkräften und die Vielzahl unbesetzter Lehrstellen in vielen Regionen Deutschlands untermauern die Statistik. Währenddessen arbeiten studierte Iraner mitunter als Taxifahrer in Köln oder München, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden.
Aber wenn wir ehrlich sind, hat „der Ausländer“ immer nur die Drecksarbeit gemacht – und wurde genauso behandelt wie das, was er wegputzen musste. Wer sich an die Achtziger und Günter Wallraffs „Ganz unten“ (1985) nicht mehr erinnern kann, der sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Links verwiesen.

„Sie sind überall“

Wer mit dem Jargon der extremen Rechten vertraut ist, dem muss jedes Mal ein Schauer über den Rücken laufen, wenn er Stimmen aus der Mitte der Gesellschaft mit dem Begriff „Überfremdung“ jonglieren hört. Was bitte soll man darunter verstehen? Von Überfremdung singen „national gesinnte“ Liedermacher mit weinerlicher Stimme, gegen die Überfremdung schreien neubraune Führer in Bierzelten auf NPD-Kinderfesten an – aber in der bürgerlichen Mitte hat diese Sprache nichts verloren, nicht zuletzt weil die Aussage, die dahinter steht, grober Unfug ist. Wenn sich ein ganzes Land fremd wird, dann hat es größere Probleme als die Zuwanderung.

Die Diskussion um Zuwanderung, Integration und Migranten hält mittlerweile schon zu viele Jahre an, ohne wirklich Ergebnisse zu liefern. Bei den zuvor genannten Vorurteilen und den dazugehörigen Diskussionen am sprichwörtlichen Stammtisch geht es in Wirklichkeit nicht um Tatsachen – auch nicht beim Thema Muslime. Es geht um subjektives Empfinden. Denn Fakt ist: Muslime machen in Deutschlands gerade einmal um die 5 Prozent der Bevölkerung aus. Eine verschwindend kleine Minderheit, vor der das deutsche Abendland eigentlich keine Angst zu haben braucht. Doch fragt man jenen Teil der Bevölkerung, der Angst vor „dem Islam“ hat, so wird der Anteil der Muslime um ein Vielfaches höher eingeschätzt. Dieses Phänomen gibt es nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Einwanderer ankommen und sich ins alltägliche Stadtbild integrieren. So wird z.B. auch in Großbritannien der prozentuale Anteil von Muslimen und Ausländern zu hoch eingeschätzt.
Die Angst vor dem Fremden hat die Tendenz, sich bisweilen in eine unkontrollierbare Hysterie zu steigern. Doch wie kommt man gegen die neue Bewegung der Angstbürger an? Scheinbar nicht mit Zahlen und Fakten, denn die Anhänger dieser selbsternannten Bürgerbewegungen glauben nur der eigenen Statistik: Sie sehen einige überwiegend von Arabern bevölkerte Stadtteile, eine größtenteils von fremdländisch aussehenden Kindern besuchte Schule, ein morgenländisches Gebetshaus und können es angesichts dessen nicht ertragen, dass in ihrer Heimat auch andere Menschen heimisch geworden sind.
Die Angst vor dem Unbekannten – oder noch schlimmer: vor dem aus politically incorrecten Gruselmärchen schon bekannt Erscheinenden – ist es, die neuerdings Massen auf die Straße bringen kann. Seit dem Elften September ist das Kopftuch, das unsere deutschen Großmütter vor vierzig oder fünfzig Jahren noch wie selbstverständlich trugen, zu einem Symbol der „Überfremdung“ geworden. Die Debatte über entweder unterdrückte oder fundamentalistische „Kopftuchmädchen“, die in Wirklichkeit doch eigentlich nur ihren Glauben leben und in Ruhe gelassen werden wollen, scheint erst jetzt abzuflauen, da man endlich ein handfestes, brandgefährliches und noch bedrohlicheres Beispiel für die Schattenseiten der islamischen Kultur gefunden hat: Während Terroristen und Theokraten im Nahen Osten ein Kalifat des Schreckens zu errichten versuchen, fühlen sich die rechten Hetzer und Breivik-Anhänger in der Echtheit des Konstrukts, das sie „Islamisierung des christlich-jüdischen Abendlandes“ nennen, bestärkt.

Willkommenskultur – Auffanglagerkultur

Ressentiments gegen Ausländer und Zuwanderungskritik gibt es seit der ersten Stunde deutscher Einwanderungsgeschichte. Bis zum heutigen Tag hat sich die Stimmung zu einem neuen Höhepunkt seit den 1990er Jahren hochgeschaukelt, doch der Grund ist nicht etwa die aggressive Missionierungskultur rheinländischer Salafisten. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass immer mehr Menschen – und darunter auch viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern – in Deutschland Schutz vor Krieg, Vergewaltigung und Mord suchen. Denn mehr noch als das geliebte Vaterland lieben der und die Deutsche das Geld, das im Namen der deutschen Allgemeinheit ausgegeben wird. Und da kommt es vielen gerade Recht, wenn ihnen jemand erzählt, dass hunderttausende Asylbewerber_innen in Deutschland wie Gott in Frankreich leben. Bei Pegida-Demonstrationen wetterte der Initiator Lutz Bachmann gegen „Heime mit Vollversorgung“ für Flüchtlinge, während sich die deutschen Alten „manchmal noch nicht mal ein Stück Stollen leisten können zu Weihnachten“. Wie groß muss der Hass eines Volkes sein, wenn es seine Alten in miserable Heime steckt und dann Bürgerkriegsflüchtlinge zu Schuldigen erklärt?

Die ZEIT (04.12.2014, Nr. 50) berichtet über die aktuellen Zustände in vielen Lagern. Es wird auch der Kinderarzt Andreas Schultz zitiert, der in einem Asylbewerberheim in München Kinder behandelt.

Manchmal, sagt Schultz, erinnere ihn München an den Sudan. […] An die hundert Kinder wohnen in der Notunterkunft, viele von ihnen seien krank, sagt Schultz. Er hört ihren Brustkorb ab, untersucht ihre Ohren und Atemwege. Er erzählt von Kindern, die eitrige Mandeln haben, weil sie seit Tagen im Zelt schlafen. Von Jungen und Mädchen, die apathisch an die Decke starren, weil es kein Spielzeug gibt. Von Jugendlichen, die nachts vor Kummer schreien und tagsüber Bilder mit blutüberströmten Menschen malen. Von Babys, die Durchfall bekommen, weil sie das Essen im Heim nicht vertragen. „Die Kleinen bräuchten Brei“, sagt Schultz. „Stattdessen setzt man ihnen Hackfleisch vor.“

Vollverpflegung sieht anders aus. Das interessiert Leute wie Pegida-Bachmann aber nicht. Dabei geht es hier nicht einmal um Zuwanderung an sich, denn Asylbewerber sind zunächst einmal Schutzsuchende. (Oft wird dies auf beiden Seiten missverstanden: Asylgegner argumentieren, das Boot sei voll. Deutschland könne nicht noch mehr Menschen durchfüttern. Asylbefürworter argumentieren dagegen beim Thema Asyl, Deutschland bräuchte doch Zuwanderung, allein schon um die Wirtschaft am Laufen zu halten.)  Doch Flüchtlinge in Deutschland wollen in allererster Linie als Menschen behandelt werden und nicht als Zahlen, Nummern und Objekte. Sie wollen ein Leben in Würde führen. Ein Recht, das ihnen das Grundgesetz eigentlich zugesteht.
Dabei sind die meisten Deutschen gastfreundlich – nur eben nicht im eigenen Wohngebiet:

Im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvestehude wird seit Oktober um ein Asylbewerberheim gestritten. Einige Nachbarn sind gegen das Heim vor Gericht gezogen, sie sagen, sie hätten Angst vor „Kinderlärm“. Harvestehude ist kein kinderfeindlicher Ort. Es gibt „Wohlfühlkindergärten“ mit Biofrühstück und Kinderyogakursen, es gibt Kochschulen für Zwölfjährige und Kieferorthopäden speziell für Kinder. In manchen Flüchtlingsheimen gibt es nicht einmal Zahnbürsten. In Würzburg zum Beispiel werden Zahnbürsten nur an Asylbewerber verteilt, die älter als zwölf Jahre sind. Deutsche Kinder bekommen Zahnputzkurse, sie haben kaum noch Karies. Viele Flüchtlingskinder kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen, sie sind oft braun und morsch. Wenn ein deutsches Kind Karies hat, bohrt man ein Loch und füllt den Zahn. wenn ein Flüchtlingskind Karies hat, wartet man, bis der Zahn verrottet ist, so will es das deutsche Gesetz.

Das ist eigentlich zum Heulen. Menschen leben in Baracken, bekommen nicht einmal Hartz-IV und alleinstehende Männer versuchen häufiger als der umliegende deutsche Durchschnitt, sich selbst das Leben zu nehmen. Doch der Mainstream will in den Zeitungen lieber von ungerechtfertigter Vollverpflegung oder Drogenrazzien lesen.

„Ich bin autochthoner Deutscher.“ – „Ist das heilbar?“

„Bürgerbewegungen“ wie die Pegida und viele andere sprechen das offen aus, was (zu) viele Deutsche mittlerweile oder noch immer denken. Sie vertreten ein unvertretbares Deutschlandbild, in dem unterschieden wird zwischen Einheimischen und „Gästen“, die oft seit Generationen ihre Steuern in Deutschland zahlen, nie wirklich wie Gäste aufgenommen wurden und auch so schnell wie möglich wieder verschwinden sollen. Sie werfen diesen Gästen vor, undankbar zu sein. Dabei sind sie es selbst, die undankbar sind. In einem Land, das aus jeder Krise nahezu unbeschadet hervorgeht und sich dennoch bemitleidet, haben Zuwanderer oder Flüchtlinge dennoch keinen Platz. Im Land der Dichter und Denker denkt man immer weniger und dichtet nur noch selten – allerdings nicht deshalb, weil Zuwanderer, Asylanten oder Salafisten einen davon abhalten würden, sondern weil es viel komfortabler ist, erst einmal einen Schuldigen für ein aktuelles Schlamassel zu suchen. Doch vielleicht ist es die Art des (und der) Deutschen an sich: Wir haben schon mit uns selbst ein Problem, da brauchen wir nicht noch Andere, mit denen wir mehr Probleme haben können.

Doch wann fangen wir endlich an, uns um die wirklichen  Probleme zu kümmern – gemeinsam?