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Dienstag, 10. Februar 2015

"Freeing The Slave Women Of ISIS" (BBC Arabic)

Eine Reportage von BBC Arabic über die vom IS verschleppten Frauen im Nordirak und die Bemühungen, die Entführten wieder zurückzubringen. Die kurdische Journalistin Nareen Shammo hat ihren Job aufgegeben, um mit IS-Kämpfern zu verhandeln und gekidnappte Jesidinnen zu befreien.


In der Reportage kommen schockierende Details ans Tageslicht. Als der IS den nordirakischen Ort Shingal eroberte, wurden tausende von Menschen verschleppt und verkauft. Junge Frauen werden von IS-Kämpfern zu einem lächerlichen Preis ersteigert und geheiratet. Einige von ihnen müssen sogar Blut spenden für verwundete Kämpfer. Nareen Shammo kontaktiert entführte Frauen oder ihren Entführer, macht die Opfer über Facebook ausfindig und besucht ihre Familien. In dieser sehr emotionalen BBC-Reportage kommen die Opfer zu Wort, ihre Angehörigen, die unmittelbar Betroffenen. Die erschütternden Berichte und die Art und Weise, wie mit der Problematik umgegangen wird, ermöglichen einen Blick aus unbekannter Perspektive auf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche im Nordirak.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 2)

Heute befassen wir uns mit einem IS-Video, das nicht zu den Kategorien Nasheed (Musikvideo) oder Grußvideo gehört. Ich war mir nicht ganz sicher, wie dieses Filmchen einzuordnen ist, doch am nächsten kommt vielleicht die Bezeichnung Reportage.  

A Visit To Mosul“ bringt das Publikum ins Herz des Islamischen Staates und an die aktuelle Kraftquelle der Terrorbewegung. Seit Mitte Juni 2014 befindet sich die Stadt in der Macht des IS und ist seither einer schaurigen Entwicklung ausgesetzt: Christen wurden vertrieben oder zur Konversion gezwungen, Jesiden in der Umgebung mussten flüchten und waren in isolierten Bergregionen zeitweise dem Hungertod ausgesetzt. In Mosul selbst begann der IS, Kirchen zu Moscheen umzuweihen und schiitische Schreine, Grabstätten und Gotteshäuser mit Dynamit oder Vorschlaghämmern dem Erdboden gleich zu machen. Nun ist Mosul die Hauptstadt des „Wilayat Ninawa“, des Verwaltungsbezirks Ninive. 
Zu Beginn des Videos werden Passanten gefragt, wie sich die Situation seit der „Befreiung“ durch den IS verändert habe. Natürlich gibt es nur positive Resonanz: „Es gab [früher] Verhaftungen. Verhaftungen ohne Gnade“, erzählt einer der Befragten. Straßenblockaden, unbeschreibliche Ereignisse. Doch die Behandlung der Menschen durch die Soldaten des Islamischen Staates sei sehr gut. „Es gibt keine Probleme mit der Behandlung.“ – Nach dem kurzen Interview folgt der eigentlich interessante Teil: Ein bärtiger, mutmaßlich tschetschenischer Kämpfer beschreibt die Eroberung der Millionenstadt. Er steht auf einer Autobahnbrücke und erzählt, wie die irakischen Truppen nach der Tötung eines Offiziers aus der Stadt flohen und Waffen und Ausrüstung zurückließen. Als nächstes nimmt der dschihadistische „Tour Guide“ die Zuschauer mit zur Großen Moschee von Mosul. „Mit der Ankunft des Islamischen Staates nahm der Islam in einem völlig neuen Weg Eingang in das Leben der Bewohner“, erzählt er, während zwei Männer gezeigt werden, die mit einem Auto durch die Straßen fahren und durch Lautsprecher etwas verkünden. Auf einem Schild steht „Hisba“ (حسبة), es handelt sich dabei wohl um eine Art Religionspolizei oder eher noch „Ordnungsamt“. Während die Straßenszenen mit der Kamera aufgefangen werden, berichtet der Erzähler stolz: „Viele Christen, die in der Stadt geblieben sind, sind jetzt interessiert am Islam, weil sie den wahren Islam gesehen haben, wie er umgesetzt wird und welche Ergebnisse er für alle Aspekte des Lebens bringt.“ Viele christliche Familien würden nun den Islam annehmen. Etwas zynisch – aber vom Erzähler wohl tatsächlich als Errungenschaft wahrgenommen – wirkt der Bericht darüber, dass „erst vor kurzem 130 jesidische Männer den Islam angenommen“ hätte. „Und wie Ihr wisst, sind die Jesiden Teufelsanbeter.“ Der Islam verbreite sich mit Wort und Schwert. Und aller Lob gebühre Allah…
Letzte Station der „Reportage“ ist der bekannte Scharia-Gerichtshof von Mosul. Denn die Durchsetzung der Scharia für alle Lebensbereiche sei der fundamentale Unterschied zwischen säkularen Staaten und dem Islamischen Staat. In den letzten zwei Monaten seien an diesem Gericht mehr als 1.000 Fälle behandelt worden, sagt der Reporter. Ein Beweis dafür, dass das Vertrauen der Menschen in den Islamischen Staat ungebrochen sei.


Das Video ist von der Machart her den von mir in Teil 1 gezeigten Produktionen ähnlich, was Effekte und Qualität angeht. Es fällt zudem auf, dass sich dieses Video an russisches oder tschetschenisches Publikum richtet. Dennoch wird das Gesagte durch Untertitel auch auf Englisch und Arabisch wiedergegeben. Ich bin mir nicht sicher, welcher Kategorie man dieses Video zuordnen kann, aber es trägt ganz klar Züge einer Reportage. Es gibt Interviews mit Passanten oder Offiziellen, Straßenszenen und Aufnahmen des Gebets, während der Kampfveteran das Publikum mit Informationen versorgt. Wenn er selbst ins Bild kommt, steht er meistens, doch im letzten Abschnitt geht er die Treppe des Scharia-Gerichtshofes hinauf, während er erzählt – und erinnert dabei fast zwangsläufig an amerikanische Dokumentationen, in denen der Reporter gerne gestikulierend eine Straße entlanggeht oder Treppenstufen ersteigt. Während diese Elemente zunehmen, werden andere Effekte seltener. Hintergrundmusik setzt erst im letzten Fünftel des Videos ein, schwarze Fahnen treten etwas weniger vehement auf. Bilder von Toten, die der Abschreckung dienen sollen, fehlen gänzlich. In der letzten Minute werden aber trotzdem Zeitlupe und Zeitraffer eingesetzt, fast so als sei dieses Merkmal charakteristisch für die zynische Verspieltheit der Produzenten des Al-Hayat Media Center. Als wolle es das Video, das die Ideologie eines kunst- und humorlosen Herrschaftsgebildes in die Welt tragen soll, doch um eine kunstvolle Nuance ergänzen. Und um dem Ganzen einen gewichtigen Schlusspunkt zu setzen, zeigen die Macher am Ende, als der Gerichtsbeamte aus dem Koran zitiert, ein Minarett, über dem die schwarze Fahne des IS weht. Willkommen im Kalifat, wo Recht und Ordnung herrscht. Diese Botschaft geht – wie wir gesehen haben – auf den verschiedensten Sprachen und auf unterschiedlichen Wegen hinaus in die Welt. Die wichtigste Erkenntnis für die Beobachtenden mag aber sein, dass der IS auf keinen Fall zu unterschätzen ist, was seine strukturgebenden Fähigkeiten angeht: Diese Videos bleiben nur Videos, Erzeugnisse einer Propagandamaschinerie, doch trotzdem geben sie dem Experiment „Terrorgruppe gründet Staat“ eine gewisse Festigkeit und Stabilität sowie eine Repräsentanz, die fast ganz ohne hohe Abgeordnete auskommt, sondern sich hauptsächlich auf (insgeheim wahrscheinlich verängstigte) Passanten und Ex-Frontkämpfer beruft.

Dienstag, 26. August 2014

Der Versuch eines Einblicks in die Terrorgruppe IS

Die Vorgänge in Syrien und im Irak sind brutal, die letzten überlebenden Reste jahrtausendealter Kulturen werden zerstört. In Syrien gehen die Toten seit Beginn des Konflikts in die Hunderttausende, im Irak müsste man erst den Zeitpunkt definieren, ab dem man mit dem Zählen der Opfer beginnt. Das Regime von Saddam Hussein hat laut Human Rights Watch bis zu 290.000 Menschen auf dem Gewissen. Die US-amerikanische Besatzung und die in der Folge stellenweise eskalierenden Konflikte kosteten nicht nur über 4.000 alliierten Soldaten das Leben, sondern auch das von bis zu 600.000 irakischen Zivilisten. Heute, im Sommer des Jahres 2014, findet sich das Zweistromland erneut zwischen den Fronten verfeindeter Kräfte und internationaler Interessen wieder. Doch mittlerweile hat sich ein Gegner zwischen Syrien und Irak festgesetzt, den alle Beteiligten gleichermaßen fürchten: Der selbst proklamierte Islamische Staat (IS), eine dschihadistische Terrorgruppe, erobert Städte und Dörfer im Norden des Landes, vertreibt Christen, Jesiden und Turkmenen, köpft und massakriert Zivilisten, ausländische Berichterstatter und gefangene Soldaten. Vor einigen Tagen wurde der Journalist James Foley von IS-Terroristen enthauptet. Kurze Zeit später hat die Al-Nusra-Front, eine Gruppe aus dem Umfeld des Terrornetzwerks Al-Qaida, den US-Amerikaner Peter Theo Curtis freigelassen, der seit zwei Jahren in Syrien festgehalten wurde. Was dieser Schritt gerade jetzt zu bedeuten hat, erklärt Aviv Oreg, ehemaliger Leiter der Abteilung zum Thema Globaler Dschihad bei der israelischen Armee. Er geht davon aus, dass der Zeitpunkt der Freilassung bewusst gewählt ist. „Al-Qaida hat diesen Schritt zur Freilassung von Peter Curtis unternommen, um innerhalb der islamischen Welt wieder mehr Legitimität zu erhalten“, erklärte er laut der Nachrichtenagentur dpa.  Al-Qaida will sich noch mehr vom IS abgrenzen. Es ist paradox: Knallharte Dschihadisten distanzieren sich von noch knallhärteren Dschihadisten.

Doch wer sind die Männer, die hinter der Gruppe IS (arab. dā‘isch) stecken? Und wie funktioniert dieses Netzwerk? Leider ist es den meisten Journalisten nicht möglich, vor Ort und brandaktuell Hintergrundberichte aus dem Inneren des Terrornetzwerks zu liefern. Deshalb bleibt auch mir nur übrig, mich auf all das zu stützen, was im Internet an mehr oder weniger glaubwürdigen Berichten kursiert.

Der „Kalif“

Abu Bakr al-Baghdadi al-Husseini al-Quraschi hat seinen Name treffend gewählt: Abu Bakr war der zweite der sogenannten Rechtgeleiteten Kalifen und der direkte Nachfolger Muhammads im 7. Jahrhundert. Mit dem Namenszusatz (nisbe) al-Baghdadi will er sich als einheimischen Iraker legitimieren, der Zusatz al-Quraischi weist ihn als Angehörigen des Stammes des Propheten aus, den Quraisch. Ob diese Tatsachen der Wahrheit entsprechen, lässt sich schwer feststellen. Doch es ist zu vermuten, dass die Wahl des Namens lediglich der Festigung der Macht al-Baghdadis dienen sollte. In Wirklichkeit heißt der Mann, der gerade den Nahen Osten und die Welt darüber hinaus in Angst und Schrecken versetzt, Ibrahim al-Badri und stammt aus der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Samarra, einem bedeutenden schiitischen Pilgerort am Ostufer des Tigris. Er studierte Islamic Studies in der irakischen Hauptstadt und war zur Zeit der US-Invasion angeblich Geistlicher in seinem Heimatort. Seit 2003 durchlief er eine Laufbahn als Kämpfer in unterschiedlichen militanten Gruppierungen, bis er bei den Vorgängern des IS landete. Seit 2010 war al-Baghdadi Chef des IS, seit Ende Juni 2014 nennt er sich offizielle „Kalif Ibrahim“. Am 29. Juni rief er bei der Freitagspredigt in der Hauptmoschee von Mossul vor sorgfältig ausgewählten Gästen das „Kalifat“ aus. Er will einen neuen islamischen Staat auferstehen lassen und momentan scheint ihn niemand daran hindern zu können.

Terroristen online - Propaganda und wertvolle Einblicke

Wertvolle Einblicke in die Welt des IS liefert eine Reportage des VICE-Magazins: In „The Islamic State“ begleitet der Journalist Medyan Dairieh die Kämpfer des IS in und um Raqqa (Syrien) und bekommt die Möglichkeit, Statements von ranghohen Führern der Gruppe aufzunehmen. Dem Zuschauer wird Einsicht gewährt in das ganze System des „Kalifats“: Dairieh besucht ein Gefängnis und den Scharia-Gerichtshof, wird Zeuge der Vereidigung neuer Kämpfer und begleitet einen IS-Funktionär bei seiner Patrouille durch die Stadt. Diese Dokumentation ist momentan die einzige, in der die Zuschauer das Innere der besetzten Gebiete zu Gesicht bekommen. Daneben bleiben nur noch die zahlreichen Propagandavideos des IS als virtuelle Quellen übrig: Paraden durch eroberte Gebiete auf weißen Geländewagen, immer dabei die schwarze IS-Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Vermummte und unvermummte Kämpfer posieren mit Gefangenen. Auf einigen Videos sind Hinrichtungen zu sehen, auf anderen rufen ausländische Terroristen ihre Landsleute in der Heimat dazu auf, dem Ruf des Dschihad zu folgen. Es existiert auch ein längeres Video, eine Produktion der Propagandaabteilung des „Kalifats“. Und am bedeutendsten ist wohl die aufgezeichnete Predigt des Kalifen Ibrahim, die er vor seinen freiwilligen und unfreiwilligen Gefolgsleuten in der Moschee von Mossul hielt, bevor er - abgeschirmt von seinen Sicherheitsleuten - wieder im Nirgendwo verschwand. Mit diesem Video appelliert er an die Muslime der Welt, seinem Ruf zu folgen und in sein Kalifat zu immigrieren. Das wichtigste Ziel des gesamten Propagandaapparates ist es, kampfbereite junge Muslime in aller Welt zu mobilisieren. Der Kampfeswille soll durch die begeisterten Zeugnisse kampferprobter Dschihadisten geweckt werden, der Alltag vor Ort wird durch diese Videos verherrlicht und die Legitimation des örtlichen Dschihad bekommt man durch die Rede des Kalifen gleich mitgeliefert. Wir sind das Kalifat und wir sind unbesiegbar. Das ist die Botschaft. Und nicht wenige ausländische Fanatiker kamen dieser Aufforderung nach: Wie schon in anderen Konflikten (z.B. Ex-Jugoslawien oder Afghanistan) kommen auch jetzt zahlreiche Muslime aus Saudi-Arabien, den Golfstaaten und auch Europa nach Syrien und in den Irak. Diese Bewegung wurde schon früh im Syrienkrieg losgetreten, als sich die Rebellengruppen gerade formiert hatten. Die europäischen Dschihadisten reisten größtenteils über die Türkei ins Kampfgebiet ein, wurden dort auf ihre Treue geprüft und an der Waffe trainiert. Seitdem tauchen Videos auf, in denen sich auch Deutsche damit rühmen, „Ungläubige“ getötet zu haben. Nach einem Bericht von n24 sollen derzeit 139 Deutsche im Kriegsgebiet kämpfen, eine große Zahl von ihnen in den Reihen es IS. Sie befeuern die Propaganda des Terrornetzwerks und ermutigen ihre Glaubensgeschwister zuhause zur Reise an die Levante. Und der Grund, wieso VICE seine Dokumentation drehen durfte, liegt auf der Hand: IS will sich der Welt präsentieren - als Kämpfer, als Sieger.
Die eigene Online-Recherche birgt aber die eine oder andere Tücke: Natürlich ist an allen Fronten und auf allen Seiten Propaganda im Umlauf. Nicht selten finden sich hier Fehler oder Falschmeldungen: Es kursierten zum Beispiel Bilder von Frauen, die vom IS angeblich in die Sklaverei verkauft wurden. Gestalten in schwarzer Burka, die Hände aneinandergekettet. Doch diese Fotos stammen vom Aschura-Ritual, bei dem Schiiten dem Tod des dritten Imams Hussein gedenken. Bilder des Aschura-Tages und der damit verbundenen Paraden, Rituale und Praktiken kennt man aus dem Iran: Männer geißeln sich selbst, indem sie sich mit Peitschen den Rücken blutig schlagen. Dazu gehören auch Frauen in Ketten, doch die haben mit dem IS in keiner Weise etwas zu tun - zumindest nicht auf den präsentierten Bildern.

Terror und Zerstörung

Inhalt der Propaganda, aber auch bittere Realität sind die Vertreibungen und die Massaker des IS an religiösen Minderheiten. Die christlichen Einwohner Mossuls wurden vor die Wahl gestellt zu fliehen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die Türen christlicher Haushalte wurden mit einem arabischen N (für narānī, „Nazarener“) gekennzeichnet. Sprühfarbe zur Brandmarkung. Die allermeisten Betroffenen verließen daraufhin Ende Juli 2014 die Stadt. Die christliche Gemeinde, die sich traditionell aus aramäischen, syrisch-orthodoxen und chaldäischen Gläubigen zusammensetzt, bestand seit über eineinhalb Jahrtausenden. Nun hat sie aufgehört zu existieren. Bei der Machtübernahme des IS lebten nach unterschiedlichen Angaben noch zwischen 25.000 und 35.000 Christen in der Stadt. Die meisten von ihnen sind nun auf das Gebiet der Autonomen Region Kurdistan geflüchtet. Die kurdischen Gebiete rund um Erbil und Dohuk waren auch das Ziel von ca. 200.000 Jesiden, die aus ihren Dörfern vor den herannahenden IS-Truppen geflohen waren. Unzählige Menschen verhungerten, während sie auf dem Dschabal Sindschar, einem Gebirge, festsaßen und auf Rettung warteten.
Neben der Vertreibung und Ermordung von Christen, Jesiden und Turkmenen begeht der IS auch ein unglaubliches Verbrechen am kulturellen Erbe des Irak: Aus Propagandavideos und Augenzeugenberichten geht hervor, dass die Gruppe damit begann, christliche Kirchen, aber auch schiitische Schreine und Moscheen sowie die Gräber von Heiligen oder islamischen Propheten zu sprengen. Im dogmatischen Islam ist die Verehrung von Heiligen und ihrer Gräber verpöhnt, für Dschihadisten ist sie inakzeptabel. Nun werden die eroberten Regionen nicht nur von Andersgläubigen, sondern auch von ihrem historischen Erbe „gesäubert“. Was einst die Taliban im afghanischen Bamian anrichteten, als sie die uralten Buddhastatuen sprengten, wiederholt der IS nun im Irak, einer der wichtigsten Wiegen der menschlichen Zivilisationsgeschichte.Innerhalb seines Machtbereich regiert der IS mit voller Härte. Die Gesetzgebung basiert dabei auf der individuellen Interpretation des islamischen Scharia-Gesetzeskorpus. Das „Kalifat“ soll eine Theokraie sein, die Gesetze werden auf der Straße von patroullierenden Aufsehern durchgesetzt. Im Fastenmonat Ramadan ist essen und trinken tagsüber streng verboten, Händler werden kontrolliert, Passanten im Falle eines Verstoßes gegen die Kleiderordnung gerügt. Angeblich verabschiedete der IS als erstes Regelwerk einen 16-Punkte-Katalog voller Einschränkungen, so ein Bericht des Merkur Online. Konsum und Verkauf alkoholischer Getränke oder Drogen sind verboten, gleiches gilt für das Rauchen. Das Tragen von Waffen ist untersagt, ebenso Versammlungen. Ausgenommen sind IS-Kämpfer. Frauen in den eroberten Gebieten müssen ihren gesamten Körper bedecken und optimalerweise zuhause bleiben. Das System des Islamischen Staates hat alles, was zur Aufrechterhaltung dieser neuen Ordnung notwendig ist: Gefängnisse und organisierte Gerichte mit Büros und Sprechstunden, wie sie in der VICE-Reportage zu sehen sind, existieren in jeder großen Stadt. Die Strafen für Verbrechen wie Mord oder Diebstahl sind drastisch: Dieben werden die Hände abgehackt, wegen unterschiedlichster Vergehen werden Menschen geköpft. Auch Abfall vom Glauben kann unmittelbar zum Tode führen. Es ist dabei aber nicht einmal sicher, ob sich der IS in der Durchsetzung dieser Urteile überhaupt an irgendwelchen Regeln orientiert oder ob die Scharia nur als Entschuldigung vorgeschoben wird, um Gegner gnadenlos niederzumetzeln. Laut WELT berichteten die UN unter Berufung auf Zeugenaussagen, dass im Juni in der Haftanstalt Badush ein Massaker verübt wurde. In dem Gefängnis in Mossul sollen 670 irakische Insassen hingerichtet worden sein. Es ist nur eine von vielen Meldungen über Massaker, Hinrichtungen und blutrünstige Massentötungen.

Wie finanziert sich der IS-Terror?

Wie konnte es so weit kommen? Wie wurde es möglich, dass der IS Mitte 2014 über ein eigenes Territorium von beachtlicher Größe verfügt? Dies ist neben einer politischen und militärischen auch eine finanzielle Frage, auf die es mehrere Antworten gibt: Der Islamische Staat handelt mit Rohöl und verkauft es an die verschiedensten Konfliktparteien. Große Ölfelder in Syrien, aber auch rund um die nordirakische Stadt Kirkuk gehören oder gehörten zum Machtgebiet der Terrorgruppe. Von hier aus wurden Tanklaster mit der wertvollen Ladung zum Export losgeschickt. Über die Empfänger gibt es unterschiedliche Meldungen: Das Öl werde an die iranische Grenze transportiert, hieß es. Doch vor allem der syrische Diktator Assad, der dem IS wie die meisten anderen politischen Akteure der Region als Feind gilt, soll laut taz zu den Hauptabnehmern des erbeuteten Öls gehören. Während andere bewaffnete Rebellengruppen den Rohstoff in Plastikflaschen und Kanistern über die Grenze in die Türkei schmuggeln, liefert IS im großen Stil an das benachbarte und offiziell verfeindete Regime. Aber schon vor der Eroberung dieser Ölfelder war der IS die reichste Terrorgruppe der Welt. Es ist zu vermuten, dass die Terroristen aus unterschiedlichen Richtungen große Spenden erhalten. Geld fließe vor allem aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, meldete die Tagesschau Ende Juli. Und auch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien zählen zu den Einnahmequellen der Gruppe. Ein großer Coup gelang ihr außerdem im Juni 2014: Bei der Eroberung von Mossul fiel die Zentralbank in die Hände des IS - dabei wurden laut Washington Post ganze 425 Millionen US$ erbeutet. Die Welt hat es also nicht nur mit einer Bande von Terroristen zu tun, sondern mit einer gut organisierten Bewegung, die mittlerweile sowohl über Land als auch Geld verfügt.

Militärisch unterschätzt

Im Juni 2014 eroberte der IS - damals noch ISIS - die Metropole Mossul. Die zweitgrößte Stadt des Irak hat fast drei Millionen Einwohner und war schon 2006 Mittelpunkt der Terrorbewegung, als ISIS dort das „Islamische Emirat Irak“ ausrief und begann, die Bevölkerung zu terrorisieren. Seitdem war Mossul geplagt von Anschlägen, Entführungen und Morden an Journalisten, Frauen ohne Kopftuch oder Ladenbesitzern, die den Vorgaben der Terrorgruppe nicht Folge leisteten. Acht Jahre später ist die Stadt nun vollkommen in der Hand des IS und die Welt fragt sich: Wie konnte eine handvoll Terroristen diese große Stadt scheinbar im Handumdrehen einnehmen? Wie konnten 800 Kämpfer eine Metropole erobern, die von knapp 30.000 irakischen Soldaten verteidigt wurde? Militärexperten vermuten als Hauptursache die schlechte Ausbildung der irakischen Streitkräfte und vor allem die mangelnde Moral. Die Gründe liegen jedoch auch in der Strategie des IS, Furcht und Schrecken zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass es sich herumspricht. Meldungen von exekutierten Gefangenen und Videos von Massenhinrichtungen untermauern die Brutalität des IS, deren Opfer jeder wird, der in ihre Hände gerät. Doch nicht nur die furchteinflößende Kriegspropaganda verhilft zum militärischen Sieg, es ist auch die Vorgehensweise an der Front: „Sturmattacken wie im siebten Jahrhundert“, titelt Spiegel Online. Modernste Kriegstaktik mischten die Dschihadisten mit apokalyptischen Angriffen, heißt es. Blitzschnell und skrupellos. „Sie kamen wie ein Schwarm, rasend, schießend, als ob nichts sie aufhalten könne“, berichtet ein kurdischer Kommandeur. Angriffe wie aus der Zeit der ersten islamischen Expansionen? Nur ohne Pferde: Auf 70 oder 80 Wagen seien sie angerast gekommen. „Sie rollten in breiter Linie durch die Wüste, Dutzende Fahrzeuge nebeneinander, und schossen dabei. Egal, ob wir einen Wagen ausschalten konnten, die anderen rasten einfach weiter“, erzählt ein weiterer kurdischer Soldat. „Sie schickten erst mehrere Selbstmordattentäter mit sprengstoffbeladenen Wagen, dann kam die Haupttruppe - und zwar so schnell nach den Explosionen, dass keiner reagieren konnte. Wer konnte, floh.“ Die IS-Kämpfer sind hoch motiviert und gnadenlos, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Dschihadisten fürchten den Tod nicht, sondern sehnen sich nach dem „Martyrium“. Und Berichte wie diese sorgen zudem dafür, dass die Moral derjenigen, die sich den Kämpfern entgegenstellen, noch weiter gegen Null geht. Die irakischen und kurdischen Soldaten fliehen vor heranbrausenden Jeeps und Pickups, auf denen Maschinengewehre installiert sind. Darunter sind dutzende Humvees: Vor ihrem Abzug hatten die US-Truppen der irakischen Armee viel Material überlassen, u. a. auch gepanzerte Fahrzeuge. Große Teile der militärischen Ausrüstung des IS stammen aus diesen Beständen, wurden schon andernorts von den fliehenden Irakern erobert. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte kämpfen nun Terroristen mit amerikanischen Waffen, rücken Woche für Woche ein Stück weiter vor und vergrößern ihr Territorium unaufhaltsam.

Kampf, Politik und aufgekündigte Bündnisse

Während in Deutschland und Europa diskutiert wird, ob man die kurdische Armee des Nordirak mit Waffen beliefern sollte, läuft den Menschen vor Ort die Zeit davon. Kurden, Jesiden, Christen - sie sind auf der Flucht. Und selbst gegen sunnitische Gruppen wendet sich der IS mittlerweile. Militärische Bündnisse sind nur so lange attraktiv, bis sie nicht mehr nützlich sind. Wer anfängt zu rebellieren, wird automatisch zum Feind und kommt unter die Räder des IS-Vormarsches. Mitte August soll der IS ganze 700 Mitglieder des asch-Scheitaat-Stammes getötet haben, nachdem es im Zuge der Besetzung mehrerer Ölfelder zu Konflikten gekommen war.
Bündnisse sind flüchtig beim Islamischen Staat. Von Beginn an war die Terrorgruppe eng mit Al-Qaida vernetzt. Als der IS noch kein Land und auch noch keinen bedeutenden Einfluss hatte, war das Terrornetzwerk um Osama Bin Laden ein wichtiger, ein unerlässlicher Verbündeter. Bis heute hat sich die Situation geändert: Erst machte sich der IS selbstständig, jetzt distanziert sich al-Qaida sogar von dieser Gruppe. Die Süddeutsche schrieb auch wieso: „Die dynamischen Emporkömmlinge lassen die einstigen Terror-Fürsten verkopft und entscheidungsschwach aussehen. Die Ausrufung des Kalifats ist für al-Qaida nicht nur eine Provokation - sie ist eine Kriegserklärung.“ Die Dschihadisten-Szene sei nicht weniger zerklüftet als andere arabische Gemeinschaften.Währenddessen macht sich in der gesamten islamischen Welt Widerstand breit: In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde, wurde jegliche Unterstützung der IS-Terroristen von höchster religiöser Instanz für illegal erklärt. Muslimische Gemeinden weltweit geben Erklärungen ab und distanzieren sich von diesem ungekannten Terror im Namen eines selbsternannten Kalifen.

Doch „außenpolitisch“ verunsichert der IS seine Gegner noch immer. Die USA beginnen zwar, Luftangriffe auf IS-Stellungen zu fliegen, um die kurdischen Peschmerga bei der Verteidigung der nordirakischen Städte zu unterstützen. Doch die Türkei erscheint still und passiv, fast schon eingeschüchtert. Mit gutem Grund: Im Laufe des Jahres nahmen die Terroristen 28 türkische Lastwagenfahrer als Geiseln. Und im Juni stürmten sie bei der Eroberung von Mossul auch das türkische Konsulat. Seitdem befinden sich fast 50 Mitarbeiter und Diplomaten in Geiselhaft, darunter der Generalkonsul der Türkei selbst. In den letzten Aufnahmen bei VICE gab es harte Worte vonseiten des IS an die türkischen Nachbarn. Man werde Istanbul erobern, hieß es. Ob dies eine Drohung sei? Ja, das sei eine Drohung.

IS-Dschihadisten im Nordirak: "Kämpfen bis zum Ende"
(Reuters)

Link:

Medyan Dairieh: „The Islamic State“ (VICE, Sommer 2014; englisch)


Freitag, 4. Juli 2014

Der bärtige Mann am Euphrat - IS(IS) und der Irak

Der Syrien-Konflikt ist seit Jahren am brodeln, tagtäglich sterben Menschen bei den Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und dutzender Rebellengruppierungen. Der Bürgerkrieg hat seit 2011 etwa 160.000 Menschen das Leben gekostet, Millionen sind auf der Flucht. Und den Überblick hat jeder schon lange verloren. Vor ein paar Wochen bekam dann auch eine ganz spezielle Gruppierung für einige Tage die ungeteilte Aufmerksamkeit der Welt: Der „Islamische Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) war wieder auferstanden, nachdem man die Bewegung vor langer Zeit schon abgeschrieben hatte. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von militanten Salafisten und Dschihadisten, unter ihnen zu einem großen Teil Ausländer. Lange war der noch einfluss- und landlose ISIS mit al-Qaida verbündet, seit Mitte 2013 sind die beiden Gruppen jedoch zerstritten. Auch mit der ebenfalls dschihadistischen Al-Nusra-Front, die in Syrien kämpft, kam es zum Bruch. Doch der ISIS scheint keine Verbündeten zu brauchen.


Seit Sonntag (29.06.14) heißt die Terrorgruppe nur noch IS, nachdem Abu Bakr al-Baghdadi al-Husseini al-Quraschi im Irak das Kalifat ausgerufen und sich selbst zum „Befehlshaber der Gläubigen“ ernannt hat. Der Terrorist ist ein Doktor der Philosophie und hat angeblich Islamwissenschaft an einer Universität in Bagdad studiert. Er will an eine Herrschertradition anknüpfen, die mit dem Ende des Osmanischen Reichs abgeschafft wurde und deren Glanzzeiten von vielen Muslimen in den Jahren nach Muhammads Tod gesehen werden. Al-Baghdadi, der Mann aus Samarra, versucht sich nun in eine Reihe mit den wichtigsten Personen der islamischen Geschichte zu stellen. Aus diesem Grund hat er sich mit der Zeit einen neuen Namen zugelegt: Sein echter Name lautet Ibrahim, doch er lässt sich Abu Bakr nennen - so hieß der erste der vier rechtgeleiteten Kalifen und direkte Nachfolger des Propheten. Er nennt sich al-Baghdadi - obwohl er nicht aus Bagdad kommt - um sich den Rückhalt der Iraker zu sichern. Bagdad war außerdem jahrhundertelang der Mittelpunkt der islamischen Welt. Und schließlich ordnet er sich selbst dem Stamm der Quraisch zu, dem Stamm der Familie Muhammads. Er will ein legitimer Herrscher sein, deshalb gibt er sich die nötige Legitimation über seinen Stammbaum. Auf der Liste der vom US-Außenministerium gesuchten Terroristen steht al-Baghdadi nun auf Platz zwei.


Die aktuelle Situation im Land zwischen Euphrat und Tigris ist ernst: US-Experten sehen die irakische Armee nicht imstande, außer Bagdad selbst noch weitere Gebiete zu verteidigen, geschweige denn verlorene Regionen zurückzuerobern. Und in Nordsyrien hat der IS mittlerweile ein Gebiet unter Kontrolle, das sich über mehrere Ölquellen erstreckt und fünfmal so groß ist wie der Libanon. Weite Teile des Irak und Syriens sind unter IS-Kontrolle, die Grenze zu Saudi-Arabien wurde von irakischen Soldaten geräumt. Jordanien hat Truppen mobilgemacht, ebenso der Iran. Aus Teheran sollen gebrauchte Flugzeuge nach Bagdad geliefert worden sein, mit dem zur Bedienung notwendig ausgebildeten Personal gleich dazu. Gleiches gilt für Russland: Insgesamt wurden 25 „technisch veraltete, aber robuste“ Maschinen aus Moskau eingekauft.
Doch kann Iraks Ministerpräsident al-Maliki das Land zusammenhalten? Eine neue Regierungsbildung ist gescheitert, zu wenige Abgeordnete waren aus der Pause zurückgekehrt. Der Irak droht zu zerfallen in einen sunnitischen, einen schiitischen und einen kurdischen Staat. Kurdistan erwägt eine vorzeitige Unabhängigkeit vom geschwächten und zukunftsunfähigen Irak. Zusammen sind die Ethnien und Religionsgruppen des Irak unregierbar, alleine haben sie vielleicht eine Chance. Doch momentan ist der IS die größte Gefahr. Die Friedrich-Naumann-Stiftung schätzt die Truppenstärke der Terrorgruppe auf bis zu 15.000 Mann. Allerdings waren 800 Kämpfer genug, um 30.000 Regierungssoldaten aus Mosul zu vertreiben. Gerüchte über Massenhinrichtungen machten die Runde, mittlerweile gilt als sicher, dass der IS Gefangene exekutiert. Menschen sollen sogar gekreuzigt worden sein. Die USA zögern, Israel und Jordanien sind in Wartestellung. Gleichzeitig rief al-Baghdadi die Muslime der Welt auf, in sein neu gegründetes Kalifat einzuwandern.

Mittlerweile hat der IS begonnen, Öl aus den erbeuteten Förderanlagen an die umliegenden Staaten zu verkaufen. Dabei dürfte es dem IS nicht an Geld mangeln: Bei der Einnahme Mosuls, der zweitgrößten Stadt des Irak, erbeutete die Terrorgruppe im Juni ganze 429 Millionen US-Dollar. Erste Tankwagen machten sich jedoch schon auf den Weg zur iranischen Grenze, aus Syrien erreichen die ersten Lieferungen die Türkei und auch das verhasste Assad-Regime. Die Machtverhältnisse sind äußerst komplex. Bündnisse werden geschmiedet und Konzepte werden durchdacht, so recht scheint aber keine der direkt oder indirekt durch den IS bedrohten Konfliktparteien zu wissen, wie es weitergeht.


Donnerstag, 3. Juli 2014

Vier Leichen und eine Intifada - Die Geschichte einer Tragödie

Der Krankenwagen, der die drei Leichen abtransportierte, wurde mit Steinbrocken und Farbe beworfen, als er die palästinensische Ortschaft Halhul passierte. Die israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach waren noch keine 20 Jahre alt. Sie besuchten jüdisch-religiöse Schulen in den besetzten Gebieten, zwei von ihnen wohnten aber in Zentralisrael. Zusammen fuhren sie am Abend ihrer Entführung per Anhalter, wie es in dieser Region üblich ist. Auf einem nahe gelegenen Feld in der Gegend von Hebron hatte man dann nach wochenlanger Suche die drei Leichen gefunden, an einem Montag. Am Dienstag fand die Beerdigung statt, unter großer Anteilnahme. Und in der Nacht zum Mittwoch verschwand der sechzehnjährige Muhammad Abu Khudair aus dem Jerusalemer Vorort Schuafat. Der Ramadan hatte begonnen und Muhammad hatte das Haus am frühen Morgen um halb vier verlassen, um mit seinen Freunden am Gebet der Morgendämmerung teilzunehmen. Auf der Straße wurde er von zwei Männern in einen grauen Hyundai gezerrt, in dem schon ein Fahrer saß. In Sekundenschnelle waren die Entführer mit ihrem Opfer verschwunden. Eine Stunde später fand man Muhammads Leiche in einem Wald.

Emotionen - Wut, Hass und Vergeltung

Diese Geschichte könnte nur das Vorspiel sein zu einer weiteren Eskalation des Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan, der Auftakt einer neuen Tragödie. In den letzten drei Wochen vor den Leichenfunden bei Hebron hatte sich auf beiden Seiten der israelischen Sperrmauer eine enorme Spannung aufgebaut. Die Armee startete eine großräumige Suchaktion und nahm hunderte Palästinenser fest. Gleichzeitig wurde die Entführung der drei Israelis gefeiert, auf den Straßen und vor allem im Internet. Man gratulierte sich zu drei weiteren „Schalits“: Als Gilad Schalit 2011 aus mehrjähriger Hamas-Gefangenschaft freikam, wurden im Gegenzug 1.027 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Der Preis des aktuellen Entführungsfalls war jedoch die Durchsuchung hunderter Häuser durch israelische Soldaten. Mehrere Jugendliche kamen bei den Razzien in palästinensischen Flüchtlingslagern ums Leben. Die Führung in Ramallah hatte die israelische Armee ungehindert walten lassen, um eine Verschärfung zu vermeiden, doch in der Bevölkerung wuchs die Wut.
Auch auf der israelischen Seite stauten sich Emotionen an. Im Fernsehen wurde der Anruf ausgestrahlt, der in einer Notrufzentrale am Abend der Entführung der drei Jugendlichen einging. Man hört die Stimme von Gilad, zwischen einigen anderen. Originalton eines Kidnappings. Die Entdeckung der Leichen setzte allen Hoffnungen schließlich ein Ende. Noch am selben Abend kam es zu Krawallen in den Straßen, wütende israelische Mobs begannen Jagd auf Palästinenser zu machen. „Tod den Arabern!“, schrien sie. Dienstags verfolgte das ganze Land die Beerdigung der ermordeten Israelis im Fernsehen. Die anschließenden Ausschreitungen hasserfüllter Israelis waren so heftig, dass die Polizei 47 Personen festnahm. Eine Facebook-Gruppe rief zu Racheaktionen auf. Und 35.000 Personen gefällt das, in kürzester Zeit. Nach zwei Tagen wurde die Gruppe gelöscht. Verstörende Fotos kursierten in den sozialen Netzwerken, darunter auch das von zwei lachenden Mädchen, die einen Zettel hochhalten: „Araber zu hassen ist kein Rassismus“, heißt es da. „Das Volk Israel fordert Vergeltung“, lautet der dazugehörige Hashtag auf Hebräisch.

Die nächtliche Vergeltungsaktion findet ohne laute Worte statt. Ein Wagen wendet, Muhammad wird eingesammelt. Eine weitere Leiche.

Und der Politik entgleitet immer weiter die Kontrolle. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte der Entführung der drei Israelis nicht zugestimmt. Und Ministerpräsident Netanjahu verurteilte die Tötung des arabischen Jugendlichen. Doch in den Straßen machen Gruppen von Israelis Jagd auf arabisch aussehende Personen und in den arabischen Vororten Jerusalems kommt es vonseiten der Palästinenser zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei.
Yishai Frenkel, der Onkel des einen ermordeten Israelis, sagte dem Fernsehsender Channel 2: „Jeder Akt der Vergeltung, welcher Art auch immer, ist unangebracht und falsch. Mord ist Mord.“ Es gäbe keinen Unterschied im Blut, egal ob Araber oder Jude. Und auch der Vater von Muhammad Abu Khudair meldete sich zu Wort: „Ich bin gegen Entführung und Mord“, sagte er. „Ob Jude oder Araber, wer kann die Entführung und Ermordung seines Sohnes oder seiner Tochter akzeptieren?“ Er rief beide Seiten dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Doch die Gewalt wird wohl noch eine Weile anhalten. Sie könnte sogar eskalieren. Eine dritte Intifada steht bevor. Hochkochende Emotionen, angestaute Wut und grenzenloser Hass. Steine werden geworfen, Molotowcocktails fliegen und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Und allein am Mittwoch feuerte die Hamas mehr als 20 Raketen auf Südisrael ab. Die israelische Armee reagierte mit dem Bombardement von über dreißig Zielen im Gazastreifen.

Diskussionen

Es wäre wieder einmal Zeit für Gespräche, zumindest hier bei uns, in sicherer Entfernung. Doch leider sind sachliche Diskussionen selbst unter weitgehend Unbeteiligten nicht möglich. Niemand, der sich an das Thema Israel/Palästina heranwagt, kann seine Emotionen unterdrücken. Die meisten werden Opfer einer Propagandawelle, entweder der einen oder der anderen Seite.
Doch kann das überhaupt anders sein? Kann man sich denn überhaupt eine eigene Meinung bilden, ohne irgendwelche einschlägigen Phrasen zu übernehmen, mit denen man wiederum anderen auf den Schlips tritt? Wie beantwortet man zum Beispiel folgende Fragen:

Wieso sitzen hunderte minderjährige Palästinenser ohne Anklageschrift in israelischen Gefängnissen?
Welche palästinensische Mutter kann es sich leisten, wie die Mütter der entführten Israelis nach Genf zu fliegen und sich vor dem UN-Menschenrechtsrat für ihr unrechtmäßig inhaftiertes Kind einzusetzen?
Darf man „Siedlerkinder“ entführen und töten, nur weil sie z.B. in einer nach Völkerrecht illegalen Siedlung auf besetztem Gebiet zur Schule gehen?
Weshalb interessiert sich kein Israeli für die Besatzung, während sich in Palästina alles ausschließlich um die Besatzung dreht?
Wieso haben sowohl pro-israelische als auch pro-palästinensische Gruppen immer das Gefühl, gerade ihre Position werde in den Medien zu unzureichend vertreten?
Aber wieso ist es weniger schlimm, dass die Hamas zivile Ziele in Südisrael beschießt, als wenn Israel mutmaßliche Terroristen in Gaza gezielt bombardiert?
Warum sind die letzten Friedensgespräche wieder gescheitert, obwohl es doch im Prinzip um dieselben Probleme wie schon 1993 ging?
Weshalb darf ein Palästinenser aus Ramallah oder Jericho nicht nach Jerusalem kommen, um zu beten?
Wieso darf ein Palästinenser mit israelischem Pass im Westjordanland ein Haus bauen, ein Jude mit israelischem Pass jedoch nicht?

Man könnte noch Dutzende solcher Fragen stellen und jede einzelne könnte stundenlang diskutiert werden. Und die dazugehörigen Erklärungen wären in kaum einem Fall zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Erinnerung

Der Friedensprozess ist vor einigen Monaten gescheitert, Entführungen und Morde haben die Lage verschärft, Militäreinsätze und Hamas-Raketen schürfen tagtäglich neue Wunden. Zurück bleiben die Toten, von denen man in einem einzigen Beitrag nur an wenige erinnern kann. Doch ich will es hier tun.