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Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 1)

Wie sieht Öffentlichkeitsarbeit von Terroristen aus? Heute möchte ich unseren Blick auf das Al-Hayat Media Center, die Propaganda-Abteilung des Islamischen Staates, und vor allem auf seine Videos lenken. Public Relations spielen auch im Dschihadismus eine wichtige Rolle. Während Osama bin Laden seinerzeit in unregelmäßigen Abständen Drohbotschaften gegen die USA in die Welt sendete und sich die Youtube-Channels der meisten Terrorgruppen durch verwackelte Handyvideos von nächtlichen Kampfszenen auszeichnen, fährt der IS mittlerweile ganz andere Kaliber auf. Mehrminütige Videos, raffiniert zusammengeschnitten und qualitativ hochwertig. Es soll scheinbar mehr auf die Leinwand gebracht werden als nur Dschihad und Geballer.

Wie die meisten Videos aus islamistischer oder dschihadistischer Produktion arbeiten auch die Filme des IS mit Musik. Bei manchen von ihnen bleibt die Musik im Hintergrund, anderswo ist sie Trägerin der eigentlichen Botschaft. Im folgenden Video spielt der Nasheed, die a-cappella-Lobpreisung des Propheten (oder in diesem Fall: des Kalifen), eine zentrale Rolle. Es ist ein deutschsprachiges Video, das sich an muslimisches Publikum richtet:

[Warnung: Zwischen 2:29 und 3:05 wird eine sehr unschöne Aufnahme eines toten kurdischen Kämpfers gezeigt.]


In diesem kurzen Film wird all das deutlich, was eine Produktion von Al-Hayat Media Center ausmacht: Gesang und Lobpreisung des Kalifen auf der Audio-Ebene, die schwarze Fahne des Propheten, Kämpfer auf Pferden und in den Sonnenuntergang ziehende Dschihadisten auf der visuellen Ebene. Bemerkenswert ist der Einsatz von Effekten – erbebender Boden beim Abschuss einer Mörsergranate, bewegte Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Vor allem mit Zeitlupen wird gearbeitet, einzelne Abschnitte innerhalb bestimmter Sequenzen werden im Tempo verlangsamt, um gezielt Elemente wie etwa vorbeifahrende Panzer oder einen Jungen, der die schwarze Fahne des IS über eine Straße trägt, hervorzuheben. Zu diesem Zweck wird auch mit Schärfen und Unschärfen gespielt.
Ein weiteres Element, das in keinem der zahlreichen IS-Videos fehlt, sind die vielen kampferprobten Männer, die sich in den wenigen Pausen, die der Dschihad ihnen bietet, versammeln um zu beten, ihrem Kalifen die Treue zu schwören und sich an mehreren Stellen in den Videos kameradschaftlich umarmen. Ob am Ende eines Gebets oder anlässlich eines Sieges – Kameradschaft und Umarmungen spielen eine wichtige Rolle.

Doch wieso? Und hier kommen wir auch schon zum Sinn und Zweck dieser Videos: Während die ersten unkoordinierten Produktionen des IS noch Szenen der Eroberung irakischer und syrischer Armeestützpunkte zeigten, hat sich der Fokus nun gewandelt. In jungen muslimischen Männern aus aller Welt soll nicht mehr nur der Kampfesgeist geweckt werden. Anstelle das blutige Gemetzel zu zeigen, das der IS zwischen Euphrat, Tigris und Mittelmeer anrichtet, wird vielmehr die Illusion eines islamischen „Staates“, eines funktionierenden Kalifats in den Mittelpunkt gerückt, in dem neben (radikal ausgelegtem islamischen) Recht und Ordnung auch vor allem die Männerfreundschaft unter Kameraden und Kampfgenossen herrscht. Die IS-Propagandaabteilung versucht, das Bild einer Oase inmitten einer Wüste von Ungläubigen zu zeichnen. Hierbei füllen Kalaschnikows, Panzer und Raketen zwar noch eine Rahmenfunktion aus, doch der Trend geht zu befriedeten Straßen, im Park spielenden kleinen Jungen oder auch zu Besuchen im Scharia-Gerichtshof (ein Beispiel folgt im nächsten Teil der Reihe).
Das nächste Beispielvideo wurde anlässlich des Eid al-Fitr, dem islamischen Fest des Fastenbrechens zum Ende des Monats Ramadan, im Sommer 2014 veröffentlicht und übermittelt die Grüße verschiedener Dschihadisten an ihre „Brüder“ im Rest der Welt. Das Video beginnt mit einer längeren Gebetsszene in der Hauptmoschee des IS im irakischen Mosul. Dann folgen verschiedene Szenen, in denen kleine Jungen instrumentalisiert werden und „Allahu Akbar“ singen und rufen. Schließlich kommen die Grüße, die dem Video den Titel „Eid Greetings from the Land of Khilafa“ („Eid-Grüße aus dem Land des Kalifats“) gegeben haben. Abu Abdullah al-Habashi aus Großbritannien spricht ein Grußwort, Abu Shua’ib as-Somali aus Finnland kommt zu Wort und reitet auf einem Esel über eine Kreuzung. Zwischendurch verteilen Männer Spielzeugpistolen an Kinder im Park. Ein belgischer Dschihadist wendet sich sogar auf Flämisch an seine Glaubensgenossen (14:00).


Auffällig ist vor allem in diesem Video, dass keine einzige Frau auf den Straßen, im Park, oder generell in der Öffentlichkeit zu sehen ist. In der islamischen Welt kommt Frauen traditionell verstärkt die Rolle der Hausfrau und Mutter zu, was sie jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben und alltäglichen Straßenszenen ausschließt. Im Islamischen Staat sind Frauen jedoch in die Häuser verbannt, die Straße bleibt den Männern vorbehalten. Ob diese Diskriminierung auch in der Realität so durchgesetzt wird lässt sich mit Sicherheit kaum feststellen, doch in den PR-Videos wird dieses Bild (bewusst) vermittelt.

Wo wir auch schon beim viel interessanteren Teil der Analyse wären: Was können wir anhand der Propaganda-Videos des IS an Einblicken in das Innerste der Bewegung gewinnen? Diese Art von Videos unterscheidet sich nämlich von jenen, die abschrecken sollen (Hinrichtungen, v.a. Enthauptungen ausländischer Geiseln), und solchen, die durch Kampfszenen einfach nur die Abenteuerlust vieler junger Männer ansprechen. Die aufwändigen Produktionen von Al-Hayat Media Center versuchen ein (trotz aller Waffen und der zynischen Botschaften) harmonisches Bild darzustellen. Dennoch zeigen sie uns vor allem das, was die Terroristen uns sehen lassen wollen. Man bekommt keine getöteten Jesiden zu Gesicht, keine gesprengten schiitischen Schreine und keine vertriebenen Christen. Die Beter in der Moschee von Mosul sind ausgewählt, die Jungen im Park sind naive Kinder und Jugendliche. Die bärtigen Männer, die sich in ihrer Landessprache an die Daheimgebliebenen richten, offenbaren ihre eigene Identität, verbrennen teilweise vor den IS-Kameras ihre Pässe. Sie sind sich ihrer Sache sicher. Sie kämpfen nicht einmal mehr nur für eine verzerrte Paradiesvorstellung, sondern sie opfern sich bereitwillig einem Staat, der in losen Grenzen schon lange besteht. Ein wichtiges Mittel, um den Islamischen Staat zu festigen, sind neben Waffen und Männern auch die Propagandavideos. Sie locken neue Kämpfer an, heben die Moral der Alten und bauen mit an dem Bild eines Staates, der zum Schrecken der ganzen Welt zu existieren begann. Das Kalifat ist ein funktionierendes System und es heißt alle Gläubigen willkommen, sich hier niederzulassen – das ist die Botschaft.

Die hier vorgestellten Videos sind nur zwei Beispiele für das Propaganda-Repertoire des IS: Nasheed-Videos und Grußworte. Mit weiteren Kategorien beschäftige ich mich in späteren Beiträgen, so auch mit einem Video in russischer Sprache (mit arabischen und englischen Untertiteln), in dem ein einzelner Protagonist vom Leben im IS erzählt und das uns wiederum einen anderen Blickwinkel mit wertvollen Einblicken bietet.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Nachrichten - nur mit Wodka und Krimsekt zu ertragen

Ab und zu beobachte ich die Medien. Dabei mache ich das volle Programm durch: Ich glaube alles, was man mir sagt. Ich bezweifle auch alles, was ich nicht hören will. Ich schimpfe lautstark oder protestiere gegen das, was ich an Dummheit in den Ansichten Anderer identifizieren zu können glaube. Und wenn extreme Meinungen aufeinander prallen und sich benachteiligt fühlen, werde ich irgendwie sauer. Irgendwie wissen immer zwei gegensätzliche Gruppen genau, wie der Hase läuft und niemand bemerkt, wo er im Pfeffer liegt.
Jedenfalls, das Thema „Russland und die Ukraine“ steckt voller Irrtümer. Der erste Irrtum beherrscht die Meinung aufseiten vieler eher links eingestellter Menschen: „Europa und die NATO betreiben Kriegshetze und wollen den Krieg!“, heißt es da. Ein Irrtum? Ja, denn einmarschiert auf die Krim sind die Russen. Putin hat sogar zugegeben, dass russische Soldaten hinter ihren Landsleuten auf der Krim standen, als diese die Kontrolle an sich nahmen. Und was sich jetzt in der Ostukraine abspielt, ist zu einem großen Teil dem Einfluss des übermächtigen Nachbarlandes zu verdanken. Niemand zweifelt mehr ernsthaft daran, dass Russland seine Schäfchen auf der grünen ostukrainischen Weide in jeder Hinsicht unterstützt. Doch in den Augen vieler vor allem linker Friedensaktivisten ist es die EU, die einen Krieg auf jeden Fall provozieren will. Vielleicht wurzelt diese Überzeugung noch aus dem Glauben an den sozialistischen Grundsatz der Friedenspolitik: Der „Osten“ wollte immer den Frieden und trug zum Frieden in der Welt bei, während der amerikanisch-kapitalistische Imperialismus um sich griff. Bis heute, sagen sie.
Und da sind wir schon beim zweiten Irrtum, der sich sowohl auf Seiten der linken Aktivisten als auch in der westlichen Politik wiederfindet: Es wird angenommen, dass Russland in irgendeiner Weise noch immer die Sowjetunion und den Sozialismus verkörpert, sozusagen als Gegenpart zur westlichen Hemisphäre, als Gegenpol des hiesigen Lebensstils. Dabei wird grob übersehen, dass Russland zwar noch immer den Kontrahenten der USA zu stellen versucht, das System als solches jedoch näher am rechten als am linken Rand steht. Putins Präsentation als starker Bärenjäger und freier Oberkörper der Nation erinnert zwar an die einstigen Führungspersönlichkeiten der Sowjetunion, doch Führer hat es schon immer in jeder politischen Extremen gegeben. Und Putins Partei „Einiges Russland“ hat mitnichten den Sozialismus auf dem Programm…
Wie man es dreht und wendet, es wird viel übereinander geredet, gegeneinander und aneinander vorbei. Die einen sehen mit offensichtlicher Bestürzung – und mit innerlicher Genugtuung –, dass die klaren Grenzen von damals nun endlich wieder Gestalt annehmen. Gut und Böse, klar definiert in West und Ost. Die anderen sehen das System, in dem sie leben und von dem sie profitieren, und seine Verbündeten als eigentliches Übel an und stellen sich (wie so oft) provokant auf die Gegenseite. Und beide Seiten fühlen sich in den Medien unterrepräsentiert – ein klares Zeichen dafür, dass sich beide als Advokaten derjenigen sehen, die hier gern die Opferrolle einnehmen. Für die Linken wird Putin zum Heiligen, für die Konservativen ist er der Gestalt des Teufels ähnlich. Und Obama? Kriegstreiber oder guter Samariter? Ansichtssache. Die Revolutionsregierung in Kiew – Demokraten oder Nationalisten? Man könnte endlos darüber streiten, was Frau Timoschenko in Wirklichkeit damit gemeint hat als sie sagte, sie wäre bereit, Herrn Putin mit einer Kalaschnikow in den Kopf schießen. Ein Gleichnis – oder eine Kriegserklärung?

Das Fazit der letzten Tage, Wochen und Monate fällt einigermaßen deprimierend aus: Politische Lösungen in Form von Sanktionen sind nutzlos. Illegitime Volksbefragungen führen zu Annexionen von ganzen Landesteilen. Sturköpfe auf allen Seiten noch dazu. Man findet sie in Washington, Paris und Berlin, in Moskau und in Peking, am Persischen Golf und auch in Brüssel. Und die Opfer? Die sterben in Syrien, massakrieren sich gegenseitig in Slawjansk oder ertrinken auf dem Weg in ein besseres, aber dennoch beschissenes Leben im Mittelmeer.

Und das alles genau hundert Jahre nach 1914.

In aller Welt rennen Außenminister wie z.B. Dr. Frank-Walter Steinmeier von einem Kongress zum nächsten, um sich mit Historikern über das Pulverfass Europa zu unterhalten, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts explodiert ist. Doch Menschen scheinen nichts aus der Geschichte zu lernen – oder zu wenig.
Oder das Falsche.
Es nimmt kein Ende, bis alle Passagiere in den oberen Decks des gleichen Bootes, in dem wir ja bekanntlich alle sitzen, gelangweilt und jene auf den unteren Decks entweder ausgeschifft haben oder ertrunken sind.
Je mehr man darüber nachdenkt, desto weniger Lust hat man, sich die Nachrichten anzuschauen. Wer sich dieser Tage als hoffnungsvoller Pazifist outet, muss sehr naiv sein. Dann lasst uns doch mal alle zusammen naiv sein. Ich bin dabei.