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Mittwoch, 23. September 2015

Momentaufnahme dreiundzwanzigster September

Wir leben schon in turbulenten Zeiten. Die Amerikaner wollen ein paar nagelneue Atomwaffen in Rheinland-Pfalz stationieren. Wieso eigentlich? Der Flüchtlingsstrom hält derweil an. Doch statt über eine Lösung der Syrienkrise nachzudenken, lässt die NATO ihre Eurofighter voll bewaffnet in Estland rumfliegen und wartet auf die Russen. Die aber werden nicht kommen, denn Putin ist gerade damit beschäftigt, seine Soldaten in Damaskus um Assad herum zu positionieren – leider zielen sie in die falsche Richtung. Währenddessen holt Innenminister de Maizière pensionierte Beamte zurück, um Asylanträge zu bearbeiten, obwohl bestimmt irgendwo in Deutschland noch genügend Beamten aufzutreiben wären, die zu wenig zu tun haben. Drittklassige Lösungen für ein Problem, das sowieso keine Priorität hat. Der Innenminister hält es für wichtiger, am europäischen Asylrecht rumzudoktern und der Pöbel hat endlich die Möglichkeit, die Angst vor unsicheren Straßen, fiktiver Islamisierung und Flüchtlingen in einen Topf zu werfen. Zur selben Zeit bedrohen Pegida-Anhänger Kinder in Dresden („Euch kriegen wir auch noch!“), weil sie die Teilnehmer des „Schultheaters der Länder“ für eine Gegendemonstration hielten. Demonstriert wird tatsächlich, nämlich wo zurzeit der Konflikt zwischen Kurden und Türken eskaliert. Türkisch-deutsche Online-Zeitungen, die ich eigentlich gerne lese, schießen gegen die (zu Recht oder zu Unrecht noch verbotene) PKK und für Erdoğan, kurdische Online-Quellen versuchen unterdessen nachzuweisen, dass Osama Abdul Mohsen („der Flüchtling, dem ein Bein gestellt wurde“) in Wirklichkeit ein Radikaler der al-Nusra-Front ist. Es geht drunter und drüber. Und immer mehr Menschen freunden sich wieder mit den simplen Weltsichten und einfachen Lösungen an, die wir hierzulande in einem jahrhundertelangen, äußerst schmerzhaften Prozess eigentlich zum großen Teil überwunden haben sollten. Aber ist es die Aufregung wert? Wahrscheinlich geht das Abendland sowieso unter – jetzt wo auch VW dem Untergang näher ist denn je…

Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 2)

Heute befassen wir uns mit einem IS-Video, das nicht zu den Kategorien Nasheed (Musikvideo) oder Grußvideo gehört. Ich war mir nicht ganz sicher, wie dieses Filmchen einzuordnen ist, doch am nächsten kommt vielleicht die Bezeichnung Reportage.  

„A Visit To Mosul“ bringt das Publikum ins Herz des Islamischen Staates und an die aktuelle Kraftquelle der Terrorbewegung. Seit Mitte Juni 2014 befindet sich die Stadt in der Macht des IS und ist seither einer schaurigen Entwicklung ausgesetzt: Christen wurden vertrieben oder zur Konversion gezwungen, Jesiden in der Umgebung mussten flüchten und waren in isolierten Bergregionen zeitweise dem Hungertod ausgesetzt. In Mosul selbst begann der IS, Kirchen zu Moscheen umzuweihen und schiitische Schreine, Grabstätten und Gotteshäuser mit Dynamit oder Vorschlaghämmern dem Erdboden gleich zu machen. Nun ist Mosul die Hauptstadt des „Wilayat Ninawa“, des Verwaltungsbezirks Ninive. 
Zu Beginn des Videos werden Passanten gefragt, wie sich die Situation seit der „Befreiung“ durch den IS verändert habe. Natürlich gibt es nur positive Resonanz: „Es gab [früher] Verhaftungen. Verhaftungen ohne Gnade“, erzählt einer der Befragten. Straßenblockaden, unbeschreibliche Ereignisse. Doch die Behandlung der Menschen durch die Soldaten des Islamischen Staates sei sehr gut. „Es gibt keine Probleme mit der Behandlung.“ – Nach dem kurzen Interview folgt der eigentlich interessante Teil: Ein bärtiger, mutmaßlich tschetschenischer Kämpfer beschreibt die Eroberung der Millionenstadt. Er steht auf einer Autobahnbrücke und erzählt, wie die irakischen Truppen nach der Tötung eines Offiziers aus der Stadt flohen und Waffen und Ausrüstung zurückließen. Als nächstes nimmt der dschihadistische „Tour Guide“ die Zuschauer mit zur Großen Moschee von Mosul. „Mit der Ankunft des Islamischen Staates nahm der Islam in einem völlig neuen Weg Eingang in das Leben der Bewohner“, erzählt er, während zwei Männer gezeigt werden, die mit einem Auto durch die Straßen fahren und durch Lautsprecher etwas verkünden. Auf einem Schild steht „Hisba“ (حسبة), es handelt sich dabei wohl um eine Art Religionspolizei oder eher noch „Ordnungsamt“. Während die Straßenszenen mit der Kamera aufgefangen werden, berichtet der Erzähler stolz: „Viele Christen, die in der Stadt geblieben sind, sind jetzt interessiert am Islam, weil sie den wahren Islam gesehen haben, wie er umgesetzt wird und welche Ergebnisse er für alle Aspekte des Lebens bringt.“ Viele christliche Familien würden nun den Islam annehmen. Etwas zynisch – aber vom Erzähler wohl tatsächlich als Errungenschaft wahrgenommen – wirkt der Bericht darüber, dass „erst vor kurzem 130 jesidische Männer den Islam angenommen“ hätte. „Und wie Ihr wisst, sind die Jesiden Teufelsanbeter.“ Der Islam verbreite sich mit Wort und Schwert. Und aller Lob gebühre Allah…
Letzte Station der „Reportage“ ist der bekannte Scharia-Gerichtshof von Mosul. Denn die Durchsetzung der Scharia für alle Lebensbereiche sei der fundamentale Unterschied zwischen säkularen Staaten und dem Islamischen Staat. In den letzten zwei Monaten seien an diesem Gericht mehr als 1.000 Fälle behandelt worden, sagt der Reporter. Ein Beweis dafür, dass das Vertrauen der Menschen in den Islamischen Staat ungebrochen sei.


Das Video ist von der Machart her den von mir in Teil 1 gezeigten Produktionen ähnlich, was Effekte und Qualität angeht. Es fällt zudem auf, dass sich dieses Video an russisches oder tschetschenisches Publikum richtet. Dennoch wird das Gesagte durch Untertitel auch auf Englisch und Arabisch wiedergegeben. Ich bin mir nicht sicher, welcher Kategorie man dieses Video zuordnen kann, aber es trägt ganz klar Züge einer Reportage. Es gibt Interviews mit Passanten oder Offiziellen, Straßenszenen und Aufnahmen des Gebets, während der Kampfveteran das Publikum mit Informationen versorgt. Wenn er selbst ins Bild kommt, steht er meistens, doch im letzten Abschnitt geht er die Treppe des Scharia-Gerichtshofes hinauf, während er erzählt – und erinnert dabei fast zwangsläufig an amerikanische Dokumentationen, in denen der Reporter gerne gestikulierend eine Straße entlanggeht oder Treppenstufen ersteigt. Während diese Elemente zunehmen, werden andere Effekte seltener. Hintergrundmusik setzt erst im letzten Fünftel des Videos ein, schwarze Fahnen treten etwas weniger vehement auf. Bilder von Toten, die der Abschreckung dienen sollen, fehlen gänzlich. In der letzten Minute werden aber trotzdem Zeitlupe und Zeitraffer eingesetzt, fast so als sei dieses Merkmal charakteristisch für die zynische Verspieltheit der Produzenten des Al-Hayat Media Center. Als wolle es das Video, das die Ideologie eines kunst- und humorlosen Herrschaftsgebildes in die Welt tragen soll, doch um eine kunstvolle Nuance ergänzen. Und um dem Ganzen einen gewichtigen Schlusspunkt zu setzen, zeigen die Macher am Ende, als der Gerichtsbeamte aus dem Koran zitiert, ein Minarett, über dem die schwarze Fahne des IS weht. Willkommen im Kalifat, wo Recht und Ordnung herrscht. Diese Botschaft geht – wie wir gesehen haben – auf den verschiedensten Sprachen und auf unterschiedlichen Wegen hinaus in die Welt. Die wichtigste Erkenntnis für die Beobachtenden mag aber sein, dass der IS auf keinen Fall zu unterschätzen ist, was seine strukturgebenden Fähigkeiten angeht: Diese Videos bleiben nur Videos, Erzeugnisse einer Propagandamaschinerie, doch trotzdem geben sie dem Experiment „Terrorgruppe gründet Staat“ eine gewisse Festigkeit und Stabilität sowie eine Repräsentanz, die fast ganz ohne hohe Abgeordnete auskommt, sondern sich hauptsächlich auf (insgeheim wahrscheinlich verängstigte) Passanten und Ex-Frontkämpfer beruft.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Propaganda-Abteilung des IS (Teil 1)

Wie sieht Öffentlichkeitsarbeit von Terroristen aus? Heute möchte ich unseren Blick auf das Al-Hayat Media Center, die Propaganda-Abteilung des Islamischen Staates, und vor allem auf seine Videos lenken. Public Relations spielen auch im Dschihadismus eine wichtige Rolle. Während Osama bin Laden seinerzeit in unregelmäßigen Abständen Drohbotschaften gegen die USA in die Welt sendete und sich die Youtube-Channels der meisten Terrorgruppen durch verwackelte Handyvideos von nächtlichen Kampfszenen auszeichnen, fährt der IS mittlerweile ganz andere Kaliber auf. Mehrminütige Videos, raffiniert zusammengeschnitten und qualitativ hochwertig. Es soll scheinbar mehr auf die Leinwand gebracht werden als nur Dschihad und Geballer.

Wie die meisten Videos aus islamistischer oder dschihadistischer Produktion arbeiten auch die Filme des IS mit Musik. Bei manchen von ihnen bleibt die Musik im Hintergrund, anderswo ist sie Trägerin der eigentlichen Botschaft. Im folgenden Video spielt der Nasheed, die a-cappella-Lobpreisung des Propheten (oder in diesem Fall: des Kalifen), eine zentrale Rolle. Es ist ein deutschsprachiges Video, das sich an muslimisches Publikum richtet:

[Warnung: Zwischen 2:29 und 3:05 wird eine sehr unschöne Aufnahme eines toten kurdischen Kämpfers gezeigt.]


In diesem kurzen Film wird all das deutlich, was eine Produktion von Al-Hayat Media Center ausmacht: Gesang und Lobpreisung des Kalifen auf der Audio-Ebene, die schwarze Fahne des Propheten, Kämpfer auf Pferden und in den Sonnenuntergang ziehende Dschihadisten auf der visuellen Ebene. Bemerkenswert ist der Einsatz von Effekten – erbebender Boden beim Abschuss einer Mörsergranate, bewegte Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Vor allem mit Zeitlupen wird gearbeitet, einzelne Abschnitte innerhalb bestimmter Sequenzen werden im Tempo verlangsamt, um gezielt Elemente wie etwa vorbeifahrende Panzer oder einen Jungen, der die schwarze Fahne des IS über eine Straße trägt, hervorzuheben. Zu diesem Zweck wird auch mit Schärfen und Unschärfen gespielt.
Ein weiteres Element, das in keinem der zahlreichen IS-Videos fehlt, sind die vielen kampferprobten Männer, die sich in den wenigen Pausen, die der Dschihad ihnen bietet, versammeln um zu beten, ihrem Kalifen die Treue zu schwören und sich an mehreren Stellen in den Videos kameradschaftlich umarmen. Ob am Ende eines Gebets oder anlässlich eines Sieges – Kameradschaft und Umarmungen spielen eine wichtige Rolle.

Doch wieso? Und hier kommen wir auch schon zum Sinn und Zweck dieser Videos: Während die ersten unkoordinierten Produktionen des IS noch Szenen der Eroberung irakischer und syrischer Armeestützpunkte zeigten, hat sich der Fokus nun gewandelt. In jungen muslimischen Männern aus aller Welt soll nicht mehr nur der Kampfesgeist geweckt werden. Anstelle das blutige Gemetzel zu zeigen, das der IS zwischen Euphrat, Tigris und Mittelmeer anrichtet, wird vielmehr die Illusion eines islamischen „Staates“, eines funktionierenden Kalifats in den Mittelpunkt gerückt, in dem neben (radikal ausgelegtem islamischen) Recht und Ordnung auch vor allem die Männerfreundschaft unter Kameraden und Kampfgenossen herrscht. Die IS-Propagandaabteilung versucht, das Bild einer Oase inmitten einer Wüste von Ungläubigen zu zeichnen. Hierbei füllen Kalaschnikows, Panzer und Raketen zwar noch eine Rahmenfunktion aus, doch der Trend geht zu befriedeten Straßen, im Park spielenden kleinen Jungen oder auch zu Besuchen im Scharia-Gerichtshof (ein Beispiel folgt im nächsten Teil der Reihe).
Das nächste Beispielvideo wurde anlässlich des Eid al-Fitr, dem islamischen Fest des Fastenbrechens zum Ende des Monats Ramadan, im Sommer 2014 veröffentlicht und übermittelt die Grüße verschiedener Dschihadisten an ihre „Brüder“ im Rest der Welt. Das Video beginnt mit einer längeren Gebetsszene in der Hauptmoschee des IS im irakischen Mosul. Dann folgen verschiedene Szenen, in denen kleine Jungen instrumentalisiert werden und „Allahu Akbar“ singen und rufen. Schließlich kommen die Grüße, die dem Video den Titel „Eid Greetings from the Land of Khilafa“ („Eid-Grüße aus dem Land des Kalifats“) gegeben haben. Abu Abdullah al-Habashi aus Großbritannien spricht ein Grußwort, Abu Shua’ib as-Somali aus Finnland kommt zu Wort und reitet auf einem Esel über eine Kreuzung. Zwischendurch verteilen Männer Spielzeugpistolen an Kinder im Park. Ein belgischer Dschihadist wendet sich sogar auf Flämisch an seine Glaubensgenossen (14:00).


Auffällig ist vor allem in diesem Video, dass keine einzige Frau auf den Straßen, im Park, oder generell in der Öffentlichkeit zu sehen ist. In der islamischen Welt kommt Frauen traditionell verstärkt die Rolle der Hausfrau und Mutter zu, was sie jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben und alltäglichen Straßenszenen ausschließt. Im Islamischen Staat sind Frauen jedoch in die Häuser verbannt, die Straße bleibt den Männern vorbehalten. Ob diese Diskriminierung auch in der Realität so durchgesetzt wird lässt sich mit Sicherheit kaum feststellen, doch in den PR-Videos wird dieses Bild (bewusst) vermittelt.

Wo wir auch schon beim viel interessanteren Teil der Analyse wären: Was können wir anhand der Propaganda-Videos des IS an Einblicken in das Innerste der Bewegung gewinnen? Diese Art von Videos unterscheidet sich nämlich von jenen, die abschrecken sollen (Hinrichtungen, v.a. Enthauptungen ausländischer Geiseln), und solchen, die durch Kampfszenen einfach nur die Abenteuerlust vieler junger Männer ansprechen. Die aufwändigen Produktionen von Al-Hayat Media Center versuchen ein (trotz aller Waffen und der zynischen Botschaften) harmonisches Bild darzustellen. Dennoch zeigen sie uns vor allem das, was die Terroristen uns sehen lassen wollen. Man bekommt keine getöteten Jesiden zu Gesicht, keine gesprengten schiitischen Schreine und keine vertriebenen Christen. Die Beter in der Moschee von Mosul sind ausgewählt, die Jungen im Park sind naive Kinder und Jugendliche. Die bärtigen Männer, die sich in ihrer Landessprache an die Daheimgebliebenen richten, offenbaren ihre eigene Identität, verbrennen teilweise vor den IS-Kameras ihre Pässe. Sie sind sich ihrer Sache sicher. Sie kämpfen nicht einmal mehr nur für eine verzerrte Paradiesvorstellung, sondern sie opfern sich bereitwillig einem Staat, der in losen Grenzen schon lange besteht. Ein wichtiges Mittel, um den Islamischen Staat zu festigen, sind neben Waffen und Männern auch die Propagandavideos. Sie locken neue Kämpfer an, heben die Moral der Alten und bauen mit an dem Bild eines Staates, der zum Schrecken der ganzen Welt zu existieren begann. Das Kalifat ist ein funktionierendes System und es heißt alle Gläubigen willkommen, sich hier niederzulassen – das ist die Botschaft.

Die hier vorgestellten Videos sind nur zwei Beispiele für das Propaganda-Repertoire des IS: Nasheed-Videos und Grußworte. Mit weiteren Kategorien beschäftige ich mich in späteren Beiträgen, so auch mit einem Video in russischer Sprache (mit arabischen und englischen Untertiteln), in dem ein einzelner Protagonist vom Leben im IS erzählt und das uns wiederum einen anderen Blickwinkel mit wertvollen Einblicken bietet.

Freitag, 12. Dezember 2014

"Sie sind überall!" - Faktencheck und nachdenkliches Kopfschütteln

Der Spiegel macht den Faktencheck zu Behauptungen der Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“), widerlegt falsche Behauptungen und uralte Ressentiments. Sogar GMX fragt: „Was ist dran an den Vorurteilen?“ So stellt man sich den neuen alten Ängsten derjenigen, die von sich selbst behaupten, aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen. Die Zeitungen und Magazine schreiben angestrengt gegen jene Kräfte an, die in Dresden kürzlich 19.000 „besorgte Bürger“ mobilisieren konnten, um gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. Zumindest versuchen sie es.
Doch wo schreiben hoffnungslos erscheint, muss man fragen: Was treibt diese Menschen an? Woher kommt die Angst – und wie kann man ihr begegnen?

Die immer gleichen Vorurteile

Die gängigsten Vorurteile und Behauptungen lassen sich mittlerweile sogar mit Statistiken und in Stein gemeißelten Zahlen widerlegen. Dass Zuwanderung den fleißigen Deutschen nur Geld kosten würde, hat eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) als falsch erwiesen: Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass haben im Jahr 2012 für einen Überschuss von rund 22 Milliarden Euro gesorgt. Jeder Ausländer und jede Ausländerin zahlt pro Jahr etwa 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er oder sie an staatlichen Leistungen erhält.
Nun gut, aber kriminell ist der Ausländer an und für sich ja doch, oder? Wieder falsch. Die polizeiliche Kriminalstatistik (ebenfalls 2012) offenbart, dass nur jeder vierte Tatverdächtige keinen deutschen Pass hat – darin inbegriffen Touristen und aus dem Ausland agierende Banden.

Das älteste aller Vorurteile müsste heutzutage eigentlich gar nicht mehr thematisiert werden, gäbe es nicht einige Hetzer und ihre ungebildeten Fußsoldaten, die immer noch an das Märchen von der weggenommenen Arbeit glauben: Ausländer nehmen den fleißigen Deutschen die Arbeitsplätze weg. – Die Zahlen sprechen auch hier eine andere Sprache, der Mangel an Fachkräften und die Vielzahl unbesetzter Lehrstellen in vielen Regionen Deutschlands untermauern die Statistik. Währenddessen arbeiten studierte Iraner mitunter als Taxifahrer in Köln oder München, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden.
Aber wenn wir ehrlich sind, hat „der Ausländer“ immer nur die Drecksarbeit gemacht – und wurde genauso behandelt wie das, was er wegputzen musste. Wer sich an die Achtziger und Günter Wallraffs „Ganz unten“ (1985) nicht mehr erinnern kann, der sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Links verwiesen.

„Sie sind überall“

Wer mit dem Jargon der extremen Rechten vertraut ist, dem muss jedes Mal ein Schauer über den Rücken laufen, wenn er Stimmen aus der Mitte der Gesellschaft mit dem Begriff „Überfremdung“ jonglieren hört. Was bitte soll man darunter verstehen? Von Überfremdung singen „national gesinnte“ Liedermacher mit weinerlicher Stimme, gegen die Überfremdung schreien neubraune Führer in Bierzelten auf NPD-Kinderfesten an – aber in der bürgerlichen Mitte hat diese Sprache nichts verloren, nicht zuletzt weil die Aussage, die dahinter steht, grober Unfug ist. Wenn sich ein ganzes Land fremd wird, dann hat es größere Probleme als die Zuwanderung.

Die Diskussion um Zuwanderung, Integration und Migranten hält mittlerweile schon zu viele Jahre an, ohne wirklich Ergebnisse zu liefern. Bei den zuvor genannten Vorurteilen und den dazugehörigen Diskussionen am sprichwörtlichen Stammtisch geht es in Wirklichkeit nicht um Tatsachen – auch nicht beim Thema Muslime. Es geht um subjektives Empfinden. Denn Fakt ist: Muslime machen in Deutschlands gerade einmal um die 5 Prozent der Bevölkerung aus. Eine verschwindend kleine Minderheit, vor der das deutsche Abendland eigentlich keine Angst zu haben braucht. Doch fragt man jenen Teil der Bevölkerung, der Angst vor „dem Islam“ hat, so wird der Anteil der Muslime um ein Vielfaches höher eingeschätzt. Dieses Phänomen gibt es nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Einwanderer ankommen und sich ins alltägliche Stadtbild integrieren. So wird z.B. auch in Großbritannien der prozentuale Anteil von Muslimen und Ausländern zu hoch eingeschätzt.
Die Angst vor dem Fremden hat die Tendenz, sich bisweilen in eine unkontrollierbare Hysterie zu steigern. Doch wie kommt man gegen die neue Bewegung der Angstbürger an? Scheinbar nicht mit Zahlen und Fakten, denn die Anhänger dieser selbsternannten Bürgerbewegungen glauben nur der eigenen Statistik: Sie sehen einige überwiegend von Arabern bevölkerte Stadtteile, eine größtenteils von fremdländisch aussehenden Kindern besuchte Schule, ein morgenländisches Gebetshaus und können es angesichts dessen nicht ertragen, dass in ihrer Heimat auch andere Menschen heimisch geworden sind.
Die Angst vor dem Unbekannten – oder noch schlimmer: vor dem aus politically incorrecten Gruselmärchen schon bekannt Erscheinenden – ist es, die neuerdings Massen auf die Straße bringen kann. Seit dem Elften September ist das Kopftuch, das unsere deutschen Großmütter vor vierzig oder fünfzig Jahren noch wie selbstverständlich trugen, zu einem Symbol der „Überfremdung“ geworden. Die Debatte über entweder unterdrückte oder fundamentalistische „Kopftuchmädchen“, die in Wirklichkeit doch eigentlich nur ihren Glauben leben und in Ruhe gelassen werden wollen, scheint erst jetzt abzuflauen, da man endlich ein handfestes, brandgefährliches und noch bedrohlicheres Beispiel für die Schattenseiten der islamischen Kultur gefunden hat: Während Terroristen und Theokraten im Nahen Osten ein Kalifat des Schreckens zu errichten versuchen, fühlen sich die rechten Hetzer und Breivik-Anhänger in der Echtheit des Konstrukts, das sie „Islamisierung des christlich-jüdischen Abendlandes“ nennen, bestärkt.

Willkommenskultur – Auffanglagerkultur

Ressentiments gegen Ausländer und Zuwanderungskritik gibt es seit der ersten Stunde deutscher Einwanderungsgeschichte. Bis zum heutigen Tag hat sich die Stimmung zu einem neuen Höhepunkt seit den 1990er Jahren hochgeschaukelt, doch der Grund ist nicht etwa die aggressive Missionierungskultur rheinländischer Salafisten. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass immer mehr Menschen – und darunter auch viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern – in Deutschland Schutz vor Krieg, Vergewaltigung und Mord suchen. Denn mehr noch als das geliebte Vaterland lieben der und die Deutsche das Geld, das im Namen der deutschen Allgemeinheit ausgegeben wird. Und da kommt es vielen gerade Recht, wenn ihnen jemand erzählt, dass hunderttausende Asylbewerber_innen in Deutschland wie Gott in Frankreich leben. Bei Pegida-Demonstrationen wetterte der Initiator Lutz Bachmann gegen „Heime mit Vollversorgung“ für Flüchtlinge, während sich die deutschen Alten „manchmal noch nicht mal ein Stück Stollen leisten können zu Weihnachten“. Wie groß muss der Hass eines Volkes sein, wenn es seine Alten in miserable Heime steckt und dann Bürgerkriegsflüchtlinge zu Schuldigen erklärt?

Die ZEIT (04.12.2014, Nr. 50) berichtet über die aktuellen Zustände in vielen Lagern. Es wird auch der Kinderarzt Andreas Schultz zitiert, der in einem Asylbewerberheim in München Kinder behandelt.

Manchmal, sagt Schultz, erinnere ihn München an den Sudan. […] An die hundert Kinder wohnen in der Notunterkunft, viele von ihnen seien krank, sagt Schultz. Er hört ihren Brustkorb ab, untersucht ihre Ohren und Atemwege. Er erzählt von Kindern, die eitrige Mandeln haben, weil sie seit Tagen im Zelt schlafen. Von Jungen und Mädchen, die apathisch an die Decke starren, weil es kein Spielzeug gibt. Von Jugendlichen, die nachts vor Kummer schreien und tagsüber Bilder mit blutüberströmten Menschen malen. Von Babys, die Durchfall bekommen, weil sie das Essen im Heim nicht vertragen. „Die Kleinen bräuchten Brei“, sagt Schultz. „Stattdessen setzt man ihnen Hackfleisch vor.“

Vollverpflegung sieht anders aus. Das interessiert Leute wie Pegida-Bachmann aber nicht. Dabei geht es hier nicht einmal um Zuwanderung an sich, denn Asylbewerber sind zunächst einmal Schutzsuchende. (Oft wird dies auf beiden Seiten missverstanden: Asylgegner argumentieren, das Boot sei voll. Deutschland könne nicht noch mehr Menschen durchfüttern. Asylbefürworter argumentieren dagegen beim Thema Asyl, Deutschland bräuchte doch Zuwanderung, allein schon um die Wirtschaft am Laufen zu halten.)  Doch Flüchtlinge in Deutschland wollen in allererster Linie als Menschen behandelt werden und nicht als Zahlen, Nummern und Objekte. Sie wollen ein Leben in Würde führen. Ein Recht, das ihnen das Grundgesetz eigentlich zugesteht.
Dabei sind die meisten Deutschen gastfreundlich – nur eben nicht im eigenen Wohngebiet:

Im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvestehude wird seit Oktober um ein Asylbewerberheim gestritten. Einige Nachbarn sind gegen das Heim vor Gericht gezogen, sie sagen, sie hätten Angst vor „Kinderlärm“. Harvestehude ist kein kinderfeindlicher Ort. Es gibt „Wohlfühlkindergärten“ mit Biofrühstück und Kinderyogakursen, es gibt Kochschulen für Zwölfjährige und Kieferorthopäden speziell für Kinder. In manchen Flüchtlingsheimen gibt es nicht einmal Zahnbürsten. In Würzburg zum Beispiel werden Zahnbürsten nur an Asylbewerber verteilt, die älter als zwölf Jahre sind. Deutsche Kinder bekommen Zahnputzkurse, sie haben kaum noch Karies. Viele Flüchtlingskinder kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen, sie sind oft braun und morsch. Wenn ein deutsches Kind Karies hat, bohrt man ein Loch und füllt den Zahn. wenn ein Flüchtlingskind Karies hat, wartet man, bis der Zahn verrottet ist, so will es das deutsche Gesetz.

Das ist eigentlich zum Heulen. Menschen leben in Baracken, bekommen nicht einmal Hartz-IV und alleinstehende Männer versuchen häufiger als der umliegende deutsche Durchschnitt, sich selbst das Leben zu nehmen. Doch der Mainstream will in den Zeitungen lieber von ungerechtfertigter Vollverpflegung oder Drogenrazzien lesen.

„Ich bin autochthoner Deutscher.“ – „Ist das heilbar?“

„Bürgerbewegungen“ wie die Pegida und viele andere sprechen das offen aus, was (zu) viele Deutsche mittlerweile oder noch immer denken. Sie vertreten ein unvertretbares Deutschlandbild, in dem unterschieden wird zwischen Einheimischen und „Gästen“, die oft seit Generationen ihre Steuern in Deutschland zahlen, nie wirklich wie Gäste aufgenommen wurden und auch so schnell wie möglich wieder verschwinden sollen. Sie werfen diesen Gästen vor, undankbar zu sein. Dabei sind sie es selbst, die undankbar sind. In einem Land, das aus jeder Krise nahezu unbeschadet hervorgeht und sich dennoch bemitleidet, haben Zuwanderer oder Flüchtlinge dennoch keinen Platz. Im Land der Dichter und Denker denkt man immer weniger und dichtet nur noch selten – allerdings nicht deshalb, weil Zuwanderer, Asylanten oder Salafisten einen davon abhalten würden, sondern weil es viel komfortabler ist, erst einmal einen Schuldigen für ein aktuelles Schlamassel zu suchen. Doch vielleicht ist es die Art des (und der) Deutschen an sich: Wir haben schon mit uns selbst ein Problem, da brauchen wir nicht noch Andere, mit denen wir mehr Probleme haben können.

Doch wann fangen wir endlich an, uns um die wirklichen  Probleme zu kümmern – gemeinsam?

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bomben, Raketen und kein Ende

Die Lage in Israel und Palästina eskaliert wieder einmal, dieses Jahr heftiger als in den Jahren zuvor. Die israelische Armee und die palästinensische Hamas liefern sich ein wahres Duell im Raketenschießen. Die Offensive Israels gegen Gaza ist in der Nacht zum Dienstag angelaufen. Insgesamt wurden 160 Ziele beschossen, sagte eine Militärsprecherin in Tel Aviv laut Spiegel Online. Seit Beginn der Operation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum wiederum 225 Raketen auf Israel abgefeuert, rund 40 davon habe die Raketenabwehr abgefangen. Erstmals seit 2012 erreichten die Geschosse der Hamas auch wieder Tel Aviv und sogar Jerusalem.

Das Traurige ist, dass sich angesichts dieses Völkerschlachtens immer noch jede der direkt involvierten Seiten die Frage stellt, wer mit dieser ganzen Scheiße denn angefangen hätte. Gegenseitig wird sich nun der Schwarze Peter zugeschoben. Immer sind die anderen schuld. Aus der Distanz bleibt mir nichts anderes übrig, als die Aktivitäten meiner Facebook-Bekanntschaften zu beobachten. Die meiste von ihnen sind dem Konflikt geografisch zumeist ebenso fern wie ich. Und da sich meine virtuelle Freundesliste aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster politischer Weltanschauungen zusammensetzt, bekomme ich die volle Ladung ab: Während sich ungefähr die Hälfte meiner muslimischen Bekannten - ob sie einen direkten Bezug zu Palästina habe oder nicht - ganz offen zu Gaza und häufig auch zur Hamas bekennt, posten die Israelfreunde heldenhafte Statusmeldungen der IDF und holen uralte Karikaturen aus dem Keller.

Apropos Karikaturen… - Ich habe ein bisschen auf Google eingesammelt, was in den letzten Jahren und bis heute an politischen Kritzeleien entstanden ist - und habe dabei Erstaunliches entdeckt:

Israel dargestellt als Unschuldslamm, die Hamas mit vielen Raketen.

Gaza dargestellt als Unschuldslamm, Israel mit vielen Raketen.

Diese Zeichnungen - an denen ich übrigens keinerlei Rechte besitze und die ich hier ohne Kenntnis der Zeichner/-innen weiterverbreite - ähneln sich in erschreckender Weise. Die Aussagen sind jeweils dieselben: Die da haben angefangen! Wir verteidigen uns nur.

Wer im Internet sucht, der findet. Auf der einen Seite ein unschuldiges, kleines und wehrloses, irritierenderweise aber bis an die Zähne bewaffnetes Israel - auf der anderen Seite bisweilen unverhohlener Antisemitismus, verpackt in legitim erscheinende Kritik.

Israelische Raketen fliegen auf Gaza. Rassistische Symbolik, wie man sie sich hierzulande nicht leisten könnte...

Und Israel verteidigt sich natürlich nur selbst...

Mich interessiert schon lange nicht mehr, wer angefangen hat. Und mein vor Jahren noch lebendiger (und reichlich naiver) Optimismus ist nicht etwa der Enttäuschung, sondern eher einer schier grenzenlosen Wut gewichen. Seit Jahrzehnten wiederholt sich dieser Mist in regelmäßigen Abständen, immer wieder scheitern Friedensverhandlungen an eben den Problemen, an welchen sie Jahre zuvor schon gescheitert sind. Erst hat die Politik mit ihren Armeen und Milizen Zivilisten getötet, jetzt töten sich die Zivilisten endlich auch gegenseitig. Und niemand begreift, dass der unbequeme Weg - nämlich der, für den jede einzelne Person Zugeständnisse machen und Opfer bringen muss - am Ende weniger „Opfer“ kosten würde.
Aber nein, wieso sollten wir nachgeben? Die Anderen sind schuld. Die „Anderen“ sind Terroristen, Soldaten, Araber, Juden, Muslime, Israelis, Besatzer, Bombenbastler - alle sind sie unschuldig, Märtyrer, Helden.

Am Ende sind sie alle Menschen. Doch vielleicht sind Menschen nunmal so. Sie verteidigen ihr Territorium, ihr Land, ihre Ehre, ihre Religion - oft auch schlicht und einfach ihre Familie. Und weil wir alle diese Menschen bei der Verteidigung ihrer Motive nicht unterstützen können, posten wir Karikaturen, ändern unsere Profilbilder, zeigen Solidarität. Ob das irgendwem hilft und ob es nicht vielmehr Gespräche verhindert, sei mal dahin gestellt.

Und die Sache mit den Israelis und Palästinensern ist (leider) noch das kleinste Übel im Nahen Osten. Syrien ist am Ende, im Irak fängt es gerade erst wieder so richtig an. In der Ukraine ist noch kein Licht am Ende des Tunnels abzusehen. Und wo nicht gekämpft wird, da wird der Unmut größer und wartet nur darauf, sich in einem Gewitter zu entladen, wenn die großen Bühnen der Welt endlich ihren Vorhang zuziehen.
Was diese Welt braucht ist eine Pause. Doch sie wird sie wahrscheinlich nicht bekommen.

Mittwoch, 28. August 2013

Syrien im August - Auch Beschwichtigung sollte ein Ende haben

[Dieser Beitrag entstand als Reaktion auf die vielen Stimmen, die ihr Fähnchen gerne nach dem Wind hängen. Als eine "Reaktion" sollte er deshalb auch gelesen werden, Thorschten vertritt darüber hinaus grundsätzlich nämlich pazifistische Positionen.]

Vor fast genau einem Jahr gab Kofi Annan sein Mandat als Syrien-Sondergesandter der Vereinten Nationen auf. Sein Nachfolger Brahimi hat bisher keine nennenswerten Fortschritte erreicht, eine politische Lösung des Konflikts bleibt weiterhin in unüberwindbarer Ferne. Irgendwann kamen dann zum ersten Mal chemische Waffen zum Einsatz und US-Präsident Obama in die erste moralische Zwickmühle: Er hatte zuvor die sagenumwobene „rote Linie“ gezogen und konnte sie nun nicht verteidigen. Das Gespött war ebenso groß wie die Hilferufe aus Syrien. Obama hatte angekündigt, einzugreifen – und tat es nicht. Der Westen würde seine Werte immer weiter verraten, hieß es. Dann gab es zum zweiten Mal die Meldung über Chemiewaffeneinsätze. Und dieses Mal mobilisierten die USA ihre Flugzeugträger. Der nächste Aufschrei erfolgte: Die USA dürfen sich auf keinen Fall einmischen! Bomben sind keine Lösung! Der imperialistische Westen greift wieder um sich und will ein Land ins Chaos stürzen. Ein brauner Wolf im roten Schafspelz, der Publizist Elsässer, will sogar eine Abschussprämie zahlen, für vom Himmel geholte NATO-Flugzeuge. Und er bekommt virtuellen Beifall. Elsässer schreibt über die „tapferen Soldaten an der Flak, die ihre Heimat verteidigen“. Plötzlich ist von den USA, Großbritannien und Frankreich als kriegstreibende Aggressoren die Rede. – Wir haben wieder einmal einen Sündenbock gefunden für das Syrien-Desaster, das seit über zwei Jahren in vollem Gange ist: Uns selbst. Es läuft immer auf dasselbe hinaus. Auch der angesehene Nahost-Spezialist Jürgen Todenhöfer sagte (schon im Mai): „Jetzt hat der Westen in Syrien wieder einmal ein politisches Chaos angerichtet.“

Liebe Leute, entscheidet euch! War euch die zynische Haltung von Sarah Palin („Let Allah sort it out!“) etwa lieber? Wer mich kennt weiß, dass ich eine Bevormundung arabischer Staaten durch den Westen nicht gutheiße, dass ich militärische Einmischungen à la Kreuzzug („Wir bringen den Arabern Zivilisation und Christentum“) entschieden ablehne und in die Zeit des Kolonialismus verordne. Aber wie lange soll man dem Schlachten noch tatenlos zusehen? Man hat Zurückhaltung geübt in Tunesien und vor allem im demografischen Zentrum des Nahen Ostens, in Ägypten. Man hat Gaddafi in Libyen aus dem Amt gebombt und Unordnung hinterlassen, na gut. Aber man hat die Rebellen höchstens aus der Luft unterstützt und ansonsten den Dingen (zu Land) ihren Lauf gelassen. Soll sich der Westen aus dem Syrien-Konflikt heraushalten? Das wäre scharf zu verurteilen. Doch für eine politische Lösung ist es doch längst zu spät. Und sagt nicht, dass „der Westen“ Verhandlungen blockiert hätte. Will sich denn Assad an einen Tisch setzen mit „Terroristen“ und „ausländischen Agenten“, die er von Anfang an für den Ausbruch der Demonstrationen und Aufstände verantwortlich gemacht hat? Assad sitzt stattdessen in seinem Bunker, schart Hisbollah-Milizen und iranische Religionswächter um sich und hat jeglichen Sinn für die Realität verloren. Ist so jemand noch ein ernstzunehmender Verhandlungspartner? Dennoch wird er von einigen Publizisten wie Herrn Todenhöfer – den ich als erfahrenen Kenner der Region eigentlich sehr schätze – immer noch gedeckt. Hat bald jeder lupenreine Demokrat dieser Welt einen deutschen Fürsprecher?

Es ist egal, ob Assad, sein Militärchef, ein Unteroffizier oder gar die Rebellen selbst Giftgas gestreut haben – die Welt muss endlich etwas tun. Und auch wer sich als Pazifist bezeichnet, sollte sich nicht aus Gegnerschaft zu islamistischen Rebellen auf die Seite eines skrupellosen Diktators stellen.
„Greifen Sie Syrien nicht an!“, fordert Jürgen Todenhöfer auf seiner Facebook-Seite den US-Präsidenten Obama auf. Doch wer will denn „Syrien“ als solches attackieren? Wird denn „Syrien“ im Weltsicherheitsrat von China und Russland gedeckt oder vielmehr das Regime? Die westliche Öffentlichkeit sollte überdenken, ob die Problematik Syriens wirklich mit der des Irak 2003 vergleichbar ist. Im Irak gab es keine Demonstrationen gegen Saddam Hussein, es gab keinen Bürgerkrieg. Und es gab nachweislich keine Massenvernichtungswaffen. In Bosnien hingegen gab es – wie in Syrien – Kriege und Regierungstruppen, die ein zerfallendes Jugoslawien zusammenhalten wollten. Weder NATO noch UN-Blauhelme konnten damals Massenmorde (aller Beteiligten) verhindern, genauso wenig wie sie es heute in Syrien können. Doch letztendlich hat man versucht, dem Gemetzel Einhalt zu gebieten, auch mit militärischen Mitteln, und hat so eine Serie von bewaffneten Konflikten eingedämmt. Das alles hat weniger Jahre in Anspruch genommen wie der letztlich erfolglose Einsatz im Irak. Heute ist der Balkan befriedet. Wieso sollte das – gut überlegt und planvoll – nicht auch in Syrien klappen? Eine militärische Intervention wird nicht ohne zivile Opfer auskommen, doch wird denn etwa jetzt gerade, in diesen Sekunden, das Sterben von Zivilisten verhindert? Nein! Die Opferzahlen haben die Marke von 100.000 bereits weit überschritten und steigen von Tag zu Tag. Auch ohne US-Marschflugkörper. Da ist gar keine „rote Linie“ mehr nötig, denn allein der gesunde Menschenverstand schreit nach dem Eingreifen.
Bin ich jetzt ein kriegstreibendes Medium? Das muss jeder selbst beurteilen. Natürlich wünsche ich mir für alle Aktionen ein UN-Mandat, keine Frage. Doch ich bin auch dafür, dass etwas geschieht, so schnell wie möglich.

Egal was „der Westen“ in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten tun wird – am Ende hat er es entweder falsch oder viel zu spät getan.
Nur irgendetwas sollte getan werden, denn danach werden wir uns nicht  m e h r  hassen als wir es ohnehin jetzt schon tun.


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An dieser Stelle möchte ich noch für eine Organisation werben, die schon jetzt wichtige Arbeit leistet und auch in der Zeit danach (denn egal wie, es wird eine Zeit danach geben) von enormer Wichtigkeit für die Menschen sein wird. Die Organisation Relief & Reconciliation for Syria hat motivierte, weitsichtige Aktivisten aus den verschiedensten Bereichen in ihren Reihen, von denen viele schon Erfahrungen auf den Trümmern der Jugoslawien-Kriege gesammelt haben und sich für sinnvolle Versöhnungsarbeit in Syrien einsetzen.


Mittwoch, 19. Juni 2013

19.06.2013: Zur aktuellen Lage in Syrien und zur NGO Relief & Reconciliation for Syria

In der Türkei haben die Demonstranten auf stillen Widerstand umgeschwenkt. Stundenlang stehen sie regungslos auf dem Taksim-Platz und an anderen Orten in der Türkei, um ihren Protest gegen die Regierung zum Ausdruck zu bringen. Währenddessen bezeichnet Ministerpräsident Erdoğan die Räumung des Gezi-Parks vor einigen Tagen als „Sieg der Demokratie“. Er bleibt stur, sieht weiterhin eine innere und äußere „Verschwörung“ gegen sein Land, lässt an nur einem Tag 100 Mitglieder einer linken Partei verhaften. Staatspräsident Abdullah Gül hingegen scheint zu erkennen, dass die Gesellschaft tatsächlich mit Problemen zu kämpfen hat: „Unsere Gesellschaft muss sofort wieder zusammenfinden. Wir haben daran gearbeitet, europäische Rechtsstandards zu erreichen. Wir dürfen nicht zurückfallen. Die Reformen müssen weitergehen“.[1]
Die von Polizeiknüppeln, Tränengas und Chemikalien in den Wasserwerfern angerichteten Schäden dürften tiefer sitzen als die finanziellen Schäden, die durch die Proteste an Geschäften und Schaufenstern verursacht worden sind. Doch diese Schäden ließen sich von einer zwar gespaltenen, aber fortschrittlichen türkischen Gesellschaft wahrscheinlich überwinden.

Nur ein Stückchen weiter im Süden liegt Syrien. Hier sind die Gräben mittlerweile tiefer, das Misstrauen scheint unüberwindbar, der Bürgerkrieg tobt. Auch der Libanon ist betroffen: Hier treffen die Flüchtlingsströme nach acht Tagen des Marsches durch die Berge ein in einer Region, in der das Verhältnis Einwohner zu Flüchtling vielerorts schon 1:1 steht. Ohne Verpflegung haben sich diese Menschen aufgemacht, viele haben auf dem Marsch mehr Angehörige verloren als durch das Bombardement Assads, vor dem sie geflohen sind. Schwerverletzte kommen in libanesischen Krankenhäusern an und werden zurückgewiesen, weil niemand die teuren Operationen und Krankenbetten bezahlen kann.

In Syrien selbst wird der Konflikt immer mehr konfessionalisiert. Die Menschen haben es sich nicht so ausgesucht. Von Anfang an einte sie die Ablehnung des Regimes, Präsident Assad zwang den Bürgerkrieg dann in einen religiösen Kontext – zum Beispiel indem er die Drusen und die alawitischen Gebiete vor Bombardierung schützte. Die christliche Führung, in Europa hausieren geht und die Regierungen davon zu überzeugen versucht, dass es ohne Assad zu einem Völkermord an den Christen kommen würde, steht weiterhin hinter dem Diktator – anders jedoch als große Teile der christlichen Bevölkerung.
Die Situation der Minderheiten ist es, die eine volle Unterstützung der Revolution vonseiten Europas bis jetzt verhinderte. Die Europäer sind verunsichert und abgeschreckt vom Bild des „Dschihad“, des „Heiligen Krieges“, der neuerdings in Syrien propagiert wird. Dabei wird übersehen, dass sich die Gewalt vonseiten der Islamisten nicht gegen die Minderheiten des Landes, sondern fast ausschließlich gegen das Regime wendet. Zudem sind die meisten Kämpfer der islamistischen und salafistischen Gruppen einfache einheimische Stadt- und Landbewohner, die wenig mit salafistischem Gedankengut gemein haben. Der Begriff des „Heiligen Krieges“ hat eine religiöse Dimension in Syrien, doch er richtet sich nicht gegen Christen oder Drusen, sondern gegen das Regime. Er wird teilweise sogar durch die Minderheiten mitgetragen. Noch heute hört man vereinzelt noch die Slogans aus den Anfangstagen, quer durch alle Gruppierungen hindurch:
„Freiheit und Menschenwürde!“

Gestern, am 18. Juni, war bei uns an der Uni Tübingen ein Vertreter der Nichtregierungsorganisation Relief & Reconciliation for Syria zu Gast. Friedrich Bokern kam direkt aus dem Libanon und referierte zum Thema „Die Lage der Minderheiten in Syrien“, stellte aber auch seine Organisation vor und die aktuellen Probleme, die sich der Hilfe für die Menschen in den Weg stellen und was dennoch getan werden kann. R&R ist keine reine humanitäre Hilfsorganisation, sondern will Friedensarbeit mit praktischer Hilfe verbinden. Es geht – wie der Name schon sagt – um Versöhnung. Politiker werden außen vor gelassen, doch einflussreiche Ansprechpartner vor Ort sollen zusammengeführt werden – nicht nur zum abstrakten Gespräch, sondern zur Schaffung konkreter Konzepte. Die Organisation ist neutral, doch sie prangert Verbrechen an. Und die seien zu einem überwiegenden Teil vonseiten des Regimes verübt worden.
Bokern und den anderen Syrien-Freunden ist es gelungen, im Nordlibanon das erste in einer Reihe von „Friedenszentren“ zu eröffnen, wo Flüchtlingen praktische (bzw. materielle) Hilfe geboten wird, wo aber auch psycho-soziale Arbeit oder Erziehungsarbeit (wie etwa Fremdsprachenkurse) geleistet werden. Unterstützt werden die Projekte von Autoritäten innerhalb der Bevölkerung: Ortsansässige Scheichs im Libanon, Stammesführer innerhalb der Vertriebenen, Imame und christliche Priester.



Friedrich Bokern wirbt für seine Organisation. Und er macht deutlich, dass die meisten Syrer von Europa enttäuscht sind. Die Frage, die fast jeder der 5 Millionen Flüchtlinge in Syrien oder im benachbarten Ausland stellt, lautet: „Warum habt Ihr uns vergessen?“
Europa hält sich aus dem Konflikt weitgehend heraus. Europa hadert mit sich selbst und zögert, Stellung zu beziehen. Währenddessen fühlen sich die Syrer verraten. Hat Europa in Syrien irgendeine Verantwortung? Vielleicht nicht. Aber als die Syrer aufstanden, um die von Europa gepredigten Werte der Freiheit und der Selbstbestimmung zu erkämpfen, bekamen sie keinerlei Rückhalt aus dem Westen. Dabei wollen viele Syrer nicht einmal Waffen. Sie brauchen humanitäre Hilfe, sie wollen im Winter nicht frieren und verhungern. Wären Feldhospitäler zu viel verlangt? Der Westen überlässt die Menschen sich selbst.
Im Westen hat man Angst vor einem neuen Irak. Zudem sieht man mehr und mehr ein, dass der Irakkrieg auf vollkommen falscher Beweislage geführt worden war. Die Politik im Westen wird vorsichtiger. Dabei wäre eine militärische Intervention dieses Mal sogar moralisch gerechtfertigt. Sicher, aus völkerrechtlicher Perspektive wäre ein militärisches Eingreifen in Syrien vonseiten der USA (oder auch Europas) illegal. Im Irak gab es keine Massenproteste, keine Hilferufe an den Westen. In Syrien jedoch gibt es einen Despoten, der am helllichten Tag Stadtteile von Aleppo bombardieren lässt, wegen dem Millionen Menschen auf der Flucht sind. Der Bürgerkrieg hat schon 100.000 Menschen das Leben gekostet. Es gibt keinen anderen Weg als den Fall des Regimes. Die Lage unterscheidet sich grundlegend von der des Irak.

Doch vielleicht kommt endlich Bewegung in die Sache. Beim gestrigen G8-Gipfel[2] hat man sich geeinigt, den Druck auf Assad zu erhöhen. Es sieht aus wie ein Fortschritt, doch Moskau beharrt immer noch darauf, dass Assad in die Verhandlungen einbezogen wird.

Für Friedrich Bokern von R&R ist klar, dass der Syrien-Konflikt nicht so einfach zu lösen ist. In einer Zeit nach Assad hält er sogar eine zeitweise Trennung des Landes für möglich, mit einer von Blauhelmsoldaten geschützten Pufferzone. Die Gefahr von Racheakten besteht, weitere Massaker könnten auch nach Assad noch folgen. Doch das syrische Volk besteht auf der Einheit des Landes. Bokern selbst hat im Bosnienkrieg in den Neunzigern Erfahrungen sammeln können, wie die schrittweise Versöhnung nach der Katastrophe aussehen kann. Die ersten Grundsteine dazu legt Relief & Reconciliation for Syria schon heute. Der Name ist Programm: Aktive Arbeit zur Hilfe der Flüchtlinge und zur Aussöhnung in der Zeit danach.
Bokerns Appell an die Zuhörer: „Tun Sie was!“

(Mehr über die Organisation erfahren Sie hier; Spenden können Sie auch.)



[2] 18. Juni 2013