Freitag, 11. Juli 2014

Neun Fragen an die pro-palästinensischen Möchtegern-Freiheitskämpfer und Facebook-Aktivisten unter euch

(Für die andere Seite gibt es natürlich auch was: Neun Fragen an die bedingungslosenIsrael-Freunde unter euch.)

Ich habe in den letzten Tagen intensiv beobachtet, was und wie auf Facebook zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gepostet, kommentiert und reagiert wurde. Wie bei den pro-israelischen Aktivisten nehmen auch in der pro-Palästina-Fraktion zahllose Menschen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich nun endlich auch mal den Friedens- und Gerechtigkeitsaktivisten der palästinensischen Seite ordentlich ans Bein zu pinkeln. (Keine Angst, die anderen bekommen anderswo ihr Fett ab, siehe oben.)

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise hat sie ihre Gründe. Doch mit #GazaUnderFire lockt man Millionen Menschen aus der Reserve, von denen man seit 2012 kein politisches Statement mehr gehört hat. Vielerorts ist sogar ein (angebliches und nachweislich falsches) Hitler-Zitat aufgetaucht: „Ich könnte alle Juden töten, aber ich habe einige am Leben gelassen um euch zu zeigen, wieso ich sie getötet habe.“ - Die Hamas als Freiheitskämpfertruppe, die Israelis (oder noch genauer: die Juden) als unmenschliche Besatzer, Killer, Monster. Bilder von toten Kindern kursieren im Internet, Fotos von Trümmerhaufen der letzten Bombenangriffen. Gaza steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der Sympathie, der Solidarität. Hierzu ein paar akute und ein paar grundsätzliche Fragen:


Warum hat Euch vor einigen Jahren eigentlich z.B. Darfur nie interessiert, als dort 200.000 Menschen in die Wüste getrieben wurden, um zu verdursten? (Weil die Opfer größtenteils weder Araber noch Muslime waren?)

Wieso applaudiert Ihr, wenn orthodoxe Juden das Existenzrecht Israels anfechten und betonen, dass nicht alle Juden Zionisten sind, wenn Ihr auf der anderen Seite alle Juden und Zionisten in einen Topf werft und gefälschte Hitler-Zitate rausholt?

Wieso tauchen in solchen Tagen immer Karikaturen auf, die abgrundtief antisemitisch sind und eine jüdische Weltverschwörung propagieren? Und schämt Ihr Euch nicht, wenn Ihr auf Demonstrationen „Tod den Juden“ brüllt?

Weshalb gebt ihr jedes Bild eines toten Kindes als ein Foto von Gaza aus, auch wenn ein beachtlicher Teil dieser Bilder in den letzten Jahren in Syrien oder dem Irak entstanden sind? Warum postet Ihr überhaupt Bilder von toten Kindern? Wem soll das helfen?

Und seid Ihr wirklich der Meinung es sei richtig, Jugendliche zu entführen und zu töten, weil ihre Eltern Häuser (!) auf Land (!) bauen, das euch gehört?*

Wohin, denkt Ihr, sollen die Nachkommen der 850.000 Juden verschwinden, die nach 1948 aus arabischen Ländern nach Israel eingewandert sind? Zurück in den Irak, während man sich vehement dafür einsetzt, dass der Westen Flüchtlinge aus eben diesem Land aufnehmen soll?

Wie würde Deutschland reagieren, wenn aus der Schweiz innerhalb einer Woche mehr als 300 Raketen auf deutsche Städte geschossen würden?

Und wieso verlangt Ihr eigentlich von den „Westlern“, die „westliche“ Sichtweise in Zeiten von Konflikten zu hinterfragen und kritisch zu beurteilen, wenn Ihr in Zeiten von Konflikten bedingungslos hinter Terrorgruppen wie der Hamas steht?

Viele von Euch jubeln Hamas unterstützend zu bei der Aussage: „Wir lieben den Tod mehr als das Leben!“ - Meine Frage hierzu: Habt Ihr eigentlich einen Schaden?

*Die Eltern von zwei der drei ermordeten Israelis waren überhaupt keine Siedler.


Das sind nur wenige der Gründe, wieso Euch niemand zu Talkshows einlädt und bei Friedensverhandlungen keiner nach Eurer Meinung fragt. Vielleicht habt auch Ihr gemerkt, dass ich die israelische Seite, ihre Vorgehensweise und Politik hier mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam.
Und dennoch kann es vielleicht nicht schaden, sich einmal in die Situation der Gegenseite hineinzuversetzen. Das fällt Menschen in Gaza verständlicherweise sehr schwer, doch Euch, die Ihr in der Ferne weilt, müsste es genauso leicht fallen wie wenn Ihr Euch in die Lage einer Familie in Gaza versetzt. Leid gibt es auf jeder Seite, auch wenn Euch dieser Vergleich lächerlich erscheinen mag: Doch jeden Tag, an dem eine Qassam-Rakete israelische Kinder aus dem Schlaf jagt und zu einer fünften im Bombenkeller verbrachten Nacht innerhalb einer einzigen Woche zwingt, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Hardlinern der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe auf Gaza und die letzte Rakete auf Sderot, Tel Aviv oder Aschkelon gefallen ist, wird es gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bomben und Raketen wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Neun Fragen an die bedingungslosen Israel-Freunde unter euch


In den letzten Tagen wurde zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern viel auf Facebook gepostet. Zahllose Menschen nehmen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich mich nun einmal an die zahlreichen Israel-Unterstützer wenden, um ihnen gehörig ans Bein zu pinkeln.

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise möchtet Ihr wissen wieso. Israel bezeichnet sich gern als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ und Ihr glaubt das. Denn die Menschen dort müssten eigentlich so sein wie die Menschen hier bei uns, während die „Anderen“ ganz anders sind. Viele von Euch sind obendrein noch der Meinung, Israel habe die „moralischste Armee der Welt“, mit ehrbaren Werten und modernen, westlichen Grundsätzen - weshalb Ihr die Statusmeldungen dieser Armee postet und ihr vertraut als sei sie Eure Mutter. Ihr fragt Euch aber auch, wieso die Hamas so viel Unterstützung unter den Palästinensern findet, wo diese Terroristen doch „den Tod mehr lieben als die Israelis das Leben“. Aus Eurer Sicht hat die Hamas, indem sie Raketen auf zivile Ziele in Israel geschossen hat, die aktuellen Eskalation der Gewalt herbeigeführt. Israel müsse reagieren, sagt Ihr. Und Ihr verbreitet Videos der israelischen Botschaft von Großmüttern, die den Weg zum Luftschutzraum in 15 Sekunden unmöglich schaffen können.


Was glaubt Ihr, wie viele Luftschutzräume es in Gaza wohl gibt und wie viel Zeit einer schlafenden Familie, die in der Nähe eines Hamas-Terroristen wohnt, wohl bleibt um zu fliehen?

Ist Euch eigentlich bewusst, dass die israelischen Gegenangriffe reiner Aktionismus sind, um die eigenen Bürger zu beruhigen, wahrscheinlich aber eine Dritte Intifada auslösen könnten, ohne irgendeine Besserung für die israelische Bevölkerung zu erreichen?

Wisst Ihr, dass sich bei jedem Gaza-Konflikt dutzende Israelis auf den Erhebungen um Gaza einfinden, um das „Feuerwerk“ zu beobachten und sich mit Feldstechern am Anblick sterbender Palästinenser ergötzen?

Wisst Ihr, dass den meisten Israelis gar nicht bewusst ist, was in den von ihnen besetzten Gebieten in ihrem Namen tagtäglich passiert, und dass es sie auch nicht sonderlich interessiert?

Wisst Ihr, dass die israelische Armee in den besetzten Gebieten den Auftrag hat, vorsätzlich den Alltag der Palästinenser zu „unterbrechen“ und zu stören - und sie deshalb aus einer Laune heraus spontan und über Nacht ganze Ortschaften durch einen Checkpoint abriegeln können?

Wie könnt Ihr Euch erklären, dass israelische Soldaten, die kaum über 18 Jahre alt sind, im besetzten Hebron aus Langeweile Löcher in Wasserboiler auf den Dächern schießen, Schulkinder schikanieren und bei routinemäßigen Manövern Wohnungen palästinensischer Familien besetzen, um beim Abzug dann die Wohnzimmer kurz und klein zu schlagen und bisweilen auch einfach aufs Sofa zu scheißen?

Wisst Ihr übrigens, wie viele minderjährige Palästinenser in israelischen Gefängnissen sitzen - ohne Anklage?

Wisst Ihr, dass ein Palästinenser, der z.B. in Jericho wohnt, nur einmal im Jahr nach Jerusalem kommen darf, um dort z.B. die Al-Aqsa-Moschee zu besuchen?

Wisst Ihr, dass ein israelischer Haushalt pro Tag knapp 72 Liter mehr Wasser verbraucht (und verbrauchen kann) als ein palästinensischer?

Möglicherweise sind dies (nur wenige) der Gründe, weshalb Terrorgruppen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung so große Unterstützung finden. Und nein, ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Das ist Bullshit.
Vielleicht habt Ihr gemerkt, dass ich die Hamas mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam. Ich möchte lediglich, dass Ihr versteht, wieso sich Menschen einer Terrorgruppe anschließen. Während bei den Palästinensern jeder Tag von der Besatzung geprägt ist, müssen Israelis keinen müden Gedanken an das Leben auf der anderen Seite der Mauer verschwenden. Und genau deshalb verstehen sie nicht, wieso die andere Seite Mörder und Selbstmordattentäter unterstützt. Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es wahrscheinlich trotzdem noch gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bomben, Raketen und kein Ende

Die Lage in Israel und Palästina eskaliert wieder einmal, dieses Jahr heftiger als in den Jahren zuvor. Die israelische Armee und die palästinensische Hamas liefern sich ein wahres Duell im Raketenschießen. Die Offensive Israels gegen Gaza ist in der Nacht zum Dienstag angelaufen. Insgesamt wurden 160 Ziele beschossen, sagte eine Militärsprecherin in Tel Aviv laut Spiegel Online. Seit Beginn der Operation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum wiederum 225 Raketen auf Israel abgefeuert, rund 40 davon habe die Raketenabwehr abgefangen. Erstmals seit 2012 erreichten die Geschosse der Hamas auch wieder Tel Aviv und sogar Jerusalem.

Das Traurige ist, dass sich angesichts dieses Völkerschlachtens immer noch jede der direkt involvierten Seiten die Frage stellt, wer mit dieser ganzen Scheiße denn angefangen hätte. Gegenseitig wird sich nun der Schwarze Peter zugeschoben. Immer sind die anderen schuld. Aus der Distanz bleibt mir nichts anderes übrig, als die Aktivitäten meiner Facebook-Bekanntschaften zu beobachten. Die meiste von ihnen sind dem Konflikt geografisch zumeist ebenso fern wie ich. Und da sich meine virtuelle Freundesliste aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster politischer Weltanschauungen zusammensetzt, bekomme ich die volle Ladung ab: Während sich ungefähr die Hälfte meiner muslimischen Bekannten - ob sie einen direkten Bezug zu Palästina habe oder nicht - ganz offen zu Gaza und häufig auch zur Hamas bekennt, posten die Israelfreunde heldenhafte Statusmeldungen der IDF und holen uralte Karikaturen aus dem Keller.

Apropos Karikaturen… - Ich habe ein bisschen auf Google eingesammelt, was in den letzten Jahren und bis heute an politischen Kritzeleien entstanden ist - und habe dabei Erstaunliches entdeckt:

Israel dargestellt als Unschuldslamm, die Hamas mit vielen Raketen.

Gaza dargestellt als Unschuldslamm, Israel mit vielen Raketen.

Diese Zeichnungen - an denen ich übrigens keinerlei Rechte besitze und die ich hier ohne Kenntnis der Zeichner/-innen weiterverbreite - ähneln sich in erschreckender Weise. Die Aussagen sind jeweils dieselben: Die da haben angefangen! Wir verteidigen uns nur.

Wer im Internet sucht, der findet. Auf der einen Seite ein unschuldiges, kleines und wehrloses, irritierenderweise aber bis an die Zähne bewaffnetes Israel - auf der anderen Seite bisweilen unverhohlener Antisemitismus, verpackt in legitim erscheinende Kritik.

Israelische Raketen fliegen auf Gaza. Rassistische Symbolik, wie man sie sich hierzulande nicht leisten könnte...

Und Israel verteidigt sich natürlich nur selbst...

Mich interessiert schon lange nicht mehr, wer angefangen hat. Und mein vor Jahren noch lebendiger (und reichlich naiver) Optimismus ist nicht etwa der Enttäuschung, sondern eher einer schier grenzenlosen Wut gewichen. Seit Jahrzehnten wiederholt sich dieser Mist in regelmäßigen Abständen, immer wieder scheitern Friedensverhandlungen an eben den Problemen, an welchen sie Jahre zuvor schon gescheitert sind. Erst hat die Politik mit ihren Armeen und Milizen Zivilisten getötet, jetzt töten sich die Zivilisten endlich auch gegenseitig. Und niemand begreift, dass der unbequeme Weg - nämlich der, für den jede einzelne Person Zugeständnisse machen und Opfer bringen muss - am Ende weniger „Opfer“ kosten würde.
Aber nein, wieso sollten wir nachgeben? Die Anderen sind schuld. Die „Anderen“ sind Terroristen, Soldaten, Araber, Juden, Muslime, Israelis, Besatzer, Bombenbastler - alle sind sie unschuldig, Märtyrer, Helden.

Am Ende sind sie alle Menschen. Doch vielleicht sind Menschen nunmal so. Sie verteidigen ihr Territorium, ihr Land, ihre Ehre, ihre Religion - oft auch schlicht und einfach ihre Familie. Und weil wir alle diese Menschen bei der Verteidigung ihrer Motive nicht unterstützen können, posten wir Karikaturen, ändern unsere Profilbilder, zeigen Solidarität. Ob das irgendwem hilft und ob es nicht vielmehr Gespräche verhindert, sei mal dahin gestellt.

Und die Sache mit den Israelis und Palästinensern ist (leider) noch das kleinste Übel im Nahen Osten. Syrien ist am Ende, im Irak fängt es gerade erst wieder so richtig an. In der Ukraine ist noch kein Licht am Ende des Tunnels abzusehen. Und wo nicht gekämpft wird, da wird der Unmut größer und wartet nur darauf, sich in einem Gewitter zu entladen, wenn die großen Bühnen der Welt endlich ihren Vorhang zuziehen.
Was diese Welt braucht ist eine Pause. Doch sie wird sie wahrscheinlich nicht bekommen.

Freitag, 4. Juli 2014

Der bärtige Mann am Euphrat - IS(IS) und der Irak

Der Syrien-Konflikt ist seit Jahren am brodeln, tagtäglich sterben Menschen bei den Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und dutzender Rebellengruppierungen. Der Bürgerkrieg hat seit 2011 etwa 160.000 Menschen das Leben gekostet, Millionen sind auf der Flucht. Und den Überblick hat jeder schon lange verloren. Vor ein paar Wochen bekam dann auch eine ganz spezielle Gruppierung für einige Tage die ungeteilte Aufmerksamkeit der Welt: Der „Islamische Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) war wieder auferstanden, nachdem man die Bewegung vor langer Zeit schon abgeschrieben hatte. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von militanten Salafisten und Dschihadisten, unter ihnen zu einem großen Teil Ausländer. Lange war der noch einfluss- und landlose ISIS mit al-Qaida verbündet, seit Mitte 2013 sind die beiden Gruppen jedoch zerstritten. Auch mit der ebenfalls dschihadistischen Al-Nusra-Front, die in Syrien kämpft, kam es zum Bruch. Doch der ISIS scheint keine Verbündeten zu brauchen.


Seit Sonntag (29.06.14) heißt die Terrorgruppe nur noch IS, nachdem Abu Bakr al-Baghdadi al-Husseini al-Quraschi im Irak das Kalifat ausgerufen und sich selbst zum „Befehlshaber der Gläubigen“ ernannt hat. Der Terrorist ist ein Doktor der Philosophie und hat angeblich Islamwissenschaft an einer Universität in Bagdad studiert. Er will an eine Herrschertradition anknüpfen, die mit dem Ende des Osmanischen Reichs abgeschafft wurde und deren Glanzzeiten von vielen Muslimen in den Jahren nach Muhammads Tod gesehen werden. Al-Baghdadi, der Mann aus Samarra, versucht sich nun in eine Reihe mit den wichtigsten Personen der islamischen Geschichte zu stellen. Aus diesem Grund hat er sich mit der Zeit einen neuen Namen zugelegt: Sein echter Name lautet Ibrahim, doch er lässt sich Abu Bakr nennen - so hieß der erste der vier rechtgeleiteten Kalifen und direkte Nachfolger des Propheten. Er nennt sich al-Baghdadi - obwohl er nicht aus Bagdad kommt - um sich den Rückhalt der Iraker zu sichern. Bagdad war außerdem jahrhundertelang der Mittelpunkt der islamischen Welt. Und schließlich ordnet er sich selbst dem Stamm der Quraisch zu, dem Stamm der Familie Muhammads. Er will ein legitimer Herrscher sein, deshalb gibt er sich die nötige Legitimation über seinen Stammbaum. Auf der Liste der vom US-Außenministerium gesuchten Terroristen steht al-Baghdadi nun auf Platz zwei.


Die aktuelle Situation im Land zwischen Euphrat und Tigris ist ernst: US-Experten sehen die irakische Armee nicht imstande, außer Bagdad selbst noch weitere Gebiete zu verteidigen, geschweige denn verlorene Regionen zurückzuerobern. Und in Nordsyrien hat der IS mittlerweile ein Gebiet unter Kontrolle, das sich über mehrere Ölquellen erstreckt und fünfmal so groß ist wie der Libanon. Weite Teile des Irak und Syriens sind unter IS-Kontrolle, die Grenze zu Saudi-Arabien wurde von irakischen Soldaten geräumt. Jordanien hat Truppen mobilgemacht, ebenso der Iran. Aus Teheran sollen gebrauchte Flugzeuge nach Bagdad geliefert worden sein, mit dem zur Bedienung notwendig ausgebildeten Personal gleich dazu. Gleiches gilt für Russland: Insgesamt wurden 25 „technisch veraltete, aber robuste“ Maschinen aus Moskau eingekauft.
Doch kann Iraks Ministerpräsident al-Maliki das Land zusammenhalten? Eine neue Regierungsbildung ist gescheitert, zu wenige Abgeordnete waren aus der Pause zurückgekehrt. Der Irak droht zu zerfallen in einen sunnitischen, einen schiitischen und einen kurdischen Staat. Kurdistan erwägt eine vorzeitige Unabhängigkeit vom geschwächten und zukunftsunfähigen Irak. Zusammen sind die Ethnien und Religionsgruppen des Irak unregierbar, alleine haben sie vielleicht eine Chance. Doch momentan ist der IS die größte Gefahr. Die Friedrich-Naumann-Stiftung schätzt die Truppenstärke der Terrorgruppe auf bis zu 15.000 Mann. Allerdings waren 800 Kämpfer genug, um 30.000 Regierungssoldaten aus Mosul zu vertreiben. Gerüchte über Massenhinrichtungen machten die Runde, mittlerweile gilt als sicher, dass der IS Gefangene exekutiert. Menschen sollen sogar gekreuzigt worden sein. Die USA zögern, Israel und Jordanien sind in Wartestellung. Gleichzeitig rief al-Baghdadi die Muslime der Welt auf, in sein neu gegründetes Kalifat einzuwandern.

Mittlerweile hat der IS begonnen, Öl aus den erbeuteten Förderanlagen an die umliegenden Staaten zu verkaufen. Dabei dürfte es dem IS nicht an Geld mangeln: Bei der Einnahme Mosuls, der zweitgrößten Stadt des Irak, erbeutete die Terrorgruppe im Juni ganze 429 Millionen US-Dollar. Erste Tankwagen machten sich jedoch schon auf den Weg zur iranischen Grenze, aus Syrien erreichen die ersten Lieferungen die Türkei und auch das verhasste Assad-Regime. Die Machtverhältnisse sind äußerst komplex. Bündnisse werden geschmiedet und Konzepte werden durchdacht, so recht scheint aber keine der direkt oder indirekt durch den IS bedrohten Konfliktparteien zu wissen, wie es weitergeht.


Donnerstag, 3. Juli 2014

Vier Leichen und eine Intifada - Die Geschichte einer Tragödie

Der Krankenwagen, der die drei Leichen abtransportierte, wurde mit Steinbrocken und Farbe beworfen, als er die palästinensische Ortschaft Halhul passierte. Die israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach waren noch keine 20 Jahre alt. Sie besuchten jüdisch-religiöse Schulen in den besetzten Gebieten, zwei von ihnen wohnten aber in Zentralisrael. Zusammen fuhren sie am Abend ihrer Entführung per Anhalter, wie es in dieser Region üblich ist. Auf einem nahe gelegenen Feld in der Gegend von Hebron hatte man dann nach wochenlanger Suche die drei Leichen gefunden, an einem Montag. Am Dienstag fand die Beerdigung statt, unter großer Anteilnahme. Und in der Nacht zum Mittwoch verschwand der sechzehnjährige Muhammad Abu Khudair aus dem Jerusalemer Vorort Schuafat. Der Ramadan hatte begonnen und Muhammad hatte das Haus am frühen Morgen um halb vier verlassen, um mit seinen Freunden am Gebet der Morgendämmerung teilzunehmen. Auf der Straße wurde er von zwei Männern in einen grauen Hyundai gezerrt, in dem schon ein Fahrer saß. In Sekundenschnelle waren die Entführer mit ihrem Opfer verschwunden. Eine Stunde später fand man Muhammads Leiche in einem Wald.

Emotionen - Wut, Hass und Vergeltung

Diese Geschichte könnte nur das Vorspiel sein zu einer weiteren Eskalation des Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan, der Auftakt einer neuen Tragödie. In den letzten drei Wochen vor den Leichenfunden bei Hebron hatte sich auf beiden Seiten der israelischen Sperrmauer eine enorme Spannung aufgebaut. Die Armee startete eine großräumige Suchaktion und nahm hunderte Palästinenser fest. Gleichzeitig wurde die Entführung der drei Israelis gefeiert, auf den Straßen und vor allem im Internet. Man gratulierte sich zu drei weiteren „Schalits“: Als Gilad Schalit 2011 aus mehrjähriger Hamas-Gefangenschaft freikam, wurden im Gegenzug 1.027 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Der Preis des aktuellen Entführungsfalls war jedoch die Durchsuchung hunderter Häuser durch israelische Soldaten. Mehrere Jugendliche kamen bei den Razzien in palästinensischen Flüchtlingslagern ums Leben. Die Führung in Ramallah hatte die israelische Armee ungehindert walten lassen, um eine Verschärfung zu vermeiden, doch in der Bevölkerung wuchs die Wut.
Auch auf der israelischen Seite stauten sich Emotionen an. Im Fernsehen wurde der Anruf ausgestrahlt, der in einer Notrufzentrale am Abend der Entführung der drei Jugendlichen einging. Man hört die Stimme von Gilad, zwischen einigen anderen. Originalton eines Kidnappings. Die Entdeckung der Leichen setzte allen Hoffnungen schließlich ein Ende. Noch am selben Abend kam es zu Krawallen in den Straßen, wütende israelische Mobs begannen Jagd auf Palästinenser zu machen. „Tod den Arabern!“, schrien sie. Dienstags verfolgte das ganze Land die Beerdigung der ermordeten Israelis im Fernsehen. Die anschließenden Ausschreitungen hasserfüllter Israelis waren so heftig, dass die Polizei 47 Personen festnahm. Eine Facebook-Gruppe rief zu Racheaktionen auf. Und 35.000 Personen gefällt das, in kürzester Zeit. Nach zwei Tagen wurde die Gruppe gelöscht. Verstörende Fotos kursierten in den sozialen Netzwerken, darunter auch das von zwei lachenden Mädchen, die einen Zettel hochhalten: „Araber zu hassen ist kein Rassismus“, heißt es da. „Das Volk Israel fordert Vergeltung“, lautet der dazugehörige Hashtag auf Hebräisch.

Die nächtliche Vergeltungsaktion findet ohne laute Worte statt. Ein Wagen wendet, Muhammad wird eingesammelt. Eine weitere Leiche.

Und der Politik entgleitet immer weiter die Kontrolle. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte der Entführung der drei Israelis nicht zugestimmt. Und Ministerpräsident Netanjahu verurteilte die Tötung des arabischen Jugendlichen. Doch in den Straßen machen Gruppen von Israelis Jagd auf arabisch aussehende Personen und in den arabischen Vororten Jerusalems kommt es vonseiten der Palästinenser zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei.
Yishai Frenkel, der Onkel des einen ermordeten Israelis, sagte dem Fernsehsender Channel 2: „Jeder Akt der Vergeltung, welcher Art auch immer, ist unangebracht und falsch. Mord ist Mord.“ Es gäbe keinen Unterschied im Blut, egal ob Araber oder Jude. Und auch der Vater von Muhammad Abu Khudair meldete sich zu Wort: „Ich bin gegen Entführung und Mord“, sagte er. „Ob Jude oder Araber, wer kann die Entführung und Ermordung seines Sohnes oder seiner Tochter akzeptieren?“ Er rief beide Seiten dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Doch die Gewalt wird wohl noch eine Weile anhalten. Sie könnte sogar eskalieren. Eine dritte Intifada steht bevor. Hochkochende Emotionen, angestaute Wut und grenzenloser Hass. Steine werden geworfen, Molotowcocktails fliegen und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Und allein am Mittwoch feuerte die Hamas mehr als 20 Raketen auf Südisrael ab. Die israelische Armee reagierte mit dem Bombardement von über dreißig Zielen im Gazastreifen.

Diskussionen

Es wäre wieder einmal Zeit für Gespräche, zumindest hier bei uns, in sicherer Entfernung. Doch leider sind sachliche Diskussionen selbst unter weitgehend Unbeteiligten nicht möglich. Niemand, der sich an das Thema Israel/Palästina heranwagt, kann seine Emotionen unterdrücken. Die meisten werden Opfer einer Propagandawelle, entweder der einen oder der anderen Seite.
Doch kann das überhaupt anders sein? Kann man sich denn überhaupt eine eigene Meinung bilden, ohne irgendwelche einschlägigen Phrasen zu übernehmen, mit denen man wiederum anderen auf den Schlips tritt? Wie beantwortet man zum Beispiel folgende Fragen:

Wieso sitzen hunderte minderjährige Palästinenser ohne Anklageschrift in israelischen Gefängnissen?
Welche palästinensische Mutter kann es sich leisten, wie die Mütter der entführten Israelis nach Genf zu fliegen und sich vor dem UN-Menschenrechtsrat für ihr unrechtmäßig inhaftiertes Kind einzusetzen?
Darf man „Siedlerkinder“ entführen und töten, nur weil sie z.B. in einer nach Völkerrecht illegalen Siedlung auf besetztem Gebiet zur Schule gehen?
Weshalb interessiert sich kein Israeli für die Besatzung, während sich in Palästina alles ausschließlich um die Besatzung dreht?
Wieso haben sowohl pro-israelische als auch pro-palästinensische Gruppen immer das Gefühl, gerade ihre Position werde in den Medien zu unzureichend vertreten?
Aber wieso ist es weniger schlimm, dass die Hamas zivile Ziele in Südisrael beschießt, als wenn Israel mutmaßliche Terroristen in Gaza gezielt bombardiert?
Warum sind die letzten Friedensgespräche wieder gescheitert, obwohl es doch im Prinzip um dieselben Probleme wie schon 1993 ging?
Weshalb darf ein Palästinenser aus Ramallah oder Jericho nicht nach Jerusalem kommen, um zu beten?
Wieso darf ein Palästinenser mit israelischem Pass im Westjordanland ein Haus bauen, ein Jude mit israelischem Pass jedoch nicht?

Man könnte noch Dutzende solcher Fragen stellen und jede einzelne könnte stundenlang diskutiert werden. Und die dazugehörigen Erklärungen wären in kaum einem Fall zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Erinnerung

Der Friedensprozess ist vor einigen Monaten gescheitert, Entführungen und Morde haben die Lage verschärft, Militäreinsätze und Hamas-Raketen schürfen tagtäglich neue Wunden. Zurück bleiben die Toten, von denen man in einem einzigen Beitrag nur an wenige erinnern kann. Doch ich will es hier tun.




Mittwoch, 4. Juni 2014

Bergdahls Heimkehr

Vor ein paar Tagen ist der US-Soldat Bowe Bergdahl aus Sun Valley, Idaho freigekommen. Seit 5 Jahren saß er in Gefangenschaft bei den Taliban, jetzt wurde er im Austausch gegen fünf Taliban aus Guantánamo in die Freiheit entlassen.

Als 23jähriger Soldat kam Bergdahl 2009 nach Afghanistan und geriet in Gefangenschaft. Die genauen Umstände sind umstritten, Kameraden sprachen angeblich von Desertion. Bergdahl hatte Paschtu gelernt und oft Kontakt zur einheimischen Bevölkerung gesucht. Wer weiß, vielleicht ist der jahrelang vermisste Soldat einfach nur davongelaufen, weil ihn dieser verdammte Krieg angekotzt hat? Und so kommt man dann schneller zu den Taliban, als einem vielleicht lieb ist. Die Rettung hat lange auf sich warten lassen, doch jetzt hat man die Gefangenen ausgetauscht. Fünf der gefährlichsten Taliban aus amerikanischer Haft wurden nach Katar überstellt, damit Bowe Bergdahl vom Hindukusch in die USA zurückkehren konnte.

Hat die US-Regierung hier mit Terroristen verhandelt oder sich gar erpressbar gemacht? Da es um die nationale Sicherheit ging, musste Obama den Kongress zudem scheinbar nicht von der Überstellung der Guantánamo-Häftlinge informieren. Der Druck auf den Präsidenten vonseiten der Republikaner steigt dennoch.
Bergdahl selbst, dessen Vater sich aus Solidarität einen Bart wachsen ließ und einige Brocken Paschtu lernte, wird wohl erst einmal ein schweres Leben haben: Wer die TV-Serie "Homeland" kennt wird sich gut vorstellen können, wie die Wochen und Monate nach der Befreiung aus terroristischer Geiselhaft aussehen. Er wird sich viele Fragen gefallen lassen müssen, da er sich in Emails vor seiner Gefangennahme durch die afghanischen Taliban kritisch gegenüber dem Militäreinsatz geäußert hatte und als Vorzeigegefangener später in zahlreichen Videos auftauchte. Nach der üblichen "medizinischen Untersuchung" auf einem US-Militärstützpunkt ging es am Wochenende wahrscheinlich direkt ins Verhör, denn die Zweifel an Bergdahls Linientreue bleiben bestehen.

Was wäre die Welt bloß ohne ihre Konflikte, gerechte und ungerechte Krieg, parlamentarisch abgesegnete Militäreinsätze und die Verwicklungen der Geheimdienste. Irgendwann werden sich die alliierten Truppen aus Afghanistan zurückziehen und einen gescheiterten Staat zurücklassen. Die Taliban, so das Weiße Haus vor einer Woche, seien zukünftig das Problem der Afghanen. Ein Hoch auf die Politik.

Sonntag, 11. Mai 2014

Museumsnacht in Halle und Leipzig 2014

Am 11. Mai 2014 fand in Halle und Leipzig die Museumsnacht statt. In der Nacht zum Muttertag hatten insgesamt 78 Museen, Gedenkstätten und Galerien ihre Tore geöffnet und lockten unter dem Motto „Lockstoffe“ tausende Besucher an. Da die Eintrittspreise zu einigen Museen in Leipzig normalerweise nicht ganz günstig sind, bietet diese Nacht einmal im Jahr die Möglichkeit, für wenig Geld alle interessanten Standorte abzuklappern. Es gibt einen Shuttlebus zwischen Halle und Leipzig, die Straßenbahnen fahren bis tief in die Nacht. Die meisten Orte hatten bis 1.00 Uhr geöffnet. Die „Runde Ecke“, ehemalige Stasi-Zentrale, bot auf vier Etagen informationsreiche Ausstellungen an, im Schulmuseum konnte man neben Artefakten aus dem Bildungswesen in Kaiserreich, Nazizeit und DDR auch einen Extra-Saal zum Thema Friedliche Revolution 1989 besichtigen. Eine Führung im Stadtgeschichtlichen Museum beschäftigt sich mit dem Thema Ehe und der absurd hohen Literzahl an Bier und Wein, die im 16. Jahrhundert auf einer Hochzeit in Leipzig versoffen wurde – Sachsen und andere ostdeutsche Regionen galten als "die großen Trinklande". Seife herstellen und Pillen pressen im Apothekenmuseum, in die Geschichte des Verlagswesens und des Buchdrucks eintauchen in der Deutschen Nationalbibliothek und die Räume des verwinkelten Cafés „Zum Coffe Baum“ erkunden, wo das Kaffeemuseum interessante Fakten über die Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts und ihr Klientel bereithielt. Woher kommt der Begriff Kaffeekränzchen? Und was haben die Hunde und Papageien zu bedeuten, die sich auf den Stichen aus jener Zeit zwischen der Kaffeehausgesellschaft verstecken? Ein bisschen störend war der Regen, der wohl auch einige Besucher von einer ausgedehnteren Tour durch die Städte abgehalten hat an dieser äußerst lehrreichen und bildungsaktiven Nacht teilzuhaben.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Nachrichten - nur mit Wodka und Krimsekt zu ertragen

Ab und zu beobachte ich die Medien. Dabei mache ich das volle Programm durch: Ich glaube alles, was man mir sagt. Ich bezweifle auch alles, was ich nicht hören will. Ich schimpfe lautstark oder protestiere gegen das, was ich an Dummheit in den Ansichten Anderer identifizieren zu können glaube. Und wenn extreme Meinungen aufeinander prallen und sich benachteiligt fühlen, werde ich irgendwie sauer. Irgendwie wissen immer zwei gegensätzliche Gruppen genau, wie der Hase läuft und niemand bemerkt, wo er im Pfeffer liegt.
Jedenfalls, das Thema „Russland und die Ukraine“ steckt voller Irrtümer. Der erste Irrtum beherrscht die Meinung aufseiten vieler eher links eingestellter Menschen: „Europa und die NATO betreiben Kriegshetze und wollen den Krieg!“, heißt es da. Ein Irrtum? Ja, denn einmarschiert auf die Krim sind die Russen. Putin hat sogar zugegeben, dass russische Soldaten hinter ihren Landsleuten auf der Krim standen, als diese die Kontrolle an sich nahmen. Und was sich jetzt in der Ostukraine abspielt, ist zu einem großen Teil dem Einfluss des übermächtigen Nachbarlandes zu verdanken. Niemand zweifelt mehr ernsthaft daran, dass Russland seine Schäfchen auf der grünen ostukrainischen Weide in jeder Hinsicht unterstützt. Doch in den Augen vieler vor allem linker Friedensaktivisten ist es die EU, die einen Krieg auf jeden Fall provozieren will. Vielleicht wurzelt diese Überzeugung noch aus dem Glauben an den sozialistischen Grundsatz der Friedenspolitik: Der „Osten“ wollte immer den Frieden und trug zum Frieden in der Welt bei, während der amerikanisch-kapitalistische Imperialismus um sich griff. Bis heute, sagen sie.
Und da sind wir schon beim zweiten Irrtum, der sich sowohl auf Seiten der linken Aktivisten als auch in der westlichen Politik wiederfindet: Es wird angenommen, dass Russland in irgendeiner Weise noch immer die Sowjetunion und den Sozialismus verkörpert, sozusagen als Gegenpart zur westlichen Hemisphäre, als Gegenpol des hiesigen Lebensstils. Dabei wird grob übersehen, dass Russland zwar noch immer den Kontrahenten der USA zu stellen versucht, das System als solches jedoch näher am rechten als am linken Rand steht. Putins Präsentation als starker Bärenjäger und freier Oberkörper der Nation erinnert zwar an die einstigen Führungspersönlichkeiten der Sowjetunion, doch Führer hat es schon immer in jeder politischen Extremen gegeben. Und Putins Partei „Einiges Russland“ hat mitnichten den Sozialismus auf dem Programm…
Wie man es dreht und wendet, es wird viel übereinander geredet, gegeneinander und aneinander vorbei. Die einen sehen mit offensichtlicher Bestürzung – und mit innerlicher Genugtuung –, dass die klaren Grenzen von damals nun endlich wieder Gestalt annehmen. Gut und Böse, klar definiert in West und Ost. Die anderen sehen das System, in dem sie leben und von dem sie profitieren, und seine Verbündeten als eigentliches Übel an und stellen sich (wie so oft) provokant auf die Gegenseite. Und beide Seiten fühlen sich in den Medien unterrepräsentiert – ein klares Zeichen dafür, dass sich beide als Advokaten derjenigen sehen, die hier gern die Opferrolle einnehmen. Für die Linken wird Putin zum Heiligen, für die Konservativen ist er der Gestalt des Teufels ähnlich. Und Obama? Kriegstreiber oder guter Samariter? Ansichtssache. Die Revolutionsregierung in Kiew – Demokraten oder Nationalisten? Man könnte endlos darüber streiten, was Frau Timoschenko in Wirklichkeit damit gemeint hat als sie sagte, sie wäre bereit, Herrn Putin mit einer Kalaschnikow in den Kopf schießen. Ein Gleichnis – oder eine Kriegserklärung?

Das Fazit der letzten Tage, Wochen und Monate fällt einigermaßen deprimierend aus: Politische Lösungen in Form von Sanktionen sind nutzlos. Illegitime Volksbefragungen führen zu Annexionen von ganzen Landesteilen. Sturköpfe auf allen Seiten noch dazu. Man findet sie in Washington, Paris und Berlin, in Moskau und in Peking, am Persischen Golf und auch in Brüssel. Und die Opfer? Die sterben in Syrien, massakrieren sich gegenseitig in Slawjansk oder ertrinken auf dem Weg in ein besseres, aber dennoch beschissenes Leben im Mittelmeer.

Und das alles genau hundert Jahre nach 1914.

In aller Welt rennen Außenminister wie z.B. Dr. Frank-Walter Steinmeier von einem Kongress zum nächsten, um sich mit Historikern über das Pulverfass Europa zu unterhalten, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts explodiert ist. Doch Menschen scheinen nichts aus der Geschichte zu lernen – oder zu wenig.
Oder das Falsche.
Es nimmt kein Ende, bis alle Passagiere in den oberen Decks des gleichen Bootes, in dem wir ja bekanntlich alle sitzen, gelangweilt und jene auf den unteren Decks entweder ausgeschifft haben oder ertrunken sind.
Je mehr man darüber nachdenkt, desto weniger Lust hat man, sich die Nachrichten anzuschauen. Wer sich dieser Tage als hoffnungsvoller Pazifist outet, muss sehr naiv sein. Dann lasst uns doch mal alle zusammen naiv sein. Ich bin dabei.


Montag, 5. Mai 2014

Ausflug nach Torgau

Den ersten Teil meiner quasi mehrmonatigen Expedition durch Sachsen bildete vor ein paar Wochen ein Ausflug in das Städtchen Torgau, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Leipzig. Der Bahnhof empfängt mich wie jeder andere mehr oder weniger ländliche Bahnhof auch: trostlos und in bahnhöflicher Nostalgie. Und genau das gefällt mir immer wieder.


Ein kurzer Regenschauer treibt die Leute unter das Vordach der winzigen Wartehalle, wo man sich ein Schnitzel im Brötchen bestellen kann, frisch aus der Tiefkühltruhe und ab in die Pfanne.


Über eine Allee geht es in Richtung Stadt. An diesem Ostermontag ist nicht viel los. Gleich am Ortseingang liegt der sowjetische Soldatenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg.


Kaum jemand ist unterwegs. Die Kopfsteinpflasterstraßen sind mehr oder weniger leer. Ein älterer Herr mit Sakko schlendert durch die Gegend und fühlt sich von mir beobachtet.


Ich gehe in die Touristeninformation und hole mir ein bisschen Literatur. Torgau und Luther. Torgau und die sächsischen Burgen. Torgau und das DDR-Jugendumerziehungslager. Hier kann man auf den Spuren der Geschichte wandeln. Es gibt immer irgendwo ein Haus, in dem Luther mit Melanchthon über seine Thesen diskutiert hat.


Meine Kamera macht sich daran, noch ein wenig Architektur einzufangen. Schloss Hartenfels, in dessen Burggraben sich zur richtigen Zeit Braunbären zeigen.


Die spätgotische Marienkirche, in der Luthers Ehefrau und Witwe Katharina von Bora begraben liegt.


Das slawische Wort torgov, von dem sich der Name der Stadt ableitet, bedeutet so viel wie „Marktort“. Torgau hat eine bewegte Geschichte, geprägt von neuzeitlichen Kriegen, Reformation und Hexenverbrennungen. Die meisten, denen die Stadt ein Begriff ist, kennen sie jedoch aus den hinteren Kapiteln der Geschichtsbücher: An der Elbe bei Torgau trafen 1945 die Sowjets und die Amerikaner zusammen, auf ihrem Weg durch Deutschland.


Der Elbe Day erinnert an den 25. April 1945, an dem sich Soldaten zweier gegensätzlicher und doch verbündeter Staaten gegenüberstanden. Der genaue Ort des Zusammentreffens befindet sich eigentlich 30 Kilometer flussaufwärts, bei Strehla. Das Denkmal hat man jedoch hier gesetzt.


Der Text zeugt davon, dass sich Torgau nach dem Zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite der innerdeutschen und innereuropäischen Grenze wiederfand:
„Ruhm und Ehre der siegreichen Roten Armee und den heldenmütigen Truppen unserer Verbündeten die den Sieg über das faschistische Deutschland erkämpft haben.“ Und darunter auch auf Englisch: „Glory to the victorious Red Army…“

Der Fluss selbst, die Elbe, bietet allerdings kein sonderlich majestätisches Bild. Das etwas verschlafene Städtchen Torgau war seinen Besuch jedoch wert.

ORIENTier Dich! - Das 6. Studentische Symposium der Islamwissenschaft

Normalerweise macht man keine Werbung für etwas, das schon gelaufen ist. Und trotzdem muss ich jetzt speziell jede/-n Studierende/-n eines in irgendeiner Form orientalischen Faches darauf hinweisen, dass man ein studentisches Symposium auf keinen Fall verpassen sollte. Dieses Jahr haben sich engagierte Student*innen aus Tübingen bemüht, das „6. Studentische Symposium der Islamwissenschaft und verwandter Fächer“ zu einem wahren Fest aller Orientalisierenden werden zu lassen. Getreu dem Motto „ORIENTier Dich!“ konnte man und frau sich für die anstehenden großen Arbeiten der akademischen Karriere inspirieren lassen. Für Input war gesorgt: Die Themengebiete reichten von der aktuellen Lage der Medienlandschaft in Ägypten über interkulturelle Rhetorik bis hin zur arabischen Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ und dem Phänomen der deutschen Taliban am Hindukusch. Und neben den spannenden oder zumindest unterhaltsamen Vorträgen aus allen Bereichen der Orientalistik gab es natürlich auch was zu Essen. Nur das Wetter hätte auf jeden Fall besser sein können, denn wenn man nach Tübingen kommt, will man natürlich auch Stocherkahn fahren.

Eine Tagung ohne Professoren und Dozenten hat was für sich. Es gibt nur wenig Entspannteres als sich in lockerer Atmosphäre bei Tee, Bier und/oder einer Schischa zu vernetzen? Das nächste Symposium wird nächstes Jahr in Marburg stattfinden. Orientalist_innen aller Länder, vereinigt euch!