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Dienstag, 22. Juli 2014

Warum Israelkritik in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen wird

Leider kann ich der Überschrift dieses Artikels hier nicht vollständig gerecht werden, da zu dieser Fragestellung ganz unterschiedliche Facetten betrachtet werden müssten. Ich kann mich hier nur einem einzigen von zahlreichen Aspekten widmen: der Art und Weise, wie sich „Israelkritik“ in diesen Tagen äußert. Dazu bedarf es gar nicht allzu vieler Worte. Tausendfach verschafft sich „Israelkritik“ und Unterstützung für die Palästinenser Raum auf zahlreichen Demonstrationen in ganz Deutschland. Und obwohl es offiziell meist friedlich zuging, zeugen Bilder und Videos, aber auch Berichte von Augenzeugen auf Facebook, von der Atmosphäre, die ein Großteil dieser Demonstrationen schafft.

Offener Antisemitismus wird von der Polizei gar nicht beachtet, was mittlerweile mehr oder weniger normal zu sein scheint. In Berlin war es sogar möglich, dass der Demo-Veranstalter durch das Polizeimikrofon „Kindermörder Israel!“ skandieren konnte. Gut, das war kein Antisemitismus, sondern Kritik an Israel. Doch was ist mit „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“, ebenfalls in Berlin? Auf Nachfrage eines Passanten bei einer Demo in Essen am 18. Juli, ob man gegen Parolen wie „Scheiß Juden!“ oder „Scheiß Jude, brenn!“ nicht vorgehen wolle, bekam dieser nur zu hören, dass die Demonstranten ja auch nur ihre Meinung sagen würden. Unter diese freie Meinung fällt natürlich auch die Forderung: „Stoppt den Judenterror!“ - Wo hört Meinungsfreiheit auf und wo fängt Volksverhetzung an? In Essen gab es bunte Plakate, in denen der Davidstern zu einem Hakenkreuz ummodelliert wurde. Ist das Holocaust-Leugnung? Oder wird hier angedeutet, dass „die Juden“ heute „auch nicht besser“ sind? Vielleicht alles nur Spekulation. Aber was ist mit Plakaten mit der Aufschrift „Angeblich früher Opfer, heute selber Täter“? Das Wörtchen „angeblich“ sagt schon alles und die Gesinnung dahinter muss eigentlich nicht weiter ergründet werden. In Essen gesellten sich zu den Palästina-Flaggen noch die von Hamas und ISIS hinzu. Und trotz geworfener Flaschen, Böller und einem Klappmesser sowie der versuchten Konfrontation mit einer Gegenveranstaltung spricht der Leitende Polizeidirektor Detlef Köbbel in seinem Polizeibericht von einer „friedlichen Demonstration“. Was ist da bitteschön los?

Auf der Straße und im Netz fordern zehntausende Menschen, Deutschland solle seine Politik gegenüber Israel ändern und den Waffenhandel mit den Israelis einstellen. Dass Merkel ein ums andere Mal betont, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, bringt die Menschen auf der Straße zum Rasen. Und doch kann man an der deutschen Politik am wenigsten etwas ändern, indem man sich einem wütenden Mob anschließt, Parolen gegen „die Juden grölt“ und Hamas-Fahnen schwenkt - oder auch nur zulässt, dass andere dies tun. Kritik am unmenschlichen Vorgehen der israelischen Regierung und an der deutschen Außenpolitik kann so nicht wirksam werden. Wer kann erwarten, auf diese Art und Weise ernstgenommen zu werden? Je mehr Raum eine Demo für Antisemitismus, Holocaustvergleiche und blinden Judenhass lässt, umso einfacher wird es für die Politik, diese Demo zu ignorieren. In Zeiten der Gewalt kann nicht von allen Beteiligten erwartet werden, objektiv zu bleiben und nicht emotional zu handeln. Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Menschen - wenn nicht dort, dann wenigstens hier bei uns - möglichst schnell zu einer sachlichen und aufrichtigen Diskussionskultur zurückfinden, sobald der aktuelle Gaza-Krieg ein Ende gefunden und das Töten und Sterben aufgehört hat. Ein Fehler wäre es, Gaza nach dem Inkrafttreten des nächsten Waffenstillstandes aus den Schlagzeilen verschwinden zu lassen.


gaza_dortmund_stern
(Bild: Stefan Laurin, ruhrbarone)

Montag, 21. Juli 2014

Realität des Krieges

Ich selbst habe in meinem Leben nur einmal einen Blick auf Gaza werfen können, aus der Ferne. Damals im Jahr 2010 herrschte relative Ruhe in dem dicht besiedelten Küstenstreifen. Wenn ich also etwas über die Realität des aktuellen Krieges schreiben will, muss ich mich auf die Berichte Anderer stützen. Das birgt spezielle Risiken, ist aber die einzige Möglichkeit, das Leiden auf der anderen Seite des Mittelmeers nicht komplett zu ignorieren.
Wie fühlt es sich an, wenn man in einem Kriegsgebiet lebt? In diesen Tagen erlebt Gaza eine Welle unbarmherziger Angriffe vonseiten der israelischen Armee. Währenddessen schießen Hamas-Kämpfer weiterhin Raketen auf Israel ab. Mittlerweile wurden zwei israelische Zivilisten getötet, die Zahl der Toten auf palästinensischer Seite geht in die Hunderte.

Jürgen Todenhöfer ist ein 73jähriger Publizist aus Süddeutschland.[1] Er berichtete im Morgenmagazin der ARD am 18. Juli live über die Zustände in dem isolierten Stückchen Land, die ihn sichtlich schockierten. Todenhöfer erzählte von überfüllten Krankenhäusern, hilflosen Menschen und unsäglichen Zuständen. Er war sich auch sicher: Die Bodenoffensive würde nicht dazu führen, dass die Hamas zusammenbreche, „aber es bricht das kleine Volk von Gaza zusammen, das dort in einem Käfig auf dem engsten Flecken der Welt lebt.“ Auch der Fotojournalist Tyler Hicks berichtet aus Gaza, wo er sich immer noch aufhält. In einem seiner Berichte für die New York Times beschreibt er den Morgen, an dem vier kleine Jungen an einem Strand von israelischem Feuer getötet worden waren. Darin wird ziemlich deutlich, wie sich die Lage in Gaza im Moment gestaltet: Es kann jeden treffen, eigentlich immer. Hicks schreibt: „Es gibt zurzeit keinen sicheren Ort in Gaza. Bomben können jederzeit irgendwo landen. Eine kleine Wellblechhütte ohne Strom oder fließendes Wasser auf der Hafenmole in der brennenden Küstensonne sieht nicht aus wie die Art von Standort, den Hamas-Kämpfer, die vorgesehenen Ziele der Israeli Defense Forces, aufsuchen würden. Kinder, vielleicht ein Meter Zwanzig groß, in Sommerklamotten, die vor einer Explosion wegrennen, passen ebenfalls nicht auf das Profil eines Hamas-Kämpfers.“ Und genau einen Tag später ist es wieder passiert. Dylan Collins, dessen Fotos bei VICE zu sehen sind, war in Gaza, als eine Familie drei Kinder verlor. Wissam, Jihad und Fulla spielten auf dem Dach, als sie getötet wurden. Collins schreibt: „Die Familie hat mir erzählt, dass diese drei Kinder zuhause auf dem Dach spielten (kurz nach dem Ende der Feuerpause), als eine israelische Drohne ein knock-on-the-roof-Geschoss [„aufs Dach klopfen“] auf das Haus fallen ließ, um die Bewohner vor dem bevorstehenden eigentlichen Luftschlag zu warnen. Das „Anklopfen“ tötete alle drei.

Auch in Israel gibt es eine Realität des Krieges. Und wahrscheinlich wird diese Realität von europäischen Staatsoberhäuptern deshalb eher zur Kenntnis genommen, weil wir uns in die Situation der Israelis leichter hineinversetzen können. Unser Verständnis wird geweckt, wenn man uns in staatlichen Propagandavideos zeigt, wie kurz 15 Sekunden auf dem Weg in den Schutzraum sein können für eine gebrechliche Großmutter oder eine Gruppe fußballspielender Jungen. Wir können nachvollziehen, dass sich ein Land, das scheinbar unserem gleich ist, gegen Terroristen wehren muss. Wir würden schließlich genauso handeln, wenn aus der Schweiz plötzlich Beschuss käme, denken wir. Israel hat deshalb unsere volle Unterstützung. Und viele von uns fühlen mit den zahllosen Soldaten, die ihre Kameradinnen und Kameraden an den frischen Gräbern betrauern. Junge Menschen, kaum 20 Jahre alt, müssen in den Krieg ziehen - und das ist schrecklich.
Vielleicht fehlt aber genau aus diesem Grund bei vielen Deutschen - vor allem aber in der Politik - das bedingungslose Mitgefühl für die andere Seite: Wir können uns nicht hineinversetzen in Menschen, die seit fast zehn Jahren in engster Isolation leben. Menschen, deren einziger Freund in Jahren der Abschottung die Hamas war. Kein allzu guter Freund, aber immerhin jemand, der die Zügel in die Hand nahm. Und in nächster Nachbarschaft zu diesem Verbündeten lebt man nun, bis ein nächtlicher Bombenangriff den ganzen Straßenzug vernichtet und Hamas oder nicht Hamas plötzlich keine Rolle mehr spielt. Wir sehen, dass eine ganze Generation vom Hass gegen Israel zerfressen wird und unterstützen Israel beim Kampf gegen diese Menschen, obwohl ein Kampf gegen diesen Hass das wahre Heilmittel wäre. Hier bei uns geht alles geordnet zu, ebenso wie in Israel - und darum können wir uns am besten hineinfühlen in die Rolle des souveränen Staates, der von einem Haufen Terroristen angegriffen wird und sich gegen diese Attacken zur Wehr setzt. Eine jahrelang anhaltende Ausnahmesituation, wie sie die Menschen in Gaza erleben, ist uns fremd und daher unzugänglich.

Die Frage ist nicht: Wer hat Schuld?
Wer hatte Schuld in den Jahren 1948 oder 1967? Oder bei der letzten Intifada im Jahr 2000? Wer hat die letzten Feuerpausen in Gaza gebrochen, wer hat als erster wieder den Beschuss aufgenommen?
Nein! Die Frage ist vielmehr: Wie können wir jetzt unmittelbar und unverzüglich weiteres Blutvergießen beenden?
Erst wenn die Waffen ruhen und die Straßen frei sind, wird der Weg zu neuen Gesprächen geebnet. Denn - bei allem Respekt - um diese Gespräche kommt niemand herum.



[1] Anmerkung: Der oben erwähnte Jürgen Todenhöfer gehört zu jenen Menschen, deren Facebook-Posts ich häufig kritisiere. Zu oft vertritt er meines Erachtens subjektive anti-westliche Sichtweisen und des Öfteren habe ich mich gefragt, ob man ihn noch ernstnehmen könne. Doch ich habe Respekt vor Journalisten, die unter Lebensgefahr durch Tunnel nach Gaza hineinkriechen, um sich ein Bild von der Situation zu machen - und zu denen gehört auch Todenhöfer.


Freitag, 11. Juli 2014

Neun Fragen an die pro-palästinensischen Möchtegern-Freiheitskämpfer und Facebook-Aktivisten unter euch

(Für die andere Seite gibt es natürlich auch was: Neun Fragen an die bedingungslosenIsrael-Freunde unter euch.)

Ich habe in den letzten Tagen intensiv beobachtet, was und wie auf Facebook zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gepostet, kommentiert und reagiert wurde. Wie bei den pro-israelischen Aktivisten nehmen auch in der pro-Palästina-Fraktion zahllose Menschen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich nun endlich auch mal den Friedens- und Gerechtigkeitsaktivisten der palästinensischen Seite ordentlich ans Bein zu pinkeln. (Keine Angst, die anderen bekommen anderswo ihr Fett ab, siehe oben.)

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise hat sie ihre Gründe. Doch mit #GazaUnderFire lockt man Millionen Menschen aus der Reserve, von denen man seit 2012 kein politisches Statement mehr gehört hat. Vielerorts ist sogar ein (angebliches und nachweislich falsches) Hitler-Zitat aufgetaucht: „Ich könnte alle Juden töten, aber ich habe einige am Leben gelassen um euch zu zeigen, wieso ich sie getötet habe.“ - Die Hamas als Freiheitskämpfertruppe, die Israelis (oder noch genauer: die Juden) als unmenschliche Besatzer, Killer, Monster. Bilder von toten Kindern kursieren im Internet, Fotos von Trümmerhaufen der letzten Bombenangriffen. Gaza steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der Sympathie, der Solidarität. Hierzu ein paar akute und ein paar grundsätzliche Fragen:


Warum hat Euch vor einigen Jahren eigentlich z.B. Darfur nie interessiert, als dort 200.000 Menschen in die Wüste getrieben wurden, um zu verdursten? (Weil die Opfer größtenteils weder Araber noch Muslime waren?)

Wieso applaudiert Ihr, wenn orthodoxe Juden das Existenzrecht Israels anfechten und betonen, dass nicht alle Juden Zionisten sind, wenn Ihr auf der anderen Seite alle Juden und Zionisten in einen Topf werft und gefälschte Hitler-Zitate rausholt?

Wieso tauchen in solchen Tagen immer Karikaturen auf, die abgrundtief antisemitisch sind und eine jüdische Weltverschwörung propagieren? Und schämt Ihr Euch nicht, wenn Ihr auf Demonstrationen „Tod den Juden“ brüllt?

Weshalb gebt ihr jedes Bild eines toten Kindes als ein Foto von Gaza aus, auch wenn ein beachtlicher Teil dieser Bilder in den letzten Jahren in Syrien oder dem Irak entstanden sind? Warum postet Ihr überhaupt Bilder von toten Kindern? Wem soll das helfen?

Und seid Ihr wirklich der Meinung es sei richtig, Jugendliche zu entführen und zu töten, weil ihre Eltern Häuser (!) auf Land (!) bauen, das euch gehört?*

Wohin, denkt Ihr, sollen die Nachkommen der 850.000 Juden verschwinden, die nach 1948 aus arabischen Ländern nach Israel eingewandert sind? Zurück in den Irak, während man sich vehement dafür einsetzt, dass der Westen Flüchtlinge aus eben diesem Land aufnehmen soll?

Wie würde Deutschland reagieren, wenn aus der Schweiz innerhalb einer Woche mehr als 300 Raketen auf deutsche Städte geschossen würden?

Und wieso verlangt Ihr eigentlich von den „Westlern“, die „westliche“ Sichtweise in Zeiten von Konflikten zu hinterfragen und kritisch zu beurteilen, wenn Ihr in Zeiten von Konflikten bedingungslos hinter Terrorgruppen wie der Hamas steht?

Viele von Euch jubeln Hamas unterstützend zu bei der Aussage: „Wir lieben den Tod mehr als das Leben!“ - Meine Frage hierzu: Habt Ihr eigentlich einen Schaden?

*Die Eltern von zwei der drei ermordeten Israelis waren überhaupt keine Siedler.


Das sind nur wenige der Gründe, wieso Euch niemand zu Talkshows einlädt und bei Friedensverhandlungen keiner nach Eurer Meinung fragt. Vielleicht habt auch Ihr gemerkt, dass ich die israelische Seite, ihre Vorgehensweise und Politik hier mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam.
Und dennoch kann es vielleicht nicht schaden, sich einmal in die Situation der Gegenseite hineinzuversetzen. Das fällt Menschen in Gaza verständlicherweise sehr schwer, doch Euch, die Ihr in der Ferne weilt, müsste es genauso leicht fallen wie wenn Ihr Euch in die Lage einer Familie in Gaza versetzt. Leid gibt es auf jeder Seite, auch wenn Euch dieser Vergleich lächerlich erscheinen mag: Doch jeden Tag, an dem eine Qassam-Rakete israelische Kinder aus dem Schlaf jagt und zu einer fünften im Bombenkeller verbrachten Nacht innerhalb einer einzigen Woche zwingt, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Hardlinern der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe auf Gaza und die letzte Rakete auf Sderot, Tel Aviv oder Aschkelon gefallen ist, wird es gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bomben und Raketen wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Neun Fragen an die bedingungslosen Israel-Freunde unter euch


In den letzten Tagen wurde zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern viel auf Facebook gepostet. Zahllose Menschen nehmen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich mich nun einmal an die zahlreichen Israel-Unterstützer wenden, um ihnen gehörig ans Bein zu pinkeln.

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise möchtet Ihr wissen wieso. Israel bezeichnet sich gern als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ und Ihr glaubt das. Denn die Menschen dort müssten eigentlich so sein wie die Menschen hier bei uns, während die „Anderen“ ganz anders sind. Viele von Euch sind obendrein noch der Meinung, Israel habe die „moralischste Armee der Welt“, mit ehrbaren Werten und modernen, westlichen Grundsätzen - weshalb Ihr die Statusmeldungen dieser Armee postet und ihr vertraut als sei sie Eure Mutter. Ihr fragt Euch aber auch, wieso die Hamas so viel Unterstützung unter den Palästinensern findet, wo diese Terroristen doch „den Tod mehr lieben als die Israelis das Leben“. Aus Eurer Sicht hat die Hamas, indem sie Raketen auf zivile Ziele in Israel geschossen hat, die aktuellen Eskalation der Gewalt herbeigeführt. Israel müsse reagieren, sagt Ihr. Und Ihr verbreitet Videos der israelischen Botschaft von Großmüttern, die den Weg zum Luftschutzraum in 15 Sekunden unmöglich schaffen können.


Was glaubt Ihr, wie viele Luftschutzräume es in Gaza wohl gibt und wie viel Zeit einer schlafenden Familie, die in der Nähe eines Hamas-Terroristen wohnt, wohl bleibt um zu fliehen?

Ist Euch eigentlich bewusst, dass die israelischen Gegenangriffe reiner Aktionismus sind, um die eigenen Bürger zu beruhigen, wahrscheinlich aber eine Dritte Intifada auslösen könnten, ohne irgendeine Besserung für die israelische Bevölkerung zu erreichen?

Wisst Ihr, dass sich bei jedem Gaza-Konflikt dutzende Israelis auf den Erhebungen um Gaza einfinden, um das „Feuerwerk“ zu beobachten und sich mit Feldstechern am Anblick sterbender Palästinenser ergötzen?

Wisst Ihr, dass den meisten Israelis gar nicht bewusst ist, was in den von ihnen besetzten Gebieten in ihrem Namen tagtäglich passiert, und dass es sie auch nicht sonderlich interessiert?

Wisst Ihr, dass die israelische Armee in den besetzten Gebieten den Auftrag hat, vorsätzlich den Alltag der Palästinenser zu „unterbrechen“ und zu stören - und sie deshalb aus einer Laune heraus spontan und über Nacht ganze Ortschaften durch einen Checkpoint abriegeln können?

Wie könnt Ihr Euch erklären, dass israelische Soldaten, die kaum über 18 Jahre alt sind, im besetzten Hebron aus Langeweile Löcher in Wasserboiler auf den Dächern schießen, Schulkinder schikanieren und bei routinemäßigen Manövern Wohnungen palästinensischer Familien besetzen, um beim Abzug dann die Wohnzimmer kurz und klein zu schlagen und bisweilen auch einfach aufs Sofa zu scheißen?

Wisst Ihr übrigens, wie viele minderjährige Palästinenser in israelischen Gefängnissen sitzen - ohne Anklage?

Wisst Ihr, dass ein Palästinenser, der z.B. in Jericho wohnt, nur einmal im Jahr nach Jerusalem kommen darf, um dort z.B. die Al-Aqsa-Moschee zu besuchen?

Wisst Ihr, dass ein israelischer Haushalt pro Tag knapp 72 Liter mehr Wasser verbraucht (und verbrauchen kann) als ein palästinensischer?

Möglicherweise sind dies (nur wenige) der Gründe, weshalb Terrorgruppen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung so große Unterstützung finden. Und nein, ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Das ist Bullshit.
Vielleicht habt Ihr gemerkt, dass ich die Hamas mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam. Ich möchte lediglich, dass Ihr versteht, wieso sich Menschen einer Terrorgruppe anschließen. Während bei den Palästinensern jeder Tag von der Besatzung geprägt ist, müssen Israelis keinen müden Gedanken an das Leben auf der anderen Seite der Mauer verschwenden. Und genau deshalb verstehen sie nicht, wieso die andere Seite Mörder und Selbstmordattentäter unterstützt. Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es wahrscheinlich trotzdem noch gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bomben, Raketen und kein Ende

Die Lage in Israel und Palästina eskaliert wieder einmal, dieses Jahr heftiger als in den Jahren zuvor. Die israelische Armee und die palästinensische Hamas liefern sich ein wahres Duell im Raketenschießen. Die Offensive Israels gegen Gaza ist in der Nacht zum Dienstag angelaufen. Insgesamt wurden 160 Ziele beschossen, sagte eine Militärsprecherin in Tel Aviv laut Spiegel Online. Seit Beginn der Operation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum wiederum 225 Raketen auf Israel abgefeuert, rund 40 davon habe die Raketenabwehr abgefangen. Erstmals seit 2012 erreichten die Geschosse der Hamas auch wieder Tel Aviv und sogar Jerusalem.

Das Traurige ist, dass sich angesichts dieses Völkerschlachtens immer noch jede der direkt involvierten Seiten die Frage stellt, wer mit dieser ganzen Scheiße denn angefangen hätte. Gegenseitig wird sich nun der Schwarze Peter zugeschoben. Immer sind die anderen schuld. Aus der Distanz bleibt mir nichts anderes übrig, als die Aktivitäten meiner Facebook-Bekanntschaften zu beobachten. Die meiste von ihnen sind dem Konflikt geografisch zumeist ebenso fern wie ich. Und da sich meine virtuelle Freundesliste aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster politischer Weltanschauungen zusammensetzt, bekomme ich die volle Ladung ab: Während sich ungefähr die Hälfte meiner muslimischen Bekannten - ob sie einen direkten Bezug zu Palästina habe oder nicht - ganz offen zu Gaza und häufig auch zur Hamas bekennt, posten die Israelfreunde heldenhafte Statusmeldungen der IDF und holen uralte Karikaturen aus dem Keller.

Apropos Karikaturen… - Ich habe ein bisschen auf Google eingesammelt, was in den letzten Jahren und bis heute an politischen Kritzeleien entstanden ist - und habe dabei Erstaunliches entdeckt:

Israel dargestellt als Unschuldslamm, die Hamas mit vielen Raketen.

Gaza dargestellt als Unschuldslamm, Israel mit vielen Raketen.

Diese Zeichnungen - an denen ich übrigens keinerlei Rechte besitze und die ich hier ohne Kenntnis der Zeichner/-innen weiterverbreite - ähneln sich in erschreckender Weise. Die Aussagen sind jeweils dieselben: Die da haben angefangen! Wir verteidigen uns nur.

Wer im Internet sucht, der findet. Auf der einen Seite ein unschuldiges, kleines und wehrloses, irritierenderweise aber bis an die Zähne bewaffnetes Israel - auf der anderen Seite bisweilen unverhohlener Antisemitismus, verpackt in legitim erscheinende Kritik.

Israelische Raketen fliegen auf Gaza. Rassistische Symbolik, wie man sie sich hierzulande nicht leisten könnte...

Und Israel verteidigt sich natürlich nur selbst...

Mich interessiert schon lange nicht mehr, wer angefangen hat. Und mein vor Jahren noch lebendiger (und reichlich naiver) Optimismus ist nicht etwa der Enttäuschung, sondern eher einer schier grenzenlosen Wut gewichen. Seit Jahrzehnten wiederholt sich dieser Mist in regelmäßigen Abständen, immer wieder scheitern Friedensverhandlungen an eben den Problemen, an welchen sie Jahre zuvor schon gescheitert sind. Erst hat die Politik mit ihren Armeen und Milizen Zivilisten getötet, jetzt töten sich die Zivilisten endlich auch gegenseitig. Und niemand begreift, dass der unbequeme Weg - nämlich der, für den jede einzelne Person Zugeständnisse machen und Opfer bringen muss - am Ende weniger „Opfer“ kosten würde.
Aber nein, wieso sollten wir nachgeben? Die Anderen sind schuld. Die „Anderen“ sind Terroristen, Soldaten, Araber, Juden, Muslime, Israelis, Besatzer, Bombenbastler - alle sind sie unschuldig, Märtyrer, Helden.

Am Ende sind sie alle Menschen. Doch vielleicht sind Menschen nunmal so. Sie verteidigen ihr Territorium, ihr Land, ihre Ehre, ihre Religion - oft auch schlicht und einfach ihre Familie. Und weil wir alle diese Menschen bei der Verteidigung ihrer Motive nicht unterstützen können, posten wir Karikaturen, ändern unsere Profilbilder, zeigen Solidarität. Ob das irgendwem hilft und ob es nicht vielmehr Gespräche verhindert, sei mal dahin gestellt.

Und die Sache mit den Israelis und Palästinensern ist (leider) noch das kleinste Übel im Nahen Osten. Syrien ist am Ende, im Irak fängt es gerade erst wieder so richtig an. In der Ukraine ist noch kein Licht am Ende des Tunnels abzusehen. Und wo nicht gekämpft wird, da wird der Unmut größer und wartet nur darauf, sich in einem Gewitter zu entladen, wenn die großen Bühnen der Welt endlich ihren Vorhang zuziehen.
Was diese Welt braucht ist eine Pause. Doch sie wird sie wahrscheinlich nicht bekommen.