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Dienstag, 20. Oktober 2015

Die Dritte Intifada & das Dilemma der moralischen Überlegenheit

Vor einer ganzen Weile hat mich ein israelischer Bekannter gefragt, ob ich wirklich der Meinung wäre, Israel sei weniger aufgeschlossen, weniger open-minded als Deutschland. Ich wollte ihm damals antworten und habe viel Zeit investiert in die Formulierung meiner Gedanken, doch nach einer Weile haben sich die Ereignisse in Deutschland und auch in Israel überschlagen, sodass ich bis heute nicht dazu gekommen bin, diese Email zu schreiben. Gerade in diesen Tagen erleben wir aber wieder einen neuen Ausbruch der Gewalt im Nahen Osten, inmitten der vielen anderen Krisenherde, die seit Jahren die Nachrichten dominieren: Zwischen Mittelmeer und Jordan bahnt sich etwas an, das viele schon jetzt als Dritte Intifada bezeichnen. Die Zahlen der Toten steigen wieder, es kommt zu Angriffen und Attentaten. Menschen fallen Messerstechern und Polizeischüssen zum Opfer. Erst kürzlich erzählte mir ein Freund aus Israel, dass er mit einem flauen Gefühl im Magen von Tel Aviv mit dem Bus nach Beersheva fuhr. Dort hatte ein Palästinenser am Tag zuvor versucht, an der Central Bus Station mit Messer und Schusswaffe ein Blutbad anzurichten. Der Freund erzählte weiter, er habe sich aber besser gefühlt, als er am Busbahnhof eine große Gruppe israelischer Jugendlicher mit der Nationalflagge habe tanzen sehen. Da kam ich ins Grübeln. Was ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, lässt mich wiederum schlucken. Denn an genau jener Stelle hatten Passanten am Tag zuvor auch einen Eritreer zu Tode geprügelt, nachdem sie ihn für einen zweiten Attentäter gehalten hatten. Die Nerven liegen blank, und vor der Kulisse einer weiteren Zeit des Terrors geht jede Menschlichkeit verloren.
Da fiel mir wieder die Email ein, die ich schreiben wollte. Ist Israel weniger open-minded als andere Länder, als Deutschland? Ich denke, man kann Gesellschaften nur schlecht vergleichen, wenn sie sich in einer komplett anderen Ausgangssituation befinden. Und doch möchte ich den meisten Israelis sagen, dass ich sie nicht mehr verstehe – wenn ich sie denn jemals auch nur ansatzweise verstanden habe. Die israelische Gesellschaft ist entweder blind, oder sie schaut weg. Eines ist sie jedenfalls nicht: Moralisch überlegen. Es ist nicht nur ein Versäumnis der Regierung, wenn sich ultraorthodoxe Juden dazu ermutigt fühlen, auf einer Gay Pride Parade in Jerusalem junge, andersdenkende und -fühlende Menschen abzustechen. Es ist auch nicht die Schuld der Regierung, wenn Polizisten einen äthiopischstämmigen IDF-Soldaten auf offener Straße misshandeln oder einen Eritreer für einen Terroristen halten, nur weil er eine dunklere Hautfarbe hat als der durchschnittliche aschkenasische israelische Jude. Die Regierung trägt zwar die Verantwortung für die seit Jahrzehnten aufrecht erhaltene Besatzung der palästinensischen Nachbarn, doch die Gesellschaft wiederum toleriert sie. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird durch diese Besatzung jedoch maßgeblich bedingt – doch die Gesellschaft sieht sie nicht einmal, solange man sie nicht mit ihr konfrontiert.

Symbol der Freiheit?

Natürlich haben Israelis in den letzten Jahrzehnten ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Konflikt gemacht. Familien haben Väter oder Onkels in einem der zahlreichen Kriege mit den arabischen Nachbarn verloren, oder durch Scharfschützen bei der Feldarbeit in einem Kibbuz. Andere können sich daran erinnern, wie zur Zeit der Zweiten Intifada die Küchenfenster zum wiederholten Male wackelten, wenn sich der Attentäter in einem Jerusalemer Bus in die Luft gesprengt hat. Diesen Menschen macht es Mut, wenn die jugendlichen Massen am Unabhängigkeitstag bis in die Nacht in den Straßen tanzen und sich in blau-weiße Fahnen einhüllen. Für die junge Generation sind Blau und Weiß die Farben der Zuversicht, der Davidstern ein Symbol der Freiheit. Genau diese Flagge bedeutet für die unterdrückten Nachbarn jedoch etwas ganz anderes, wo immer sie über spontan vor Ortseingängen errichteten Checkpoints weht, die von einem Tag auf den anderen willkürlich entscheiden können, wer heute zur Schule oder zur Arbeit geht und wer nicht. An diesen Checkpoints stehen keine gesichtslosen Soldaten, sondern nahezu jeder israelische Mann und fast jede israelische Frau, die beide ihren Wehrdienst bei der Armee ableisten, und das meist auch vollem ganzem Herzen tun. Den Schrecken der Besatzung, an der sie teilhaben und bei der sie Zeuge alltäglicher Ungerechtigkeiten werden, versuchen sie nach zwei oder drei Jahren des Armeedienstes in Südamerika oder Indien zu vergessen, mit Marihuana und anderen Drogen aus dem Gedächtnis zu löschen. Nur eine kleine Gruppe ehemaliger Wehrdienstleistender berichtet von den Szenen in Hebron und anderen Orten, wo israelische Einheiten zu Übungszwecken die Wohnzimmer palästinensischer Familien in Kommandozentralen umfunktionieren und beim Abzug nach zwei, drei Tagen bisweilen die komplette Inneneinrichtung kaputtschlagen, oder der Familie sogar noch aufs zertrümmerte Sofa kacken. All dies ist man gezwungen, an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland abzulegen, denn die Gesellschaft möchte die Berichte über die eigenen moralischen Makel nicht hören. Als „Linker“ sind jene verschrien, die an der Besatzung zweifeln. Und so kommt es, dass der Konflikt nur dann die israelische Öffentlichkeit berührt, wenn perspektivlose und ideologisch vereinnahmte Palästinenser an Bushaltestellen in wartende Menschen rasen oder mit Messern um sich stechen. Die israelische Politik, die mit dem Bau von Siedlungen bestraft und durch die Aufrechterhaltung der Besatzung jede Chance auf Frieden zubetoniert, erfährt in diesen Tag noch mehr Zuspruch. Mehr als eine halbe Million oftmals extremistischer Siedler haben sich im Westjordanland niedergelassen. Dort ist in den letzten Jahren mit ihnen nicht nur eine entscheidende politische Größe herangewachsen, sondern auch eine radikalisierte Jugend, die durch benachbarte palästinensische Dörfer zieht, um Autos anzuzünden und Moscheen zu beschmieren. Und während diese Jugendlichen im besten Fall vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, steht jeder palästinensische Steinewerfer unter israelischer Militärgerichtsbarkeit. Wie moralisch überlegen kann eine Gesellschaft sein, die es toleriert, dass in ihren Gefängnissen minderjährige Palästinenser auf unbestimmte Zeit festgehalten werden? Welche Werte vertritt ein Staat, in dessen Machtbereich ein 15jähriger Angreifer auf offener Straße verblutet, während dutzende Polizisten um ihn stehen und ein Siedler Nahaufnahmen mit seinem Handy macht, laut rufend „Stirb, Du Hurensohn“? Man könnte sich fragen, ob die israelische Öffentlichkeit tatsächlich erkennt, in welchem moralischen Dilemma sie sich hier befindet. 
Extremisten und Terroristen gibt es auf beiden Seiten, das ist nicht Gegenstand der Diskussion. Der palästinensische Terror entsteht jedoch auf dem Boden der Perspektivlosigkeit, in einem von Zäunen und Mauern und Checkpoints durchzogenen Land. Der israelische Terror auf der anderen Seite wähnt große Teile der eigenen Politik hinter sich. Er entsteht in einem Staat, der seit Jahrzehnten in jedem Konflikt Sieger geblieben ist und seit einer halben Ewigkeit eine Besatzung aufrecht erhält, durch die sowohl die eine als auch die andere Seite immer weiter abstumpft und irgendwann jedes Gefühl für ein menschliches Miteinander verlieren wird. Ein anderer Bekannter schrieb mit auf Facebook, die Atmosphäre in Israel sei dermaßen vergiftet, dass er noch nie so ernstlich über Auswanderung nachgedacht habe wie heute. Und wenn die ersten Querdenker aus einem Staat auszuwandern beginnen, der sich noch immer die "einzige Demokratie im Nahen Osten" nennt, dann kann dieser Staat nicht sehr open-minded sein.


Dienstag, 22. Juli 2014

Warum Israelkritik in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen wird

Leider kann ich der Überschrift dieses Artikels hier nicht vollständig gerecht werden, da zu dieser Fragestellung ganz unterschiedliche Facetten betrachtet werden müssten. Ich kann mich hier nur einem einzigen von zahlreichen Aspekten widmen: der Art und Weise, wie sich „Israelkritik“ in diesen Tagen äußert. Dazu bedarf es gar nicht allzu vieler Worte. Tausendfach verschafft sich „Israelkritik“ und Unterstützung für die Palästinenser Raum auf zahlreichen Demonstrationen in ganz Deutschland. Und obwohl es offiziell meist friedlich zuging, zeugen Bilder und Videos, aber auch Berichte von Augenzeugen auf Facebook, von der Atmosphäre, die ein Großteil dieser Demonstrationen schafft.

Offener Antisemitismus wird von der Polizei gar nicht beachtet, was mittlerweile mehr oder weniger normal zu sein scheint. In Berlin war es sogar möglich, dass der Demo-Veranstalter durch das Polizeimikrofon „Kindermörder Israel!“ skandieren konnte. Gut, das war kein Antisemitismus, sondern Kritik an Israel. Doch was ist mit „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“, ebenfalls in Berlin? Auf Nachfrage eines Passanten bei einer Demo in Essen am 18. Juli, ob man gegen Parolen wie „Scheiß Juden!“ oder „Scheiß Jude, brenn!“ nicht vorgehen wolle, bekam dieser nur zu hören, dass die Demonstranten ja auch nur ihre Meinung sagen würden. Unter diese freie Meinung fällt natürlich auch die Forderung: „Stoppt den Judenterror!“ - Wo hört Meinungsfreiheit auf und wo fängt Volksverhetzung an? In Essen gab es bunte Plakate, in denen der Davidstern zu einem Hakenkreuz ummodelliert wurde. Ist das Holocaust-Leugnung? Oder wird hier angedeutet, dass „die Juden“ heute „auch nicht besser“ sind? Vielleicht alles nur Spekulation. Aber was ist mit Plakaten mit der Aufschrift „Angeblich früher Opfer, heute selber Täter“? Das Wörtchen „angeblich“ sagt schon alles und die Gesinnung dahinter muss eigentlich nicht weiter ergründet werden. In Essen gesellten sich zu den Palästina-Flaggen noch die von Hamas und ISIS hinzu. Und trotz geworfener Flaschen, Böller und einem Klappmesser sowie der versuchten Konfrontation mit einer Gegenveranstaltung spricht der Leitende Polizeidirektor Detlef Köbbel in seinem Polizeibericht von einer „friedlichen Demonstration“. Was ist da bitteschön los?

Auf der Straße und im Netz fordern zehntausende Menschen, Deutschland solle seine Politik gegenüber Israel ändern und den Waffenhandel mit den Israelis einstellen. Dass Merkel ein ums andere Mal betont, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, bringt die Menschen auf der Straße zum Rasen. Und doch kann man an der deutschen Politik am wenigsten etwas ändern, indem man sich einem wütenden Mob anschließt, Parolen gegen „die Juden grölt“ und Hamas-Fahnen schwenkt - oder auch nur zulässt, dass andere dies tun. Kritik am unmenschlichen Vorgehen der israelischen Regierung und an der deutschen Außenpolitik kann so nicht wirksam werden. Wer kann erwarten, auf diese Art und Weise ernstgenommen zu werden? Je mehr Raum eine Demo für Antisemitismus, Holocaustvergleiche und blinden Judenhass lässt, umso einfacher wird es für die Politik, diese Demo zu ignorieren. In Zeiten der Gewalt kann nicht von allen Beteiligten erwartet werden, objektiv zu bleiben und nicht emotional zu handeln. Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Menschen - wenn nicht dort, dann wenigstens hier bei uns - möglichst schnell zu einer sachlichen und aufrichtigen Diskussionskultur zurückfinden, sobald der aktuelle Gaza-Krieg ein Ende gefunden und das Töten und Sterben aufgehört hat. Ein Fehler wäre es, Gaza nach dem Inkrafttreten des nächsten Waffenstillstandes aus den Schlagzeilen verschwinden zu lassen.


gaza_dortmund_stern
(Bild: Stefan Laurin, ruhrbarone)

Montag, 21. Juli 2014

Realität des Krieges

Ich selbst habe in meinem Leben nur einmal einen Blick auf Gaza werfen können, aus der Ferne. Damals im Jahr 2010 herrschte relative Ruhe in dem dicht besiedelten Küstenstreifen. Wenn ich also etwas über die Realität des aktuellen Krieges schreiben will, muss ich mich auf die Berichte Anderer stützen. Das birgt spezielle Risiken, ist aber die einzige Möglichkeit, das Leiden auf der anderen Seite des Mittelmeers nicht komplett zu ignorieren.
Wie fühlt es sich an, wenn man in einem Kriegsgebiet lebt? In diesen Tagen erlebt Gaza eine Welle unbarmherziger Angriffe vonseiten der israelischen Armee. Währenddessen schießen Hamas-Kämpfer weiterhin Raketen auf Israel ab. Mittlerweile wurden zwei israelische Zivilisten getötet, die Zahl der Toten auf palästinensischer Seite geht in die Hunderte.

Jürgen Todenhöfer ist ein 73jähriger Publizist aus Süddeutschland.[1] Er berichtete im Morgenmagazin der ARD am 18. Juli live über die Zustände in dem isolierten Stückchen Land, die ihn sichtlich schockierten. Todenhöfer erzählte von überfüllten Krankenhäusern, hilflosen Menschen und unsäglichen Zuständen. Er war sich auch sicher: Die Bodenoffensive würde nicht dazu führen, dass die Hamas zusammenbreche, „aber es bricht das kleine Volk von Gaza zusammen, das dort in einem Käfig auf dem engsten Flecken der Welt lebt.“ Auch der Fotojournalist Tyler Hicks berichtet aus Gaza, wo er sich immer noch aufhält. In einem seiner Berichte für die New York Times beschreibt er den Morgen, an dem vier kleine Jungen an einem Strand von israelischem Feuer getötet worden waren. Darin wird ziemlich deutlich, wie sich die Lage in Gaza im Moment gestaltet: Es kann jeden treffen, eigentlich immer. Hicks schreibt: „Es gibt zurzeit keinen sicheren Ort in Gaza. Bomben können jederzeit irgendwo landen. Eine kleine Wellblechhütte ohne Strom oder fließendes Wasser auf der Hafenmole in der brennenden Küstensonne sieht nicht aus wie die Art von Standort, den Hamas-Kämpfer, die vorgesehenen Ziele der Israeli Defense Forces, aufsuchen würden. Kinder, vielleicht ein Meter Zwanzig groß, in Sommerklamotten, die vor einer Explosion wegrennen, passen ebenfalls nicht auf das Profil eines Hamas-Kämpfers.“ Und genau einen Tag später ist es wieder passiert. Dylan Collins, dessen Fotos bei VICE zu sehen sind, war in Gaza, als eine Familie drei Kinder verlor. Wissam, Jihad und Fulla spielten auf dem Dach, als sie getötet wurden. Collins schreibt: „Die Familie hat mir erzählt, dass diese drei Kinder zuhause auf dem Dach spielten (kurz nach dem Ende der Feuerpause), als eine israelische Drohne ein knock-on-the-roof-Geschoss [„aufs Dach klopfen“] auf das Haus fallen ließ, um die Bewohner vor dem bevorstehenden eigentlichen Luftschlag zu warnen. Das „Anklopfen“ tötete alle drei.

Auch in Israel gibt es eine Realität des Krieges. Und wahrscheinlich wird diese Realität von europäischen Staatsoberhäuptern deshalb eher zur Kenntnis genommen, weil wir uns in die Situation der Israelis leichter hineinversetzen können. Unser Verständnis wird geweckt, wenn man uns in staatlichen Propagandavideos zeigt, wie kurz 15 Sekunden auf dem Weg in den Schutzraum sein können für eine gebrechliche Großmutter oder eine Gruppe fußballspielender Jungen. Wir können nachvollziehen, dass sich ein Land, das scheinbar unserem gleich ist, gegen Terroristen wehren muss. Wir würden schließlich genauso handeln, wenn aus der Schweiz plötzlich Beschuss käme, denken wir. Israel hat deshalb unsere volle Unterstützung. Und viele von uns fühlen mit den zahllosen Soldaten, die ihre Kameradinnen und Kameraden an den frischen Gräbern betrauern. Junge Menschen, kaum 20 Jahre alt, müssen in den Krieg ziehen - und das ist schrecklich.
Vielleicht fehlt aber genau aus diesem Grund bei vielen Deutschen - vor allem aber in der Politik - das bedingungslose Mitgefühl für die andere Seite: Wir können uns nicht hineinversetzen in Menschen, die seit fast zehn Jahren in engster Isolation leben. Menschen, deren einziger Freund in Jahren der Abschottung die Hamas war. Kein allzu guter Freund, aber immerhin jemand, der die Zügel in die Hand nahm. Und in nächster Nachbarschaft zu diesem Verbündeten lebt man nun, bis ein nächtlicher Bombenangriff den ganzen Straßenzug vernichtet und Hamas oder nicht Hamas plötzlich keine Rolle mehr spielt. Wir sehen, dass eine ganze Generation vom Hass gegen Israel zerfressen wird und unterstützen Israel beim Kampf gegen diese Menschen, obwohl ein Kampf gegen diesen Hass das wahre Heilmittel wäre. Hier bei uns geht alles geordnet zu, ebenso wie in Israel - und darum können wir uns am besten hineinfühlen in die Rolle des souveränen Staates, der von einem Haufen Terroristen angegriffen wird und sich gegen diese Attacken zur Wehr setzt. Eine jahrelang anhaltende Ausnahmesituation, wie sie die Menschen in Gaza erleben, ist uns fremd und daher unzugänglich.

Die Frage ist nicht: Wer hat Schuld?
Wer hatte Schuld in den Jahren 1948 oder 1967? Oder bei der letzten Intifada im Jahr 2000? Wer hat die letzten Feuerpausen in Gaza gebrochen, wer hat als erster wieder den Beschuss aufgenommen?
Nein! Die Frage ist vielmehr: Wie können wir jetzt unmittelbar und unverzüglich weiteres Blutvergießen beenden?
Erst wenn die Waffen ruhen und die Straßen frei sind, wird der Weg zu neuen Gesprächen geebnet. Denn - bei allem Respekt - um diese Gespräche kommt niemand herum.



[1] Anmerkung: Der oben erwähnte Jürgen Todenhöfer gehört zu jenen Menschen, deren Facebook-Posts ich häufig kritisiere. Zu oft vertritt er meines Erachtens subjektive anti-westliche Sichtweisen und des Öfteren habe ich mich gefragt, ob man ihn noch ernstnehmen könne. Doch ich habe Respekt vor Journalisten, die unter Lebensgefahr durch Tunnel nach Gaza hineinkriechen, um sich ein Bild von der Situation zu machen - und zu denen gehört auch Todenhöfer.


Samstag, 12. Juli 2014

Zwanzig Jahre, ab morgen

Zwischen Mittelmeer und Jordan tobt Krieg. Gewaltspirale, Wut, Hass und Tod, wieder einmal aufs Neue. Doch das wirklich Deprimierende:
Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es vielleicht gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Wunden werden in zwanzig Jahren nicht geheilt sein. Doch die Menschen werden gelernt haben, mit ihnen zu leben. Aber der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben. Zwanzig Jahre, ab morgen. Wieso?

Der Nahostexperte Peter Scholl-Latour hat vor wenigen Tagen zur aktuellen Lage in Israel und Palästina gesagt: „Frieden – das ist zwischendurch allenfalls eine Illusion, der man sich hingibt.“ Hoffnung auf Frieden gibt es scheinbar keine mehr. Nicht für einen Neunzigjährigen.

Zwanzig Jahre, ab morgen - das ist für die Politik nicht greifbar. Die Politik denkt oft nur in Vier-Jahres-Abschnitten, in Israel mitunter sogar noch kurzfristiger. Die politischen Eliten auf beiden Seiten der israelischen Sperranlage sind wahrscheinlich zu alt, um ein langfristiges Projekt namens „Frieden“ in Angriff zu nehmen. Stattdessen greifen sie an, halten den Ausnahmezustand, den Status quo aufrecht. Tag für Tag wird die nächste Generation von der Gegenwart zermürbt.

Wer kann da überhaupt noch optimistisch sein? Niemand - so lange die zuletzt gefallene Bombe nicht die letzte war.



Freitag, 11. Juli 2014

Neun Fragen an die pro-palästinensischen Möchtegern-Freiheitskämpfer und Facebook-Aktivisten unter euch

(Für die andere Seite gibt es natürlich auch was: Neun Fragen an die bedingungslosenIsrael-Freunde unter euch.)

Ich habe in den letzten Tagen intensiv beobachtet, was und wie auf Facebook zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gepostet, kommentiert und reagiert wurde. Wie bei den pro-israelischen Aktivisten nehmen auch in der pro-Palästina-Fraktion zahllose Menschen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich nun endlich auch mal den Friedens- und Gerechtigkeitsaktivisten der palästinensischen Seite ordentlich ans Bein zu pinkeln. (Keine Angst, die anderen bekommen anderswo ihr Fett ab, siehe oben.)

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise hat sie ihre Gründe. Doch mit #GazaUnderFire lockt man Millionen Menschen aus der Reserve, von denen man seit 2012 kein politisches Statement mehr gehört hat. Vielerorts ist sogar ein (angebliches und nachweislich falsches) Hitler-Zitat aufgetaucht: „Ich könnte alle Juden töten, aber ich habe einige am Leben gelassen um euch zu zeigen, wieso ich sie getötet habe.“ - Die Hamas als Freiheitskämpfertruppe, die Israelis (oder noch genauer: die Juden) als unmenschliche Besatzer, Killer, Monster. Bilder von toten Kindern kursieren im Internet, Fotos von Trümmerhaufen der letzten Bombenangriffen. Gaza steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der Sympathie, der Solidarität. Hierzu ein paar akute und ein paar grundsätzliche Fragen:


Warum hat Euch vor einigen Jahren eigentlich z.B. Darfur nie interessiert, als dort 200.000 Menschen in die Wüste getrieben wurden, um zu verdursten? (Weil die Opfer größtenteils weder Araber noch Muslime waren?)

Wieso applaudiert Ihr, wenn orthodoxe Juden das Existenzrecht Israels anfechten und betonen, dass nicht alle Juden Zionisten sind, wenn Ihr auf der anderen Seite alle Juden und Zionisten in einen Topf werft und gefälschte Hitler-Zitate rausholt?

Wieso tauchen in solchen Tagen immer Karikaturen auf, die abgrundtief antisemitisch sind und eine jüdische Weltverschwörung propagieren? Und schämt Ihr Euch nicht, wenn Ihr auf Demonstrationen „Tod den Juden“ brüllt?

Weshalb gebt ihr jedes Bild eines toten Kindes als ein Foto von Gaza aus, auch wenn ein beachtlicher Teil dieser Bilder in den letzten Jahren in Syrien oder dem Irak entstanden sind? Warum postet Ihr überhaupt Bilder von toten Kindern? Wem soll das helfen?

Und seid Ihr wirklich der Meinung es sei richtig, Jugendliche zu entführen und zu töten, weil ihre Eltern Häuser (!) auf Land (!) bauen, das euch gehört?*

Wohin, denkt Ihr, sollen die Nachkommen der 850.000 Juden verschwinden, die nach 1948 aus arabischen Ländern nach Israel eingewandert sind? Zurück in den Irak, während man sich vehement dafür einsetzt, dass der Westen Flüchtlinge aus eben diesem Land aufnehmen soll?

Wie würde Deutschland reagieren, wenn aus der Schweiz innerhalb einer Woche mehr als 300 Raketen auf deutsche Städte geschossen würden?

Und wieso verlangt Ihr eigentlich von den „Westlern“, die „westliche“ Sichtweise in Zeiten von Konflikten zu hinterfragen und kritisch zu beurteilen, wenn Ihr in Zeiten von Konflikten bedingungslos hinter Terrorgruppen wie der Hamas steht?

Viele von Euch jubeln Hamas unterstützend zu bei der Aussage: „Wir lieben den Tod mehr als das Leben!“ - Meine Frage hierzu: Habt Ihr eigentlich einen Schaden?

*Die Eltern von zwei der drei ermordeten Israelis waren überhaupt keine Siedler.


Das sind nur wenige der Gründe, wieso Euch niemand zu Talkshows einlädt und bei Friedensverhandlungen keiner nach Eurer Meinung fragt. Vielleicht habt auch Ihr gemerkt, dass ich die israelische Seite, ihre Vorgehensweise und Politik hier mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam.
Und dennoch kann es vielleicht nicht schaden, sich einmal in die Situation der Gegenseite hineinzuversetzen. Das fällt Menschen in Gaza verständlicherweise sehr schwer, doch Euch, die Ihr in der Ferne weilt, müsste es genauso leicht fallen wie wenn Ihr Euch in die Lage einer Familie in Gaza versetzt. Leid gibt es auf jeder Seite, auch wenn Euch dieser Vergleich lächerlich erscheinen mag: Doch jeden Tag, an dem eine Qassam-Rakete israelische Kinder aus dem Schlaf jagt und zu einer fünften im Bombenkeller verbrachten Nacht innerhalb einer einzigen Woche zwingt, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Hardlinern der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe auf Gaza und die letzte Rakete auf Sderot, Tel Aviv oder Aschkelon gefallen ist, wird es gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bomben und Raketen wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Neun Fragen an die bedingungslosen Israel-Freunde unter euch


In den letzten Tagen wurde zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern viel auf Facebook gepostet. Zahllose Menschen nehmen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich mich nun einmal an die zahlreichen Israel-Unterstützer wenden, um ihnen gehörig ans Bein zu pinkeln.

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise möchtet Ihr wissen wieso. Israel bezeichnet sich gern als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ und Ihr glaubt das. Denn die Menschen dort müssten eigentlich so sein wie die Menschen hier bei uns, während die „Anderen“ ganz anders sind. Viele von Euch sind obendrein noch der Meinung, Israel habe die „moralischste Armee der Welt“, mit ehrbaren Werten und modernen, westlichen Grundsätzen - weshalb Ihr die Statusmeldungen dieser Armee postet und ihr vertraut als sei sie Eure Mutter. Ihr fragt Euch aber auch, wieso die Hamas so viel Unterstützung unter den Palästinensern findet, wo diese Terroristen doch „den Tod mehr lieben als die Israelis das Leben“. Aus Eurer Sicht hat die Hamas, indem sie Raketen auf zivile Ziele in Israel geschossen hat, die aktuellen Eskalation der Gewalt herbeigeführt. Israel müsse reagieren, sagt Ihr. Und Ihr verbreitet Videos der israelischen Botschaft von Großmüttern, die den Weg zum Luftschutzraum in 15 Sekunden unmöglich schaffen können.


Was glaubt Ihr, wie viele Luftschutzräume es in Gaza wohl gibt und wie viel Zeit einer schlafenden Familie, die in der Nähe eines Hamas-Terroristen wohnt, wohl bleibt um zu fliehen?

Ist Euch eigentlich bewusst, dass die israelischen Gegenangriffe reiner Aktionismus sind, um die eigenen Bürger zu beruhigen, wahrscheinlich aber eine Dritte Intifada auslösen könnten, ohne irgendeine Besserung für die israelische Bevölkerung zu erreichen?

Wisst Ihr, dass sich bei jedem Gaza-Konflikt dutzende Israelis auf den Erhebungen um Gaza einfinden, um das „Feuerwerk“ zu beobachten und sich mit Feldstechern am Anblick sterbender Palästinenser ergötzen?

Wisst Ihr, dass den meisten Israelis gar nicht bewusst ist, was in den von ihnen besetzten Gebieten in ihrem Namen tagtäglich passiert, und dass es sie auch nicht sonderlich interessiert?

Wisst Ihr, dass die israelische Armee in den besetzten Gebieten den Auftrag hat, vorsätzlich den Alltag der Palästinenser zu „unterbrechen“ und zu stören - und sie deshalb aus einer Laune heraus spontan und über Nacht ganze Ortschaften durch einen Checkpoint abriegeln können?

Wie könnt Ihr Euch erklären, dass israelische Soldaten, die kaum über 18 Jahre alt sind, im besetzten Hebron aus Langeweile Löcher in Wasserboiler auf den Dächern schießen, Schulkinder schikanieren und bei routinemäßigen Manövern Wohnungen palästinensischer Familien besetzen, um beim Abzug dann die Wohnzimmer kurz und klein zu schlagen und bisweilen auch einfach aufs Sofa zu scheißen?

Wisst Ihr übrigens, wie viele minderjährige Palästinenser in israelischen Gefängnissen sitzen - ohne Anklage?

Wisst Ihr, dass ein Palästinenser, der z.B. in Jericho wohnt, nur einmal im Jahr nach Jerusalem kommen darf, um dort z.B. die Al-Aqsa-Moschee zu besuchen?

Wisst Ihr, dass ein israelischer Haushalt pro Tag knapp 72 Liter mehr Wasser verbraucht (und verbrauchen kann) als ein palästinensischer?

Möglicherweise sind dies (nur wenige) der Gründe, weshalb Terrorgruppen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung so große Unterstützung finden. Und nein, ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Das ist Bullshit.
Vielleicht habt Ihr gemerkt, dass ich die Hamas mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam. Ich möchte lediglich, dass Ihr versteht, wieso sich Menschen einer Terrorgruppe anschließen. Während bei den Palästinensern jeder Tag von der Besatzung geprägt ist, müssen Israelis keinen müden Gedanken an das Leben auf der anderen Seite der Mauer verschwenden. Und genau deshalb verstehen sie nicht, wieso die andere Seite Mörder und Selbstmordattentäter unterstützt. Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es wahrscheinlich trotzdem noch gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bomben, Raketen und kein Ende

Die Lage in Israel und Palästina eskaliert wieder einmal, dieses Jahr heftiger als in den Jahren zuvor. Die israelische Armee und die palästinensische Hamas liefern sich ein wahres Duell im Raketenschießen. Die Offensive Israels gegen Gaza ist in der Nacht zum Dienstag angelaufen. Insgesamt wurden 160 Ziele beschossen, sagte eine Militärsprecherin in Tel Aviv laut Spiegel Online. Seit Beginn der Operation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum wiederum 225 Raketen auf Israel abgefeuert, rund 40 davon habe die Raketenabwehr abgefangen. Erstmals seit 2012 erreichten die Geschosse der Hamas auch wieder Tel Aviv und sogar Jerusalem.

Das Traurige ist, dass sich angesichts dieses Völkerschlachtens immer noch jede der direkt involvierten Seiten die Frage stellt, wer mit dieser ganzen Scheiße denn angefangen hätte. Gegenseitig wird sich nun der Schwarze Peter zugeschoben. Immer sind die anderen schuld. Aus der Distanz bleibt mir nichts anderes übrig, als die Aktivitäten meiner Facebook-Bekanntschaften zu beobachten. Die meiste von ihnen sind dem Konflikt geografisch zumeist ebenso fern wie ich. Und da sich meine virtuelle Freundesliste aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster politischer Weltanschauungen zusammensetzt, bekomme ich die volle Ladung ab: Während sich ungefähr die Hälfte meiner muslimischen Bekannten - ob sie einen direkten Bezug zu Palästina habe oder nicht - ganz offen zu Gaza und häufig auch zur Hamas bekennt, posten die Israelfreunde heldenhafte Statusmeldungen der IDF und holen uralte Karikaturen aus dem Keller.

Apropos Karikaturen… - Ich habe ein bisschen auf Google eingesammelt, was in den letzten Jahren und bis heute an politischen Kritzeleien entstanden ist - und habe dabei Erstaunliches entdeckt:

Israel dargestellt als Unschuldslamm, die Hamas mit vielen Raketen.

Gaza dargestellt als Unschuldslamm, Israel mit vielen Raketen.

Diese Zeichnungen - an denen ich übrigens keinerlei Rechte besitze und die ich hier ohne Kenntnis der Zeichner/-innen weiterverbreite - ähneln sich in erschreckender Weise. Die Aussagen sind jeweils dieselben: Die da haben angefangen! Wir verteidigen uns nur.

Wer im Internet sucht, der findet. Auf der einen Seite ein unschuldiges, kleines und wehrloses, irritierenderweise aber bis an die Zähne bewaffnetes Israel - auf der anderen Seite bisweilen unverhohlener Antisemitismus, verpackt in legitim erscheinende Kritik.

Israelische Raketen fliegen auf Gaza. Rassistische Symbolik, wie man sie sich hierzulande nicht leisten könnte...

Und Israel verteidigt sich natürlich nur selbst...

Mich interessiert schon lange nicht mehr, wer angefangen hat. Und mein vor Jahren noch lebendiger (und reichlich naiver) Optimismus ist nicht etwa der Enttäuschung, sondern eher einer schier grenzenlosen Wut gewichen. Seit Jahrzehnten wiederholt sich dieser Mist in regelmäßigen Abständen, immer wieder scheitern Friedensverhandlungen an eben den Problemen, an welchen sie Jahre zuvor schon gescheitert sind. Erst hat die Politik mit ihren Armeen und Milizen Zivilisten getötet, jetzt töten sich die Zivilisten endlich auch gegenseitig. Und niemand begreift, dass der unbequeme Weg - nämlich der, für den jede einzelne Person Zugeständnisse machen und Opfer bringen muss - am Ende weniger „Opfer“ kosten würde.
Aber nein, wieso sollten wir nachgeben? Die Anderen sind schuld. Die „Anderen“ sind Terroristen, Soldaten, Araber, Juden, Muslime, Israelis, Besatzer, Bombenbastler - alle sind sie unschuldig, Märtyrer, Helden.

Am Ende sind sie alle Menschen. Doch vielleicht sind Menschen nunmal so. Sie verteidigen ihr Territorium, ihr Land, ihre Ehre, ihre Religion - oft auch schlicht und einfach ihre Familie. Und weil wir alle diese Menschen bei der Verteidigung ihrer Motive nicht unterstützen können, posten wir Karikaturen, ändern unsere Profilbilder, zeigen Solidarität. Ob das irgendwem hilft und ob es nicht vielmehr Gespräche verhindert, sei mal dahin gestellt.

Und die Sache mit den Israelis und Palästinensern ist (leider) noch das kleinste Übel im Nahen Osten. Syrien ist am Ende, im Irak fängt es gerade erst wieder so richtig an. In der Ukraine ist noch kein Licht am Ende des Tunnels abzusehen. Und wo nicht gekämpft wird, da wird der Unmut größer und wartet nur darauf, sich in einem Gewitter zu entladen, wenn die großen Bühnen der Welt endlich ihren Vorhang zuziehen.
Was diese Welt braucht ist eine Pause. Doch sie wird sie wahrscheinlich nicht bekommen.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Vier Leichen und eine Intifada - Die Geschichte einer Tragödie

Der Krankenwagen, der die drei Leichen abtransportierte, wurde mit Steinbrocken und Farbe beworfen, als er die palästinensische Ortschaft Halhul passierte. Die israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach waren noch keine 20 Jahre alt. Sie besuchten jüdisch-religiöse Schulen in den besetzten Gebieten, zwei von ihnen wohnten aber in Zentralisrael. Zusammen fuhren sie am Abend ihrer Entführung per Anhalter, wie es in dieser Region üblich ist. Auf einem nahe gelegenen Feld in der Gegend von Hebron hatte man dann nach wochenlanger Suche die drei Leichen gefunden, an einem Montag. Am Dienstag fand die Beerdigung statt, unter großer Anteilnahme. Und in der Nacht zum Mittwoch verschwand der sechzehnjährige Muhammad Abu Khudair aus dem Jerusalemer Vorort Schuafat. Der Ramadan hatte begonnen und Muhammad hatte das Haus am frühen Morgen um halb vier verlassen, um mit seinen Freunden am Gebet der Morgendämmerung teilzunehmen. Auf der Straße wurde er von zwei Männern in einen grauen Hyundai gezerrt, in dem schon ein Fahrer saß. In Sekundenschnelle waren die Entführer mit ihrem Opfer verschwunden. Eine Stunde später fand man Muhammads Leiche in einem Wald.

Emotionen - Wut, Hass und Vergeltung

Diese Geschichte könnte nur das Vorspiel sein zu einer weiteren Eskalation des Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan, der Auftakt einer neuen Tragödie. In den letzten drei Wochen vor den Leichenfunden bei Hebron hatte sich auf beiden Seiten der israelischen Sperrmauer eine enorme Spannung aufgebaut. Die Armee startete eine großräumige Suchaktion und nahm hunderte Palästinenser fest. Gleichzeitig wurde die Entführung der drei Israelis gefeiert, auf den Straßen und vor allem im Internet. Man gratulierte sich zu drei weiteren „Schalits“: Als Gilad Schalit 2011 aus mehrjähriger Hamas-Gefangenschaft freikam, wurden im Gegenzug 1.027 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Der Preis des aktuellen Entführungsfalls war jedoch die Durchsuchung hunderter Häuser durch israelische Soldaten. Mehrere Jugendliche kamen bei den Razzien in palästinensischen Flüchtlingslagern ums Leben. Die Führung in Ramallah hatte die israelische Armee ungehindert walten lassen, um eine Verschärfung zu vermeiden, doch in der Bevölkerung wuchs die Wut.
Auch auf der israelischen Seite stauten sich Emotionen an. Im Fernsehen wurde der Anruf ausgestrahlt, der in einer Notrufzentrale am Abend der Entführung der drei Jugendlichen einging. Man hört die Stimme von Gilad, zwischen einigen anderen. Originalton eines Kidnappings. Die Entdeckung der Leichen setzte allen Hoffnungen schließlich ein Ende. Noch am selben Abend kam es zu Krawallen in den Straßen, wütende israelische Mobs begannen Jagd auf Palästinenser zu machen. „Tod den Arabern!“, schrien sie. Dienstags verfolgte das ganze Land die Beerdigung der ermordeten Israelis im Fernsehen. Die anschließenden Ausschreitungen hasserfüllter Israelis waren so heftig, dass die Polizei 47 Personen festnahm. Eine Facebook-Gruppe rief zu Racheaktionen auf. Und 35.000 Personen gefällt das, in kürzester Zeit. Nach zwei Tagen wurde die Gruppe gelöscht. Verstörende Fotos kursierten in den sozialen Netzwerken, darunter auch das von zwei lachenden Mädchen, die einen Zettel hochhalten: „Araber zu hassen ist kein Rassismus“, heißt es da. „Das Volk Israel fordert Vergeltung“, lautet der dazugehörige Hashtag auf Hebräisch.

Die nächtliche Vergeltungsaktion findet ohne laute Worte statt. Ein Wagen wendet, Muhammad wird eingesammelt. Eine weitere Leiche.

Und der Politik entgleitet immer weiter die Kontrolle. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte der Entführung der drei Israelis nicht zugestimmt. Und Ministerpräsident Netanjahu verurteilte die Tötung des arabischen Jugendlichen. Doch in den Straßen machen Gruppen von Israelis Jagd auf arabisch aussehende Personen und in den arabischen Vororten Jerusalems kommt es vonseiten der Palästinenser zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei.
Yishai Frenkel, der Onkel des einen ermordeten Israelis, sagte dem Fernsehsender Channel 2: „Jeder Akt der Vergeltung, welcher Art auch immer, ist unangebracht und falsch. Mord ist Mord.“ Es gäbe keinen Unterschied im Blut, egal ob Araber oder Jude. Und auch der Vater von Muhammad Abu Khudair meldete sich zu Wort: „Ich bin gegen Entführung und Mord“, sagte er. „Ob Jude oder Araber, wer kann die Entführung und Ermordung seines Sohnes oder seiner Tochter akzeptieren?“ Er rief beide Seiten dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Doch die Gewalt wird wohl noch eine Weile anhalten. Sie könnte sogar eskalieren. Eine dritte Intifada steht bevor. Hochkochende Emotionen, angestaute Wut und grenzenloser Hass. Steine werden geworfen, Molotowcocktails fliegen und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Und allein am Mittwoch feuerte die Hamas mehr als 20 Raketen auf Südisrael ab. Die israelische Armee reagierte mit dem Bombardement von über dreißig Zielen im Gazastreifen.

Diskussionen

Es wäre wieder einmal Zeit für Gespräche, zumindest hier bei uns, in sicherer Entfernung. Doch leider sind sachliche Diskussionen selbst unter weitgehend Unbeteiligten nicht möglich. Niemand, der sich an das Thema Israel/Palästina heranwagt, kann seine Emotionen unterdrücken. Die meisten werden Opfer einer Propagandawelle, entweder der einen oder der anderen Seite.
Doch kann das überhaupt anders sein? Kann man sich denn überhaupt eine eigene Meinung bilden, ohne irgendwelche einschlägigen Phrasen zu übernehmen, mit denen man wiederum anderen auf den Schlips tritt? Wie beantwortet man zum Beispiel folgende Fragen:

Wieso sitzen hunderte minderjährige Palästinenser ohne Anklageschrift in israelischen Gefängnissen?
Welche palästinensische Mutter kann es sich leisten, wie die Mütter der entführten Israelis nach Genf zu fliegen und sich vor dem UN-Menschenrechtsrat für ihr unrechtmäßig inhaftiertes Kind einzusetzen?
Darf man „Siedlerkinder“ entführen und töten, nur weil sie z.B. in einer nach Völkerrecht illegalen Siedlung auf besetztem Gebiet zur Schule gehen?
Weshalb interessiert sich kein Israeli für die Besatzung, während sich in Palästina alles ausschließlich um die Besatzung dreht?
Wieso haben sowohl pro-israelische als auch pro-palästinensische Gruppen immer das Gefühl, gerade ihre Position werde in den Medien zu unzureichend vertreten?
Aber wieso ist es weniger schlimm, dass die Hamas zivile Ziele in Südisrael beschießt, als wenn Israel mutmaßliche Terroristen in Gaza gezielt bombardiert?
Warum sind die letzten Friedensgespräche wieder gescheitert, obwohl es doch im Prinzip um dieselben Probleme wie schon 1993 ging?
Weshalb darf ein Palästinenser aus Ramallah oder Jericho nicht nach Jerusalem kommen, um zu beten?
Wieso darf ein Palästinenser mit israelischem Pass im Westjordanland ein Haus bauen, ein Jude mit israelischem Pass jedoch nicht?

Man könnte noch Dutzende solcher Fragen stellen und jede einzelne könnte stundenlang diskutiert werden. Und die dazugehörigen Erklärungen wären in kaum einem Fall zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Erinnerung

Der Friedensprozess ist vor einigen Monaten gescheitert, Entführungen und Morde haben die Lage verschärft, Militäreinsätze und Hamas-Raketen schürfen tagtäglich neue Wunden. Zurück bleiben die Toten, von denen man in einem einzigen Beitrag nur an wenige erinnern kann. Doch ich will es hier tun.




Dienstag, 8. Februar 2011

Kurtlar Vadisi: Filistin

Eine kleine Reaktion auf den neusten Knüller... (An dem Abend war ich echt übel drauf.)



Der Film war von vornherein sehr umstritten. Nach einigem Zögern wurde er dann dennoch in deutschen Kinos zugelassen, allerdings ohne Jugendfreigabe. Zu gewalttätig für eine Gutenachtgeschichte. Doch wen hält das heutzutage noch ab? Die Jugend fand ihren Weg in den Kinosaal.

Die Millionenproduktion aus der Türkei trägt den Namen Kurtlar Vadisi: Filistin (dt. Tal der Wölfe – Palästina) und ist einer von mehreren Filmen, die Krisengebiete im Nahen Osten als Schauplatz haben. Die Handlung ist schnell umrissen: Ein türkisches Killerkommando unter der Führung der billigen James-Bond-Imitation Polat Alemdar reist nach Israel, um den Verantwortlichen für den Zwischenfall auf der Gaza-Flotte im Mai 2010 zu töten. Das Ziel ist Mosche Ben Eliezer, ein gewissenloser, Zigarre rauchender israelischer Armeekommandeur, der mit Munition handelt und bevorzugt Jagd auf Palästinenser macht. Es ist nicht übertrieben: Ben Eliezer ist der Teufel in Person. Er verkörpert hier das gesamte israelische Regime. Im Laufe des Films verliert er durch Alemdar ein Auge, was seine Rachegelüste schürt und ihn mit einer Augenklappe noch furchteinflößender erscheinen lässt. Es entsteht eine verblüffende und garantiert nicht ungewollte Ähnlichkeit mit dem längst verblichenen General Mosche Dajan, dessen Bild vor allem für den Sechstagekrieg 1967 steht.
An Dialogen hat Kurtlar Vadisi Filistin nicht allzu viel vorzuweisen. Der zynische Humor des Hauptakteurs sorgt im Publikum für heiteres Gelächter, doch im Grunde bewegt sich Polat Alemdar hauptsächlich an der Oberfläche. Und dann geht auch schon das Geballere los: Der Actionheld und seine Gefährten töten jeden israelischen Soldaten mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen, aus jeder denkbaren Entfernung. Es wird praktisch auf alles geschossen, was eine israelische Uniform trägt. Mitten in der Jerusalemer Altstadt. Die Israelis schießen zurück, natürlich auf hauptsächlich unbewaffnete Palästinenser. Während des ganzen Films soll der Bleigehalt in der Luft übermäßig hoch bleiben, es wird geschossen wo es nur geht. Und Alemdar trifft sie alle.
Der Produzent hat an alles gedacht. Sogar die gewissenhafte Quoten-Jüdin ist dabei: Die naive Simone, eine amerikanische Fremdenführerin, gerät zwischen die Fronten und sympathisiert mit den Killern. Der Film braucht sie als Strohhalm für eventuelles kritisches Publikum, dem man zurufen will: „Wir hassen nicht die Juden, wir hassen die Tyrannen!“ – womit jene Israelis gemeint sind, die auf ihre Existenz beharren.
Wie also konnte im Vorfeld der Deutschland-Premiere ein Verdacht aufkommen, der Film könnte antiisraelische oder gar antisemitische Ziele verfolgen? Das lag wohl mitunter daran, dass neben dem blutdürstenden und nunmehr einäugigen Mosche Ben Eliezer auch schlicht das Symbol des Judentums, der Davidstern, als Zielscheibe diente. Die Kommandozentrale der israelischen Armee war mit diesem Motiv nahezu zugepflastert. Auf jedem Panzer prangte ein blauer Stern auf weißem Grund. Das hat der Macher des Films gut recherchiert, denn einige Panzer der israelischen Armee tragen in der Tat Davidsterne – nur sind die rot und ausschließlich auf Sanitätspanzern zu sehen.
Gekonnt vereinigt der Film Fiktion mit Wahrheit. Die Armut im Westjordanland und die Tatsache, dass die israelische Regierung illegal errichtete Häuser räumen und abreißen lässt, vereinigen sich zu einem bizarren Bild: Ein gelähmtes Kind bleibt im Haus zurück, kriecht über den Teppich des Wohnzimmers. Doch die Tyrannen kennen keine Gnade und reißen das Haus ab. Israelische Soldaten schießen in diesem millionenschweren türkischen Machwerk mit Vorliebe auf Frauen und kleine Kinder. Vom Beginn des Filmes an wird vonseiten der Israelis auf Unbewaffnete geschossen, sei es auf der Mavi Marmara, in der Altstadt von Jerusalem oder im kleinen palästinensischen Dorf. Der in Kurtlar Vadisi Filistin dargestellte Typus des israelischen Soldaten kennt keine Gefühle. Alle Soldaten sind Teil des Systems, das vom Oberteufel Mosche Ben Elieser geführt wird, der vorsätzlich und gewissenlos mordet und quält.

Drei Plätze weiter links in meiner Reihe saß ein erwachsener Mann. Er hat geschluchzt, tief bewegt von dem was er sah. Emotionen kommen hoch während des Film. Dafür kann man durchaus Verständnis haben, aber die instrumentalisierte Übertriebenheit dieses Kinostreifens wird dadurch in keiner Weise gerechtfertigt. Es zeigt sich nur wieder einmal, wie beeinflussbar die Gefühle des Zuschauers sind, wenn man ihm etwas nur in der richtigen Verpackung verkauft.
Ich habe ja eine Ahnung davon gehabt, was dieser Film zeigt, und auch wie das Ende aussehen würde. Doch über die Reaktionen der Zuschauer war ich einigermaßen schockiert. Alemdar tötet das israelische Monster per Kopfschuss, die Kinobesucher klatschen und johlen. Mir selbst war an diesem Punkt eigentlich eher übel. Kurtlar Vadisi Filistin vereinigt antiisraelische Hasspropaganda mit Emotionen, Action und einer Spur flachen Humors. Und dem Publikum gefällt‘s. Wo bin ich hier? So lange ich auch suche, ich erkenne keinen Grund der rechtfertigt, warum ein solcher Film schließlich doch in deutschen Kinos gezeigt werden darf.

Ich bin Nichtraucher. Aber nach der Vorstellung verspürte ich das Verlangen nach einer Zigarette…