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Samstag, 12. Juli 2014

Zwanzig Jahre, ab morgen

Zwischen Mittelmeer und Jordan tobt Krieg. Gewaltspirale, Wut, Hass und Tod, wieder einmal aufs Neue. Doch das wirklich Deprimierende:
Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es vielleicht gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Wunden werden in zwanzig Jahren nicht geheilt sein. Doch die Menschen werden gelernt haben, mit ihnen zu leben. Aber der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben. Zwanzig Jahre, ab morgen. Wieso?

Der Nahostexperte Peter Scholl-Latour hat vor wenigen Tagen zur aktuellen Lage in Israel und Palästina gesagt: „Frieden – das ist zwischendurch allenfalls eine Illusion, der man sich hingibt.“ Hoffnung auf Frieden gibt es scheinbar keine mehr. Nicht für einen Neunzigjährigen.

Zwanzig Jahre, ab morgen - das ist für die Politik nicht greifbar. Die Politik denkt oft nur in Vier-Jahres-Abschnitten, in Israel mitunter sogar noch kurzfristiger. Die politischen Eliten auf beiden Seiten der israelischen Sperranlage sind wahrscheinlich zu alt, um ein langfristiges Projekt namens „Frieden“ in Angriff zu nehmen. Stattdessen greifen sie an, halten den Ausnahmezustand, den Status quo aufrecht. Tag für Tag wird die nächste Generation von der Gegenwart zermürbt.

Wer kann da überhaupt noch optimistisch sein? Niemand - so lange die zuletzt gefallene Bombe nicht die letzte war.



Freitag, 11. Juli 2014

Neun Fragen an die pro-palästinensischen Möchtegern-Freiheitskämpfer und Facebook-Aktivisten unter euch

(Für die andere Seite gibt es natürlich auch was: Neun Fragen an die bedingungslosenIsrael-Freunde unter euch.)

Ich habe in den letzten Tagen intensiv beobachtet, was und wie auf Facebook zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gepostet, kommentiert und reagiert wurde. Wie bei den pro-israelischen Aktivisten nehmen auch in der pro-Palästina-Fraktion zahllose Menschen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich nun endlich auch mal den Friedens- und Gerechtigkeitsaktivisten der palästinensischen Seite ordentlich ans Bein zu pinkeln. (Keine Angst, die anderen bekommen anderswo ihr Fett ab, siehe oben.)

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise hat sie ihre Gründe. Doch mit #GazaUnderFire lockt man Millionen Menschen aus der Reserve, von denen man seit 2012 kein politisches Statement mehr gehört hat. Vielerorts ist sogar ein (angebliches und nachweislich falsches) Hitler-Zitat aufgetaucht: „Ich könnte alle Juden töten, aber ich habe einige am Leben gelassen um euch zu zeigen, wieso ich sie getötet habe.“ - Die Hamas als Freiheitskämpfertruppe, die Israelis (oder noch genauer: die Juden) als unmenschliche Besatzer, Killer, Monster. Bilder von toten Kindern kursieren im Internet, Fotos von Trümmerhaufen der letzten Bombenangriffen. Gaza steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der Sympathie, der Solidarität. Hierzu ein paar akute und ein paar grundsätzliche Fragen:


Warum hat Euch vor einigen Jahren eigentlich z.B. Darfur nie interessiert, als dort 200.000 Menschen in die Wüste getrieben wurden, um zu verdursten? (Weil die Opfer größtenteils weder Araber noch Muslime waren?)

Wieso applaudiert Ihr, wenn orthodoxe Juden das Existenzrecht Israels anfechten und betonen, dass nicht alle Juden Zionisten sind, wenn Ihr auf der anderen Seite alle Juden und Zionisten in einen Topf werft und gefälschte Hitler-Zitate rausholt?

Wieso tauchen in solchen Tagen immer Karikaturen auf, die abgrundtief antisemitisch sind und eine jüdische Weltverschwörung propagieren? Und schämt Ihr Euch nicht, wenn Ihr auf Demonstrationen „Tod den Juden“ brüllt?

Weshalb gebt ihr jedes Bild eines toten Kindes als ein Foto von Gaza aus, auch wenn ein beachtlicher Teil dieser Bilder in den letzten Jahren in Syrien oder dem Irak entstanden sind? Warum postet Ihr überhaupt Bilder von toten Kindern? Wem soll das helfen?

Und seid Ihr wirklich der Meinung es sei richtig, Jugendliche zu entführen und zu töten, weil ihre Eltern Häuser (!) auf Land (!) bauen, das euch gehört?*

Wohin, denkt Ihr, sollen die Nachkommen der 850.000 Juden verschwinden, die nach 1948 aus arabischen Ländern nach Israel eingewandert sind? Zurück in den Irak, während man sich vehement dafür einsetzt, dass der Westen Flüchtlinge aus eben diesem Land aufnehmen soll?

Wie würde Deutschland reagieren, wenn aus der Schweiz innerhalb einer Woche mehr als 300 Raketen auf deutsche Städte geschossen würden?

Und wieso verlangt Ihr eigentlich von den „Westlern“, die „westliche“ Sichtweise in Zeiten von Konflikten zu hinterfragen und kritisch zu beurteilen, wenn Ihr in Zeiten von Konflikten bedingungslos hinter Terrorgruppen wie der Hamas steht?

Viele von Euch jubeln Hamas unterstützend zu bei der Aussage: „Wir lieben den Tod mehr als das Leben!“ - Meine Frage hierzu: Habt Ihr eigentlich einen Schaden?

*Die Eltern von zwei der drei ermordeten Israelis waren überhaupt keine Siedler.


Das sind nur wenige der Gründe, wieso Euch niemand zu Talkshows einlädt und bei Friedensverhandlungen keiner nach Eurer Meinung fragt. Vielleicht habt auch Ihr gemerkt, dass ich die israelische Seite, ihre Vorgehensweise und Politik hier mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam.
Und dennoch kann es vielleicht nicht schaden, sich einmal in die Situation der Gegenseite hineinzuversetzen. Das fällt Menschen in Gaza verständlicherweise sehr schwer, doch Euch, die Ihr in der Ferne weilt, müsste es genauso leicht fallen wie wenn Ihr Euch in die Lage einer Familie in Gaza versetzt. Leid gibt es auf jeder Seite, auch wenn Euch dieser Vergleich lächerlich erscheinen mag: Doch jeden Tag, an dem eine Qassam-Rakete israelische Kinder aus dem Schlaf jagt und zu einer fünften im Bombenkeller verbrachten Nacht innerhalb einer einzigen Woche zwingt, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Hardlinern der Zukunft gemacht. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe auf Gaza und die letzte Rakete auf Sderot, Tel Aviv oder Aschkelon gefallen ist, wird es gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bomben und Raketen wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Neun Fragen an die bedingungslosen Israel-Freunde unter euch


In den letzten Tagen wurde zum aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern viel auf Facebook gepostet. Zahllose Menschen nehmen uneingeschränkt eine Seite ein. Hier will ich mich nun einmal an die zahlreichen Israel-Unterstützer wenden, um ihnen gehörig ans Bein zu pinkeln.

Die ganze Arabische Welt hasst Israel und möglicherweise möchtet Ihr wissen wieso. Israel bezeichnet sich gern als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ und Ihr glaubt das. Denn die Menschen dort müssten eigentlich so sein wie die Menschen hier bei uns, während die „Anderen“ ganz anders sind. Viele von Euch sind obendrein noch der Meinung, Israel habe die „moralischste Armee der Welt“, mit ehrbaren Werten und modernen, westlichen Grundsätzen - weshalb Ihr die Statusmeldungen dieser Armee postet und ihr vertraut als sei sie Eure Mutter. Ihr fragt Euch aber auch, wieso die Hamas so viel Unterstützung unter den Palästinensern findet, wo diese Terroristen doch „den Tod mehr lieben als die Israelis das Leben“. Aus Eurer Sicht hat die Hamas, indem sie Raketen auf zivile Ziele in Israel geschossen hat, die aktuellen Eskalation der Gewalt herbeigeführt. Israel müsse reagieren, sagt Ihr. Und Ihr verbreitet Videos der israelischen Botschaft von Großmüttern, die den Weg zum Luftschutzraum in 15 Sekunden unmöglich schaffen können.


Was glaubt Ihr, wie viele Luftschutzräume es in Gaza wohl gibt und wie viel Zeit einer schlafenden Familie, die in der Nähe eines Hamas-Terroristen wohnt, wohl bleibt um zu fliehen?

Ist Euch eigentlich bewusst, dass die israelischen Gegenangriffe reiner Aktionismus sind, um die eigenen Bürger zu beruhigen, wahrscheinlich aber eine Dritte Intifada auslösen könnten, ohne irgendeine Besserung für die israelische Bevölkerung zu erreichen?

Wisst Ihr, dass sich bei jedem Gaza-Konflikt dutzende Israelis auf den Erhebungen um Gaza einfinden, um das „Feuerwerk“ zu beobachten und sich mit Feldstechern am Anblick sterbender Palästinenser ergötzen?

Wisst Ihr, dass den meisten Israelis gar nicht bewusst ist, was in den von ihnen besetzten Gebieten in ihrem Namen tagtäglich passiert, und dass es sie auch nicht sonderlich interessiert?

Wisst Ihr, dass die israelische Armee in den besetzten Gebieten den Auftrag hat, vorsätzlich den Alltag der Palästinenser zu „unterbrechen“ und zu stören - und sie deshalb aus einer Laune heraus spontan und über Nacht ganze Ortschaften durch einen Checkpoint abriegeln können?

Wie könnt Ihr Euch erklären, dass israelische Soldaten, die kaum über 18 Jahre alt sind, im besetzten Hebron aus Langeweile Löcher in Wasserboiler auf den Dächern schießen, Schulkinder schikanieren und bei routinemäßigen Manövern Wohnungen palästinensischer Familien besetzen, um beim Abzug dann die Wohnzimmer kurz und klein zu schlagen und bisweilen auch einfach aufs Sofa zu scheißen?

Wisst Ihr übrigens, wie viele minderjährige Palästinenser in israelischen Gefängnissen sitzen - ohne Anklage?

Wisst Ihr, dass ein Palästinenser, der z.B. in Jericho wohnt, nur einmal im Jahr nach Jerusalem kommen darf, um dort z.B. die Al-Aqsa-Moschee zu besuchen?

Wisst Ihr, dass ein israelischer Haushalt pro Tag knapp 72 Liter mehr Wasser verbraucht (und verbrauchen kann) als ein palästinensischer?

Möglicherweise sind dies (nur wenige) der Gründe, weshalb Terrorgruppen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung so große Unterstützung finden. Und nein, ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Das ist Bullshit.
Vielleicht habt Ihr gemerkt, dass ich die Hamas mit keinem Wort verteidigt habe. Falls nicht, mache ich Euch hiermit darauf aufmerksam. Ich möchte lediglich, dass Ihr versteht, wieso sich Menschen einer Terrorgruppe anschließen. Während bei den Palästinensern jeder Tag von der Besatzung geprägt ist, müssen Israelis keinen müden Gedanken an das Leben auf der anderen Seite der Mauer verschwenden. Und genau deshalb verstehen sie nicht, wieso die andere Seite Mörder und Selbstmordattentäter unterstützt. Jeden Tag, an dem Bomben eine Familie auslöschen und ein Kind zur Waise machen, werden eine ganze Generation zerstört und Kinder zu den Terroristen der Zukunft. Ab dem Tag, an dem die letzte Bombe gefallen ist, wird es wahrscheinlich trotzdem noch gute 20 Jahre dauern, bis echter Frieden möglich ist. Und der Tag der letzten Bombe wird immer und immer wieder auf morgen verschoben.

Ich werde hier niemanden zum Umdenken bringen. Aber vielleicht zum Nachdenken.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bomben, Raketen und kein Ende

Die Lage in Israel und Palästina eskaliert wieder einmal, dieses Jahr heftiger als in den Jahren zuvor. Die israelische Armee und die palästinensische Hamas liefern sich ein wahres Duell im Raketenschießen. Die Offensive Israels gegen Gaza ist in der Nacht zum Dienstag angelaufen. Insgesamt wurden 160 Ziele beschossen, sagte eine Militärsprecherin in Tel Aviv laut Spiegel Online. Seit Beginn der Operation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten in diesem Zeitraum wiederum 225 Raketen auf Israel abgefeuert, rund 40 davon habe die Raketenabwehr abgefangen. Erstmals seit 2012 erreichten die Geschosse der Hamas auch wieder Tel Aviv und sogar Jerusalem.

Das Traurige ist, dass sich angesichts dieses Völkerschlachtens immer noch jede der direkt involvierten Seiten die Frage stellt, wer mit dieser ganzen Scheiße denn angefangen hätte. Gegenseitig wird sich nun der Schwarze Peter zugeschoben. Immer sind die anderen schuld. Aus der Distanz bleibt mir nichts anderes übrig, als die Aktivitäten meiner Facebook-Bekanntschaften zu beobachten. Die meiste von ihnen sind dem Konflikt geografisch zumeist ebenso fern wie ich. Und da sich meine virtuelle Freundesliste aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster politischer Weltanschauungen zusammensetzt, bekomme ich die volle Ladung ab: Während sich ungefähr die Hälfte meiner muslimischen Bekannten - ob sie einen direkten Bezug zu Palästina habe oder nicht - ganz offen zu Gaza und häufig auch zur Hamas bekennt, posten die Israelfreunde heldenhafte Statusmeldungen der IDF und holen uralte Karikaturen aus dem Keller.

Apropos Karikaturen… - Ich habe ein bisschen auf Google eingesammelt, was in den letzten Jahren und bis heute an politischen Kritzeleien entstanden ist - und habe dabei Erstaunliches entdeckt:

Israel dargestellt als Unschuldslamm, die Hamas mit vielen Raketen.

Gaza dargestellt als Unschuldslamm, Israel mit vielen Raketen.

Diese Zeichnungen - an denen ich übrigens keinerlei Rechte besitze und die ich hier ohne Kenntnis der Zeichner/-innen weiterverbreite - ähneln sich in erschreckender Weise. Die Aussagen sind jeweils dieselben: Die da haben angefangen! Wir verteidigen uns nur.

Wer im Internet sucht, der findet. Auf der einen Seite ein unschuldiges, kleines und wehrloses, irritierenderweise aber bis an die Zähne bewaffnetes Israel - auf der anderen Seite bisweilen unverhohlener Antisemitismus, verpackt in legitim erscheinende Kritik.

Israelische Raketen fliegen auf Gaza. Rassistische Symbolik, wie man sie sich hierzulande nicht leisten könnte...

Und Israel verteidigt sich natürlich nur selbst...

Mich interessiert schon lange nicht mehr, wer angefangen hat. Und mein vor Jahren noch lebendiger (und reichlich naiver) Optimismus ist nicht etwa der Enttäuschung, sondern eher einer schier grenzenlosen Wut gewichen. Seit Jahrzehnten wiederholt sich dieser Mist in regelmäßigen Abständen, immer wieder scheitern Friedensverhandlungen an eben den Problemen, an welchen sie Jahre zuvor schon gescheitert sind. Erst hat die Politik mit ihren Armeen und Milizen Zivilisten getötet, jetzt töten sich die Zivilisten endlich auch gegenseitig. Und niemand begreift, dass der unbequeme Weg - nämlich der, für den jede einzelne Person Zugeständnisse machen und Opfer bringen muss - am Ende weniger „Opfer“ kosten würde.
Aber nein, wieso sollten wir nachgeben? Die Anderen sind schuld. Die „Anderen“ sind Terroristen, Soldaten, Araber, Juden, Muslime, Israelis, Besatzer, Bombenbastler - alle sind sie unschuldig, Märtyrer, Helden.

Am Ende sind sie alle Menschen. Doch vielleicht sind Menschen nunmal so. Sie verteidigen ihr Territorium, ihr Land, ihre Ehre, ihre Religion - oft auch schlicht und einfach ihre Familie. Und weil wir alle diese Menschen bei der Verteidigung ihrer Motive nicht unterstützen können, posten wir Karikaturen, ändern unsere Profilbilder, zeigen Solidarität. Ob das irgendwem hilft und ob es nicht vielmehr Gespräche verhindert, sei mal dahin gestellt.

Und die Sache mit den Israelis und Palästinensern ist (leider) noch das kleinste Übel im Nahen Osten. Syrien ist am Ende, im Irak fängt es gerade erst wieder so richtig an. In der Ukraine ist noch kein Licht am Ende des Tunnels abzusehen. Und wo nicht gekämpft wird, da wird der Unmut größer und wartet nur darauf, sich in einem Gewitter zu entladen, wenn die großen Bühnen der Welt endlich ihren Vorhang zuziehen.
Was diese Welt braucht ist eine Pause. Doch sie wird sie wahrscheinlich nicht bekommen.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Vier Leichen und eine Intifada - Die Geschichte einer Tragödie

Der Krankenwagen, der die drei Leichen abtransportierte, wurde mit Steinbrocken und Farbe beworfen, als er die palästinensische Ortschaft Halhul passierte. Die israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach waren noch keine 20 Jahre alt. Sie besuchten jüdisch-religiöse Schulen in den besetzten Gebieten, zwei von ihnen wohnten aber in Zentralisrael. Zusammen fuhren sie am Abend ihrer Entführung per Anhalter, wie es in dieser Region üblich ist. Auf einem nahe gelegenen Feld in der Gegend von Hebron hatte man dann nach wochenlanger Suche die drei Leichen gefunden, an einem Montag. Am Dienstag fand die Beerdigung statt, unter großer Anteilnahme. Und in der Nacht zum Mittwoch verschwand der sechzehnjährige Muhammad Abu Khudair aus dem Jerusalemer Vorort Schuafat. Der Ramadan hatte begonnen und Muhammad hatte das Haus am frühen Morgen um halb vier verlassen, um mit seinen Freunden am Gebet der Morgendämmerung teilzunehmen. Auf der Straße wurde er von zwei Männern in einen grauen Hyundai gezerrt, in dem schon ein Fahrer saß. In Sekundenschnelle waren die Entführer mit ihrem Opfer verschwunden. Eine Stunde später fand man Muhammads Leiche in einem Wald.

Emotionen - Wut, Hass und Vergeltung

Diese Geschichte könnte nur das Vorspiel sein zu einer weiteren Eskalation des Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan, der Auftakt einer neuen Tragödie. In den letzten drei Wochen vor den Leichenfunden bei Hebron hatte sich auf beiden Seiten der israelischen Sperrmauer eine enorme Spannung aufgebaut. Die Armee startete eine großräumige Suchaktion und nahm hunderte Palästinenser fest. Gleichzeitig wurde die Entführung der drei Israelis gefeiert, auf den Straßen und vor allem im Internet. Man gratulierte sich zu drei weiteren „Schalits“: Als Gilad Schalit 2011 aus mehrjähriger Hamas-Gefangenschaft freikam, wurden im Gegenzug 1.027 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Der Preis des aktuellen Entführungsfalls war jedoch die Durchsuchung hunderter Häuser durch israelische Soldaten. Mehrere Jugendliche kamen bei den Razzien in palästinensischen Flüchtlingslagern ums Leben. Die Führung in Ramallah hatte die israelische Armee ungehindert walten lassen, um eine Verschärfung zu vermeiden, doch in der Bevölkerung wuchs die Wut.
Auch auf der israelischen Seite stauten sich Emotionen an. Im Fernsehen wurde der Anruf ausgestrahlt, der in einer Notrufzentrale am Abend der Entführung der drei Jugendlichen einging. Man hört die Stimme von Gilad, zwischen einigen anderen. Originalton eines Kidnappings. Die Entdeckung der Leichen setzte allen Hoffnungen schließlich ein Ende. Noch am selben Abend kam es zu Krawallen in den Straßen, wütende israelische Mobs begannen Jagd auf Palästinenser zu machen. „Tod den Arabern!“, schrien sie. Dienstags verfolgte das ganze Land die Beerdigung der ermordeten Israelis im Fernsehen. Die anschließenden Ausschreitungen hasserfüllter Israelis waren so heftig, dass die Polizei 47 Personen festnahm. Eine Facebook-Gruppe rief zu Racheaktionen auf. Und 35.000 Personen gefällt das, in kürzester Zeit. Nach zwei Tagen wurde die Gruppe gelöscht. Verstörende Fotos kursierten in den sozialen Netzwerken, darunter auch das von zwei lachenden Mädchen, die einen Zettel hochhalten: „Araber zu hassen ist kein Rassismus“, heißt es da. „Das Volk Israel fordert Vergeltung“, lautet der dazugehörige Hashtag auf Hebräisch.

Die nächtliche Vergeltungsaktion findet ohne laute Worte statt. Ein Wagen wendet, Muhammad wird eingesammelt. Eine weitere Leiche.

Und der Politik entgleitet immer weiter die Kontrolle. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte der Entführung der drei Israelis nicht zugestimmt. Und Ministerpräsident Netanjahu verurteilte die Tötung des arabischen Jugendlichen. Doch in den Straßen machen Gruppen von Israelis Jagd auf arabisch aussehende Personen und in den arabischen Vororten Jerusalems kommt es vonseiten der Palästinenser zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei.
Yishai Frenkel, der Onkel des einen ermordeten Israelis, sagte dem Fernsehsender Channel 2: „Jeder Akt der Vergeltung, welcher Art auch immer, ist unangebracht und falsch. Mord ist Mord.“ Es gäbe keinen Unterschied im Blut, egal ob Araber oder Jude. Und auch der Vater von Muhammad Abu Khudair meldete sich zu Wort: „Ich bin gegen Entführung und Mord“, sagte er. „Ob Jude oder Araber, wer kann die Entführung und Ermordung seines Sohnes oder seiner Tochter akzeptieren?“ Er rief beide Seiten dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Doch die Gewalt wird wohl noch eine Weile anhalten. Sie könnte sogar eskalieren. Eine dritte Intifada steht bevor. Hochkochende Emotionen, angestaute Wut und grenzenloser Hass. Steine werden geworfen, Molotowcocktails fliegen und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Und allein am Mittwoch feuerte die Hamas mehr als 20 Raketen auf Südisrael ab. Die israelische Armee reagierte mit dem Bombardement von über dreißig Zielen im Gazastreifen.

Diskussionen

Es wäre wieder einmal Zeit für Gespräche, zumindest hier bei uns, in sicherer Entfernung. Doch leider sind sachliche Diskussionen selbst unter weitgehend Unbeteiligten nicht möglich. Niemand, der sich an das Thema Israel/Palästina heranwagt, kann seine Emotionen unterdrücken. Die meisten werden Opfer einer Propagandawelle, entweder der einen oder der anderen Seite.
Doch kann das überhaupt anders sein? Kann man sich denn überhaupt eine eigene Meinung bilden, ohne irgendwelche einschlägigen Phrasen zu übernehmen, mit denen man wiederum anderen auf den Schlips tritt? Wie beantwortet man zum Beispiel folgende Fragen:

Wieso sitzen hunderte minderjährige Palästinenser ohne Anklageschrift in israelischen Gefängnissen?
Welche palästinensische Mutter kann es sich leisten, wie die Mütter der entführten Israelis nach Genf zu fliegen und sich vor dem UN-Menschenrechtsrat für ihr unrechtmäßig inhaftiertes Kind einzusetzen?
Darf man „Siedlerkinder“ entführen und töten, nur weil sie z.B. in einer nach Völkerrecht illegalen Siedlung auf besetztem Gebiet zur Schule gehen?
Weshalb interessiert sich kein Israeli für die Besatzung, während sich in Palästina alles ausschließlich um die Besatzung dreht?
Wieso haben sowohl pro-israelische als auch pro-palästinensische Gruppen immer das Gefühl, gerade ihre Position werde in den Medien zu unzureichend vertreten?
Aber wieso ist es weniger schlimm, dass die Hamas zivile Ziele in Südisrael beschießt, als wenn Israel mutmaßliche Terroristen in Gaza gezielt bombardiert?
Warum sind die letzten Friedensgespräche wieder gescheitert, obwohl es doch im Prinzip um dieselben Probleme wie schon 1993 ging?
Weshalb darf ein Palästinenser aus Ramallah oder Jericho nicht nach Jerusalem kommen, um zu beten?
Wieso darf ein Palästinenser mit israelischem Pass im Westjordanland ein Haus bauen, ein Jude mit israelischem Pass jedoch nicht?

Man könnte noch Dutzende solcher Fragen stellen und jede einzelne könnte stundenlang diskutiert werden. Und die dazugehörigen Erklärungen wären in kaum einem Fall zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Erinnerung

Der Friedensprozess ist vor einigen Monaten gescheitert, Entführungen und Morde haben die Lage verschärft, Militäreinsätze und Hamas-Raketen schürfen tagtäglich neue Wunden. Zurück bleiben die Toten, von denen man in einem einzigen Beitrag nur an wenige erinnern kann. Doch ich will es hier tun.




Donnerstag, 12. Dezember 2013

Kritik zu "Das Jerusalem-Syndrom" (2013)

Am Mittwoch (11.12.2013) lief um 20:15 Uhr in der ARD ein neuer Fernsehfilm, der den verheißungsvollen Titel „Das Jerusalem-Syndrom“ trug. Dahinter verbirgt sich eine Art Familiendrama, in dem eine junge Frau mit Namen Maria in die Fänge einer uralten Sekte gerät, für die sie den neuen Erlöser der Welt austragen soll. Ihre Schwester Ruth macht sich unterdessen (widerwillig) auf, um die schwangere Maria, die vor der Grabeskirche schon einen toten Touristen zum Leben erweckt hat, zu retten. Ruth stellt Ermittlungen an: Sie misstraut der Sekte, sie fährt mit einem Arzt aus der Spezialklinik durch die Gegend, ein dicklicher Reiseführer namens Eyal wird erschossen. Die Polizei ist desinteressiert, doch Ruth stößt auf Ungeheuerliches: Am Tag der Geburt ihres Neffen würden alle „Ungläubigen“ aus Jerusalem hinweggefegt und ein Feuer würde die Welt erfassen – so kündigt es zumindest der Sektenführer in einem „Hassvideo“.