Freitag, 4. Juli 2014

Der bärtige Mann am Euphrat - IS(IS) und der Irak

Der Syrien-Konflikt ist seit Jahren am brodeln, tagtäglich sterben Menschen bei den Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und dutzender Rebellengruppierungen. Der Bürgerkrieg hat seit 2011 etwa 160.000 Menschen das Leben gekostet, Millionen sind auf der Flucht. Und den Überblick hat jeder schon lange verloren. Vor ein paar Wochen bekam dann auch eine ganz spezielle Gruppierung für einige Tage die ungeteilte Aufmerksamkeit der Welt: Der „Islamische Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) war wieder auferstanden, nachdem man die Bewegung vor langer Zeit schon abgeschrieben hatte. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von militanten Salafisten und Dschihadisten, unter ihnen zu einem großen Teil Ausländer. Lange war der noch einfluss- und landlose ISIS mit al-Qaida verbündet, seit Mitte 2013 sind die beiden Gruppen jedoch zerstritten. Auch mit der ebenfalls dschihadistischen Al-Nusra-Front, die in Syrien kämpft, kam es zum Bruch. Doch der ISIS scheint keine Verbündeten zu brauchen.


Seit Sonntag (29.06.14) heißt die Terrorgruppe nur noch IS, nachdem Abu Bakr al-Baghdadi al-Husseini al-Quraschi im Irak das Kalifat ausgerufen und sich selbst zum „Befehlshaber der Gläubigen“ ernannt hat. Der Terrorist ist ein Doktor der Philosophie und hat angeblich Islamwissenschaft an einer Universität in Bagdad studiert. Er will an eine Herrschertradition anknüpfen, die mit dem Ende des Osmanischen Reichs abgeschafft wurde und deren Glanzzeiten von vielen Muslimen in den Jahren nach Muhammads Tod gesehen werden. Al-Baghdadi, der Mann aus Samarra, versucht sich nun in eine Reihe mit den wichtigsten Personen der islamischen Geschichte zu stellen. Aus diesem Grund hat er sich mit der Zeit einen neuen Namen zugelegt: Sein echter Name lautet Ibrahim, doch er lässt sich Abu Bakr nennen - so hieß der erste der vier rechtgeleiteten Kalifen und direkte Nachfolger des Propheten. Er nennt sich al-Baghdadi - obwohl er nicht aus Bagdad kommt - um sich den Rückhalt der Iraker zu sichern. Bagdad war außerdem jahrhundertelang der Mittelpunkt der islamischen Welt. Und schließlich ordnet er sich selbst dem Stamm der Quraisch zu, dem Stamm der Familie Muhammads. Er will ein legitimer Herrscher sein, deshalb gibt er sich die nötige Legitimation über seinen Stammbaum. Auf der Liste der vom US-Außenministerium gesuchten Terroristen steht al-Baghdadi nun auf Platz zwei.


Die aktuelle Situation im Land zwischen Euphrat und Tigris ist ernst: US-Experten sehen die irakische Armee nicht imstande, außer Bagdad selbst noch weitere Gebiete zu verteidigen, geschweige denn verlorene Regionen zurückzuerobern. Und in Nordsyrien hat der IS mittlerweile ein Gebiet unter Kontrolle, das sich über mehrere Ölquellen erstreckt und fünfmal so groß ist wie der Libanon. Weite Teile des Irak und Syriens sind unter IS-Kontrolle, die Grenze zu Saudi-Arabien wurde von irakischen Soldaten geräumt. Jordanien hat Truppen mobilgemacht, ebenso der Iran. Aus Teheran sollen gebrauchte Flugzeuge nach Bagdad geliefert worden sein, mit dem zur Bedienung notwendig ausgebildeten Personal gleich dazu. Gleiches gilt für Russland: Insgesamt wurden 25 „technisch veraltete, aber robuste“ Maschinen aus Moskau eingekauft.
Doch kann Iraks Ministerpräsident al-Maliki das Land zusammenhalten? Eine neue Regierungsbildung ist gescheitert, zu wenige Abgeordnete waren aus der Pause zurückgekehrt. Der Irak droht zu zerfallen in einen sunnitischen, einen schiitischen und einen kurdischen Staat. Kurdistan erwägt eine vorzeitige Unabhängigkeit vom geschwächten und zukunftsunfähigen Irak. Zusammen sind die Ethnien und Religionsgruppen des Irak unregierbar, alleine haben sie vielleicht eine Chance. Doch momentan ist der IS die größte Gefahr. Die Friedrich-Naumann-Stiftung schätzt die Truppenstärke der Terrorgruppe auf bis zu 15.000 Mann. Allerdings waren 800 Kämpfer genug, um 30.000 Regierungssoldaten aus Mosul zu vertreiben. Gerüchte über Massenhinrichtungen machten die Runde, mittlerweile gilt als sicher, dass der IS Gefangene exekutiert. Menschen sollen sogar gekreuzigt worden sein. Die USA zögern, Israel und Jordanien sind in Wartestellung. Gleichzeitig rief al-Baghdadi die Muslime der Welt auf, in sein neu gegründetes Kalifat einzuwandern.

Mittlerweile hat der IS begonnen, Öl aus den erbeuteten Förderanlagen an die umliegenden Staaten zu verkaufen. Dabei dürfte es dem IS nicht an Geld mangeln: Bei der Einnahme Mosuls, der zweitgrößten Stadt des Irak, erbeutete die Terrorgruppe im Juni ganze 429 Millionen US-Dollar. Erste Tankwagen machten sich jedoch schon auf den Weg zur iranischen Grenze, aus Syrien erreichen die ersten Lieferungen die Türkei und auch das verhasste Assad-Regime. Die Machtverhältnisse sind äußerst komplex. Bündnisse werden geschmiedet und Konzepte werden durchdacht, so recht scheint aber keine der direkt oder indirekt durch den IS bedrohten Konfliktparteien zu wissen, wie es weitergeht.


Donnerstag, 3. Juli 2014

Vier Leichen und eine Intifada - Die Geschichte einer Tragödie

Der Krankenwagen, der die drei Leichen abtransportierte, wurde mit Steinbrocken und Farbe beworfen, als er die palästinensische Ortschaft Halhul passierte. Die israelischen Jugendlichen Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach waren noch keine 20 Jahre alt. Sie besuchten jüdisch-religiöse Schulen in den besetzten Gebieten, zwei von ihnen wohnten aber in Zentralisrael. Zusammen fuhren sie am Abend ihrer Entführung per Anhalter, wie es in dieser Region üblich ist. Auf einem nahe gelegenen Feld in der Gegend von Hebron hatte man dann nach wochenlanger Suche die drei Leichen gefunden, an einem Montag. Am Dienstag fand die Beerdigung statt, unter großer Anteilnahme. Und in der Nacht zum Mittwoch verschwand der sechzehnjährige Muhammad Abu Khudair aus dem Jerusalemer Vorort Schuafat. Der Ramadan hatte begonnen und Muhammad hatte das Haus am frühen Morgen um halb vier verlassen, um mit seinen Freunden am Gebet der Morgendämmerung teilzunehmen. Auf der Straße wurde er von zwei Männern in einen grauen Hyundai gezerrt, in dem schon ein Fahrer saß. In Sekundenschnelle waren die Entführer mit ihrem Opfer verschwunden. Eine Stunde später fand man Muhammads Leiche in einem Wald.

Emotionen - Wut, Hass und Vergeltung

Diese Geschichte könnte nur das Vorspiel sein zu einer weiteren Eskalation des Konflikts zwischen Mittelmeer und Jordan, der Auftakt einer neuen Tragödie. In den letzten drei Wochen vor den Leichenfunden bei Hebron hatte sich auf beiden Seiten der israelischen Sperrmauer eine enorme Spannung aufgebaut. Die Armee startete eine großräumige Suchaktion und nahm hunderte Palästinenser fest. Gleichzeitig wurde die Entführung der drei Israelis gefeiert, auf den Straßen und vor allem im Internet. Man gratulierte sich zu drei weiteren „Schalits“: Als Gilad Schalit 2011 aus mehrjähriger Hamas-Gefangenschaft freikam, wurden im Gegenzug 1.027 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Der Preis des aktuellen Entführungsfalls war jedoch die Durchsuchung hunderter Häuser durch israelische Soldaten. Mehrere Jugendliche kamen bei den Razzien in palästinensischen Flüchtlingslagern ums Leben. Die Führung in Ramallah hatte die israelische Armee ungehindert walten lassen, um eine Verschärfung zu vermeiden, doch in der Bevölkerung wuchs die Wut.
Auch auf der israelischen Seite stauten sich Emotionen an. Im Fernsehen wurde der Anruf ausgestrahlt, der in einer Notrufzentrale am Abend der Entführung der drei Jugendlichen einging. Man hört die Stimme von Gilad, zwischen einigen anderen. Originalton eines Kidnappings. Die Entdeckung der Leichen setzte allen Hoffnungen schließlich ein Ende. Noch am selben Abend kam es zu Krawallen in den Straßen, wütende israelische Mobs begannen Jagd auf Palästinenser zu machen. „Tod den Arabern!“, schrien sie. Dienstags verfolgte das ganze Land die Beerdigung der ermordeten Israelis im Fernsehen. Die anschließenden Ausschreitungen hasserfüllter Israelis waren so heftig, dass die Polizei 47 Personen festnahm. Eine Facebook-Gruppe rief zu Racheaktionen auf. Und 35.000 Personen gefällt das, in kürzester Zeit. Nach zwei Tagen wurde die Gruppe gelöscht. Verstörende Fotos kursierten in den sozialen Netzwerken, darunter auch das von zwei lachenden Mädchen, die einen Zettel hochhalten: „Araber zu hassen ist kein Rassismus“, heißt es da. „Das Volk Israel fordert Vergeltung“, lautet der dazugehörige Hashtag auf Hebräisch.

Die nächtliche Vergeltungsaktion findet ohne laute Worte statt. Ein Wagen wendet, Muhammad wird eingesammelt. Eine weitere Leiche.

Und der Politik entgleitet immer weiter die Kontrolle. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte der Entführung der drei Israelis nicht zugestimmt. Und Ministerpräsident Netanjahu verurteilte die Tötung des arabischen Jugendlichen. Doch in den Straßen machen Gruppen von Israelis Jagd auf arabisch aussehende Personen und in den arabischen Vororten Jerusalems kommt es vonseiten der Palästinenser zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei.
Yishai Frenkel, der Onkel des einen ermordeten Israelis, sagte dem Fernsehsender Channel 2: „Jeder Akt der Vergeltung, welcher Art auch immer, ist unangebracht und falsch. Mord ist Mord.“ Es gäbe keinen Unterschied im Blut, egal ob Araber oder Jude. Und auch der Vater von Muhammad Abu Khudair meldete sich zu Wort: „Ich bin gegen Entführung und Mord“, sagte er. „Ob Jude oder Araber, wer kann die Entführung und Ermordung seines Sohnes oder seiner Tochter akzeptieren?“ Er rief beide Seiten dazu auf, das Blutvergießen zu beenden.
Doch die Gewalt wird wohl noch eine Weile anhalten. Sie könnte sogar eskalieren. Eine dritte Intifada steht bevor. Hochkochende Emotionen, angestaute Wut und grenzenloser Hass. Steine werden geworfen, Molotowcocktails fliegen und Müllcontainer gehen in Flammen auf. Und allein am Mittwoch feuerte die Hamas mehr als 20 Raketen auf Südisrael ab. Die israelische Armee reagierte mit dem Bombardement von über dreißig Zielen im Gazastreifen.

Diskussionen

Es wäre wieder einmal Zeit für Gespräche, zumindest hier bei uns, in sicherer Entfernung. Doch leider sind sachliche Diskussionen selbst unter weitgehend Unbeteiligten nicht möglich. Niemand, der sich an das Thema Israel/Palästina heranwagt, kann seine Emotionen unterdrücken. Die meisten werden Opfer einer Propagandawelle, entweder der einen oder der anderen Seite.
Doch kann das überhaupt anders sein? Kann man sich denn überhaupt eine eigene Meinung bilden, ohne irgendwelche einschlägigen Phrasen zu übernehmen, mit denen man wiederum anderen auf den Schlips tritt? Wie beantwortet man zum Beispiel folgende Fragen:

Wieso sitzen hunderte minderjährige Palästinenser ohne Anklageschrift in israelischen Gefängnissen?
Welche palästinensische Mutter kann es sich leisten, wie die Mütter der entführten Israelis nach Genf zu fliegen und sich vor dem UN-Menschenrechtsrat für ihr unrechtmäßig inhaftiertes Kind einzusetzen?
Darf man „Siedlerkinder“ entführen und töten, nur weil sie z.B. in einer nach Völkerrecht illegalen Siedlung auf besetztem Gebiet zur Schule gehen?
Weshalb interessiert sich kein Israeli für die Besatzung, während sich in Palästina alles ausschließlich um die Besatzung dreht?
Wieso haben sowohl pro-israelische als auch pro-palästinensische Gruppen immer das Gefühl, gerade ihre Position werde in den Medien zu unzureichend vertreten?
Aber wieso ist es weniger schlimm, dass die Hamas zivile Ziele in Südisrael beschießt, als wenn Israel mutmaßliche Terroristen in Gaza gezielt bombardiert?
Warum sind die letzten Friedensgespräche wieder gescheitert, obwohl es doch im Prinzip um dieselben Probleme wie schon 1993 ging?
Weshalb darf ein Palästinenser aus Ramallah oder Jericho nicht nach Jerusalem kommen, um zu beten?
Wieso darf ein Palästinenser mit israelischem Pass im Westjordanland ein Haus bauen, ein Jude mit israelischem Pass jedoch nicht?

Man könnte noch Dutzende solcher Fragen stellen und jede einzelne könnte stundenlang diskutiert werden. Und die dazugehörigen Erklärungen wären in kaum einem Fall zufriedenstellend für alle Beteiligten.

Erinnerung

Der Friedensprozess ist vor einigen Monaten gescheitert, Entführungen und Morde haben die Lage verschärft, Militäreinsätze und Hamas-Raketen schürfen tagtäglich neue Wunden. Zurück bleiben die Toten, von denen man in einem einzigen Beitrag nur an wenige erinnern kann. Doch ich will es hier tun.




Mittwoch, 4. Juni 2014

Bergdahls Heimkehr

Vor ein paar Tagen ist der US-Soldat Bowe Bergdahl aus Sun Valley, Idaho freigekommen. Seit 5 Jahren saß er in Gefangenschaft bei den Taliban, jetzt wurde er im Austausch gegen fünf Taliban aus Guantánamo in die Freiheit entlassen.

Als 23jähriger Soldat kam Bergdahl 2009 nach Afghanistan und geriet in Gefangenschaft. Die genauen Umstände sind umstritten, Kameraden sprachen angeblich von Desertion. Bergdahl hatte Paschtu gelernt und oft Kontakt zur einheimischen Bevölkerung gesucht. Wer weiß, vielleicht ist der jahrelang vermisste Soldat einfach nur davongelaufen, weil ihn dieser verdammte Krieg angekotzt hat? Und so kommt man dann schneller zu den Taliban, als einem vielleicht lieb ist. Die Rettung hat lange auf sich warten lassen, doch jetzt hat man die Gefangenen ausgetauscht. Fünf der gefährlichsten Taliban aus amerikanischer Haft wurden nach Katar überstellt, damit Bowe Bergdahl vom Hindukusch in die USA zurückkehren konnte.

Hat die US-Regierung hier mit Terroristen verhandelt oder sich gar erpressbar gemacht? Da es um die nationale Sicherheit ging, musste Obama den Kongress zudem scheinbar nicht von der Überstellung der Guantánamo-Häftlinge informieren. Der Druck auf den Präsidenten vonseiten der Republikaner steigt dennoch.
Bergdahl selbst, dessen Vater sich aus Solidarität einen Bart wachsen ließ und einige Brocken Paschtu lernte, wird wohl erst einmal ein schweres Leben haben: Wer die TV-Serie "Homeland" kennt wird sich gut vorstellen können, wie die Wochen und Monate nach der Befreiung aus terroristischer Geiselhaft aussehen. Er wird sich viele Fragen gefallen lassen müssen, da er sich in Emails vor seiner Gefangennahme durch die afghanischen Taliban kritisch gegenüber dem Militäreinsatz geäußert hatte und als Vorzeigegefangener später in zahlreichen Videos auftauchte. Nach der üblichen "medizinischen Untersuchung" auf einem US-Militärstützpunkt ging es am Wochenende wahrscheinlich direkt ins Verhör, denn die Zweifel an Bergdahls Linientreue bleiben bestehen.

Was wäre die Welt bloß ohne ihre Konflikte, gerechte und ungerechte Krieg, parlamentarisch abgesegnete Militäreinsätze und die Verwicklungen der Geheimdienste. Irgendwann werden sich die alliierten Truppen aus Afghanistan zurückziehen und einen gescheiterten Staat zurücklassen. Die Taliban, so das Weiße Haus vor einer Woche, seien zukünftig das Problem der Afghanen. Ein Hoch auf die Politik.

Sonntag, 11. Mai 2014

Museumsnacht in Halle und Leipzig 2014

Am 11. Mai 2014 fand in Halle und Leipzig die Museumsnacht statt. In der Nacht zum Muttertag hatten insgesamt 78 Museen, Gedenkstätten und Galerien ihre Tore geöffnet und lockten unter dem Motto „Lockstoffe“ tausende Besucher an. Da die Eintrittspreise zu einigen Museen in Leipzig normalerweise nicht ganz günstig sind, bietet diese Nacht einmal im Jahr die Möglichkeit, für wenig Geld alle interessanten Standorte abzuklappern. Es gibt einen Shuttlebus zwischen Halle und Leipzig, die Straßenbahnen fahren bis tief in die Nacht. Die meisten Orte hatten bis 1.00 Uhr geöffnet. Die „Runde Ecke“, ehemalige Stasi-Zentrale, bot auf vier Etagen informationsreiche Ausstellungen an, im Schulmuseum konnte man neben Artefakten aus dem Bildungswesen in Kaiserreich, Nazizeit und DDR auch einen Extra-Saal zum Thema Friedliche Revolution 1989 besichtigen. Eine Führung im Stadtgeschichtlichen Museum beschäftigt sich mit dem Thema Ehe und der absurd hohen Literzahl an Bier und Wein, die im 16. Jahrhundert auf einer Hochzeit in Leipzig versoffen wurde – Sachsen und andere ostdeutsche Regionen galten als "die großen Trinklande". Seife herstellen und Pillen pressen im Apothekenmuseum, in die Geschichte des Verlagswesens und des Buchdrucks eintauchen in der Deutschen Nationalbibliothek und die Räume des verwinkelten Cafés „Zum Coffe Baum“ erkunden, wo das Kaffeemuseum interessante Fakten über die Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts und ihr Klientel bereithielt. Woher kommt der Begriff Kaffeekränzchen? Und was haben die Hunde und Papageien zu bedeuten, die sich auf den Stichen aus jener Zeit zwischen der Kaffeehausgesellschaft verstecken? Ein bisschen störend war der Regen, der wohl auch einige Besucher von einer ausgedehnteren Tour durch die Städte abgehalten hat an dieser äußerst lehrreichen und bildungsaktiven Nacht teilzuhaben.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Nachrichten - nur mit Wodka und Krimsekt zu ertragen

Ab und zu beobachte ich die Medien. Dabei mache ich das volle Programm durch: Ich glaube alles, was man mir sagt. Ich bezweifle auch alles, was ich nicht hören will. Ich schimpfe lautstark oder protestiere gegen das, was ich an Dummheit in den Ansichten Anderer identifizieren zu können glaube. Und wenn extreme Meinungen aufeinander prallen und sich benachteiligt fühlen, werde ich irgendwie sauer. Irgendwie wissen immer zwei gegensätzliche Gruppen genau, wie der Hase läuft und niemand bemerkt, wo er im Pfeffer liegt.
Jedenfalls, das Thema „Russland und die Ukraine“ steckt voller Irrtümer. Der erste Irrtum beherrscht die Meinung aufseiten vieler eher links eingestellter Menschen: „Europa und die NATO betreiben Kriegshetze und wollen den Krieg!“, heißt es da. Ein Irrtum? Ja, denn einmarschiert auf die Krim sind die Russen. Putin hat sogar zugegeben, dass russische Soldaten hinter ihren Landsleuten auf der Krim standen, als diese die Kontrolle an sich nahmen. Und was sich jetzt in der Ostukraine abspielt, ist zu einem großen Teil dem Einfluss des übermächtigen Nachbarlandes zu verdanken. Niemand zweifelt mehr ernsthaft daran, dass Russland seine Schäfchen auf der grünen ostukrainischen Weide in jeder Hinsicht unterstützt. Doch in den Augen vieler vor allem linker Friedensaktivisten ist es die EU, die einen Krieg auf jeden Fall provozieren will. Vielleicht wurzelt diese Überzeugung noch aus dem Glauben an den sozialistischen Grundsatz der Friedenspolitik: Der „Osten“ wollte immer den Frieden und trug zum Frieden in der Welt bei, während der amerikanisch-kapitalistische Imperialismus um sich griff. Bis heute, sagen sie.
Und da sind wir schon beim zweiten Irrtum, der sich sowohl auf Seiten der linken Aktivisten als auch in der westlichen Politik wiederfindet: Es wird angenommen, dass Russland in irgendeiner Weise noch immer die Sowjetunion und den Sozialismus verkörpert, sozusagen als Gegenpart zur westlichen Hemisphäre, als Gegenpol des hiesigen Lebensstils. Dabei wird grob übersehen, dass Russland zwar noch immer den Kontrahenten der USA zu stellen versucht, das System als solches jedoch näher am rechten als am linken Rand steht. Putins Präsentation als starker Bärenjäger und freier Oberkörper der Nation erinnert zwar an die einstigen Führungspersönlichkeiten der Sowjetunion, doch Führer hat es schon immer in jeder politischen Extremen gegeben. Und Putins Partei „Einiges Russland“ hat mitnichten den Sozialismus auf dem Programm…
Wie man es dreht und wendet, es wird viel übereinander geredet, gegeneinander und aneinander vorbei. Die einen sehen mit offensichtlicher Bestürzung – und mit innerlicher Genugtuung –, dass die klaren Grenzen von damals nun endlich wieder Gestalt annehmen. Gut und Böse, klar definiert in West und Ost. Die anderen sehen das System, in dem sie leben und von dem sie profitieren, und seine Verbündeten als eigentliches Übel an und stellen sich (wie so oft) provokant auf die Gegenseite. Und beide Seiten fühlen sich in den Medien unterrepräsentiert – ein klares Zeichen dafür, dass sich beide als Advokaten derjenigen sehen, die hier gern die Opferrolle einnehmen. Für die Linken wird Putin zum Heiligen, für die Konservativen ist er der Gestalt des Teufels ähnlich. Und Obama? Kriegstreiber oder guter Samariter? Ansichtssache. Die Revolutionsregierung in Kiew – Demokraten oder Nationalisten? Man könnte endlos darüber streiten, was Frau Timoschenko in Wirklichkeit damit gemeint hat als sie sagte, sie wäre bereit, Herrn Putin mit einer Kalaschnikow in den Kopf schießen. Ein Gleichnis – oder eine Kriegserklärung?

Das Fazit der letzten Tage, Wochen und Monate fällt einigermaßen deprimierend aus: Politische Lösungen in Form von Sanktionen sind nutzlos. Illegitime Volksbefragungen führen zu Annexionen von ganzen Landesteilen. Sturköpfe auf allen Seiten noch dazu. Man findet sie in Washington, Paris und Berlin, in Moskau und in Peking, am Persischen Golf und auch in Brüssel. Und die Opfer? Die sterben in Syrien, massakrieren sich gegenseitig in Slawjansk oder ertrinken auf dem Weg in ein besseres, aber dennoch beschissenes Leben im Mittelmeer.

Und das alles genau hundert Jahre nach 1914.

In aller Welt rennen Außenminister wie z.B. Dr. Frank-Walter Steinmeier von einem Kongress zum nächsten, um sich mit Historikern über das Pulverfass Europa zu unterhalten, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts explodiert ist. Doch Menschen scheinen nichts aus der Geschichte zu lernen – oder zu wenig.
Oder das Falsche.
Es nimmt kein Ende, bis alle Passagiere in den oberen Decks des gleichen Bootes, in dem wir ja bekanntlich alle sitzen, gelangweilt und jene auf den unteren Decks entweder ausgeschifft haben oder ertrunken sind.
Je mehr man darüber nachdenkt, desto weniger Lust hat man, sich die Nachrichten anzuschauen. Wer sich dieser Tage als hoffnungsvoller Pazifist outet, muss sehr naiv sein. Dann lasst uns doch mal alle zusammen naiv sein. Ich bin dabei.


Montag, 5. Mai 2014

Ausflug nach Torgau

Den ersten Teil meiner quasi mehrmonatigen Expedition durch Sachsen bildete vor ein paar Wochen ein Ausflug in das Städtchen Torgau, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Leipzig. Der Bahnhof empfängt mich wie jeder andere mehr oder weniger ländliche Bahnhof auch: trostlos und in bahnhöflicher Nostalgie. Und genau das gefällt mir immer wieder.


Ein kurzer Regenschauer treibt die Leute unter das Vordach der winzigen Wartehalle, wo man sich ein Schnitzel im Brötchen bestellen kann, frisch aus der Tiefkühltruhe und ab in die Pfanne.


Über eine Allee geht es in Richtung Stadt. An diesem Ostermontag ist nicht viel los. Gleich am Ortseingang liegt der sowjetische Soldatenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg.


Kaum jemand ist unterwegs. Die Kopfsteinpflasterstraßen sind mehr oder weniger leer. Ein älterer Herr mit Sakko schlendert durch die Gegend und fühlt sich von mir beobachtet.


Ich gehe in die Touristeninformation und hole mir ein bisschen Literatur. Torgau und Luther. Torgau und die sächsischen Burgen. Torgau und das DDR-Jugendumerziehungslager. Hier kann man auf den Spuren der Geschichte wandeln. Es gibt immer irgendwo ein Haus, in dem Luther mit Melanchthon über seine Thesen diskutiert hat.


Meine Kamera macht sich daran, noch ein wenig Architektur einzufangen. Schloss Hartenfels, in dessen Burggraben sich zur richtigen Zeit Braunbären zeigen.


Die spätgotische Marienkirche, in der Luthers Ehefrau und Witwe Katharina von Bora begraben liegt.


Das slawische Wort torgov, von dem sich der Name der Stadt ableitet, bedeutet so viel wie „Marktort“. Torgau hat eine bewegte Geschichte, geprägt von neuzeitlichen Kriegen, Reformation und Hexenverbrennungen. Die meisten, denen die Stadt ein Begriff ist, kennen sie jedoch aus den hinteren Kapiteln der Geschichtsbücher: An der Elbe bei Torgau trafen 1945 die Sowjets und die Amerikaner zusammen, auf ihrem Weg durch Deutschland.


Der Elbe Day erinnert an den 25. April 1945, an dem sich Soldaten zweier gegensätzlicher und doch verbündeter Staaten gegenüberstanden. Der genaue Ort des Zusammentreffens befindet sich eigentlich 30 Kilometer flussaufwärts, bei Strehla. Das Denkmal hat man jedoch hier gesetzt.


Der Text zeugt davon, dass sich Torgau nach dem Zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite der innerdeutschen und innereuropäischen Grenze wiederfand:
Ruhm und Ehre der siegreichen Roten Armee und den heldenmütigen Truppen unserer Verbündeten die den Sieg über das faschistische Deutschland erkämpft haben.“ Und darunter auch auf Englisch: „Glory to the victorious Red Army…

Der Fluss selbst, die Elbe, bietet allerdings kein sonderlich majestätisches Bild. Das etwas verschlafene Städtchen Torgau war seinen Besuch jedoch wert.

ORIENTier Dich! - Das 6. Studentische Symposium der Islamwissenschaft

Normalerweise macht man keine Werbung für etwas, das schon gelaufen ist. Und trotzdem muss ich jetzt speziell jede/-n Studierende/-n eines in irgendeiner Form orientalischen Faches darauf hinweisen, dass man ein studentisches Symposium auf keinen Fall verpassen sollte. Dieses Jahr haben sich engagierte Student*innen aus Tübingen bemüht, das „6. Studentische Symposium der Islamwissenschaft und verwandter Fächer“ zu einem wahren Fest aller Orientalisierenden werden zu lassen. Getreu dem Motto „ORIENTier Dich!“ konnte man und frau sich für die anstehenden großen Arbeiten der akademischen Karriere inspirieren lassen. Für Input war gesorgt: Die Themengebiete reichten von der aktuellen Lage der Medienlandschaft in Ägypten über interkulturelle Rhetorik bis hin zur arabischen Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ und dem Phänomen der deutschen Taliban am Hindukusch. Und neben den spannenden oder zumindest unterhaltsamen Vorträgen aus allen Bereichen der Orientalistik gab es natürlich auch was zu Essen. Nur das Wetter hätte auf jeden Fall besser sein können, denn wenn man nach Tübingen kommt, will man natürlich auch Stocherkahn fahren.

Eine Tagung ohne Professoren und Dozenten hat was für sich. Es gibt nur wenig Entspannteres als sich in lockerer Atmosphäre bei Tee, Bier und/oder einer Schischa zu vernetzen? Das nächste Symposium wird nächstes Jahr in Marburg stattfinden. Orientalist_innen aller Länder, vereinigt euch!


Sonntag, 27. April 2014

Halle (Saale)

An Ostern habe ich Verwandte in Halle (Saale) besucht, einer Nachbarstadt von Leipzig. In meiner Kindheit war ich zwar einige Male dort, an die Stadt selbst habe ich aber nur wenige Erinnerungen. Ohne viele Worte möchte ich heute ein paar Bilder zeigen, um für den Tourismus in Sachsen-Anhalt zu werben. ;)

Das typische Stadtbild zum Einstieg: Hausfassade im Paulusviertel.


Ein Stück weiter in Richtung Innenstadt: Der Wasserturm Nord wurde 1899 gebaut und ist 54 Meter hoch.


Schon 1886 eröffnet wurde die Oper. Heute ist das Opernhaus Halle der einzige ausschließlich für Oper bestimmte Theaterbau in Sachsen-Anhalt.


Der Marktplatz ist geprägt durch die Marktkirche (rechts) aus dem 16. Jahrhundert und den 1506 vollendeten Roten Turm (links). Zusammen bilden sie die fünf Türme, die die Stadtsilhouette von Halle prägen.


Vor dem Roten Turm steht eine Rolandsstatue, deren erste Version schon im 13. Jahrhundert als Zeichen der bürgerlichen Freiheit, als Sinnbild für die Eigenständigkeit der Stadt und als Symbol für die hohe Gerichtsbarkeit aufgestellt wurde.

Der „Stadtgottesacker“ ist auch relativ sehenswert. Er wurde im 16. Jahrhundert nach dem Vorbild der italienischen Camposanto-Anlagen angelegt.


In unmittelbarer Nähe: Kunst.


Und noch ein anderer Turm.


Montag, 21. April 2014

Leipzig

Messestadt, historisches Zentrum des Buchdrucks und Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen 1989 – es gibt eine ganze Reihe von Alleinstellungsmerkmalen, die diese Stadt auszeichnen. Und wer denkt, Leipzig hätte nicht das Potenzial zur Weltstadt, der hat noch nicht den imposanten Hauptbahnhof gesehen: Unter dem größten Kopfbahnhof Europas erstreckt sich auf zwei Etagen ein Shopping-Areal, in dem man auch an Feiertagen fündig werden kann und wo außerdem jeder hungrige Magen gefüllt wird.

Freitag, 21. März 2014

Kalinka, kalinka

(„Muss man sich als Blogger eigentlich auch mal zum Thema Ukraine äußern?“ – „Eigentlich schon…“ – „Och Menno…“ – „In drei, zwei eins…“)

Oh… (räusper) – Liebe Mitbeobachterinnen und Mitbeobachter,

unser Außenminister hat in den letzten Monaten zahlreiche Grußworte gehalten, nicht selten zu Veranstaltungen mit Titeln wie „1914 – Versagen der Demokratie?“ Der Beginn des Ersten Weltkriegs ist hundert Jahre her. Man diskutiert, man gedenkt – und man rasselt wieder mit den Säbeln. Wie selbstverständlich wägt man in den Medien ab, ob es zum Krieg zwischen der Ukraine und Russland kommen könnte. Ob die Ukraine genug Soldaten hätte und wo diese stationiert sind. Muss sich angesichts dieses Szenarios nicht jede/r gedenkende und geschichtsbewusste Europäer/in vor den Kopf gestoßen fühlen?

Doch was soll Europa anderes tun, als die Russen – oder sollte ich vielleicht eher sagen „den Russen“ – aus den G8 rauszuwerfen? Wie erwehrt man sich eines drachenreitenden und mit den Händen fischenden Schutzpatron, der verliehene Halbinseln mit herrlichen, von Kriegsschiffen besiedelte Häfen zurück haben will? Um die russische Mehrheit auf der Krim vor Kiewer Nationalisten zu schützen, glieder man das Gebiet kurzerhand.

Natürlich, wo sich eine Revolution auf offenen Plätzen abspielt, besteht immer die Gefahr, dass faschistische Visionäre ihre Fäuste schwingen und mit denselben zum Beispiel Rundfunkchefs aus dem Amt winken. Kann man auf sowas überhaupt angemessen reagieren?
Die Angliederung der Krim an Russland geschah ganz schnell. Schön demokratisch sogar, per Volksabstimmung. Zumindest wenn Demokratie bedeutet, dass ich ein Rathaus besetzen und dann das Volk über den weiteren Verbleib einer Region befragen kann. Und Schwuppdiwupp – gehört man zur Russischen Föderation. Wieso lang verhandeln. Und als Bonus gibt’s einen Haufen ukrainischen Altmetalls, die in Sewastopol neben den russischen Schiffen vor Anker liegende Marine. War früher sowieso alles russisch.

Ich will gar nicht erst anfangen, irgendwie rational zu argumentieren. Im Grunde reden sowieso wieder fast alle aneinander vorbei. In Europa kann man nur schwer nachvollziehen, dass die meisten Russen Putin lieben, weil er so ist wie er ist. Und dass Revoluzzerinnen wie Pussy Riot die meisten Einwohner Russlands eher kalt lassen. Hierzulande wurden die ersten Diskussionen schon gestartet, Botschafter wurden geladen, Expertinnen und Experten durften Stellung beziehen. 
„Stellung beziehen“ – das werden letztendlich sowieso nur die Amerikaner, und zwar mit ihren Raketenabwehrschirmen in der Ukraine, die ab dann europäischer denn je sein wird. Und da Putin das nicht leiden kann, hält er wacker dagegen. So erklären sich die beiden mutmaßlich mächtigsten Männer der Welt, Barack und Wladimir, gegenseitig das Völkerrecht und ihre jeweilige Auslegung. 
Und im Westen glauben immer noch einige wenige, dass es um mehr ginge als nur um Öl und Gas.

Vielleicht wird es nur noch wenige Wochen dauern, bis die gute alte Weltordnung wieder hergestellt ist: „Der Russe“ ist wieder da. Und plötzlich nehmen wir all die kleinen Maßnahmen hin, die doch nur für unsere eigene Sicherheit da sind. Denn gerne schließen wir uns Franz Josef Wagner an, der irgendwann letztes Jahr in der BILD erklärte: „Ich mag die Überwachung, sie ist ein Schutz. Ich bin lieber überwacht als tot.“ Recht hat der Mann. Oder?
Wir sollten froh sein über die aktuellen Vorkommnisse und den Weg, den sie nehmen könnten. Immerhin wird jedes Schießgewehr, jede Patrone und jedes Panzerfahrzeug, das Putin auf der Krim stiehlt, von unserer bundesdeutschen Waffenindustrie wieder angeschafft. Es geht bergauf mit der Wirtschaft Europas. Zumindest was die Rüstung angeht. Und zumindest für Deutschland.

Es herrscht Unsicherheit. Und das, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ist ein Grund zur Freude…