Sonntag, 24. Oktober 2010

Tacheles

Gerade kommt auf phoenix die Talksendung "Tacheles". Das Thema: "Islam in Deutschland - Friedensreligion oder Kultur der Gewalt?" Schade nur, dass so eine interessante Sendung zu einer so "unchristlichen" Zeit kommt. Beginn: 22:30 Uhr.

Unter den Gästen sind Wolfgang Bosbach (CDU), der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayman Maziek, der Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer und EKD-Präses Nikolaus Schneider.

Leider geht die Gesprächsrunde der eigentlichen Frage nach einigen ersten Anläufen weitgehend aus dem Weg. Punkt eins: Der Kriminologe Dr. Pfeiffer stellt klar, dass die meiste häusliche Gewalt in Familien stattfinden, die christlichen Freikirchen anhängen. Punkt zwei: Jesus sei ein Zimmermannssohn gewesen, Muhammad ein Feldherr. Moderator Jan Diekmann will die Diskussion anheizen, indem er Matthäus 10,34 einwirft: "Denkt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Erschreckenderweise wehrt sich Nikolaus Schneider von der Evangelischen Kirche erst Minuten später. Im weiteren Verlauf geht es noch kurz um den (äußerst gewichtigen) Widerspruch zwischen Verfassung und Demokratie und der Scharia, dem islamischen Gesetz. Weiter eingegangen wird hierauf jedoch nicht.

Aber eigentlich ist es auch besser, wenn Politiker nicht über Theologie disskutieren. Es geht hier im Grunde weniger um den Islam als um die Integrationsdiskussion an sich. Die "Kontextuierung mit der Religion" wird beiseitegeschoben. Vor allem werden Positivbeispiele wie der Berliner Sozialarbeiter Fadi Saad hervorgehoben.

Ist die anfängliche Frage "Islam = Gewalt oder Frieden?" einmal abgehakt, geht die Runde einen entspannteren Kurs. Man redet. In unserer Gesellschaft wird viel "totgeredet". Doch diesen Abend zerfetzt man sich nicht, man redet miteinander. Das letztendliche Fazit: "Raus aus den Ghettos, Bildung, Bildung, Bildung, Integration." Und: "Es lohnt sich, in diesem Land mitzumachen."

Unsere Gesellschaft durchläuft einen angenehmen Wandel, scheint es mir. Offen wird bekannt, dass wir uns jahrzehntelang vor der Realität versteckt haben. Zwar war Deutschland nie als "Einwanderungsland" gedacht, wir sind aber dazu geworden. Und damit müssen wir nun umgehen. Das müssen wir akzeptieren. Und so langsam begeben wir uns auf den Kurs eines kritischen, selbstkritischen, aber auch bestimmten Dialog.

Geht es um Politik, Integration, Gesellschaft, dann ist alles machbar. So scheint es zumindest. Will man jedoch über Religion reden, stößt man auf taube Ohren. Als Mangel in unserer "christlich-jüdischen Wertegesellschaft" ist zu notieren, dass wir noch mit zu wenig Selbstbewusstsein in diese Diskussion gehen. Wir lassen uns gerne einreden, das Christentum sei aus der Mode gekommen und nur noch im Grundgesetz unter der Rubrik "Werte" (praktisch als Filiale einer Museumskultur) verankert. Das Christentum ist nicht mehr lebendig, so scheint die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen zu denken. Doch um uns gegen unangenehme Einflüsse von außen zu schützen, berufen wir uns auf eben jene "jüdisch-christliche Wertekultur" - ohne dabei zuzugeben, dass der jüdische Teil unserer gesellschaftlich-religiösen Wurzeln mehr als ein Jahrtausend lang der Willkür unserer Launen ausgesetzt war. Wie unverschämt ist das denn? Pogrome (z.B. die Kreuzzüge), Diskriminierung vor und nach der Französischen Revolution, Völkermord (1933-1945) - und jetzt plötzlich stellen wir uns in unserer Not hinter den Schatten des jüdischen Teils der europäischen Geschichte und Kultur, den wir noch vor knapp 70 Jahren nahezu ausgerottet hatten. Wow.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Die Universität, ein Universum - Eine kleine Novelle

Ach ja, die Universität. Eine wundersame Institution, die man schnell zu lieben lernt. Der einsame Student betritt einen ihm bisher unbekannten Kosmos. Ein Gebilde, das in sich so unheimlich viele Komplexitäten und Komplexe aufweist wie ein Schweizer Käse Löcher hat. Und doch fühlt man sich gleich wohl.
Der Dozent im Hörsaal verkörpert ein Medium höherer Wissenschaften. Durch ihn erlangt der ehemalige Schüler und Abiturient Wissen. Dieses Medium kann zugleich gleichermaßen bildungsvermittelnd als auch zerstreut, wenn nicht sogar hochgradig verwirrt, sein. Es gibt sie beide: Den bärtigen Professor, der eine Brille mit kleinen Gläsern trägt, genauso wie den jungen, dynamischen Dozenten, der den Anschein macht, doch irgendwie im Leben zu stehen.
Der Studienanfänger erinnert sich noch an die Schultage, als man lässig in seinem Stuhl lehnte - nachdem man in der Regel zwischen der 10. und der 12. Klasse aufgehört hatte, auf ihm zu schaukeln - und sich dem Lehrer irgendwie überlegen fühlte. Sei es aus bloßem Übermut oder auch einfach, weil man das, was einem der Lehrkörper vermittelte, schon längst wusste. Oft erwies sich dieses vermeintliche Wissen bei dem ein oder anderen als bloßes Missverständnis, und so mancher musste vor der Herausgabe der Klausur zittern. Doch im Grunde sah man sich als alten Hasen und blickte mitleidig auf die kleinen Fünftklässler, die von Jahr zu Jahr kleiner zu werden schienen.
Und dann kommt man auf die Universität. Allein das Wort flößt Respekt ein. Nicht die Kurzform, die sich anhört als wäre es ein Einkaufsladen. Uni. Das Wort UNIVERSITÄT. Respekt, keine Furcht. Es gehört zu den Wörtern, die im Raum schweben und ausstrahlen.
Na gut. Wie dem auch sei, der mit Urkunden und Zeugnissen ausgezeichnete Abiturient betritt die Universität - und ist auf einmal klein. Er erkennt, dass er im Grunde keine Ahnung hat. Doch zu seinem Glück merkt er gleich, dass er bald dazugehören wird. Ein Trost. Doch ein langer Weg, den es da zu durchlaufen gibt, um dann endlich Bachelor oder gar Master zu heißen. So heißt man dann doch, oder?
Die Universitätsstadt - eine Stadt, in der mehr Regen auf Lehrhäuser fällt als auf Industriegebiet. Eine Stadt, wo selbst im sonntäglichen Gottesdienst ein halbes Jahr als Semester gerechnet wird. Und der Gottesdienst ist es auch, der die angehenden Theologiestudenten verschreckt: Die Predigt zum Dies Universitatis (Uni-Tag, für alle nicht-Lateiner) wird von einem Professor gehalten. Er spricht von Zeit als Element im metaphysischen So-und-so, überschlägt sich in minutenlangen Sätzen. Und das eine geschlagene halbe Stunde lang. Das Wort "Jesus" kommt ganze zwei Mal vor. Erstaunlich. Und verwirrend.

Noch verwirrender:

"Warst Du auch im Interpretationskurs?"
"Ja."
"Und, wie war's?"
"Wenn man Kartoffel richtig interpretieren würde, müsste es Kartöffel heißen."
"So so. Und was ist mit Pantoffel?"
"Na aber! Unregelmäßige Demonstrativpronomina lassen sich nicht interpretieren."
"Ach so. Naja. Wäre schön gewesen."
"Über Geschmack lässt sich streiten."
"Apropos - was hat es heute denn zu Mittag gegeben?"
"Kartoffelsuppe. Aber wir hatten keine Löffel mehr."
"Lässt sich Löffel auch interpretieren?"
"Was Du immer für Ideen hast... Sag mal, wann werden eigentlich die Telefonzellen wieder geleert?"
"Das hat doch nichts mit Gelehrsamkeit zu tun!"
"Oh doch. Telefonieren ist schließlich eine Tugend, die man pflegen muss!"
"Da hast Du auch wieder Recht."
"Ja ja, die Juristen..."
[...]

(Na, genug jetzt. Von diesem Gespräch haben nur die ersten zwei Sätze wirklich stattgefunden. Aber es ist von Zeit zu Zeit doch auch ganz gut, sich ein bisschen verwirren zu lassen. Danach schläft es sich nachts leichter.)

Donnerstag, 14. Oktober 2010

News Update No. 3

Und hier ein paar andere Themen aus den Medien.


Chile

In Chile wurden gestern im Laufe des Tages alle 33 verschütteten Bergleute lebend geborgen! Der Präsident war anwesend, als einer nach dem anderen (mit Sonnenbrille) ans Tageslicht kam. Mit einer Rettungskapsel wurden die Kumpel einzeln nach oben befördert. Insgesamt dauerte die Gefangenschaft bzw. die unfreiwillig "verlängerte Schicht" ganze 70 Tage.
Schön, dass es auf der Welt auch noch erfreuliche Botschaften gibt.


Libanon

Der iranische Präsident Machmud Achmadinedschad ist auf dem Weg zur israelischen Grenze. Er will einige grenznahe Hisbollah-Dörfer besuchen und ins "Feindesland" schauen. Gestern hat er inmitten seiner Anhängerschar gegen Israel gewettert und war von seinen Fans so begeistert, dass er sogar zu Tränen gerührt war. Der Besuch wird von weiten Teilen der Öffentlichkeit (auch im Libanon selbst) als pure Provokation aufgefasst.
Der hat wohl nix Besseres zu tun.


Schon gewusst...?

Der Fußball-Zwerg Aserbaidschan hat vorgestern zuhause gegen die Türkei mit 1:0 gewonnen (!). Zwar haben die Kaukasier keinerlei Chancen auf eine EM-Teilnahme, aber dennoch ist mti diesem Sieg ein beachtlicher Sprung auf der Weltrangliste nach oben zu verzeichnen.


Wetter

Mir ist gerade aufgefallen, dass es im nahöstlichen Jerusalem gerade 36°C hat. Und da sitze ich in einer süddeutschen Uni-Stadt, wo die heutige Wettervorhersage "6°C, wolkig" lautet...
Oh Mann.


Schönen Tag euch noch. :)

News Update No. 2

Hier noch ein schneller Überblick über ein paar (bekannte) Themen der letzten Wochen.


Nahostkonflikt

Die Debatte ist nun zum entscheidende Punkt gekommen: Israels Ministerpräsident Netanjahu hat einen neuen Baustopp angeboten, sollten sich die Palästinenser bereiterklären, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen. Zuerst stieß dieses Angebot bei der Palästinenserführung auf strikte Ablehnung. Und aus paläsinensischer Sicht ist das auch verständlich: Würden die Palästinenser Israel als jüdischen Staat anerkennen, würde auch die letzte Hoffnung auf eine Rückkehr der Flüchtlinge von 1948/49 in die heute israelischen Gebiete ausgelöscht werden. Hinzu kommen Fragen wie: "Was passiert mit den arabischen Israelis, die etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen?" "Sind die Araber in Israel dann Bürger zweiter Klasse?"
Ein jüdischer Staat Israel stieß bei der Gegenseite immer auf Ablehnung. Keine palästinensische Regierung hat Israel als jüdischen Staat anerkannt. Aber umso wichtiger ist diese Diskussion für Israelis. Denn eines ist klar: Die Souveränität des jüdischen Staates muss gewehrleistet sein. Wohin soll das jüdische Volk denn sonst? Israel ist ein jüdischer Staat, und Jerusalem ist seine Hauptstadt. Zumindest aus jüdischer Sicht. Die Fragen von israelischer Seite ist vor allem: "Was passiert mit Jerusalem, der unteilbaren Hauptstadt des jüdischen Volkes?" Die von den Palästinensern angestrebte Lösung lautete bis jetzt, man müsse einen palästinensischen Staat schaffen (ohne jüdische Siedlungen, mit (Ost)Jerusalem als Hauptstadt) und der Staat Israel müsse binational bleiben, also jüdisch und arabisch. Aber wo wäre da der Kompromiss? Wo wäre die Garantie für einen Staat der Juden?
Die Lage ist und war schon immer verzwickt. Ein Lichtblick - oder besser ein kleiner Funke Hoffnung - kommt jetzt vonseiten des PLO-Funktionärs Jassir Abed Rabbo. Er ist seit 2006 Berater des Palästinenserpräsidents Machmud Abbas und verkündete in den letzten Tagen, dass man unter bestimmten Umständen bereit sei, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen. Ist hier eine Wende zu beobachten? Wir wollen es hoffen. Die Voraussetzungen bleiben allerdings dieselben wie früher: Ein Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Und dazu gehören der Tempelberg und die Klagemauer, beides wichtige Orte der jüdischen Religion.
Die Amerikaner haben jedenfalls bekräftigt, dass Israel ein Staat für die Juden sei. Ebenso sei es aber auch ein Staat für die Bürger der anderen Glaubensrichtungen (so Hillary Clinton am Dienstag).
Der PLO-Politiker Rabbo bat unterdessen Israel und die USA, der Palästinenserführung eine Karte vorzulegen, die zeigt, in welchen Grenzen man den jüdischen Staat anerkennen solle.


Tag der Deutschen Einheit

Schon etwas länger zurück liegt der Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober (für alle, die es nicht wissen). Die Einheit jährte sich dieses Jahr schon zum 20. Mal, womit wir ein Jubiläum zu feiern hatten. Der Bundespräsident sprach in Bremen. Und erstmals kam auch unser Freund der Islam zur Sprache. Der Islam gehöre "inzwischen auch zu Deutschland", betonte Christian Wulff in seiner Rede.
Wulffs Rede macht den Anschein, als wolle sie den Islam mit dem Christentum und dem Judentum gleichstellen. Es ist ein gutes Zeichen, dass er die deutschen Muslime mit Deutschland in Verbindung bringt. Wahrscheinlich wollte er Fronten aufweichen, Unterschiede relativieren, Toleranz zeigen. Es war gut gemeint.
Tatsache ist aber, dass keine andere Religion Deutschland in dem Maße geprägt hat wie das Christentum. Der christlich-jüdische Hintergrund unserer Kultur, die doch sehr eingehend geprägt wurde von Altem und Neuem Testament, droht in unserer Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Ein Großteil der Deutschen nennt sich auf dem Papier noch Christen. Aber wenn man nachfragt, bietet sich einem ein Bild der Verwirrung. Glauben hat in unserer Gesellschaft angeblich keinen Platz mehr. Und wenn man glaubt, dann wird man mitleidig belächelt. Da ist es dem Durchschnittsdeutschen eher egal, welche Religionen in einem Atemzug genannt werden. Religion - ein Begriff, der zum Phantom geworden ist.
Der Islam steht dem allem entgegen. Er demonstriert Macht, er flößt Respekt ein. Er reagiert auf Kritik oftmals mit Intoleranz und dem Verbrennen von Fahnen und Flaggen in aller Welt.
Der Islam verbreitet Angst. Und genau dieser Tatsache will Wulff entgegenwirken, indem er den Islam mit einbinden will in den Begriff Deutschland. Klar, der Islam gehört dazu. Und was dazugehört, damit freundet man sich an. Ergebnis: Friede, Freude, Eierkuchen.
Das ist ja alles ganz gut und schön. Aber es geht auch ein bisschen ums Prinzip. Ein Kritiker der Islam-Gleichstellung ist zum Beispiel der Limburger katholische Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der sich im FOCUS zu Wort meldet: "Gehören Werte und Traditionen unserer Kirche nur noch der Vergangenheit an, während der Islam das Heute bestimmt?"
In seinem Artikel zeigt Tebartz-van Elst einige Aspekte, die wir oft unter den Tisch fallen lassen. Wie hat das Christentum unsere deutsche/westliche Gesellschaft geprägt? Unsere Ansichten zu "Ehe und Familie als Keimzelle gesellschaftlichen Lebens" zum Beispiel. Die Bibel spielt in vielem eine große Rolle, wo wir es kaum noch merken. Und der Koran? Was hat dieses Buch, das noch nicht einmal kritisch betrachtet werden kann, in Deutschland gewirkt? Was hat der Islam zu Deutschland beigetragen, zu unserem gesellschaftlichen Leben und Denken?
Der Islam hat keine Wurzeln in Deutschland. Seine Wurzeln liegen woanders. In Deutschland ist jeder willkommen. Aber Deutschland ist ein Land, das von der christlich-jüdischen Abendlandskultur geprägt wurde. Bei allem Toleranzgedudel müssen wir uns über die historischen Fakten klar werden. Das ist kein Nachteil für die Muslime in Deutschland.

Was hat das mit dem Tag der Deutschen Einheit zu tun? Eine ganze Menge. Ob der Islam jetzt in einem Atemzug zu nennen ist mit Christentum und den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens sei einmal dahingestellt. Aber Fakt ist auch, dass der Islam in Deutschland präsent ist. Er wirft neue Problematiken auf, die wir bisher noch nicht kannten.
Doch der Islam ist nicht die einzige nationale Angelegenheit. Da gibt es noch viel mehr solcher "Problematiken". Auch das Schlagwort Hartz IV nimmt in der öffentlichen Meinungsbildung eine besondere Stellung ein.
Alle diese Problematiken gehören zum 21. Jahrhundert dazu. Das erste Jahrzehnt haben wir hinter uns. Sogar das zweite Jahrzehnt seit der Wiedervereinigung. Und seien wir einmal ehrlich: Das Fazit der BRD seit 1990 ist nicht so schlecht, wie sie uns manchmal gemalt wird. Im Grunde versteht sich Ost und West. Und was noch besser ist: Die Grenzen von Ost und West verschwimmen mittlerweile. Ganz einfach weil sie nicht mehr da sind. Das ist demografisch zwar nicht ganz korrekt. Aber in ihren Köpfen haben die Deutschen auch diese Grenzen größtenteils überwunden.
Die Problematiken, die bleiben bzw. neu entstanden sind, werden heiß diskutiert. Nie war die Öffentlichkeit so stark beteiligt wie in diesen Tagen. Hartz VI, Islam, Gesellschaft, Stuttgart 21 - alles Themen des Jetzt und Heute. Zwar werden fast alle Diskussionen jämmerlich emotional geführt, aber die Gesellschaft ist wachgerüttelt, in jeder Hinsicht. Und das ist ein gutes Zeichen.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

News Update No. 1

Meine Leser drohen mir davonzulaufen. Aber das ist auch kein Wunder; seit Wochen habe ich mich jetzt schon nicht mehr gemeldet. Ich wollte ein wenig abwarten und die aktuellen Vorgänge beobachten, ohne gleich voreilig einen Kommentar zu schreiben. Aus einiger zeitlicher Distanz wollte ich eine Zusammenfassung schreiben. Naja, die Folgen dieser Strategie sind fatal: informative overflow. Und das ist auch kein Wunder...

Um es übersichtlich zu machen, fange ich in diesem Eintrag mal wieder mit einem uns allen bekannten/beliebten/gehassten Thema an:

STUTTGART 21


Ich habe vor allem gehofft, der ganze Rummel um Stuttgart 21 würde sich in der Zwischenzeit legen. Denn 1.) ist es für meine internationale Leserschaft langsam nicht mehr von Interesse, was sich in einem schwäbischen Provinznest - denn das wird es in naher Zukunft wieder werden - abspielt. Und 2.) geht mir diese ganze Debatte langsam selber auf den Senkel.

Aber was soll man machen? Dieses Thema ist nunmal aktuell. Und außerdem fällt Stuttgart 21 immer mehr Bedeutung im Hinblick auf die deutschlandweite Stimmung zu.
Es ist ja weitgehend bekannt, dass wir Deutschen ein Volks sind, das grundsätzlich erstmal dagegen ist. Veränderungen, nein danke! Manchmal liegen wir damit richtig, manchmal nicht. Es geht nicht darum, auf welcher Seite wir stehen. Mir persönlich macht es Sorgen, dass wir uns eine Meinung bilden, ohne uns vorher mit einem Thema beschäftigt zu haben:

"Islamunterricht an deutschen Schulen? - Nein danke! Wo kommen wir denn da hin..."
"Nacktscanner?? - Nein danke! Privatsphäre! Datenschutz!"
"Stuttgart 21? - Nein danke! Veränderungen, Baustelle, arme unschuldige Bäume, böse."

Aber zur Rente mit 67 sagt man "Ja und Amen". Im Grunde ist man auch da dagegen. Aber laut sagen tut es keiner. Anders als in Frankreich, wo man schon bei 62 auf die Straße geht.

Es ist in Deutschland mittlerweile so: Grundsätzlich ist einem die Politik egal. Auch jede gesellschaftliche Debatte - soll sich doch jemand anders drum kümmern.
Wenn etwas entschieden wird, dann nimmt man das erstmal hin, oft in der Erwartung, dass es ja doch nie so weit kommen wird. Und wenn es dann soweit ist, fangen so langsam die Proteste an.

Ach ja. *schwerer Seufzer*
Und was gibt es jetzt Neues bei Stuttgart 21?

Heiner Geissler (CDU) betritt die Bühne. Er marschiert durch Stuttgart, schüttelt Hände, lächelt in Kameras - und verkündet einen Baustopp. Dumm nur: Davon wusste bisher keiner was.

Mappus will sich auf Gespräche einlassen und will Eingeständnisse machen - allerdings ohne Baustopp.

Die andere Seite will ohne Baustopp nicht weiterverhandeln.

Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Dieses ganze Theater erinnert mich an den Nahen Osten. Israel, Palästina. Intifada. Siedlungsbau. Bahnhofsbau. Baustopp.

Anfang der Woche saß ich im Zug in eine andere süddeutsche Stadt und las in meiner Lieblingswochenzeitung, dem konservativen FOCUS. Und was man da lesen konnte, hat mich irgendwie insgeheim gefreut. Erkenntnisse, die einem neuen Mut geben, dass man mit seiner Meinung doch nicht ganz so falsch liegt.
Interessant fand ich vor allem ein Bild aus einem Polizeivideo, das dort veröffentlicht wurde. Der zur Symbolfigur des Widerstands gegen Stuttgart 21 gewordene Dietrich W. war da zu sehen. Bisher war bekannt, dass er sich seine Verletzungen zuzog, als er sich schützend vor Jugendlichen aufgebaut hatte, um sie vor dem Wasserwerfer zu schützen. Nun ist der bärtige Rentner auf einem Bild zu sehen, wie er etwas in der zum Wurf erhobenen Hand hält. Nach eigenen Angaben waren es Kastanien. Aber es geht ums Prinzip. Wie der FOCUS schreibt: "Es könnten Kastanien gewesen sein, wie er selbst behauptet, vielleicht handelte es sich aber auch um Steine. Wattebällchen jedenfalls waren es nicht."
Man machte hier Demonstranten zu Helden und Märtyrern. Mir persönlich tut es Leid um die Verletzungen von Herrn W., und ich bin im Grunde ein Gegner von Wasserwerfern. Aber wir müssen uns auch mit der Tatsache abfinden, dass man in Deutschland zwar demonstrieren darf, aber dass es zu weit geht, wenn wir Polizeitransporter besetzen, Flaschen oder Kastanien werfen, oder wenn wir selbst Pfefferspray gegen Polizeibeamten einsetzen, die nur ihren Job machen. Immerhin geht es hier nicht um Menschenrechte oder Krieg oder sonstwas, sondern es geht um ein Bauprojekt und ein paar hundert Bäume. Ich denke, dass sich in manchen Kreisen die Überzeugung zu bilden scheint, dass sich der Slogan "Wir sind das Volk!" auf alles anwenden lässt.

Ah, apropos Bäume. Noch etwas, weshalb ich den FOCUS so gern lese. Fakten, Fakten, Fakten. Wussten Sie zum Beispiel, dass in Hamburg (wo die Grünen regieren) gerade 280 Bäume gefällt werden? Für die Stadtbahn zwischen Eppendorf und Winterhude. Hier legen die Grünen selbst "Axt an" - und keinen scheint es zu interessieren. Der FOCUS hat erkannt:
"Wichtig bei Verkehrsprojekten ist, wo man Bäume fällt und wer es tut. Lassen die Grünen selbst ihren Freund, den Baum, abholzen, geschieht das weitgehend geräuschlos und biologisch abbaubar."

Zwar bin ich (zumindest in seriösen Wochenzeitschriften) kein Freund von Sarkasmus. Doch die 10 Öko-Gebote haben mich zum Lachen gebracht. Die sind nicht neu - aber immer wieder gut. Als zehnter Punkt: "Wisse, die Schuld ist weiß, männlich, christlich und westlich! Die Unschuld ist eine Urwaldindianerin."

Der Konflikt um Stuttgart 21 wird immer unübersichtlicher - und er gewinnt immer mehr an nationaler Bedeutung. Es geht um das Prinzip "Regierung entscheidet - ein Teil des Volkes blockiert". In einer Demokratie hat jeder das Recht, eine eigene Meinung zu haben. Aber ist eine Gruppe von Demonstranten berechtigt, Milliardenprojekte zu verhindern, die vor Jahren beschlossen worden sind, und die auch von einem großen Teil der Bevölkerung befürwortet werden?
Die Zukunft Baden-Württembergs ist ohnehin schon beschlossen. Im März wird gewählt. Die Grünen werden gewinnen und zusammen mit der SPD die Regierung bilden. Vielleicht noch mit den Linken zusammen. Stuttgart 21 wird gestoppt und hinterlässt eine Baugrube, die wie eine Wunde in Stuttgart klafft. Stuttgart wird eine Stadt bleiben, die zwar eine TGV-Verbindung nach Paris hat, aber zu der eben dieser TGV einen Riesenbogen fahren muss - dank des Kopfbahnhofs (K 21). Stuttgart wird (vielleicht) Landeshauptstadt bleiben. Aber nie wieder bekommt diese Landeshauptstadt Geld für ein Milliarden- oder auch nur Millionenprojekt vom Staat. Denn als das Volk mit Stuttgart 21 den Fortschritt verhindert hat, sind wir zur Lachnummer der Nation geworden.

Donnerstag, 30. September 2010

Aktuelle Bilder - Stuttgart 21 und Nordkorea

Es gibt nun ein Foto, das den neuen Mann in Nordkorea zeigt. Nur zwei Plätze weiter sitzt der "alte" Mann, sein Vater Kim Jong-il. Die Mienen der beiden Männer - versteinert, wie immer.












Wer hier noch eine kurze Übersicht des BBC sehen will (allerdings auf Englisch):
Video1

Und hier: Bilder wie vom G8-Gipfel. Ich bin ja ein Befürworter von Stuttgart 21, ganz einfach aus Protest, weil alle anderen dagegen sind und denken, die andere Hälfte Baden-Württembergs müsse auch dagegen sein. Jetzt geht es ans Eingemachte. Demnächst werden die ersten Bäume des Schlossparks gefällt, an die seit heute Mittag jedoch einige Demonstranten gekettet sind.
Es gab Szenen, die wir aus Deutschland nicht mehr kennen.
Wasserwerfer, Pfefferspray, prügelnde Polizisten. Seit Jahren, Jahrzehnten hat es in Stuttgart keine Wasserwerfer mehr gegeben. Und heute war es dann doch so weit. Die Polizei griff durch. Gegen unbewaffnete, friedliche Demonstranten - bei einer angemeldeten Demonstration. Es gab blutige Nasen, tränende Augen, nasse T-Shirts.
Man muss sich jetzt doch fragen: War das nicht vielleicht ein bisschen viel?












































(Das sind Pressefotos; die stammen nicht von mir.)

Mittwoch, 29. September 2010

Korruption, Politik und der kleine Mann

Geld regiert die Welt. Das wusste man schon immer. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Eigentlich wollte ich heute ein wenig über den Nahen Osten plaudern. Die Friedensgespräche ziehen sich weiter in die Länge, während nun sogar ein "jüdisches" Boot den Gazastreifen angesteuert hat, um dort die humanitäre Lage zu verbessern. Die israelische Marine stoppte das Boot mit seinem Inhalt, der sprichwörtlich "in einen Kofferraum gepasst hätte". Und am Rande diskutiert man weiter über die Zwei-Staaten-Lösung. Am 28. September hatten die Israelis die zehnmonatige Unterbrechung der Bautätigkeiten im Westjordanland beendet - so wie es vereinbart war. Nun bekommen einige der Familien wieder ein Zuhause, die vor fünf Jahren ihre Häuser im Gazastreifen verloren haben und seitdem in Wohncontainern schlafen und leben mussten.
Doch das alles ist heute nicht mein Thema. Dafür will ich ein paar andere Dinge anschneiden, die mir in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen sind.

Korruption - ein hartes Wort. Und genau so lautete der Vorwurf gegen Juri Michailowitsch Luschkow, den (nunmals ehemaligen) Oberbürgermeister von Moskau. Nun wurde er entlassen. Der 74jährige wurde abgesetzt durch ein Dekret, das der russische Staatspräsident Wladimir Medwedjew höchstpersönlich unterzeichnet hatte. Doch wer war Juri Luschkow? Der deutschen Öffentlichkeit war dieser Name nicht wirklich geläufig. Bekannt wurde Luschkow jedoch, als er die russische Millionenmetropole während der verheerenden Waldbrände vor ein paar Monaten alleine ließ. Wahrscheinlich vertrug er den Smog nicht mehr, deshalb flüchtete er aus seinem kleinen "Fürstentum". Denn ein "Fürst" war er, der Herr Luschkow. Kaum ein anderer Bürgermeister dieser Welt hatte so viel Macht und Einfluss wie er. Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass die Wirtschaft in der Kreml-Stadt floriert. "Die russische Hauptstadt ist wirtschaftlich so stark wie Südafrika. Fast ein Viertel des russischen Bruttoilandsprodukts wird in Moskau erwirtschaftet", schreibt die FAZ. Luschkow war seit 1992 im Amt, fast zwei Jahrzehnte. Er hatte überall seine Hände im Spiel - legal wie illegal, wird vermutet. Wurde er dem russischen Präsidenten zu mächtig? Oder wurde er im Rahmen einer Anti-Korruptions-Maßnahme abgesägt? Wir wissen es nicht. Wie einfach so etwas in Russland funktioniert, zeigt Medwedjews Statement: "Gemäß dem Erlass, den ich unterzeichnet habe, gibt es einen amtierenden Oberbürgermeister von Moskau - das ist Wladimir Ressin." Ressin übernahm die Amtsgeschäfte Luschkows kommissarisch, bis ein neuer Bürgermeister gewählt/eingesetzt werden kann.

Was gibt es noch? Ach ja, ein paar Talkshows und Diskussionen um die letzte Hartz-IV-Erhöhung. Ganze 5 Euro erhalten Arbeitslose nun zusätzlich. Bei der Linken und bei den meisten Hartz-IV-Empfängern sorgte das natürlich für Empörung, Enttäuschung und Protest. Aber jetzt müssen wir uns mal eines fragen: Was haben wir erwartet? Was war abgemacht?
Ursula von der Leyen stellte klar: Die Erhöhung des Geldsatzes war aus dem Durschnittseinkommen eines kleines Verdieners errechnet worden.
Was ist daran falsch?
Was für eine Erhöhung haben wir uns erwartet? 40 Euro? 100 Euro??
Wir müssen uns einmal eines klar machen: Es gibt Länder in Europa, wo Menschen einen Grundbetrag erhalten - egal was sie vorher verdient haben. In Polen erhält ein Arbeitsloser ein Jahr lang Unterstützung. Ein Jahr, danach sollte er wieder einen Job haben. In Spanien muss man 6 Jahre lang eingezahlt haben, um überhaupt etwas zu erhalten.
Unsere Einstellung gegenüber Hartz IV ist eine falsche. Hierbei handelt es sich nämlich um eine Übergangslösung - bis der oder die Betroffene wieder Arbeit hat. Es wird in unserem Land immer mehr zur Angewohnheit, dass sich der Hartz-IV-Empfänger mehr darum kümmert, sein Recht auf ein Leben in Wohlstand einzufordern, als sich einen neuen Job zu suchen. Ein Arbeitsloser kann nunmal nicht so viel verdienen wie ein Mensch, der ein mittleres Gehalt mit einem Fulltime-Job in einer 48-Stunden-Woche.
Ich will hier niemandem zu nahe treten. Aber heute beklagt man sich von allen Seiten, dass das Geld nicht reicht. Die Gründe hierfür werden gern verdrängt. Liegt es vielleicht an der Weise, wie wir Deutschen unser Geld ausgeben? Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass fünf Tiefkühlpizzen (für eine fünfköpfige Familie) mehr kosten als zwei selbstgebackene Pizzen? Haben Sie schonmal nachgedacht, wie lange man an einer kräftigen Gulaschsuppe essen kann?
Als Arbeitsloser muss man umdenken. Wenn das Geld nicht reicht, muss man sparen. Wenn es dann immer noch nicht reicht, dann muss der Staat ran. Aber heute ist es so: Wenn es so aussieht, als würde das Geld nicht reichen, wird laut protestiert.
Das ist meine Meinung. Und eine Meinung steht ja wohl jedem zu.
Statt Geld brauchen wir Maßnahmen. Jedes Kind braucht Bildung und Erziehung. Und bei Kindern aus sozial schwachen Familien ist das besonders wichtig. Auch als Arbeitsloser muss man die Möglichkeit bekommen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der "kleine Mann" freut sich nicht nur über Euros. Maßnahmen müssen ergriffen werden. Eine warme Mahlzeit in der Schule. Kostenlose Kulturangebote. Unterstützung von sozial Schwachen findet nicht nur in finanzieller Form statt - das haben wir in den letzten Jahren nur etwas verkannt. Und wenn Frau von der Leyen jetzt den Weg einschlägt, der in Richtung Maßnahmen führt, dann erntet sie vonseiten der SPD und der Linken nur Hohn, Spott und Gelächter. Was soll man dazu sagen?

Zum Thema SPD: Und schon sind wir wieder mitten im Wahlkampf. Stuttgart 21 ist immer noch aktuell. Und die Masche dürfte ja jedem mittlerweile klar sein: Kaum stellt sich die breite Masse (so scheint es zumindest) gegen das Bahnprojekt, tritt der Sprecher des Projekts, Wolfgang Drexler, zurück (ich berichtete). Somit scheidet die SPD endgültig aus dem Projekt aus, das sie vor Jahren noch selbst am Schreibtisch unterschrieben hatte. Sie fällt ihrem eigenen Vorhaben in den Rücken. Doch was bleibt der SPD in der Rolle der Opposition anderes übrig?
Der Effekt war erstaunlich. Die CDU fällt - natürlich nicht nur wegen Stuttgart 21 - bei der letzten Umfrage auf 29 Prozent zurück. Ein Rekordtief. Die SPD steht bei 24 Prozent, punktgleich mit den Grünen (!). Die FDP kommt über 5 Prozent nicht hinaus.
Es stehen hochinteressante Zeiten an. Und in Baden-Württemberg kommt die Landtagswahl im März 2011...

Nordkorea - Veränderungen ohne Wandel

In den letzten Tagen wurde heftig spekuliert: Wer ist der junge Mann, der auf dem Foto aussieht wie der nette Verkäufer vom Asia Imbiss nebenan? Die Fakten sind alles andere als gesichert; ja, man weiß nicht einmal, ob das Foto ihn überhaupt wirklich zeigt. Die verfügbaren Daten - so aufschlussreich wie der Steckbrief eines polizeilich gesuchten Verbrechers:


















Kim Jong-un,
26 bis 28 jahre alt,
spricht gebrochen Deutsch,
hält sich wahrscheinlich im Ausland auf.

Sicher ist nur eines: Am 27. Oktober wurde Kim Jong-un zum General ernannt, und das in einem Land, das als das unbekannteste der Welt gilt: Nordkorea. Und damit wurde er von seinem Vater (dem "Geliebten Führer") praktisch zum Prinzregenten ernannt. Der Machtwechsel dürfte in Kürze vollzogen werden. Und damit hätte Nordkorea einen neuen Mann an der Spitze. Den dritten aus der Kim-Dynastie.

Über Kim Jong-un weiß man aber noch etwas Interessantes: Er genoss zumindest einen Teil seiner Schulbildung in der Schweiz, und zwar an der privaten International School of Berne in Gümligen. Andere Berichte behaupten, er habe die 6. bis 8. Klasse an einer Volksschule in Köniz besucht - als Sohn eines Fahrers der Nordkoreanischen Botschaft.
Die Berichte sind verworren und fast nichts kann als sicher bestätigt werden. Das macht die Sache aber nur noch interessanter.

Interessanter ist aber vor allem eines: Wie wird er sein, der neue Herr Präsident? Welchen Titel wird man ihm geben, nachdem der Große Führer an seinen Großvater und der Geliebte Führer an seinen Vater vergeben sind? Wie wird er die Politik gestalten?
Nordkorea kann als letzte große Bastion des Kommunismus gelten, denn im Gegensatz zu Kuba hat man sich hier in den letzten Jahren verstärkt um Atomwaffen gekümmert. Während politische Gegner (und auch Christen) in den Lagern des Landes dahinvegetieren, ging es Nordkoreas Führern stets gut. Das Land des Winterkohls und des Ginseng (daraus kann man auch Tee machen) gilt als eines der ärmsten der Welt. Doch Kim Jong-il residiert in Palästen, besucht Militärparaden und lauscht andächtig den in den Theatern zelebrierten Lobeshymnen, wo nur eine einzige Person gelobt und gepriesen wird - nämlich er selbst.
Wird der junge Kim Jong-un in die Fußstapfen seines Vaters treten? Wird er sein Volk genauso unterdrücken? Man munkelt, dass der junge Kim den Angriff auf ein südkoreanisches Militärschiff (Ende März, 46 Tote) selbst kommandiert haben soll. Sieht der Thronfolger den Nachbarn aus dem Süden ebenso als Klassenfeind?

Fragen über Fragen. Nordkorea wird in den nächsten Jahren ein interessantes und höchst explosives Thema bleiben. Denn eines ist sicher: Die ersten Atomtests fanden schon 2006 statt. Zwar droht der kommunistische Staat nicht mit der Auslöschung Israels, aber er hätte die Macht, einen neuen Weltkrieg zu beginnen. Wo sich Achmadinedschad den Mund fusslig redet, noch an einer Bombe bestellt und nebenher mit Atomkraftwerken sein Volk mit Strom versorgt (so scheint es), hat Kim Jong-il die Phase mit der Energieversorgung übersprungen. Überholen ohne einzuholen, war das nicht schon die Devise der DDR? Anstatt die Hauptstadt Pjöngjang mit Strom zu beliefern - und zu verhindern, dass um 22 Uhr der Saft im gesamten Stadtgebiet abgeschaltet werden muss - baut Kim Jong-il die Bombe. Still und heimlich, ein paar weniger leise Tests, und schon gehört man dazu. Und so richtig schien das damals keinen zu interessieren. Hoch interessant. Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn der Machtwechsel vollzogen ist.

Und was macht der Nahostkonflikt? Über den schreibe ich euch morgen. Beziehungsweise heute. Aber zu einer anderen Tageszeit...

Samstag, 18. September 2010

Was gibt's Neues?

Naja, wirklich Neues gibt es nicht viel. Alles das alte Lied. Stuttgart 21 erregt immer noch die Gemüter in Baden-Württemberg - oder zumindest vor Ort in der Landeshauptstadt. Demonstrationen sind an der Tagesordnung. Aber bei Stuttgart 21 geht es längst schon nicht mehr nur um einen Bahnhof. Heute morgen trat auch noch der Projektsprecher Wolfgang Drexler (SPD) zurück. Stuttgart 21 verliert sein "prominentes Gesicht" und die SPD rückt immer weiter in Richtung Grün. Früher hat die SPD das Bahnhofsprojekt befürwortet, heute ist man geschlossen dagegen. So langsam kommt die Vermutung auf, dass es bei der ganzen Sache mehr und mehr um Wählerfang geht. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg steht im März 2011 an. Bis dahin wird noch einiges passieren. Vielleicht kommt das Projekt bis dahin weiter voran - oder es gibt eine Volksabstimmung und einen Baustopp.

Einen Baustopp fordern auch die Palästinenser. Aber nicht für Stuttgart 21, sondern für die israelischen Siedlungen im Westjordanland. Religiöse jüdische Siedler wollen allerdings das biblische Kernland nicht aufgeben. Jüdisches Erbe - wie z.B. die Gräber der Patriarchen (Abraham, Isaak und Jakob) in Hebron - wollen sie nicht einfach den Palästinensern überlassen.
Anders als Deutschland - so scheint es zumindest - steckt Israel das ganze Jahr über im Wahlkampf. Dieses Mal ist also wieder Benjamin Netanjahu am Zug. Und er hat jetzt die große Möglichkeit, etwas zu bewegen. Doch das letzte Treffen (am Dienstag im ägyptischen Sharm el Sheikh) drohte genau an der Siedlerfrage zu scheitern. Währenddessen lobte jedoch Hillary Clinton (Außenministerin USA): "Beide Seiten meines es ernst."
Doch trotz aller Friedensgespräche - der tägliche Alltag bleibt vorerst wie gehabt: Die israelische Armee mischt mutmaßliche Terroristen im Westjordanland auf, die Hamas schießt weiter unentwegt jede Woche dutzende von Raketen auf Israel.

Doch wieder zurück nach Europa. Auch hier gibt es zurzeit ein bisschen Wirbel, und zwar um Monsieur Nicolas Sarkozy. Unser französischer Freund war seinerzeit als französischer Innenminister kritisiert worden, weil er nach den Unruhen in Frankreich 2005 sagte, man müsse das "Gesindel" und den "Abschaum" (hier verwendet für "Immigranten") "wegkärchern" (mit einem Hochdruckreiniger eliminieren). In den letzten Wochen - Sarkozy ist inzwischen Staatspräsident - ist Frankreich wieder in den Medien, dieses Mal wegen der Abschiebung hunderter von Roma in ihre Herkunftsländer Rumänien und Bulgarien. Viele Roma leben in Frankreich in neu entstandenen Elendsquartieren - ähnlich wie in Rumänien. Der französische Staatspräsident ließ diese Quartiere nun räumen und schickte die Bewohner kurzerhand zurück. Von allen Seiten hagelte es nun Kritik, Rassismus- und Fremdenfeindlichkeitsvorwürfe. Sarkozy zeigt sich - wie immer - unbeeindruckt.
Und der Hammer kommt noch: Angeblich hat sich Sarkozy auf dem jüngsten EU-Gipfel in Brüssel mit Angela Merkel unterhalten und erfahren, dass auch in Deutschland die Abschiebung tausender von Roma geplant sei, und dass man die entstandenen Roma-Lager in der Bundesrepublik auch zu räumen gedenke. Hmm. Nun ja, die Sache ist aber die: In Deutschland gibt es weder solche Lager, noch hat Frau Merkel etwas dergleichen behauptet. Keiner der Anwesenden vom letzten EU-Gipfel kann sich daran erinnern, dass Merkel und Sarkozy über dieses Thema geredet hätten. Die Vermutung wird laut, dass Sarkozy seine Politik rechtfertigen will, indem er Deutschland mit in diesen Schlamassel reinzieht. Und dazu äußern sich kritische Stimmen nicht nur im Ausland, sondern auch in Frankreich selbst. Eine Zeitung schrieb, dass Sarkozy zwar versuche, seine Politik zu rechtfertigen, indem er behauptet, andere Länder würden genauso verfahren wie er, aber in Wirklichkeit steht Frankreich isoliert da.
Sarkozy ist eine umstrittene Persönlichkeit. Manchmal mehr Dichter als Staatspräsident. Aber das ist nicht unbedingt neu. Im November 2009 behauptete er sogar, am Morgen des 9. November 1989 vom geplanten Fall der Mauer erfahren zu haben - zu diesem Zeitpunkt hat noch nicht einmal das Zentralkomitee der SED davon gewusst - und nach Berlin gereist zu sein. Damals war er noch ein unbekannter Parlamentsabgeordneter. Angeblich hat er dem Mauerfall beigewohnt und sogar mit dem Pickel ein paar Steinbrocken von der Mauer abgepickelt. Ach ja, eine interessante Geschichte...

Politik steckt voller Überraschungen. Ein unerschöpflicher Vorrat an Geschichten, Gerüchten und Geschehnissen. Und so geht auch diese Woche zu Ende. Deutschland hat sich in der Zwischenzeit zwei neue ehemalige Guantanamo-Häftlinge ins Land geholt. Der Papst tourt durch Großbritannien, wobei Scotland Yard gleich einen Terroranschlag vereitelt. Und abseits des Weltgeschehens hat unser FDP-Außenminister Guido W. jetzt einen Ehemann...

Montag, 13. September 2010

Kommentar am Dienstagmorgen (00:30 Uhr)

Entwarnung. Terry Jones hat den Koran doch nicht verbrannt. Angeblich hatte er im Gegenzug den Zuspruch erhalten, dass die geplante Moschee am Ground Zero in New York doch nicht gebaut werde - was der New Yorker Imam jedoch bestreitet. Jedenfalls: Jones war am 10. September auf dem Weg in die Millionenstadt, um den muslimischen Geistlichen höchstpersönlich zu treffen. Was dabei herauskam, ist unklar.

Der Nahostkonflikt ist währenddessen noch in vollem Gange. Das Übliche eben: Die Hamas schießt fleißig Raketen auf Israel und schimpft über die "Verräter" (die Fatah-Partei von Mahmud Abbas) im Westjordanland. Israel reagiert auf den Raketenbeschuss und bombt Schmugglertunnel aus, die neben Lebensmitteln auch Waffen aus Ägypten nach Gaza bringen. In der Nähe des Grenzzaunes zwischen Gaza und Israel wurden drei Männer erschossen, die in einer Gruppe bewaffneter Menschen unterwegs waren. Zugegeben: Einer der Männer ist ein 91jähriger Bauer. Ob der etwas mit den Terroristen zu tun hatte, ist fraglich.

Einen weiteren möglichen Dämpfer für den weiteren Verlauf der (langfristigen) Friedensbemühungen gab es vonseiten der Fatah-Regierung des Westjordanlandes: Ein Sprecher betonte, man werde einen "jüdischen Staat Israel" nie akzeptieren.
Jetzt ist natürlich die Frage: Um welche Definition des "jüdischen Staates" geht es? Wir wissen ja, dass Israel gegründet wurde, um dem heimatlosen, verfolgten und beinahe ausgerotteten jüdischen Volk ein Land zu geben, in dem es leben kann. Wir wissen aber auch, dass heute 20 Prozent der Einwohner Araber sind. Außerdem hat die Palästinensische Autonomiebehörde Angst, dass diejenigen Araber, die 1948 im Laufe des israelischen Unabhängigkeitskrieges geflohen sind, nun dauerhaft die Möglichkeit zur Rückkehr verlieren könnten.
Die Frage ist aber auch: Wie soll es weitergehen, wenn die Fatah Israel nicht anerkennt und die Hamas schon gar nicht? Klar ist nämlich: Israel muss existieren. Auch die Frage nach dem "wo" - die als letzter Mahmud Achmadinedschad gestellt hat - ist überflüssig. In seinen Gebeten denkt das jüdische Volk immer an Jerusalem - und das seit 2.000 Jahren. Die Frage nach Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen und bzw. oder des palästinensischen Volkes wird so also auch zu einem Problempunkt.
Ach ja, so ist das mit dem Nahostkonflikt. Wo einmal Hoffnung aufblitzt, ziehen schon bald neue(/alte?) Wolken vom Horizont her und drohen mit einem Gewitter. Jetzt bleibt abzuwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt.

Zum Thema Thilo Sarrazin habe ich mich jetzt noch nicht zu Wort gemeldet. Da ich zwei Wochen durch Rumänien gezogen bin habe ich den ersten Akt dieses Theaters verpasst. Aber dafür gibt es ja Zeitungen. So habe ich auch Gelegenheit gefunden, einige nette Leserbriefe zu lesen. Und da ist er wieder: Der unterdrückte Geist des kleinen deutschen Mannes, der sich freut, dass jetzt "endlich mal jemand die Wahrheit sagt". Typisch. Ein Großer sagt etwas "politisch unkorrektes" und könnte damit gleich eine Partei gründen, weil ihm die Hälfte der Deutschen blind hinterherlaufen würde. In solchen Fällen fallen mir immer die Sardellen aus der Zeichentrickserie "Spongebob Schwammkopf" ein - die kommen immer in Massen vor, blinzeln ab und zu mit den Augen und haben nichts im Kopf.

Klar, wir haben ein Problem mit fehlgesteuerter Immigration und Integration. Wir haben sogenannte Parallelgesellschaften, die sich aber statt nur parallel oftmals auch in die entgegengesetzte Richtung entwickeln. Wir haben mittlerweile ein Problem mit wachsendem Islamismus. Tatsache ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung verunsichert ist. Ein anderer Teil der Bevölkerung jedoch - etwa 18,7 Prozent - fragt sich, ob er sich demnächst vor Pogromen fürchten muss, nämlich all jene Einwohner mit Migrationshintergrund.
Es ist einfach unhaltbar zu behaupten, dass Türken unsere Gesellschaft dümmer machen. Sarrazin spricht von "Kopftuchmädchen". Dabei wirft er auch noch mit Zahlen um sich, die den kleinen Mann zwar beeindrucken, aber weniger dramatisch erscheinen, wenn man sie von zwei Seiten betrachtet anstatt nur von einer.
Natürlich, wer andere von mir verfasste Kommentare liest weiß, dass ich eine relativ islamkritische Position vertrete. Allerdings: Dass sich auf einen Schlag ca. 19 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger vorstellen könnten, eine eventuelle Partei des SPD-Bundesbankers zu wählen, nur weil er sich traut, die "Wahrheit" zu sagen - das ist erschreckend. Unsere Geschichte hat uns gelehrt, wie leichtfertig der deutsche Wähler seine Stimme vergibt, wenn man ihn mit den richtigen (bzw. "rechten") Thesen beeinflusst...

Aber zugegeben: Kam es der Regierung nicht gerade recht, dass Sarrazin für Wirbel sorgte? Zum Beispiel erfuhr ich erst am Donnerstagabend (9. September) von einem "Geheimvertrag" über die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke. Und zu diesem Zeitpunkt war die Sache schon unter Dach und Fach. Die Bundesregierung will die deutschen Atommeiler im Schnitt zwölf Jahre länger am Stromnetz lassen als bisher vorgesehen - die älteren Anlagen acht Jahre lang, die jüngeren 14 Jahre. Die Koalition hat darüber bereits eine Vereinbarung mit den großen Energiekonzernen geschlossen. [1]
Darüber hat die Öffentlichkeit kaum etwas gehört. Und das nur, weil Sarrazin - und vor allem die von den Medien hochgespielten Reaktionen seiner Befürworter und Gegner - für Lärm sorgte. Wie leicht lassen sich Menschen durchschauen, berechnen und steuern - die Frage ist nur: Von wem?