Montag, 17. September 2012

Nablus - Ein Ausflug nach Palästina

Seit meinem letzten Besuch in Nablus im Februar 2011 hat sich nicht viel verändert. Nur das übergroße Plakat des inhaftierten Terroristen/Freiheitskämpfers Marwan Barghuthi prangt nicht mehr am Ortseingang. Das geschäftige Treiben in der Altstadt, die vielen Taxis und der Duft der Bäckereien und das Gegacker der Hühner in ihren garantiert nicht EU-konformen Käfigen ist noch immer dasselbe. Auf dem Weg hinunter vom Berg Garizim bietet sich uns der Blick über die ehemals bedeutendste Stadt Samarias.

Panorama

Ein vielfaches palästinensischer als Ramallah und weniger bis gar nicht touristisch ist diese Stadt zwischen den zwei Bergen - dem Garizim und dem Ebal - ein gut gelegenes Ziel für einen Ausflug von Jerusalem aus. Die Anreise erfolgt per Bus via Ramallah. Je nach Dichte der Checkpoints dauert die Fahrt mal länger, mal weniger lang. In der Regel benötigt man etwas mehr als eine Stunde.

Um aus einem einzigen Nachmittag das meiste herauszuholen, haben wir uns zuerst unseren Weg durch die Gassen gebahnt auf der Suche nach der ultimativen kulinarischen Köstlichkeit: Kafeh. - Ein zuckersüßes Etwas von zweifelhafter Konsistenz, hergestellt aus weißem Käse, überbacken mit orangem Weizen und übergossen mit Sirup. Auf jeden Fall lohnenswert.

Knafeh

Das kleine Lokal war ein Geheimtipp eines meiner Mitreisenden, direkt neben einer Parfümerie gelegen, in der man angeblich importierte Meisterwerke der französischen Duftkunst käuflich erwerben kann - was westliche Touristen natürlich sofort tun.
Und weiter ging's zur Seife. Die gute Olivenseife à la Nablus stand von Anbeginn auf meiner Einkaufsliste. Drei Fliegen mit einer Klappe schlagend griff ich zu: Kurbelte ich doch durch meinen Kauf die schwache palästinensische Wirtschaft an, erwarb ich gleichzeitig auch ein Stück Geschichte, das aus einer Zeit erzählt, in der Nablus noch der wirtschaftliche Knotenpunkt des damaligen Palästina war - an der Straße nach Damaskus gelegen und umgeben von Olivenhainen. Und ein Haufen origineller Souvenirs in Form grünlichbrauner, wage an Würfel erinnernder Klötze war mein.

Seifenklötze (hier verpackt), Öl und Eier

Das Aroma des Suq begleitet einen durch die Gassen. Bäckereien, Gewürzhändler und Fleischer, Souvenirhändler mit Schachbrettern und Lebensmittelhändler lassen den Orient aufleben, wie man ihn sich erträumt. Was in Jerusalem manchmal künstlich wirkt, hat hier seine Authentizität behalten.

Gewürze

Man darf jedoch nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass im Jahre 2004 die Arbeitslosenrate in Nablus bei 60% lag. Die Menschen haben nur das Nötigste und sind oftmals auf Improvisationen angewiesen. Touristen sind ein seltenes Bild; blonde Deutsche sind wandelnde Attraktionen. Die Einwohner der Stadt versuchen, sich mit dem Handel über Wasser zu halten. Und selbst die Limonade aus der PET-Flasche, für die man als Tourist schätzungsweise den doppelten Preis bezahlt, ist mit ihren 4 Schekeln immer noch halb so teuer wie in Israel.

Bäckerei
Nablus hat wirtschaftlich gewiss noch ein großes Potenzial. Dieses Jahr wurde der Hawara Roadblock entfernt. Seitdem kann auch wieder die berühmte Eiscreme nach Jordanien und in den Irak exportiert werden. Pro Tag werden von Al-Arz ganze 50 Tonnen Eis produziert.
Die Stadt ist gesäumt von Autowerkstätten und Möbelhandlungen, von denen jedoch auch jede einzelne die Frage offen lässt, ob denn genug Kundschaft für das Angebot da ist.

Der Wirtschaft würde eine Beschleunigung des Friedensprozesses (oder besser: die Wiederingangsetzung desselben)  gut tun. Doch in Nablus ist die Distanz zu Israel oder einer baldigen Lösung des Konflikts größer als an vielen anderen Orten. In den Gassen hängen noch hunderte Plakate der "Märtyrer" aus Zeiten der Zweiten Intifada. Es sind Kämpfer der Al-Aqsa-Brigaden, Terroristen - aber auch Kinder. Viele der Abgebildeten sprengten sich in israelischen Linienbussen selbst in die Luft und wurden so zu Mördern, andere wurden bei einem der vielen Einsätze der israelischen Armee inmitten der Stadt als unschuldige Zivilisten getötet. Sie haben die unterschiedlichsten Schicksale, doch hängen sie an derselben Wänden - verewigt für einige weitere Jahre, auf vergilbendem Papier, das sich schon vom Untergrund löst. Der Schmerz der Hinterbliebenen, der Stolz, die Wut - diese Emotionen werden die Lebensdauer des Papiers überleben. Um hier in naher Zukunft Brücken bauen zu können bedarf es einer real wahrscheinlich nicht existierenden Kraft.


Samstag, 15. September 2012

Die Samaritaner

Es gibt von ihnen noch etwa 750 Personen - und sie müssen Frauen von außerhalb in ihre Gemeinschaft bringen, um sich und ihre Kultur am Leben zu erhalten. Zur Zeit des britischen Mandats zählten sie nur noch 150 Mitglieder, doch bis heute ist ihre kleine Gemeinde gewachsen. Die Samaritaner leben nur noch an zwei Orten: im israelischen Holon und im palästinensischen Nablus.


















Wir trafen den Museumsdirektor Husney W. Cohen im Gemeindezentrum auf dem Berg Garizim, über den Dächern der Stadt Nablus. Die Anreise per Bus aus Jerusalem und Ramallah hatten wir auf uns genommen, um das Museum zu besuchen. Zuerst erschien es geschlossen. Renovierungsarbeiten, erklärte mir ein Anwohner. Doch nach einigem Fragen fanden wir den älteren Herrn dann auf der Treppe der Bibliothek. Für umgerechnet 5 Euro wollte er uns eine private Führung anbieten. Er suchte seine Schlüssel, dann zeigte er uns das Buch, das er selbst geschrieben hatte: "Die Verirrung der Israeliten" heißt es. Das Werk ist bisher nur auf Arabisch vorhanden, soll aber auch auf Englisch und einige andere Sprachen übersetzt werden, so groß sei die Nachfrage. Darin erklärt er seine eigene Version der Wüstenwanderung, die Moses mit dem Volk der Israeliten in 40 Jahren zurücklegte, bevor er ins Land Kanaan einzog. Durch die samaritanische Überlieferung der althebräischen Sprache seien die Ortsnamen in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben und man könne den Weg des Volkes aus samaritanischer Perspektive besser nachvollziehen als aus der Überlieferung der hebräischen Bibel. Im Museum zeigt er uns den Weg auf einer Landkarte.


Doch es geht nicht nur um Geografie. Cohen, der Experte und (wahrscheinlich) künftiger Hohepriester der Samaritaner, zeigt uns anhand von Slide-Shows die blutigen Opferrituale am Pessach-Fest. Auf dem Berg Garizim befand sich vor langer Zeit der legitime Tempel - zumindest aus Sicht der ansässigen Samaritaner. Als Hohepriester fungiert immer der älteste aus der Familie, die sich vom Stamm Levi herleitet. Er sei der nächste in der Reihe.

Im Jahre 722 v. Chr. wurde die samaritanische Oberschicht von den Assyrern verschleppt. Die normale Bevölkerung blieb jedoch in der Region. Die Samaritaner überstanden auch den Einfall der Babylonier um 586 v. Chr., durften jedoch nach der Rückkehr der Verschleppten nach Judäa nicht am Bau des Tempels in Jerusalem teilhaben. Zum zentralen Heiligtum wurde der Tempel auf dem Berg Garizim. Die Samaritaner bewahrten sich ihre alten Überlieferungen der Heiligen Schrift und spalteten sich vom Judentum ab, das selbst noch im Entstehen war. Bis heute haben sie die alte und aus ihrer Sicht ursprüngliche Form der Torah bewahrt. Die prophetischen Bücher des Judentums jedoch sind für die Samaritaner nicht von Bedeutung.


Heute führt Husney W. Cohen durch das anschauliche und überraschend moderne Museum. Er präsentiert die Kopie der ältesten Torahrolle, die jedoch geraubt wurde, und erklärt, dass die Kinder diese antike Sprache lernen müssen, um die Traditionen zu erhalten. Man habe den Frauenmangel überwunden, indem man eine große Anzahl jüdischer, christlicher und muslimischer Frauen in die Gemeinschaft hätte einheiraten lassen.
Cohen zeigt uns auch seine drei Pässe: Er besitzt einen palästinensischen, einen jordanischen und einen israelischen. Die Samaritaner in Holon besäßen nur einen israelischen, erzählt er. Doch hier im Westjordanland sei die politische Lage zu schwierig.


Nach diesem kleinen Exkurs nahmen wir uns wieder ein Taxi ins Tal und tauchten ein in das charmante Chaos von Nablus, in die endlosen Gassen des Suq, wo man Olivenseife kaufen und einen Tee genießen kann, bevor man die Rückreise nach Jerusalem antritt.

Freitag, 14. September 2012

Impressionen vom Golan

Heute habe ich unseren Mietwagen zum Flughafen gebracht, weil am Freitagabend alle sonstigen Autovermietungen im Land geschlossen haben. In den letzten Tagen hat uns unsere Exkursion vom See Genezareth bis auf den Golan und anschließend nach Haifa am Mittelmeer geführt. Nun sind wir in Tel Aviv angekommen und lassen den gemeinsamen Urlaub ausklingen. (Für mich ist die Reise ja noch lange nicht vorbei, aber für die drei anderen endet hier die Tour.)

Am See Genezareth, dem wichtigsten natürlichen Wasserreservoir Israels, stießen wir gleich neben unserer Jugendherberge auf die Ruinen von Khurvat Minya, einem umayyadischen Winterschloss aus dem 8. Jahrhundert, wo sich die Herrscher aus Damaskus die Zeit vertrieben. Unsere Orientalistenherzen schlugen höher. Das Areal ist überraschend weitläufig und archäologisch nur halbherzig erschlossen. Am Eingang gibt es nur eine einzige Hinweistafel. Teile der Ruinen liegen noch unter der Erde vergraben.

Der Eingang
Die Überreste der Moschee

Undefinierbare Artefakte

Vom See Genezareth ging es weiter auf den Golan. Seit 1967 von Israel besetzt besitzt das Gebirge jedoch einen besonderen Charme. Sowohl landschaftlich als auch historisch finden sich hier einige Kuriositäten. Der Yehudiya-Nationalpark verspricht Wandern und Erfrischung, die zahlreichen Ruinen alter arabischer Dörfer zeugen von der Vergangenheit. Stacheldraht, nie geräumte Mienenfelder, befestigte Bunkeranlagen und alte Armeestellungen machen die Brisanz einer Erkundungstour aus. Doch es ist vor allem der Blick nach Syrien, wo dieser Tage ein unmenschlicher Bürgerkrieg tobt, der einem die Lage der Region vor Augen führt. Aus der Ferne sieht das alles sehr ruhig und beschaulich aus. Doch nur wenige Kilometer sowie ein schmaler Streifen UNDOF-Pufferzone trennen uns von der Straße nach Damaskus.

Eine alte blockierte Brücke an der ehemaligen Grenze zu Syrien

Blick nach Syrien

Bunkeranlagen auf dem Golan

Von dem Hügel, auf dem sich übrigens auch einige riesige, mehr oder weniger arbeitenden Windräder befinden, kann man auch nach Quneitra schauen, einer zerbombten und unbewohnten Stadt, die sich mitten im UNDOF-Gebiet befindet. Nur eine einsame syrische Fahne weht über den Trümmern des Ortes.

Wir folgen der Strecke weiter nach Norden. Bald kommen wir nach Madschdal Schams, einem überwiegend von Drusen bewohnten Ort am Hang des Hermon. Hier kann man die bekannte Drusen-Pita essen, ein mit Quark und Saatar gefülltes Brot. Kein kulinarisches Feuerwerk, aber doch ein Stück Kultur. Die meisten Aufschriften über den Lokalen und Geschäften sind in hebräischer Schrift, die Menschen sprechen alle recht gut Hebräisch.

Madschdal Schams

In unmittelbarer Nähe hatten am 15. Mai 2011 syrische Palästinenser die Grenze zum Golan gestürmt und waren auf israelisch besetztes Territorium vorgedrungen. Vier Demonstranten waren getötet worden, durch israelisches Feuer und durch explodierende Mienen, die durch Molotow-Cocktails ausgelöst wurden. Einige der Demonstranten tauchten in dem Ort unter. Ein Palästinenser war von hier sogar bis nach Tel Aviv gereist, um das Haus seines Großvaters zu besuchen.



Auf unserem Weg hinunter vom Golan kamen wir noch an der Nimrodsburg vorbei. Dieses mittelalterliche Gemäuer erinnert an den biblischen König Nimrod, der auch im Koran genannt wird. Nach der muslimischen Tradition soll er von Gott durch eine Fliege getötet worden sein, die in seiner Stirnhöhle umhersummte und ihm unsägliche Schmerzen bereitete. Die Burg selbst wurde jedoch von einem Neffen des Sultan Saladin im Jahre 1229 errichtet.

Donnerstag, 13. September 2012

Jerusalem

Nachdem unsere kleine Reisegruppe komplett war, haben wir zuerst einmal die Stadt erkundet. Jerusalem ist einer der faszinierendsten Orte der Welt. Hier treffen sich Orient und Okzident, hier stoßen die unzähligen Facetten von Tradition und Moderne zusammen. Und nicht zuletzt die drei großen monotheistischen Weltreligionen finden in Jerusalem einen ihrer wichtigsten - wenn nicht sogar den wichtigsten - Mittelpunkte.

Über Jerusalem habe ich in der Vergangenheit viele Blogeinträge gemacht, deshalb werde ich mich hier auf einige neue Fotos beschränken. Viele Motive bleiben auch nach Jahren vielversprechende und lohnenswerte Objekte zum Ablichten.

Die Al-Aqsa-Moschee


















Orthodoxe Juden beim Gebet an der Klagemauer

















Nur wenige Meter trennen das Areal der Al-Aqsa-Moschee von der jüdischen Klagemauer, dem letzten Überrest der Befestigung de riesigen Plateaus, auf dem der Tempel bis 70 n. Chr. stand. In unmittelbarer Nähe befinden sich hier die Betstätten von Muslimen und orthodoxer Juden, die in ihrer traditionell-osteuropäischen Kleidung in der Sonne schwitzen. Und inmitten des Geschehens bahnen sich Touristengruppen ihren Weg durch das Gewusel, zerstören bisweilen die einzigartige Atmosphäre und sind doch nicht wegzudenken.

Der Hiskija-Tunnel

Ein interessanter Ort befindet sich unter der sogenannten Davidsstadt, einer archäologischen Ausgrabungsstätte, die als das ursprüngliche Jerusalem angesehen wird, politisch jedoch für Brisanz sorgt, da für die Arbeit der Archäologen einige arabische Häuser abgerissen wurden. - Unter der Davidsstadt verläuft ein Tunnel, der eigens für die Wasserversorgung in den Felsen gehauen wurde. Er soll 701 v. Chr. von König Hiskija gebaut worden sein, um angesichts des assyrischen Ansturms die Frischwasserzufuhr der Stadt zu schützen.
Heute kann man den Tunnel begehen. Dabei legt man jedoch nur einen kleinen Teil der Strecke trockenen Fußes zurück. Lange 450 Meter muss man in totaler Dunkelheit, nur mit dem Licht eines Handys und in weitgehend geduckter Haltung in eiskaltem Quellwasser waten, das bis zu 70 cm hoch wird. Ein Muss für alle Tunnel- und Höhlenfans.

Um auf den Tempelberg zum Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee zu gelangen, muss man sich dieser Tage in die lange Schlange in der Hitze wartender Touristen einreihen. Nach einer guten Stunde hat man sein Ziel jedoch erreicht.

 Der Felsendom - ein immer wieder lohnendes Motiv

Mittwoch, 5. September 2012

Angekommen

Nach einem zu langen Tag bin ich vorhin in Jerusalem angekommen. Da war wieder alles dabei, von einem badischen Snack am Morgen über die ungewohnte Ruhe der Schweizer in Basel bis hin zu den typisch israelischen Israelis im Warteraum des Flughafens. Die altbekannte Unordnung lässt schon im Flugzeug die Erwartung auf Israel steigen. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die fremden Gesichter und Hüte einmal Tel Aviv und einmal Jerusalem zuzuordnen versuche. Man kann als Kenner deutlich zwischen diesen beiden Menschentypen unterscheiden.
Die Grenzkontrollen fallen dieses Mal aus, ich bekomme unkompliziert meinen Stempel in den Pass. Von einer Hitzewand (abends um 19.00 Uhr) förmlich erschlagen setze ich mich in ein Sammeltaxi. Ein orthodoxer Jude sitzt schon, ein ukrainischer New Yorker steigt noch zu. Er spricht den Orthodoxen auf Jiddisch an. Nach einer kurzen Weile unterhalten sich die beiden über alles mögliche. Natürlich ahnt niemand, dass ich alles verstehe. Der Fahrer kann nur Hebräisch, die alte Dame hinter ihm nur Französisch. Irgendwo in Jerusalem sind wir ihrem Zielort sehr nahe gekommen. Der Fahrer fragt einen Jungen am Straßenrand, ob wir hier denn richtig seien. Die Dame schaut auch raus und merkt an, dass das der Schmuel sei. Der Fahrer ist verwundert, ruft dem Jungen dann aber noch hinterher: "Schmuel, warte! Du bekommst Besuch!" Und weiter geht's.
Irgendwann komme auch ich an, checke schnell ein, werfe mein Zeug in die Ecke und gehe erstmal los, um mir was zu trinken und zu essen zu kaufen - nach so einem langen Tag auch nötig. Wie man doch vom vielen Rumsitzen (im Zug, im Flughafen, im Flugzeug - und immer sind die Plätze viel zu eng gewesen) so kaputt sein kann...
Ein kleiner Spaziergang durch die Fußgängerzone, von der Straßenbahn fast überrollt, für einen Schisch-Kebab-Spieß zu viel bezahlt... da fühle ich mich heimisch. Und im Aufenthaltsraum des Abraham Hostels ist wieder so viel los wie letztes Jahr schon, während ich meinen Post online stelle, ohne ihn nochmal durchzulesen - und sogar der missionierende Taiwanese ist da, der allen von seinen Erleuchtungen erzählt und das Jerusalem-Syndrom zur Schau stellt. 

Morgen sehe ich mich mal um. Ich muss ja sichergehen, dass hier alles beim Alten geblieben ist. ;)

Montag, 3. September 2012

Liebe Leser,

ab Mittwoch, den 5. September 2012 gibt es hier wieder Neuigkeiten und Berichte aus dem Nahen Osten zu lesen!

Ab Mittwoch werde ich wieder für 4 Wochen in Israel und Palästina sein und mich vor Ort mit ein paar Leuten zusammen und alleine umsehen. Hier könnt Ihr dann die aktuellsten Berichte verfolgen! Neues aus Jerusalem und Interessantes aus der Metropole Tel Aviv findet Ihr hier. Auf meiner Liste stehen außerdem wieder Hebron, Nablus und dieses Mal auch Jenin!

Klickt euch rein!

Euer 
Thorschten 


PS: Kennt Ihr schon unsere Friedensbewegung Rock of Peace?

Samstag, 11. August 2012

Die Notablenfamilien von Jerusalem


Die palästinensisch-arabischen Notablenfamilien waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Element im Gefüge der palästinensischen Gesellschaft. In Jerusalem waren vor allem vier dieser Familien von großer Bedeutung. Hier werde sie in einem kurzen Überblick vorgestellt.

Naschaschibi

Der Name bedeutet so viel wie „Pfeilmacher“. Der Urahn dieser Familie, Nasr ad-Din an-Naschschibi, kam im Jahre 1469 als Stammesfürst und Armeeführer unter den Mamluken aus Ägypten nach Jerusalem. Ihm wurde die Aufsicht über die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem und die Höhle der Patriarchen (Abrahamsmoschee) in Hebron übertragen.

Die Naschaschibis etablierten sich zu einer der wichtigsten Jerusalemer Familien. Viele ihrer Mitglieder hatten wichtige Positionen in den lokalen Regierungen unter den Mamluken, den Osmanen, zur Zeit des britischen Mandats und auch unter jordanischer Herrschaft inne. Sie waren auch bedeutend als Grundbesitzer, Händler und Beamte. Ein prominenter Familienältester, Raschid an-Naschaschibi, war einer der zwei Repräsentanten Jerusalems im osmanischen Parlament (Madschlis). Ein weiterer Vertreter der Familie war der als Bürgermeister fungierende pro-britische Raghib an-Naschaschibi (1881-1951).

Husseini

Die Familie al-Husseini führt sich traditionell zurück auf den Sohn Alis, Hussein ibn Ali. Die ersten Mitglieder des Clans kamen im 12. Jahrhundert mit Sultan Saladin ins Heilige Land. Im Gegensatz zum größten Teil der Bevölkerung Palästinas gehörten die Husseinis der hanafitischen und nicht der schafiitischen Rechtsschule an. Die Familie war vor allem in der Jerusalemer Altstadt, aber auch in Scheich Jarra oder Katamon vertreten.
Im Laufe der Geschichte kämpften die Husseinis gegen verschiedene Herrscher, darunter Muhammad Ali, die Jungtürken und später die Briten. Die Husseinis vertraten in großem Maße die nationalistischen Strömungen unter den eingesessenen Familien Jerusalems.

Bekannt wurde vor allem der Großmufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Husseini (1897-1974), der im Arabischen Aufstand gegen die Briten, die Zionisten und auch gegen die rivalisierende Familie der Naschaschibis kämpfte. Er war berüchtigt für seine Kontakte zu den deutschen Nationalsozialisten: Seit 1941 lebte er in Berlin. Husseini wusste nachweislich vom Holocaust und unterstützte ihn.

Nusseibeh

Die an-Nusseibehs sind die älteste der Jerusalemer Notablenfamilien. Sie führen sich auf eine Gefährtin des Propheten Muhammad mit Namen Nusseiba zurück und sind ein Unterclan des Khazraj-Stammes aus Medina. Die Familie kam mit den islamischen Eroberungen ins Heilige Land und ist seit dem Jahre 637 in Jerusalem ansässig.

Bekannt ist die Familie vor allem für die Zuständigkeit über die Grabeskirche in Jersusalem:
Seit der Eroberung der Stadt durch Sultan Saladin im Jahre 1192 besitzen die Nusseibehs die Schlüssel zu diesem christlichen Heiligtum. Da unter den christlichen Konfessionen immer Uneinigkeit herrschte, was die Zuständigkeitsbereiche innerhalb der Kirche anging, gab der Herrscher die Verantwortung an eine muslimische Familie ab. Später wurde unter den Osmanen ein anderer Schlüssel an eine weitere wichtige Jerusalemer Familie, al-Ghudayya (heute Joudeh), übergeben. Seither teilen sich beide Familien die Verantwortung.

Khalidi

Es gibt verschiedene Angaben über die Herkunft der Familie al-Khalidi. Einigen Quellen zufolge taucht sie erst im 11. Jahrhundert in Jerusalem auf. Die Familie selbst führt sich auf Khalid ibn al-Walid zurück, einen wichtigen General bei der muslimischen Eroberung Jerusalems im siebten Jahrhundert.

Die Familie ist bedeutend aufgrund ihrer langen Linie von Richtern und Gelehrten. Bekannte Persönlichkeiten aus neuerer Zeit waren u.a. Hussein al-Khalidi (1895-1966), der einige Jahre Bürgermeister von Jerusalem war, oder dessen Neffe Rashid Ismail Khalidi (geb. 1948), einem US-amerikanischen Historiker.

Die Rivalität zwischen den Husseinis und den Naschaschibis

Mit Beginn der britischen Mandatszeit begann sich der Konflikt zwischen der arabischen Bevölkerung und den zionistischen Neueinwanderern zu verschärfen. Die Palästinenser spalteten sich in unterschiedliche Lager. Vor allem zwei Familien taten sich als politische Führer in dieser Zeit hervor: die Husseinis und die Naschaschibis. – Während die Husseinis die nationalistische Position vertraten, kamen die Naschaschibis den Briten in vielen Punkten entgegen. Zwischen beiden Familien entstand eine ausgeprägte Feindschaft.
Im Arabischen Aufstand 1936/39 entluden sich schließlich nicht nur die Spannungen zwischen den einwandernden Juden, der britischen Mandatsmacht und der palästinensischen Seite. Auch die innerpalästinensischen Spannungen feuerten den Konflikt an. Der ehemalige Jerusalemer Bürgermeister Raghib an-Naschaschibi stellte sich auf die Seite der Briten und unterstützte die Kolonialmacht mit kleinen, paramilitärischen Truppen. Die Naschaschibis waren für ihren moderaten, probritischen Kurs bekannt. Sie vertraten die Ansicht, dass die Palästinenser ihre politischen Ziele besser durch Kooperation mit den Briten umsetzen könnten als durch Kampf. Während des Aufstandes verloren sie jedoch stark an Zuspruch unter den Palästinensern. Muhammad Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, setzte auf die militärische Lösung und trieb den Kampf voran. Zwischen den Naschaschibis und den Husseinis entstand nun ein blutiger Konkurrenzkampf.

Die Notablenfamilien heute

Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948/49 änderten sich die Verhältnisse im Land grundlegend. Die Strukturen der traditionellen palästinensischen Gesellschaft wurden durch Flucht und Vertreibung aufgelöst. Auch die Notablenfamilien büßten an Einfluss und Grundbesitz ein. Viele ihrer Mitglieder flüchteten ins Ausland.

Dennoch spielen viele der Familien bis heute noch eine Rolle in der politischen und gesellschaftlichen Landschaft der Palästinenser. Beispielsweise ist der heutige Gouverneur des Gouvernements Jerusalem, einer palästinensischen Verwaltungseinheit, Adnan al-Husseini (geb. 1947). Er ist außerdem zuständig für die Verwaltung des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee.

Ein wichtiger Vertreter der Familie an-Nusseibeh ist Sari Nusseibeh (geb. 1949), Professor der Philosophie und Präsident der Al-Quds University. Er ist vor allem bekannt für seine gemäßigte Haltung und seine Unterstützung für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Schon 1987 half er, die geheimen Friedensgespräche zwischen der Fatah und der israelischen Regierung zu organisieren.
Der Schlüssel zur Grabeskirche befindet sich weiterhin in der Verantwortlichkeit der Familie an-Nusseibeh.


(Dieser Artikel ist auch auf der Seite von Rock of Peace veröffentlicht!)

Samstag, 30. Juni 2012

Cinema Jenin - Ein Traum wird Wirklichkeit


Am 28. Juni 2012 kam der Film „Cinema Jenin“ in die Kinos vieler deutscher Städte, darunter Berlin, Köln, München, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen. Dieses neueste Werk von Marcus Vetter präsentiert auf interessante, teils erheiternde, teils tragische Weise die Entwicklung einer Ruine zum kulturellen Mittelpunkt einer Stadt im Westjordanland.
Vetter war schon 2008 bekannt geworden, als er „Das Herz von Jenin“ in die deutschen Kinos brachte und die Geschichte eines Vaters erzählte, der seinen Sohn durch israelische Soldaten verlor. Doch er entschloss sich, dessen Organe zu spenden – an israelische Kinder. Für Ismail Khatib war dies der Weg, mit seiner Trauer umzugehen. Schon damals waren die Zuschauer tief berührt von Vetters Dokumentation, wurden zum Nachdenken angeregt.



Hinter dem Titel „Cinema Jenin“ verbirgt sich nun die Geschichte eines großen Projekts, das mit einer kleinen Idee angefangen hatte: Marcus Vetter will das Kino in Jenin wieder eröffnen, das seit Beginn der Ersten Intifada 1987 geschlossen war – und den Menschen damit etwas Gutes tun. Die letzten Jahrzehnte sind jedoch auch an dem ehemaligen Lichtspielhaus nicht spurlos vorübergegangen. Taubenkot bedeckt die Sitze, die Technik ist rostig geworden und verstaubt. Gemeinsam mit Ismal Khatib und seinem Übersetzer Fakhri Hamad geht der Tübinger Dokumentarfilmer das Projekt an und einigt sich mit den Besitzern des Gebäudes über Mietkosten und Finanzierungspläne. Er holt die Palästinensische Autonomiebehörde und das deutsche Konsulat mit ins Boot;  hunderte Freiwillige aus Deutschland, Palästina und anderen Ländern beteiligen sich an der Renovierung. Immer wieder gibt es Schwierigkeiten: Gerüchte machen die Runde, die Bevölkerung ist gespalten. Von rechtlicher Seite gibt es Einwände – das Gericht verurteilt den Dolmetscher zu 27 Schekeln Strafe, weil er das Team beherbergt und somit die Ruhe des Vermieters stört. Vetter, der deutsche Pragmatiker, und seine Mitstreiter lassen sich jedoch nicht abbringen von ihrem Vorhaben. Denn Jenin braucht dieses Kino. In der Stadt, die weitgehend isoliert ist von den anderen großen palästinensischen Städten, mangelt es an Freizeitmöglichkeiten und kulturellem Leben. Mit der Eröffnung des Kinos und der daran gekoppelten Ausbildungsstätte würde neue Farbe in die Stadt kommen.
Neben den Kritikern findet das Team jedoch auch zahlreiche Befürworter und Unterstützer. Der Mufti von Jenin lässt sich von der Idee begeistern. Während die Bauarbeiten laufen, kommt eine Delegation aus Brandenburg zu Besuch und bringt ihren Ministerpräsidenten Matthias Platzeck mit. Hoher Besuch auf der Baustelle.
Am Ende geht alles gut über die Bühne. Das Cinema Jenin wird eröffnet, im Beisein vom palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad.

Der Film ist auf weiten Strecken äußerst erheiternd. Doch er beschreibt auch die Schwierigkeiten, die in den Palästinensergebieten herrschen. Lange Schlangen vor den Checkpoints der israelischen Besatzung, bürokratische Schwierigkeiten mit den palästinensischen Behörden und die alteingesessenen Besitzer des Kinogebäudes, die so viel wie möglich vom Kuchen abhaben wollen. Auch der Tod eines wichtigen Unterstützers des Projekts wird durch einen dramatischen Einschnitt vermerkt: Juliano Mer-Khamis wurde im April 2011 – neun Monate nach der Eröffnung des Kinos – vor seinem Haus in der palästinensischen Stadt von einem Unbekannten erschossen. Der israelisch-palästinensische Schauspieler und Regisseur schloss sich dem Projekt an und unterstützte Vetter in seiner Arbeit. Er war mit dem Freedom Theatre des Flüchtlingslagers Jenin bekannt geworden, das auf die Arbeit seiner Mutter Arna zurückging. Bei seinem Tod lief die Produktion des Films gerade auf Hochtouren.

Marcus Vetter hat den Verein Cinema Jenin e.V. gegründet. Heute sind 4 Mitarbeiter fest im Kino angestellt, es gibt einen kleinen Spielplatz im Garten der Cafeteria. Pro Tag werden zwei Filme gezeigt, die finanziellen Schwierigkeiten blieben jedoch erhalten. Nach dem Tod von Mer-Khamis mussten aus Sicherheitsgründen außerdem alle Volontäre aus Jenin abgezogen werden. – Mit seinem Dokumentarfilm zeigt Vetter eine andere, viel pragmatischere Seite des Nahostkonflikts. Er beschreibt die Komplikationen, die Resignation der Menschen, aber auch die Zuversicht. Und er sagt was er will: Normalisierung. Doch genau das ist es, was die meisten Politiker jeder Seite unter allen Umständen vermeiden möchten.
Mit seinem Film „Cinema Jenin“ würdigt er die Arbeit der vielen Helfer und setzt seine Serie von beeindruckenden Dokumentationen aus Israel und Palästina fort.

Weitere Informationen über das Projekt, den Macher und die Sadt Jenin finden Sie hier:

Marcus A. Vetter (Wikipedia)
Das Guesthouse des Kinos

Montag, 25. Juni 2012

Die Wasserfrage im Nahostkonflikt - Der Streit um ein knappes Gut


Nahostkonflikt

Israel und Palästina liegen in einer heißen Region mit vielen Sonnen- und wenigen Regentagen. Die Frage nach dem Wasser ist alltäglich im Nahen Osten. Sie wird auch dementsprechend heftig diskutiert und politisch wie propagandistisch ausgeschlachtet. Die große und ständig wachsende Bevölkerung bezieht ihr Wasser aus den verschiedenen natürlichen Reservoirs des Landes, von denen der See Genezareth im Norden des Landes das größte bildet.
Das Thema ist sehr komplex. Die Klärung der Fakten bietet einen kleinen Einblick in die Problematik.

Der Hausverbrauch an Trinkwasser lag in Israel bei etwa 84 Kubikmetern pro Kopf, in den Palästinensergebieten bei nur 58 Kubikmetern (2006).[1] – Woher kommt dieser doch deutliche Unterschied? Laut palästinensischen Angaben ist die israelische Besatzung für die Wasserknappheit und den niedrigen Verbrauch in den Palästinensergebieten verantwortlich. Siedlungen, Mauern und die Zerstörung der Infrastruktur werden als vom israelischen Staat ergriffene Maßnahmen gedeutet. Diese Erklärung greift jedoch deutlich zu kurz. Anders als von einigen palästinensischen Quellen dargestellt hat auch Israel Probleme mit der Wasserknappheit. Gegen zu hohen Verbrauch in heißen Sommern geht die Regierung mit Bußgeldern vor. Beim Erhalt von Grünflächen hilft man sich anderweitig: Im Sommer 2009 entschloss sich die Stadt Netanya, die wegen der Dürre ihre Grünflächen nicht mehr bewässern konnte, mit grüner Lebensmittelfarbe nachzuhelfen.[2] – Laut Haim Gvirtzman, Professor für Hydrologie an der Hebrew University in Jerusalem, ist vor allem der unterschiedliche Lebensstandard beider Gesellschaften für die große Diskrepanz verantwortlich, die beim Verbrauch sichtbar wurde. Dies könne durchaus auch innerhalb der israelischen Gesellschaft beobachtet werden: So sei der Verbrauch eines Jerusalemers (65 Kubikmeter Wasser) deutlich niedriger als der eines Einwohners von Tel Aviv (115 Kubikmeter Wasser).[3]
Weitere Daten weisen auf ein anderes Problem hin: Israel verliert 11 Prozent des Trinkwassers durch schadhafte Leitungen[4], die PA sogar ganze 33,6 Prozent[5]. In der Palästinensischen Autonomie könnte der relativ hohe Verlust an Trinkwasser also allein durch weitreichende Sanierungsmaßnahmen deutlich gelindert werden.
Verglichen mit den Nachbarstaaten werden noch weitere Unterschiede beim Wasserverbrauch sichtbar: Während der Frischwasserverbrauch pro Kopf und Jahr in Israel bei 150 Kubikmetern und in den Palästinensergebieten bei 140 Kubikmetern liegt, verbraucht ein Jordanier 172 Kubikmeter, ein Ägypter 732 Kubikmeter, ein Syrer 861 Kubikmeter und ein Libanese sogar 949 Kubikmeter![6] Vergleicht man also die Situation Israels und Palästinas mit der Lage der Nachbarn, so werden noch gravierendere Unterschiede deutlich, die vor allem auf den hohen Anteil von geklärtem und entsalztem Wasser zurückzuführen sind. Israel investiert eine Hohe Summe in die Aufbereitung von Abwasser, das dann zu 75 Prozent der Landwirtschaft zufließt. Während an das Wassernetz angeschlossene Israelis und Palästinenser normalerweise rund um die Uhr fließendes Wasser bekommen, haben die Einwohner von Amman oder anderen Hauptstädten des Öfteren mit Engpässen zu kämpfen.

In den Palästinensergebieten besteht gerade mit dem Abwasser ein großes Problem: Von 52 Millionen Kubikmetern Abwasser fließen ganze 34 Millionen Kubikmeter ungeklärt in die Umwelt ab. Und das geklärte Wasser wird kaum für die Landwirtschaft verwendet. Es mangelt an palästinensischen Kläranlagen, obwohl die Gelder von der EU und den USA durchaus bereitgestellt werden würden. Außerdem existieren für die jüdischen Siedlungen bereits Klärsysteme. Karin Leukefeld schrieb für die AG Friedensforschung: „Offenbar versuchen die Besatzungsbehörden, Druck auf die Palästinenser auszuüben, ihr Abwassersystem an israelische Kläranlagen anzuschließen, die auch die Abwässer der illegalen Siedlungen klärt. Die Palästinenser beharren auf einem eigenen Abwassersystem, denn ein Anschluss an die Kläranlagen der Besatzer würde einer Anerkennung der illegalen Besatzung gleichkommen.“[7]
Der Journalist Johannes Gerloff schreibt: „Wasser und Abwasser werden sich nie an kulturelle Empfindlichkeiten, politische Abmachungen oder Grenzen halten. Wasser richtet sein Verhalten immer nach der Schwerkraft, klimatischen, geografischen und geologischen Gegebenheiten. Deshalb werden Israelis und Palästinenser auch künftig nicht umhin kommen, in diesen Fragen zu kooperieren – ganz unabhängig von einer politischen Lösung.“[8] – Vielleicht wäre es hier hilfreich, die Kooperation (von beiden Seiten) stärker zu verfolgen, gerade was die Frage des ungeklärten Abwassers angeht. Es ist verständlich, dass die palästinensische Führung auf einem eigenen Abwassersystem beharrt. Andererseits könnte man jedoch die Tatsache in Erinnerung rufen, dass zu Beginn der israelischen Besatzung 1967 nur vier der 708 palästinensischen Städte und Dörfer überhaupt an das Wassernetz angeschlossen waren. In den ersten fünf Jahren der Besatzung wurde das palästinensische Netz um ganze 50 Prozent ausgebaut[9] – von Israel. Warum sollte beim Thema Abwasser eine Kooperation so schwierig sein?

Das Wasserproblem ist ein großer Hemmstein, auch für eine Friedenslösung. Anders als die Frage um eine Hauptstadt oder den Verlauf der Grenzen ist dieses Problem jedoch unmittelbar lebenswichtig und verlangt nach einer dringenden Lösung. Politische Interessen beider Seiten sowie der bürokratische Dschungel machen einen Kompromiss und ein gemeinsames Vorankommen schwierig.
Dass Israel noch andere Probleme mit dem Wasser hat, wird vor allem am israelisch-jordanischen Konflikt deutlich. Die Palästinenser sind in diesem Beispiel weniger betroffen. Lange Jahre bestimmte der Streit um das Wasser des Jordan die Tagesordnung. Als Grenzfluss wurde er von Israel, Jordanien und Syrien beansprucht als wichtige Lebensquelle. Die Gründe für eine lange Geschichte der Kompromisslosigkeit war weniger die Politik, sondern viel eher die Wirtschaft: Dreh- und Angelpunkt eines großen Teils der regionalen Wasserproblematik ist und bleibt die Landwirtschaft. Doch die Zahlen aus Israel und Jordanien sprechen für sich: Israel benötigt rund 70 Prozent des vorhandenen Wassers für die Landwirtschaft, Jordanien etwa zwei Drittel. In Israel erwirtschaftet dieser Wirtschaftszweig jedoch nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts! In Jordanien sind es 7,5 Prozent – in Relation zum Verbrauch auch hier kaum erwähnenswert. Beide Staaten sind kaum auf die Landwirtschaft angewiesen. Und doch ist die Bandbreite für eine Lösung gerade in diesem Sektor so schmal. Die Gründe liegen bei genauerem Hinsehen auf der Hand: Auf der israelischen Seite besteht eine starke Lobby der Landwirtschaft, die ihren Einfluss geltend macht. Hinzu kommt die fundamentale Bedeutung der Landwirtschaft für den Zionismus. War es Juden doch jahrhundertelang unmöglich, Land zu erwerben und zu bewirtschaften, so bot sich nun in Israel die Möglichkeit, sich niederzulassen und die Landwirtschaft in Form von Kibbutzim und agrarischen Siedlungen zum sprießen zu bringen. Mit den heutigen technischen Mitteln ließe sich der Wasserbedarf in Israel jedoch noch weiter senken. In Jordanien verhält es sich ähnlich wie mit den israelischen Interessengemeinschaften: Zwischen zehn und zwanzig Familien sitzen in den Agrarministerien und subventionieren die Landwirtschaft gezielt. Durch einen Kreislauf von Krediten und undurchsichtigen Geschäften wollen sie ihre Monopolstellung wahren.[10]

Wie man sieht, ist das Wasserproblem im Nahen Osten sehr vielschichtig. Während das Trinkwasser in Israel und den Palästinensergebieten effizienter genutzt wird als in den Nachbarländern, behält sich die Landwirtschaft einen großen Einfluss auf die Wassernutzung vor. Durch kaputte Leitungen und falsch investierte Gelder leidet die Infrastruktur der Wasserversorgung in den Palästinensergebieten. Durch illegal gebohrte Brunnen steigt das Risiko der Grundwasserversalzung. Es mangelt an funktionierenden (und richtig betriebenen) Klärwerken.
Eine Lösung der verflochtenen Konflikte wäre nicht so schwer wie vermutet. Die „Osloer Verträge“ – insbesondere der Vertrag von 1995 – betonen die Bedeutung der Kooperation auf dem Gebiet der Wassereinteilung. Die Grundlagen für ein gemeinsames Vorankommen existieren bereits. Notwendig ist einzig eine Unterbindung der Propagandaschlacht zwischen den sich immer weiter voneinander entfernenden Gesellschaften.

(Diesen Artikel finden Sie auch auf der Website der Friedensbewegung Rock of Peace!)



[1] H. Gvirtman: The Israeli-Palestinian Water Conflict: An Israeli Perspective (Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University, Januar 2012)
[2] Netanja passt sich an – Grüne Farbe für den Rasen (n-tv, 14.07.2009)
[3] H. Gvirtman: The Israeli-Palestinian Water Conflict: An Israeli Perspective (Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University, Januar 2012), S. 9
[4] Laut Haim Gvirtzman vom Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University.
[5] Water Supply Status (Palestinian Water Authority, 2007)
[6] J. Gerloff: Wasser ist Leben, in Israelreport (Ausgabe 3/2012, Christlicher Medienverbund KEP e.V.)
[7] K. Leukefeld: Israel verschärft Wasserkrieg (Junge Welt, 12.04.2010)
[8] J. Gerloff: Wasser ist Leben, in Israelreport (Ausgabe 3/2012, Christlicher Medienverbund KEP e.V.)
[9] ebd.
[10] Aus einer Studium Generale-Vorlesungsreihe von Prof. Dr. Peter Pastewka an der Eberhard Karls Universität in Tübingen.

Montag, 11. Juni 2012

Palästinenser und die Revolution - Ein Blick nach Syrien


Die Kämpfe in Syrien halten an. Und auch die palästinensische Bevölkerungsgruppe im Land gerät zwischen die Fronten. Die Baath-Partei von Präsident Bashar al-Assad hat ihre Unterstützung für den palästinensischen Widerstand gegen Israel lange also Pfeiler der Legitimierung in Syrien und der Arabischen Welt benutzt.
Innerhalb der palästinensischen Bewegung in Syrien tun sich Spaltungen auf. Die regimetreue PFLP-GC (Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando) hatte anlässlich des Naksa-Tages 2011 hunderten Palästinensern aus der Umgebung von Damaskus geholfen, zur israelischen Grenze zu gelangen. An diesem Tag gedenken die palästinensischen Flüchtlinge der israelischen Besatzung der Golanhöhen. Unter der Leitung der PFLP-GC stürmten die Demonstranten die Grenzanlagen. Es starben 20 Palästinenser. Als am nächsten Tag die Toten bestattet wurden, begannen sich Proteste zu regen. Das PFLP-GC reagierte mit Schüssen auf die Demonstrierenden. Erneut starben 11 Menschen. „Seitdem hat sich alles geändert“, erklärt ein Bewohner eines palästinensischen Flüchtlingslagers. „Wir waren so wütend. Jeder wusste, was die PFLP-GC und das Regime gerade taten. Doch wir werden nicht mehr zulassen, dass sie unser Blut für ihre eigenen Politik vergießen.“ Die palästinensischen Syrer beginnen im Rahmen der Revolution Farbe zu bekennen. „Die syrischen Palästinenser leben wie Syrer – und wir betrachten unsere Situation als dieselbe wie die der Syrer“, sagt Kamal Hussein, ein A-Hayat-Journalist und Aktivist. Ein weiterer palästinensischer Aktivist in Syrien erzählte dem Daily Star:„Als ich diese Familien sah, die fliehen mussten mit nichts als den eigenen Kleidern, die sie auf dem Leib trugen, habe ich realisiert, wie sich meine Großeltern gefühlt hatten, als sie 1948 Palästina verließen… Ich fühlte mich gleichermaßen palästinensisch und syrisch.“
Doch es bleibt auch die Angst vor einem „neuen Irak“, dem vollkommenen Chaos. Und auch eine andere Sache wirkt bedrohlich auf die Menschen: Im Jahre 2006 flohen eintausend Palästinenser aus dem Irak – nur um von den Nachbarstaaten nicht eingelassen zu werden. Sie wurden auf einem Streifen Niemandsland isoliert.
Allen Ängsten zum Trotz identifizieren sich mittlerweile fast 90% der Palästinenser in Syrien  mit der Revolution, spekulieren Journalisten und Beobachter. Die Kämpfe gehen unterdessen weiter.