Montag, 25. Juni 2012

Die Wasserfrage im Nahostkonflikt - Der Streit um ein knappes Gut


Nahostkonflikt

Israel und Palästina liegen in einer heißen Region mit vielen Sonnen- und wenigen Regentagen. Die Frage nach dem Wasser ist alltäglich im Nahen Osten. Sie wird auch dementsprechend heftig diskutiert und politisch wie propagandistisch ausgeschlachtet. Die große und ständig wachsende Bevölkerung bezieht ihr Wasser aus den verschiedenen natürlichen Reservoirs des Landes, von denen der See Genezareth im Norden des Landes das größte bildet.
Das Thema ist sehr komplex. Die Klärung der Fakten bietet einen kleinen Einblick in die Problematik.

Der Hausverbrauch an Trinkwasser lag in Israel bei etwa 84 Kubikmetern pro Kopf, in den Palästinensergebieten bei nur 58 Kubikmetern (2006).[1] – Woher kommt dieser doch deutliche Unterschied? Laut palästinensischen Angaben ist die israelische Besatzung für die Wasserknappheit und den niedrigen Verbrauch in den Palästinensergebieten verantwortlich. Siedlungen, Mauern und die Zerstörung der Infrastruktur werden als vom israelischen Staat ergriffene Maßnahmen gedeutet. Diese Erklärung greift jedoch deutlich zu kurz. Anders als von einigen palästinensischen Quellen dargestellt hat auch Israel Probleme mit der Wasserknappheit. Gegen zu hohen Verbrauch in heißen Sommern geht die Regierung mit Bußgeldern vor. Beim Erhalt von Grünflächen hilft man sich anderweitig: Im Sommer 2009 entschloss sich die Stadt Netanya, die wegen der Dürre ihre Grünflächen nicht mehr bewässern konnte, mit grüner Lebensmittelfarbe nachzuhelfen.[2] – Laut Haim Gvirtzman, Professor für Hydrologie an der Hebrew University in Jerusalem, ist vor allem der unterschiedliche Lebensstandard beider Gesellschaften für die große Diskrepanz verantwortlich, die beim Verbrauch sichtbar wurde. Dies könne durchaus auch innerhalb der israelischen Gesellschaft beobachtet werden: So sei der Verbrauch eines Jerusalemers (65 Kubikmeter Wasser) deutlich niedriger als der eines Einwohners von Tel Aviv (115 Kubikmeter Wasser).[3]
Weitere Daten weisen auf ein anderes Problem hin: Israel verliert 11 Prozent des Trinkwassers durch schadhafte Leitungen[4], die PA sogar ganze 33,6 Prozent[5]. In der Palästinensischen Autonomie könnte der relativ hohe Verlust an Trinkwasser also allein durch weitreichende Sanierungsmaßnahmen deutlich gelindert werden.
Verglichen mit den Nachbarstaaten werden noch weitere Unterschiede beim Wasserverbrauch sichtbar: Während der Frischwasserverbrauch pro Kopf und Jahr in Israel bei 150 Kubikmetern und in den Palästinensergebieten bei 140 Kubikmetern liegt, verbraucht ein Jordanier 172 Kubikmeter, ein Ägypter 732 Kubikmeter, ein Syrer 861 Kubikmeter und ein Libanese sogar 949 Kubikmeter![6] Vergleicht man also die Situation Israels und Palästinas mit der Lage der Nachbarn, so werden noch gravierendere Unterschiede deutlich, die vor allem auf den hohen Anteil von geklärtem und entsalztem Wasser zurückzuführen sind. Israel investiert eine Hohe Summe in die Aufbereitung von Abwasser, das dann zu 75 Prozent der Landwirtschaft zufließt. Während an das Wassernetz angeschlossene Israelis und Palästinenser normalerweise rund um die Uhr fließendes Wasser bekommen, haben die Einwohner von Amman oder anderen Hauptstädten des Öfteren mit Engpässen zu kämpfen.

In den Palästinensergebieten besteht gerade mit dem Abwasser ein großes Problem: Von 52 Millionen Kubikmetern Abwasser fließen ganze 34 Millionen Kubikmeter ungeklärt in die Umwelt ab. Und das geklärte Wasser wird kaum für die Landwirtschaft verwendet. Es mangelt an palästinensischen Kläranlagen, obwohl die Gelder von der EU und den USA durchaus bereitgestellt werden würden. Außerdem existieren für die jüdischen Siedlungen bereits Klärsysteme. Karin Leukefeld schrieb für die AG Friedensforschung: „Offenbar versuchen die Besatzungsbehörden, Druck auf die Palästinenser auszuüben, ihr Abwassersystem an israelische Kläranlagen anzuschließen, die auch die Abwässer der illegalen Siedlungen klärt. Die Palästinenser beharren auf einem eigenen Abwassersystem, denn ein Anschluss an die Kläranlagen der Besatzer würde einer Anerkennung der illegalen Besatzung gleichkommen.“[7]
Der Journalist Johannes Gerloff schreibt: „Wasser und Abwasser werden sich nie an kulturelle Empfindlichkeiten, politische Abmachungen oder Grenzen halten. Wasser richtet sein Verhalten immer nach der Schwerkraft, klimatischen, geografischen und geologischen Gegebenheiten. Deshalb werden Israelis und Palästinenser auch künftig nicht umhin kommen, in diesen Fragen zu kooperieren – ganz unabhängig von einer politischen Lösung.“[8] – Vielleicht wäre es hier hilfreich, die Kooperation (von beiden Seiten) stärker zu verfolgen, gerade was die Frage des ungeklärten Abwassers angeht. Es ist verständlich, dass die palästinensische Führung auf einem eigenen Abwassersystem beharrt. Andererseits könnte man jedoch die Tatsache in Erinnerung rufen, dass zu Beginn der israelischen Besatzung 1967 nur vier der 708 palästinensischen Städte und Dörfer überhaupt an das Wassernetz angeschlossen waren. In den ersten fünf Jahren der Besatzung wurde das palästinensische Netz um ganze 50 Prozent ausgebaut[9] – von Israel. Warum sollte beim Thema Abwasser eine Kooperation so schwierig sein?

Das Wasserproblem ist ein großer Hemmstein, auch für eine Friedenslösung. Anders als die Frage um eine Hauptstadt oder den Verlauf der Grenzen ist dieses Problem jedoch unmittelbar lebenswichtig und verlangt nach einer dringenden Lösung. Politische Interessen beider Seiten sowie der bürokratische Dschungel machen einen Kompromiss und ein gemeinsames Vorankommen schwierig.
Dass Israel noch andere Probleme mit dem Wasser hat, wird vor allem am israelisch-jordanischen Konflikt deutlich. Die Palästinenser sind in diesem Beispiel weniger betroffen. Lange Jahre bestimmte der Streit um das Wasser des Jordan die Tagesordnung. Als Grenzfluss wurde er von Israel, Jordanien und Syrien beansprucht als wichtige Lebensquelle. Die Gründe für eine lange Geschichte der Kompromisslosigkeit war weniger die Politik, sondern viel eher die Wirtschaft: Dreh- und Angelpunkt eines großen Teils der regionalen Wasserproblematik ist und bleibt die Landwirtschaft. Doch die Zahlen aus Israel und Jordanien sprechen für sich: Israel benötigt rund 70 Prozent des vorhandenen Wassers für die Landwirtschaft, Jordanien etwa zwei Drittel. In Israel erwirtschaftet dieser Wirtschaftszweig jedoch nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts! In Jordanien sind es 7,5 Prozent – in Relation zum Verbrauch auch hier kaum erwähnenswert. Beide Staaten sind kaum auf die Landwirtschaft angewiesen. Und doch ist die Bandbreite für eine Lösung gerade in diesem Sektor so schmal. Die Gründe liegen bei genauerem Hinsehen auf der Hand: Auf der israelischen Seite besteht eine starke Lobby der Landwirtschaft, die ihren Einfluss geltend macht. Hinzu kommt die fundamentale Bedeutung der Landwirtschaft für den Zionismus. War es Juden doch jahrhundertelang unmöglich, Land zu erwerben und zu bewirtschaften, so bot sich nun in Israel die Möglichkeit, sich niederzulassen und die Landwirtschaft in Form von Kibbutzim und agrarischen Siedlungen zum sprießen zu bringen. Mit den heutigen technischen Mitteln ließe sich der Wasserbedarf in Israel jedoch noch weiter senken. In Jordanien verhält es sich ähnlich wie mit den israelischen Interessengemeinschaften: Zwischen zehn und zwanzig Familien sitzen in den Agrarministerien und subventionieren die Landwirtschaft gezielt. Durch einen Kreislauf von Krediten und undurchsichtigen Geschäften wollen sie ihre Monopolstellung wahren.[10]

Wie man sieht, ist das Wasserproblem im Nahen Osten sehr vielschichtig. Während das Trinkwasser in Israel und den Palästinensergebieten effizienter genutzt wird als in den Nachbarländern, behält sich die Landwirtschaft einen großen Einfluss auf die Wassernutzung vor. Durch kaputte Leitungen und falsch investierte Gelder leidet die Infrastruktur der Wasserversorgung in den Palästinensergebieten. Durch illegal gebohrte Brunnen steigt das Risiko der Grundwasserversalzung. Es mangelt an funktionierenden (und richtig betriebenen) Klärwerken.
Eine Lösung der verflochtenen Konflikte wäre nicht so schwer wie vermutet. Die „Osloer Verträge“ – insbesondere der Vertrag von 1995 – betonen die Bedeutung der Kooperation auf dem Gebiet der Wassereinteilung. Die Grundlagen für ein gemeinsames Vorankommen existieren bereits. Notwendig ist einzig eine Unterbindung der Propagandaschlacht zwischen den sich immer weiter voneinander entfernenden Gesellschaften.

(Diesen Artikel finden Sie auch auf der Website der Friedensbewegung Rock of Peace!)



[1] H. Gvirtman: The Israeli-Palestinian Water Conflict: An Israeli Perspective (Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University, Januar 2012)
[2] Netanja passt sich an – Grüne Farbe für den Rasen (n-tv, 14.07.2009)
[3] H. Gvirtman: The Israeli-Palestinian Water Conflict: An Israeli Perspective (Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University, Januar 2012), S. 9
[4] Laut Haim Gvirtzman vom Begin-Sadat Center for Strategic Studies der Bar-Ilan University.
[5] Water Supply Status (Palestinian Water Authority, 2007)
[6] J. Gerloff: Wasser ist Leben, in Israelreport (Ausgabe 3/2012, Christlicher Medienverbund KEP e.V.)
[7] K. Leukefeld: Israel verschärft Wasserkrieg (Junge Welt, 12.04.2010)
[8] J. Gerloff: Wasser ist Leben, in Israelreport (Ausgabe 3/2012, Christlicher Medienverbund KEP e.V.)
[9] ebd.
[10] Aus einer Studium Generale-Vorlesungsreihe von Prof. Dr. Peter Pastewka an der Eberhard Karls Universität in Tübingen.

Montag, 11. Juni 2012

Palästinenser und die Revolution - Ein Blick nach Syrien


Die Kämpfe in Syrien halten an. Und auch die palästinensische Bevölkerungsgruppe im Land gerät zwischen die Fronten. Die Baath-Partei von Präsident Bashar al-Assad hat ihre Unterstützung für den palästinensischen Widerstand gegen Israel lange also Pfeiler der Legitimierung in Syrien und der Arabischen Welt benutzt.
Innerhalb der palästinensischen Bewegung in Syrien tun sich Spaltungen auf. Die regimetreue PFLP-GC (Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando) hatte anlässlich des Naksa-Tages 2011 hunderten Palästinensern aus der Umgebung von Damaskus geholfen, zur israelischen Grenze zu gelangen. An diesem Tag gedenken die palästinensischen Flüchtlinge der israelischen Besatzung der Golanhöhen. Unter der Leitung der PFLP-GC stürmten die Demonstranten die Grenzanlagen. Es starben 20 Palästinenser. Als am nächsten Tag die Toten bestattet wurden, begannen sich Proteste zu regen. Das PFLP-GC reagierte mit Schüssen auf die Demonstrierenden. Erneut starben 11 Menschen. „Seitdem hat sich alles geändert“, erklärt ein Bewohner eines palästinensischen Flüchtlingslagers. „Wir waren so wütend. Jeder wusste, was die PFLP-GC und das Regime gerade taten. Doch wir werden nicht mehr zulassen, dass sie unser Blut für ihre eigenen Politik vergießen.“ Die palästinensischen Syrer beginnen im Rahmen der Revolution Farbe zu bekennen. „Die syrischen Palästinenser leben wie Syrer – und wir betrachten unsere Situation als dieselbe wie die der Syrer“, sagt Kamal Hussein, ein A-Hayat-Journalist und Aktivist. Ein weiterer palästinensischer Aktivist in Syrien erzählte dem Daily Star:„Als ich diese Familien sah, die fliehen mussten mit nichts als den eigenen Kleidern, die sie auf dem Leib trugen, habe ich realisiert, wie sich meine Großeltern gefühlt hatten, als sie 1948 Palästina verließen… Ich fühlte mich gleichermaßen palästinensisch und syrisch.“
Doch es bleibt auch die Angst vor einem „neuen Irak“, dem vollkommenen Chaos. Und auch eine andere Sache wirkt bedrohlich auf die Menschen: Im Jahre 2006 flohen eintausend Palästinenser aus dem Irak – nur um von den Nachbarstaaten nicht eingelassen zu werden. Sie wurden auf einem Streifen Niemandsland isoliert.
Allen Ängsten zum Trotz identifizieren sich mittlerweile fast 90% der Palästinenser in Syrien  mit der Revolution, spekulieren Journalisten und Beobachter. Die Kämpfe gehen unterdessen weiter.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Mitternachtssnack für einen Akademiker

"An einem späten Mittwochabend machte ich mich auf, um auf einem nächtlichen Spaziergang über das Leben und die Zusammenhänge des Universums zu philosophieren. Als Ziel setzte ich mir jene wunderbare Institution der Fast-Food-Kultur, die auch zu später Stunde noch Burger feilbietet. Es ist nicht so, dass mich der Hunger quälte, doch war der Tag aus kulinarischer Sicht wenig ergiebig - was ungewöhnlich ist, denn normalerweise verlange ich jedem Tag ein gewisses Maß an qualitativer und vor allem quantitativer Kulinarik ab.
Wie dem auch sei, ein kleiner Spaziergang verbrennt Fett. Und da der nächste McDonald's nicht um die Ecke lag, musste ich die Stadt durchqueren, was ich auch fröhlichen Fußes tat. Ein Kilometer, zwei Kilometer - das Volk um mich herum wurde zusehends angeheiterter. Der Pegel stieg. Die Altstadt passierend überwand ich den geographischen Höhepunkt jenes Pegels. Bekannte Gesichter kreuzten meinen Weg. Ich überquerte den Neckar und wandte mich in Richtung Osten. Hier und da ging es vorbei an weiteren Menschenansammlungen, die den Abend vor einem Feiertag nutzen wollten, um noch einmal so richtig die Sau rauszulassen. Es könnte ja morgen schon zu Ende sein mit unserer schönen Welt.
Ich wollte heute jedoch nur einen Cheeseburger.
Beim Restaurant zur Goldenen Möwe angekommen reihte ich mich sogleich ein in die Schlange der Hungrigen. Jetzt war diese Warteschlange keineswegs eine lebendige oder bewegliche Angelegenheit, sondern eher ein statisches Konstrukt. Man merkte gleich, dass die Leute hinter der Theke keine Gelernten waren. Für einen 'Fachmann für Systemgastronomie' war er einfach zu langsam, der Gute. Ich stand und stand, die Menschen um mich herum standen ebenfalls.
Ich wollte doch nur zwei Cheeseburger.
Meine Füße wurden eins mit dem frisch gewischten Fußboden. Wahrscheinlich hat das ganze einen tieferen Sinn. Man will jedem Kunden einen Sitzplatz bieten - der hiesige McDonald's ist um jede Tages- oder Nachtzeit sehr stark frequentiert - und lässt die Neuankömmlinge deshalb so lange in der Schlange stehen, bis andere Besucher ihr Mahl geendigt haben und den Ausgang anstreben. Auf diese Weise warteten wir.
Die Uhr stand unterdessen nicht still. Sogar das Datum hatte sich schon geändert.
Dabei wollte ich doch nur endlich meine drei Cheesburger kaufen.
Irgendwie wendete sich doch noch alles zum Guten und ich konnte den Nachhauseweg antreten. Zurück durch die Innenstadt, schloss ich mich alsbald dem Strom der 'Früh-nach-Hause-Geher' an, die zufällig in die gleiche Richtung torkelten, in die auch ich musste. Der Weg zog sich. Für die weniger Sportlichen unter uns - zu denen ich auch zähle - ist ein unerwarteter nächtlicher Spaziergang von acht Kilometern durchaus in den Beinen spürbar. Und so kam es, dass schließlich auch ich schwachen Beines den gewohnten Weg nach Hause torkelte."

Manchmal schreibt das Leben schon Geschichten. Ob man diese Geschichten nun aufschreiben sollte, steht auf einem anderen Blatt. Naja, wer weiß. Vielleicht wird sowas in hundert Jahren zur großen Literatur des angehenden 21. Jahrhunderts gezählt...^^

Dienstag, 5. Juni 2012

Cold War Isn't Over

Eine neue U-Boot-Lieferung aus Deutschland ist in Israel eingetroffen. Es ist natürlich kein Wunder, dass der Spiegel unmittelbar danach von einer atomaren Bewaffnung spricht. Die Atomraketen seien schon angebracht worden. - Ob an diesen Medienberichten etwas dran ist, kann zurzeit keiner mit Sicherheit bestätigen.

In diesem Beitrag möchte ich aber weniger auf Israel eingehen und eine große Sache auf ein kleines Land projizieren. Denn es geht auch im 21. Jahrhundert nur um das eine: Macht. Und um diese Macht zu bekommen, braucht man Waffen. Waffen anzuschaffen kostet, Waffen zu verkaufen bringt Geld. Das war nie anders. Und so schnell wird es sich wohl auch nicht ändern.
Schade ist nur, dass in den Medien geradezu auf Waffenlieferungen nach Israel gewartet wird. Denn mit der Diskussion um Israel hat man ein sicheres Territorium erreicht. Die deutsche Regierung beruft sich auf ihre Staatsräson, der Rest der Bevölkerung beruft sich auf Günther Grass. Beide Positionen sind äußerst schwammig und lassen einer etwaigen Diskussionsrunde keinen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Man fetzt sich ein bisschen, kommt zu keinem Schluss, und schließlich bleibt alles beim alten.
Und doch hat man es geschafft, in diesem ganzen kontroversen Aneinander-vorbei-Reden über eine Tatsache hinwegzutäuschen: 
Nicht Israel oder der Iran sind das Problem.
Das wahre Problem ist noch eine Ebene höher als die Außenpolitik eines oder mehrerer Länder. Es geht um das Prinzip "Rüstung", in dem wir im 21. Jahrhundert immer noch leben. Nach all den Jahrzehnten des Aufarbeitens von Völkermorden und Kriegen, dem Durchleben von Wirtschaftskrisen und dem immer wiederkehrenden Neuanfang hat es die Welt - und vor allem die westliche Welt - noch immer nicht geschafft, mehr auf das Reden zu setzen als auf das Rüsten. Und bei genauerem Hinsehen wird überdies deutlich, dass sich seit dem Kalten Krieg wenig geändert hat in den Köpfen der Regierenden, egal welcher Partei oder Nation.

Es ist das alte Lied geblieben. Seit dem 11. September 2001 wurden wir zudem noch um ein weiteres Problem bereichert: den internationalen Terrorismus. Eigentlich dachte man, dass Al-Qaida nun "den Russen" als Feindbild abgelöst hätte. Aber so einfach ist das ja alles nicht. 
Erst im Mai 2012 hat Russland gegen den NATO-Rakenetschutzschild protestiert und notfalls mit einem "Erstschlag" gedroht. Der steinerne Putin liebt Väterchen Russland über alles und deswegen lässt er nicht zu, dass irgendwer in seine Richtung rüstet.
Okay, die Russen eben, könnte man sagen. Aber das wäre pure Heuchelei. Anfeindungen und Machtdemonstrationen sind selten einseitig. Der Westen hat sich schon 2008 von seiner noblen Seite gezeigt, als man in den öffentlich-rechtlichen Medien einen Angriffskrieg Russlands gegen Georgien propagierte. Die Sache war klar: Der alte Rivale Russland will seine ehemaligen Sowjetrepubliken wiederhaben. - Mittlerweile kann als erwiesen festgehalten werden, dass Georgien den Konflikt begann und zuerst mit seinen Truppen in Südossetien einmarschierte. Im westlichen Fernsehen behauptete man Gegenteiliges. Man ging sogar so weit, ein Interview mit dem russischen Präsidenten Putin so zurechtzuschneiden, dass er dort quasi den Angriff Russlands zugab. Wie kann so etwas in Deutschland möglich sein, noch dazu zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

Für was brauchen wir einen Raketenschutzschild gegen Russland? Und selbst wenn er nicht gegen Russland gerichtet wäre, gegen wen dann? Den Iran?
Anstatt aufzurüsten könnte man an einer diplomatischen Präventivlösung gegen etwaige Angriffsbestrebungen arbeiten. Aber das würde uns bei weitem nicht den Umsatz bescheren, den wir mit der Waffenproduktion erreichen können...

Wer hinter die Kulissen blickt entdeckt, dass wir noch lange nicht die Form der Gesellschaft, des politischen Systems oder der Demokratie erreicht haben, die wir für erstrebenswert erachten. Noch immer sind wir einer der größten Waffenlieferanten der Welt. Im Klartext. Es tut unserem Staatshaushalt und unseren Arbeitslosenzahlen gut, wenn irgendwo in Afrika Menschen massakriert werden.
Ein anderes Beispiel wäre Griechenland. Dort gibt es überdurchschnittlich viele Panzer. Der einzige ernstzunehmende Gegner der Hellenen wäre die Türkei. Setzt man hier also weniger auf Verhandlungen, Vertrauen und Sicherheit durch Partnerschaft als auf Aufrüstung? Und außerdem: Wieso spart Griechenland nicht bei der Rüstung, wo sie doch in so einer tiefen Schuldenkrise stecken?
Ach ja: Woher kommen die meisten Panzer der Griechen? Aus Deutschland.
Und wer dominiert zur Zeit die gesamte EU-Sparpolitik? Deutschland.

Ja ja, wir Deutschen... wir sind schon ziemliche Schlawiner.

Uns gaukelt man von oben noch immer vor, die EU stehe für europäische Einheit. Die Realität zeigt uns aber, dass die EU nur so lange Bestand haben wird, wie die wirtschaftliche Zusammenarbeit für die führenden Länder ihre Früchte trägt. Einheit hätte auch mit Vertrauen und Nachhaltigkeit zu tun. Stattdessen rüstet man in jede Richtung, stellt sich selbst als Wertegemeinschaft dar und schottet sich gegen illegale Einwanderer ab, die nur hierher kommen wollen, weil ein europäisches Huhn auf dem Markt in Kamerun billiger ist als ein kamerunisches.
Die EU funktioniert so gut, dass nun nach Dänemark auch Polen seine Grenzen wieder kontrollieren will.
Was treibt eigentlich dieser Orbán zur Zeit? Hat man die Pressefreiheit mittlerweile wieder hergestellt? Hmm, muss ich bei Gelegenheit mal googeln. 

Und wieso wird es immer so dargestellt, als würden wir Deutschen unsere U-Boote (um wieder auf die Ausgangsfragestellung zurückzukommen) kostenlos nach Israel verschiffen? Die bezahlen dafür schließlich einen Haufen Geld und kurbeln unsere Wirtschaft an. Und das war noch nie anders. Diese ganze "Wiedergutmachung" hat uns im letzten halben Jahrhundert mehr Möglichkeiten geboten, uns wirtschaftlich zu entfalten, als es irgend etwas wieder gut gemacht hätte.
Und um das geht es ja auch nicht. Es geht um Macht. Und zwar für alle Beteiligten. Auch der Iran hat seine Technologien von irgendwoher. Ob jetzt die USA oder Russland, das spielt keine Rolle. Auch die Kämpfer von Al-Qaida wurden (damals noch als afghanische Mujahedeen) für den Kampf gegen die Sowjets von den USA ausgerüstet.
Es geht nicht mehr darum, wer wen bekämpft. Es geht darum, dass überhaupt wer kämpft.

Das schlimmste ist, dass hinter dieser ganzen Sache nicht einmal irgendwer steckt. Das alles sind nur Abläufe und Automatismen. Es gibt keine Verschwörungen oder führende Köpfe, die am Krieg verdienen. Denn verdienen tun wir im Endeffekt alle...

Montag, 4. Juni 2012

Dein Bart für Jürgen Klopp


Eine der verwirrendsten Aktionen, über die ich durch das Fernsehen seit langem informiert wurde: Jürgen Klopp fordert zur Bärtigkeit auf!

Jetzt ist angestrengtes Nachdenken gefragt. Was zum Teufel hat diese Aktion zu bedeuten? Ist das eine Zwangsmaßnahme des Deutschen Bundestages, die derzeit in den Medien rauf und runter diskutierten Salafisten zu integrieren? Etwas Geheimnisvolles, Unberechenbares, Verschwörerisches hat es ja schon, das leise Zunicken und Sich-durch-Bart-zu-Erkennen-Geben, wie es in der Fernsehwerbung so schön propagiert wird. Man lässt seinen Bart wachsen - für Deutschland. Ich persönlich tue vielleicht einige Dinge für Deutschland, wenn es sein muss, aber meinen Bart lasse ich ohne nationale Begründung stehen. Der war schon da, bevor Klopp überhaupt daran gedacht hat, mit diesem Slogan vor die Kamera zu treten.

Fußball - Bärte - National!

Oder steckt doch etwas anderes dahinter? Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass sich das Ganze um einen Werbegag von Philips handelt. Weder mit Fußball noch mit Deutschland hat das was zu tun. Es geht um die moderne Grundausstattung des modernen Mannes: Haarschneider, Body-Groomer und Bart-Styler. Und Klopp hat das perfekte Gesicht für die Marke Philips.
Interessant... auf was für Ideen man doch kommt.

Marina Weisband, die ehemalige Chefin der Piraten, postet auf Facebook: "Ich rufe zur Aktion auf: 'Dein Bart gegen sporadischen PR-Nationalismus!' Jetzt könnt Ihr eure Bärte beruhigt stehen lassen. Problem gelöst."
Wie man sieht, auch in der Politik wird über Bärte und Werte, über "national" und "nicht normal" diskutiert. Sehr erfrischend.

Fazit: Diese Aktion wirkt auf mich gleichermaßen gerissen, kreativ - und bekloppt.

Freitag, 1. Juni 2012

Ich möchte hier noch schnell auf die Website (m)einer neuen Friedensbewegung hinweisen:

"Rock of Peace" hat jetzt eine offizielle Webpräsenz!

www.rock-of-peace.de

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Dienstag, 29. Mai 2012

Noch ein Kommentar...


Eine Ergänzung zum Thema Islamdebatte bzw. Debatte um das (jahrhundertealte) Studienfach Islamwissenschaft:
Auf dem Blog der "Deutschen Lobby" wurde genau derselbe Beitrag veröffentlicht, den ich in meiner letzten Veröffentlichung schon kommentiert hatte. Natürlich musste ich auch dort eine Wortmeldung loswerden. Für den Fall, dass der Weblog der "Deutschen Lobby" meinen Kommentar nicht freischaltet:

"Seit wann darf man plötzlich nicht mehr studieren was man will? Warum sollen andere Fächer wie Ethnologie, Slawistik oder Soziologie so viel besser sein als Islamwissenschaft? Oder sind sie das etwa nicht? Hmm, warum schreibt man dann nicht gegen solche Studienfächer?
Die Frage “Warum tut man sich als junger Mensch tatsächlich jahrelang diese Selbstquälerei und Selbstindoktrinierung an?” zeugt von vollkommener Ahnungslosigkeit. Nicht zu vergessen ist außerdem die Tatsache, dass Islamwissenschaft kein neues Fach ist.
“Alle Macht dem Islam” – einen größeren Unfug hat die Welt noch nicht gehört. Und klar, die Regierung wird dahinter stecken. Mit Verlaub, wenn sich das “Deutschtum”, das von solchen glorreichen Blogs repräsentiert wird, nicht anders zu helfen weiß, als mit Verschwörungstheorien gegen die im Westen seit der Französischen Revolution hart erkämpften Bürgerrechte vorzugehen und Unmut in den Reihen der selbsternannten Stammtischsoziologen zu schüren, dann sieht es wirklich düster aus."

(Sollte der äußerst geistlose Beitrag der Pseudo-Patrioten noch weitere Internet-Plattformen erreichen, werde ich wohl immer dieselben Aussagen in unterschiedlicher Verpackung als Kommentar anhängen...)

Freitag, 25. Mai 2012

Der Groll auf die Islamwissenschaft

Viele Experten äußern sich zu "dem Islam" und zu "den Muslimen", zum Islamismus, zum Salafismus und so vielen anderen Themen, von denen sie doch gar keine Ahnung haben. Überdies ist nicht jeder Kommentar nötig, nicht jeder Beitrag von Nutzen. Unsere Medienlandschaft ähnelt einem virtuellen Stammtisch - und an jedem Stammtisch finden sich heutzutage unzählige selbsternannte Soziologen. Sie nehmen alles ins Visier, das die Debatte um "den Islam" nicht mit erhobenem Zeigefinger auf randalierende Salafisten reduziert. Im Kampf um die Wahrung unserer "christlich-jüdischen Werteordnung" ist sogar das Absinken auf's unterste Niveau erlaubt.

Auf sehr exemplarische Art und Weise setzte sich auch "Kybelines Weblog" ("Europäische Werte") mit einem Spiegel-Artikel zum Thema Islamwissenschaften auseinander. Der ursprüngliche Artikel im Spiegel (hier) beschrieb den Ansturm auf das Fach Islamwissenschaft in den letzten Jahren. Das Interesse an einer orientalischen Religion und Kultur wächst stetig. Allein die verstärkte Beschäftigung mit dem Fremden und uns Unbekannten läuft bei einschlägigen selbsternannten Kämpfern des Westens schon in die Kategorie "Islamisierung Europas".
Der Kommentar auf Kybelines Weblog steht unter dem Titel "Spiegelpropaganda für den rosaroten Islamismus: Darum studieren junge Ethno-Deutsche Islamwissenschaften". Der Inhalt ist genauso lächerlich wie erkenntnisleer. Er endigt mit einer Frage: "Warum tut man sich als junger Mensch tatsächlich jahrelang diese Selbstquälerei und Selbstindoktrinierung an?

Leider hat der Autor vergessen, diese "Selbstquälerei" genauer zu beschreiben... Vielleicht nutze ich hier die Gelegenheit, um die unwissenden Pseudo-Experten aufzuklären:
1. Islamwissenschaft ist ein ganz normales Studienfach an deutschen Universitäten.
2. Das Fach Islamwissenschaft ist nicht neu: Schon mit der Gründung der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft im Jahre 1845 begann das Interesse an der Erforschung islamischer Religion und Kultur zu wachsen.
3. Die Islamwissenschaft ist ein akademisches Fach, eine Wissenschaft. Hier geht es nicht um Propaganda oder - was auch immer man darunter verstehen will - "Islamisierung". Wir sitzen nicht in unserem Kämmerlein und überlegen uns, wie wir Deutschland die Scharia aufzwingen können... auch wenn das so mancher Schreihals hofft.

Mit welchem Recht nehmen sich manche Menschen die Frechheit, Studierende einer bestimmten Fachrichtung allein aufgrund ihrer Studienwahl zu verunglimpfen? Der Kollege von Kybelines Weblog geht auf die Studenten ein, die schon im ursprünglichen Spiegel-Artikel ihre Beweggründe darlegen. Er beschreibt sie als "angeblich auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit und Perfektion,   genau so wie die Aktimel[sic!]-Konsumenten" und versucht, im Spiegel Formulierungen der Werbebranche zu entdecken.
Es stellt sich die Frage: Was bezweckt der glorreiche Schreiber dieses unnötigen Kommentars überhaupt? Ist ein Mensch, der nicht einmal Actimel richtig schreibt, überhaupt ernst zu nehmen? Will er die Diskussion in die Kommentare verlagern, die unter seinem Geschriebsel folgen? Dort kann man dann an so manch erfrischender Erkenntnis teilhaben. Menschen mit so "verschmockten Vornamen" hätten früher Kunstgeschichte studiert.

Es ist sehr schade, dass ich solche Blogeinträge schreiben muss. Viel interessanter wäre es, sich mit Deutschland und unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, mit der Pluralität und dem wunderbaren Rahmen, den uns das Grundgesetz gewährt. Unqualifizierte Kommentare zu akademischer Forschung und Lehre, von der die wenigsten selbsternannten "Experten" eine Ahnung zu haben scheinen, halten uns auf in der Diskussion um Möglichkeiten unserer Gesellschaft, sich zu entwickeln und sich bereichern zu lassen, ohne sich dabei komplett umzukehren. Während man in der Schlacht um das christliche Abendland die Juden mit ins Boot zwingt - was heuchlerisch genug ist, wollte man sie doch jahrhundertelang verbrennen, was man letztlich auch getan hat - vergisst man die Denker und Revolutionäre, die für unsere freie Gesellschaft gekämpft haben. Unsere Freiheit hat das abendländische Europa durch die Französische Revolution, die Aufklärung, den Vormärz und die 1848-Revolution erlangt. Minderheiten wurden emanzipiert, Gleichberechtigung setzte sich durch.
Sollten wir uns nicht vielmehr darauf konzentrieren, die Errungenschaften unserer Väter neu zu ergründen und unsere Gesellschaft so gegen mittelalterliche Religionsgesetze - egal von wo sie kommen mögen - zu schützen?

Die Islamdebatte geht im Kreis. Doch allein die Tatsache, dass sie geführt wird, ist lobenswert. Über die Art und Weise lässt sich streiten. Gegen emotional geladene und wahlkampftriebgesteuerte Politiker im Fernsehen kann man nur wenig ausrichten - unseriöse Blogger jedoch bekämpft man mit ihren eigenen Waffen.
Und zu inhaltlichen Themen, die die Gesellschaft berühren, melde ich mich demnächst an anderer Stelle nochmal zu Wort.


Einen ähnlichen - jedoch kürzeren - Kommentar habe ich auch auf Kybelines Weblog hinterlassen. Ich glaube jedoch kaum, dass er dort freigeschaltet wird.

Samstag, 14. April 2012

Himmel und Hölle in Stuttgart Mitte

Heute bin ich mal wieder nach Stuttgart gefahren. Und es gab einen speziellen Anlass:
Es ist Samstag.
Am ersten Tag des Wochenendes versammeln sich in den Fußgängerzonen all jene, die für eine bessere Welt kämpfen - oder für ein besseres Leben nach dem Tod. So ist es kaum verwunderlich, dass ich zwischen drei Infoständen des Deutschen Roten Kreuzes und einer sehr abschreckenden Bildergalerie militanter Veganer, die einem (mit Recht) den guten Appetit verderben wollen, auf eine Reihe von religiösen Freizeitmissionaren gestoßen bin.
Eigentlich wollte ich heute nach Stuttgart fahren, weil im Radio angekündigt worden war, die Salafisten würden heute gratis Koranexemplare verteilen. Die Aktion war unter dem Motto "Für jeden Haushalt einen Koran!" angelaufen und sollte uns Deutsche dem angeblich wahren Wort Gottes etwas näher bringen.
Für den ahnungslosen Spaziergänger an einem milden Samstagmittag ergibt sich jedoch folgende Problematik:
Ein gutes Dutzend von religiösen Gruppierungen behauptet von sich, im Besitz der exklusiven Wahrheit zu sein. Da wir uns ja bekanntlich in der Endzeit befinden - behauptet jede Religionsrichtung - sind wir sowohl dem Himmel als auch der Hölle sehr nahe. In Fußgängerzonen verkünden Pappkartons, die von alten, bärtigen Männern getragen werden, in roter Schrift "Jesus oder Höllenabgrund!". Dieser Slogan ist neu. Früher lief hier immer ein (ebenfalls bärtiger) Zeitgenosse mit einem großen Emailleschild ("Babytaufe ist Satanswerk!") auf und ab und bahnte sich seinen Weg durch die Un- oder Falschgläubigen. Muslimischerseits ist gerade das T-Shirt "Coming soon: Al-Qiyama" modern, das ein Unwissender/Ungläubiger nicht versteht, weil ihm der Begriff Qiyama für "Auferstehung" bisher nicht geläufig ist.
Der Jüngste Tag steht unmittelbar bevor. So auch an diesem Mittag. Eine Freikirche bietet Broschüren an, vorwiegend auf Türkisch. Irregeleitete Muslime muss man natürlich als erste retten. Deshalb wird hier Infomaterial auf allen möglichen Sprachen angeboten. Jesus rettet uns vor der Hölle, wird einem hier klar. Hundert Meter weiter trifft man auf eine Bewegung, die Jesus gar nicht erst in ihren Werbebroschüren erwähnt. Unterlegt ist der Flyer mit Flammen und Höllenfeuer. Es wird erst einmal zum Nachdenken angeregt: Warum sollte uns Gott helfen, wo wir uns doch alle kein bisschen für ihn interessieren? Da ist was Wahres dran. Warum sollte er? Dann wird klar, dass Gott unser Freund sein will. Wer mehr Infos braucht, bekommt weiteres Material per Post. Sehr ermutigend.
An einer Straßenecke stehen die Zeugen Jehovas. Ein weiterer Haufen lustiger Zeitgenossen, die aber wenig Spaß verstehen. Auch hier wird man vor die Wahl gestellt: Entweder man wendet sich ab von der Mainstream-Kirche, die (wen wundert's) auch einer Irrlehre folgt, oder man endet... wo? Genau: Im ewigen Höllenfeuer. Aufmuntern kann einen nach so einem Gruselkabinett eigentlich nur der fröhliche Gesang einiger schwarzafrikanischer Gospelsänger mit Gitarre, die schon auf ihren Einsatz warten.
Da haben sich ja mal wieder einige auf den Weg gemacht, um verlorene Seelen zu retten. Nur die Salafisten fehlen. Dafür hat die Ahmadiyya-Gemeinschaft ihre Chance gewittert. Sie bekundet auf blauen Flyern, dass Muslime für Frieden, Freiheit und Loyalität stehen. Unten weht sogar eine deutsche Flagge! Innen wirbt der Flyer mit ausgewählten Zitaten für 2 (!) Persönlichkeiten: Einmal für den Propheten Muhammad und dann für eine weitere, mir bisher relativ unbekannte Gestalt. Es ist der Messias Ghulam Ahmad, Begründer der Ahmadiyyas. Wer hätte ahnen können, dass hier - wie in fast allen Religionen - ein Messias ins Spiel kommt. Komplizierte Angelegenheit...
Ich frage einen Ahmadi, ob er hier ein paar Salafisten gesehen hätte. Ich wolle mir nämlich kostengünstig einen Koran anschaffen. Der Mann kann nur Englisch und versteht nur Bahnhof - kein Wunder, gegenüber treibt Stuttgart 21 sein Unwesen.

Wieder zuhause angekommen höre ich im Radio: "Doch nicht so viele Koranverteilungen wie erwartet!" - Na toll, da kann ich ja lange suchen.

Wir befinden uns doch alle auf der Suche, nicht wahr? Wollen wir mal hoffen, dass einige von uns fündig werden. - Den meisten radikalen Splittergruppen aller Religionsrichtungen zufolge haben wir nicht einmal mehr bis morgen Zeit.

Doch wie sagte schon Serdar Somuncu:
"Man darf die Hölle nicht ignorieren - man muss sie in Kauf nehmen." ;)

Montag, 2. April 2012

Sarajevo - Aufbruch nach Europa

Vor 20 Jahren begann die blutige Belagerung von Sarajevo. Heute ist die „ungeschliffene Perle des Balkan“ eine der aufregendsten Städte Europas. Doch Narben sind geblieben.

Im Jahre 1995 lenkten U2 und Luciano Pavarotti die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf eine Stadt in Bosnien, die erst vor kurzem Hauptstadt geworden war. Als sie ihren gemeinsamen Song „Miss Sarajevo“ veröffentlichten, hatte der Krieg den größten Teil der Zerstörung schon längst angerichtet, denn zu dieser Zeit war Sarajevo schon mehr als zwei Jahre unter der Besatzung und dem Dauerbeschuss bosnisch-serbischer Truppen. Heute hat sich die Stadt äußerlich weitgehend von den Kriegsjahren erholt. Die Schäden sind behoben, Gedenkstätten wurden gebaut, Moscheen und Kirchen erfüllen am Mittag die Luft mit Musik und Gesang. Diese Stadt hat schon viele Kriege gesehen und Schlachten überwunden. Doch während in Deutschland der „letzte Krieg“ schon weit über ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist es hier nur die Dauer einer Kindheit. Während meiner Balkan-Reise im März dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, eine faszinierende Stadt kennenzulernen, die eine turbulente Geschichte hinter sich hat und nun den beschwerlichen Weg nach Europa angeschlagen hat.

Eine Reise nach Sarajevo lohnt sich in jeder Hinsicht. Der Duft aus den unzähligen Čevabdžinicas und Buregdžinicas, den Imbissen und Restaurants, erfüllt die Luft und lädt ein zu einem Spaziergang durch die Baščaršija, das alte türkische Basarviertel. Vierhundert Jahre osmanischer Geschichte spiegeln sich in den Gassen der niedrigen Holzhäuser wieder, wo große Moscheen an die islamische Identität der Bosniaken erinnern. Doch auch der große katholische Dom gehört zum Stadtbild ebenso wie die Lateinische Brücke, an der 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin erschossen wurde, was eine der Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs war.
Heute bietet die Aussicht von der Festung der Stadt ein gutes Panorama über das Tal, den Fluss und die vielen Stadtteile, die in sich die Vielfalt der Jahrhunderte osmanischer und österreichischer Herrschaft vereinen. Nur am Horizont dominiert der sozialistische Einfluss Jugoslawiens in Form von Plattenbauten. Doch der Blick fällt auch auf den großen, überfüllten Friedhof am Fuße des Hügels. Sarajevo ist eine Stadt der Friedhöfe. Die weißen, muslimischen Marmorstelen drängen sich an allen Moscheen. Man hat die alten, längst aufgegebenen Begräbnisstätten wiederverwenden müssen, aus Platzmangel. Doch auch Hinterhöfe, Grünanlagen und sogar Sportplätze bekamen aus Not einen neuen Verwendungszweck. Gerade diese weißen Grabsteine, die meistens noch keine 20 Jahre alt sind, kennzeichnen vor allem die Gräber der zu jung Verstorbenen. Jugendliche, junge Erwachsene, die meisten Gräber tragen das Todesdatum 1993.
Um ein wenig von der Realität aufzufangen, in der die Einwohner Sarajevos vier Jahre lang lebten, lohnt sich ein Besuch des kleinen Geschichtsmuseum, das sich im Westen der Stadt befindet, nahe dem Holiday Inn. Das Hotel beherbergte in Zeiten des Krieges die Berichterstatter aus aller Welt, zentral gelegen, direkt an der Hauptkampflinie. Heute liegt hundert Meter weiter das kleine Museum, das Zeitungsartikel, Waffen und Alltagsgegenstände aus der Zeit der serbischen Belagerung zeigt. Hier hängt auch die erste Fahne von Bosnien und Herzegowina, von Kugeln zerlöchert. Die Unabhängigkeitserklärung Bosniens im März 1992 war der Grund für das militärische Eingreifen der Jugoslawischen Volksarmee. Die größtenteils aus Serben bestehenden Truppen zogen den Ring um Sarajevo zu und schnitten die Stadt somit von der Außenwelt ab. Durch eine Luftbrücke wurde die Stadtbevölkerung für internationale Transportmaschinen erreichbar gemacht. Die Verbindung zwischen dem italienischen Flughafen Falconara und dem besetzten Sarajevo wurde fast vier Jahre lang aufrecht erhalten und bestand somit länger als die Berliner Luftbrücke. Lebenserhaltend für die Stadtbevölkerung war auch der 800 Meter lange Sarajevo-Tunnel. Mit Schaufel, Spitzhacken und den eigenen Händen gegraben versorgte er die Einwohner der Stadt mit Nahrung und Alltagsgegenständen. Im Museum ist ein Marktstand nachgebaut, auf ihm liegen UNO-Seife und Gaskartuschen zum Kochen. Besonders schockierend sind jedoch die Fotos jener Tage, die um die Welt gingen und die nun im Museum die Geschichte jener Tage erzählen. Sie zeichnen das dramatische Bild einer Stadt, die vom Krieg gezielt ins Visier genommen worden war. Bilder von Beerdigungen und Lazaretten, überfüllten Stadtbussen und Panzer der Vereinten Nationen, hinter denen die Menschen Deckung suchen. Die Ausstellung ist nicht allzu groß, doch sie führt dem Besucher vor Augen, wovon man in Mitteleuropa zu wenig mitbekommen hatte. An einem künstlichen Laternenpfahl hängt ein Pappschild. Es trägt die Aufschrift „Pazi – Snajper!“ – „Vorsicht Scharfschützen!“. Entlang der Hauptstraße Zmaja od Bosne hatten sich serbische Scharfschützen auf den Hochhäusern versteckt und schossen auf alles was sich bewegte. In den Jahren der Besatzung starben hunderte Menschen durch diese gezielten Schüsse, darunter 60 Kinder.

Dieser Krieg, der weniger als 20 Jahre zurückliegt, hat die Menschen verändert. Die Narben an den Hausfassaden sind mit der Zeit weniger geworden, die Ruinen sind größtenteils verschwunden. Doch für viele Bewohner Sarajevos kommt der Alptraum jede Nacht zurück, wenn das Geräusch der dumpfen Einschläge tausender Geschosse aus den hintersten Ecken der Erinnerung hervorbricht, wenn der Geschützdonner wieder in den Ohren hallt und man schweißgebadet aufwacht. Auf der Straße begegnen sie einem von Zeit zu Zeit, diejenigen, die den Schaden nie überwunden haben. Menschen, denen ein Bein fehlt, die an der Straßenecke betteln. Mir kommt ein Mann entgegen, der wirres Zeug vor sich hin redet, vor dem Denkmal für die gestorbenen Kinder auf den Boden spuckt und sich danach bekreuzigt. Er geht auf und ab, mit leerem Blick.
Doch man gedenkt und arbeitet auf. An Menschen, die durch Möser und Granateinschläge zu Tode kamen, erinnerte man nach dem Krieg durch rote Flecken aus Kunstharz, das man in die kleinen, oft blumenförmigen Krater füllte. Heute sind die meisten dieser sogenannten „Rosen von Sarajevo“, die auf traurige Weise sowohl an das Blut der Getöteten als auch an Blumen erinnern, durch die Schritte der Fußgänger, den langen Winter und den Regen abgenutzt und verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild. Viele Gedenkstätten sind jedoch geblieben. Sie sind nicht anonym, sondern tragen fast immer die Namen derer, die hier ihr Leben gelassen hatten.
Bosnien kämpft immer noch mit dem Folgen des Kriegs. Vor allem im Norden, in der serbischen Teilrepublik Bosniens, stehen noch viele Ruinen am Straßenrand. In den Wäldern liegen noch tausende von Minen, eine tödliche Falle für Wanderer oder spielende Kinder. Doch die Häuser werden wieder aufgebaut, die Minen geräumt. Bosnien ist im Wandel. Und Sarajevo ist ein gutes Beispiel für den Beginn eines neuen Miteinanders. Wo jahrhundertelang Muslime, orthodoxe Serben, römische Katholiken und auch Juden friedlich zusammengelebt haben, wo gegenseitige Toleranz Tradition hat, da fällt es den Menschen leichter, sich zu versöhnen.

Sarajevo hat seinen einstigen Charme wiedererlangt. Die kulturellen Anziehungspunkte sind liebevoll restauriert, die Restaurants der Stadt laden zum Schmaus. Zwar ist die Fußgängerzone akustisch noch dominiert von dem Klackern der Steinplatten, die bisweilen für den Fußgänger unsichtbare Stolperfallen verbergen und das März-Schmelzwasser an die Hosenbeine der Passanten spritzen, doch die Menschen sind offenherzig und genießen den nahenden Frühling, der den letzten Schnee aus den schattigen Ecken vertreibt. Hier treffen Tradition und Moderne aufeinander. Sarajevo bietet eine Vielzahl an Bars und Clubs. Muslimische Religionsschulen und Sonntagsgottesdienste in den zahlreichen Kirchen ergänzen die Spiritualität einer jugendlichen Stadt. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich Sarajevo deshalb auch den Spitznamen Klein-Jerusalem erworben. Genau wie Jerusalem haben die verschiedenen Identitäten oftmals zu Konflikten geführt. Der letzte begann vor genau 20 Jahren. Doch vor allem die positiven Aspekte, die in der Hauptstadt des Vielvölkerstaates Bosnien vereinigt werden, könnten dem Land auf dem langen Weg nach Europa Hoffnung und Zuversicht geben.