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Mittwoch, 10. Februar 2016

Racial Profiling an Karneval (Kommentar)

„Die Kölner Polizei hat an ‪Karneval wieder reichlich zu tun“, meldet der WDR. Die Polizei sei diesmal sehr konsequent eingeschritten, von 1.100 Einsätzen ist die Rede – das sind 200 mehr als letztes Jahr. „Die Zahl der Einsätze, Platzverweise und Festnahmen ist zum Teil stark gestiegen. Der Polizeipräsident und die Oberbürgermeisterin werten aber gerade das als Erfolg.“ – Natürlich finde ich es gut, dass man die Fehler von Silvester an Karneval verhindern wollte und auch verhindert hat. Wenn man allerdings als kleine Gruppe jordanischer Austauschstudenten auf der Fahrt von Aachen nach Hamm eine halbe Stunde Aufenthalt in ‪‎Köln hat und einen Abstecher zum Dom wagt, dann kann es schnell passieren, dass man von der Polizei mit anderen Arabern, Türken und Afrikanern zusammengetrieben und kontrolliert wird. Es habe Beschwerden über arabisch aussehende Männer in dieser Gegend gegeben, heißt es dann. Austauschstudenten werden zwar ganz vorne in der Reihe platziert, aber dennoch werden alle ihre Personalien aufgenommen, sie werden von der Polizei nummeriert und sogar fotografiert. Die Handys werden untersucht und nebenbei erfasst man auch alle für eine Handy-Ortung notwendigen Daten. Dann darf man gehen – mit der Belehrung, dass man direkt ins Gefängnis wandern würde, sollte man Köln nicht innerhalb der nächsten halben Stunde verlassen haben. Die Kontrolle selbst kostet die Studenten 40 Minuten, einige Beamte sind freundlich, andere unheimlich respektlos. Deutsche Passanten, obgleich teilweise stark alkoholisiert, bleiben von den Kontrollen verschont, einer pinkelt sogar vor den Augen der Polizisten auf die Straße. Obwohl der erfolgreiche Polizeieinsatz ausschließlich arabisch aussehenden Männern gilt, bei der Polizeidienststelle reagiert man auf kritische Nachfragen wütend, von „racial profiling“ will man hier natürlich nichts wissen. Arabische Männer als potenzielle zukünftige Straftäter vorsorglich zu erfassen – sinnvoll, gerechtfertigt, notwendig? Vielleicht. Japaner, Dänen und US-Amerikaner geraten aber wegen ihres Aussehens auch nicht in Kontrollen. Es bleibt also unschön, diskussionswürdig und zumindest zur Kenntnis zu nehmen.

Sonntag, 25. Oktober 2015

No Hogesa am Sonntag (25.10.2015)

Pünktlich zum Jahrestag der berüchtigten Hogesa-Demonstration („Hooligans gegen Salafisten“) vom Oktober 2014 haben sich auch heute wieder rechte Hooligans in Köln versammelt. Die Polizei war dieses Jahr mit 3.500 Einsatzkräften zugegen und somit bestens vorbereitet. Auch logistisch war der Große Demo-Sonntag eine Meisterleistung: Hogesa war auf den Barmer Platz hinter dem Bahnhof Köln-Messe/Deutz verbannt worden, eingekesselt und im Blick der Beamten, während die größte der insgesamt sieben Gegenveranstaltungen auf der anderen Seite stattfand, vor dem Bahnhof, auf dem Otto-Platz. Beide Lager waren getrennt durch Bahnhofsgleise, Eisenbahnbrücken und eine doppelte Reihe Polizei. Auf dem Bahnhof selbst wurden die S-Bahnen phasenweise so postiert, dass möglichst wenig Sichtkontakt bestand.


Während auf der Bühne des Aktionsbündnisses Birlikte („Zusammenstehen“) noch der Soundcheck durchgeführt wurde und sich der Otto-Platz mit den ersten hundert Menschen füllte, tröpfelten die Rechten nur sehr zäh auf dem ihnen zugeteilten Gelände ein. Um kurz nach elf wurden dort ganze elf Hooligans gezählt. Doch auch die schmaler Gebauten des neuerdings salonfähigen braunen Establishments waren angereist und suchten nach dem passenden Übergang auf ihre Seite: „Malte, ich glaube wir müssen da unten durch“ – unter dem Bahnhof traf ich zum ersten Mal auf eine Gruppe von Nazi-Hipstern, von denen nur Malte das hellbraune Haar brav gescheitelt hatte und ebenso ratlos wie seine Kameraden nach dem Weg suchte. Größere Gruppen von Rechten wurden von der Polizei begleitet und an grölenden Antifas vorbeigeleitet.
Direkt aufeinander trafen Rechte und Gegendemonstranten nur am Bahnhof. Die Antifa blockierte kurze Zeit den Zugang zu einem Gleis und verursachte damit die erste aus einer Serie von Verspätungen dieses Sonntags. Unterdessen wurden anreisende Dortmunder, Paderborner und Düsseldorfer Nazis mit Sprechchören oder (vonseiten einiger Passanten) mit spontanen Stinkefingern begrüßt. Am Himmel zog der der Polizeihelikopter eine Endlosschleife und beobachtete aufmerksam das Geschehen.


Auch dieses Jahr befürchtete man umfangreiche Ausschreitungen und Gewaltausbrüche. Die Versammlung rechter Hooligans war letztes Jahr gegen Ende ziemlich ausgeartet und besonders ein Bild mit Randalierern, die ein Polizeiauto umstürzen, ging durch die Presse. Die Erwartungen der Medien waren also auch heute sehr hoch – zumindest konnte dieser Anschein durchaus entstehen: Der Focus betitelte seinen Live-Ticker schon am Morgen mit der Frage „Köln in Aufruhr: Knallt es heute bei der Hogesa-Demo?“ und lieferte ein paar Stunden später die Bestätigung: „Hogesa: 5 Verletzte in Köln – Es droht zu knallen“. Und tatsächlich kam es zu Auseinandersetzungen zwischen linken Antifa-Aktivisten und der Polizei, die auch ihren Wasserwerfer zum Einsatz brachte, und aus den Reihen der Rechtsextremen wurden die Polizisten stellenweise mit Böllern beworfen. In den ersten Zeitungsberichten (und natürlich auch im Focus-Newsticker) war deshalb von „linken und rechten Demonstranten“ zu lesen, die von der Polizei getrennt und separat zur Abreise begleitet werden mussten. Das alles kann aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass hier nicht nur rechte und linke Krawallmacher aufeinandertrafen: Vielmehr standen sich auf der einen Seite eine eher mickrige Gruppe von knapp 1.000 Mann (und Frau) von Hogesa – denen zu Beginn sogar noch zehn (nüchterne und nicht vorbestrafte) Ordner fehlten – und auf der anderen Seite über 10.000 Gegendemonstranten aus allen politischen Lagern und aus einer Vielzahl von Initiativen gegenüber. Auf dem Otto-Platz waren alle Altersklassen vertreten,  „Köln stellt sich quer“ war wieder einmal das Motto. Die Antifa und ihre Blockadeaktionen waren gewissermaßen lediglich das Sahnehäubchen auf der Torte.


Die für den Abend angemeldete Kögida-Demonstration wurde abgesagt, die einheimischen rechten Abendspaziergänger schlossen sich stattdessen den Hooligans an. Die von einigen Zeitungen prophezeite (und fast schon herbeigesehnte) Katastrophe blieb aber aus. Eine Stadt hat gezeigt, dass sie keinen Bock auf Nazis hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Montag, 16. Februar 2015

Rosenmontag in Köln & Bonn

Karneval ist für viele Menschen Sinnbild eines Schreckensszenarios: Zerbrochene Bierflaschen soweit das Auge blicken kann, Erbrochenes und Konfetti, vollgepinkelte Hauseingänge. In der Zeit zwischen Donnerstag (Weiberfasnacht) und Aschermittwoch drehen die Menschen im Rheinland durch, wahrscheinlich mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Es herrscht der vollkommene Ausnahmezustand. Sogar Rewe macht am Donnerstag früher zu, Friseure und Antiquariate haben an Weiberfasnacht generell geschlossen. Alles in allem hält der jahrhundertealte Brauch des Feierns vor der vierzigtägigen Fastenzeit die Rheinländer mehr auf Trab als Weihnachten.


Was andernorts in der Bundesrepublik Fasching heißt, trägt in Köln den Namen „Fastelovend“. Der Rosenmontag ist traditionell Höhepunkt des Karnevals und bietet mit seinem Rosenmontagszug ein unvergleichliches Spektakel: Die Strecke des Umzugs ist knapp sieben Kilometer lang, die Straße wird gesäumt von knapp einer Million Menschen – unter die ich mich dieses Jahr gemischt habe. Beim Kölner Karneval sind so gut wie alle Zuschauer verkleidet, von der kitschigen Plastik-Blumenkette (oftmals Überbleibsel aus Zeiten der Fußballweltmeisterschaft) über Bären- und Bienenkostüme oder Minions bis hin zu wirklich ausgefuchsten oder ungewöhnlichen Verkleidungen wie Barockgestalten oder britische Gardesoldaten. Alle stehen am Rand und fangen Süßigkeiten („Kamelle“) auf. Je nach Alkoholpegel werden die Schreie nach Süßem lauter und das wilde Gestikulieren mit den Armen stärker. Und vonseiten der Karnevalisten wird scharf geschossen: Während der gewöhnliche Bonbon quasi durch die Luft segelt, kann man hier und da immer wieder förmlich hören, wie Schokoladentafeln einer unbehelmten Zuschauerin oder einem unachtsamen japanischen Touristen gegen den Kopf knallen. Die Freude hierüber ist jedoch unermesslich und man bedauert bloß, nicht von einer der äußerst raren Schachteln voller Schnapspralinen getroffen worden zu sein. (Insgesamt wurden heute 300 Tonnen Kamelle in Köln unters Volk gebracht.)


Während die Karnevalsvereine vorbeiziehen gibt es Musik – mal von einem der marschierenden Orchester, mal aus dem Lautsprecher. Jeder neue Verein wird mit „Kölle alaaf“ begrüßt. Der Einheizer von der Galeria-Kaufhof-Bühne etabliert auch schon gleich zu Beginn den Slogan „Galeria Kaufhof alaaf!“ – das gehört hier wohl einfach dazu. Funkenmariechen, rot und blau Uniformierte mit Blasinstrumenten, Tanzgruppen und bonbonschleudernde Rentner auf festlich geschmückten oder politisch ausgerichteten Festwagen ziehen vorbei. Der 1. FC Köln ist präsent und auch Charlie Hebdo wird indirekt thematisiert: Der allererste Wagen zeigt einen Karnevalisten, der einen Bleistift („Narrenfreiheit“) gießt.


Eine belgische Besucherin erzählt mir, dass sie von der Organisation und Ordnung erstaunt sei, die hier an den Tag gelegt wird. In Belgien, wo es kleinere Umzüge gebe, breche jedes Jahr Chaos aus. Nicht hier in Köln. Am Rande des Umzuges versorgen die Sanitäter zwar den einen oder anderen Fall von Selbstüberschätzung was Alkohol angeht, aber die Menge braucht in vielen Straßen nicht einmal Absperrungen, um dem Zug freies Geleit zu geben. Unmittelbar unter dem Dom und vor dem Hauptbahnhof ist jedoch jeder Stehplatz vergeben und die Menschen drängen sich hinter den Absperrgittern.


In der ganzen Stadt ist es schwer voranzukommen, und der Weg zurück zum Bahnhof wird noch immer einige Male von der Route des Umzugs gekreuzt, weshalb sich die U-Bahn als Rückzugsmittel anbietet. Am frühen Nachmittag sind auch viele verkleidete Leute schon auf dem Heimweg oder auf dem Sprung zur nächsten Location. Ich fahre zurück nach Bonn und denke irgendwie, dass auch dort das Gröbste schon gelaufen sein wird. Schließlich begann der Kölner Umzug um 10.11 Uhr vormittags. Dieser Rückschluss erweist sich jedoch als falsch. Meine geliebte Bonner Altstadt ist wortwörtlich der Mittelpunkt des hiesigen Geschehens, der Karnevalszug – der in Bonn erst um 12.11 Uhr begonnen hat – zieht sogar direkt vor meiner Haustür vorbei.


Auf den umliegenden Straßen gibt es kein Durchkommen. Tausende Menschen in Feierlaune, Feuerwehr, Eltern mit kleinen Kindern, gleichermaßen kostümiert wie betrunkene Nachbarn und Nachbarinnen. Es grenzt geradezu an Kulturschock. Und trotzdem, die Altstadt von Bonn (die eigentlich gar nicht die wirkliche Altstadt ist) als Wohnort gewählt zu haben beschert mir zum ersten Mal einen Logenplatz am Küchenfenster.


Man will gar nicht daran denken, was da bis morgen früh an Müllbergen und (zumeist reparablen) Schäden zurückbleiben wird, aber momentan empfinde ich noch so etwas wie Begeisterung. Fasching war nie mein Fall, aber Kultur ist eben nicht nur nüchtern und leise. Gesellschaftliche Rituale erfüllen alle einen Zweck und der Karneval erfüllt so auch seinen: Obwohl man im 21. Jahrhundert eigentlich jeden Tag die persönliche Freiheit ausschöpfen kann, so bietet der Karneval zusätzlich noch die Möglichkeit närrisch zu sein. Ordnung regiert den Alltag das ganze Jahr über. Und selbst wenn die VIP-Bühnen manchmal mehr Kamelle abzubekommen scheinen, so hebt Närrischkeit trotzdem ein stückweit die gesellschaftliche Grenzen auf.