„Die Kölner Polizei hat an Karneval wieder reichlich zu tun“, meldet der WDR. Die Polizei sei diesmal sehr konsequent eingeschritten, von 1.100 Einsätzen ist die Rede – das sind 200 mehr als letztes Jahr. „Die Zahl der Einsätze, Platzverweise und Festnahmen ist zum Teil stark gestiegen. Der Polizeipräsident und die Oberbürgermeisterin werten aber gerade das als Erfolg.“ – Natürlich finde ich es gut, dass man die Fehler von Silvester an Karneval verhindern wollte und auch verhindert hat. Wenn man allerdings als kleine Gruppe jordanischer Austauschstudenten auf der Fahrt von Aachen nach Hamm eine halbe Stunde Aufenthalt in Köln hat und einen Abstecher zum Dom wagt, dann kann es schnell passieren, dass man von der Polizei mit anderen Arabern, Türken und Afrikanern zusammengetrieben und kontrolliert wird. Es habe Beschwerden über arabisch aussehende Männer in dieser Gegend gegeben, heißt es dann. Austauschstudenten werden zwar ganz vorne in der Reihe platziert, aber dennoch werden alle ihre Personalien aufgenommen, sie werden von der Polizei nummeriert und sogar fotografiert. Die Handys werden untersucht und nebenbei erfasst man auch alle für eine Handy-Ortung notwendigen Daten. Dann darf man gehen – mit der Belehrung, dass man direkt ins Gefängnis wandern würde, sollte man Köln nicht innerhalb der nächsten halben Stunde verlassen haben. Die Kontrolle selbst kostet die Studenten 40 Minuten, einige Beamte sind freundlich, andere unheimlich respektlos. Deutsche Passanten, obgleich teilweise stark alkoholisiert, bleiben von den Kontrollen verschont, einer pinkelt sogar vor den Augen der Polizisten auf die Straße. Obwohl der erfolgreiche Polizeieinsatz ausschließlich arabisch aussehenden Männern gilt, bei der Polizeidienststelle reagiert man auf kritische Nachfragen wütend, von „racial profiling“ will man hier natürlich nichts wissen. Arabische Männer als potenzielle zukünftige Straftäter vorsorglich zu erfassen – sinnvoll, gerechtfertigt, notwendig? Vielleicht. Japaner, Dänen und US-Amerikaner geraten aber wegen ihres Aussehens auch nicht in Kontrollen. Es bleibt also unschön, diskussionswürdig und zumindest zur Kenntnis zu nehmen.
Herzlich Willkommen auf meinem Blog! Reiseberichte und Kommentare zu Politik und Gesellschaft.
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Mittwoch, 10. Februar 2016
Sonntag, 25. Oktober 2015
No Hogesa am Sonntag (25.10.2015)
Pünktlich
zum Jahrestag der berüchtigten Hogesa-Demonstration („Hooligans gegen Salafisten“)
vom Oktober 2014 haben sich auch heute wieder rechte Hooligans in Köln
versammelt. Die Polizei war dieses Jahr mit 3.500 Einsatzkräften zugegen und
somit bestens vorbereitet. Auch logistisch war der Große Demo-Sonntag eine
Meisterleistung: Hogesa war auf den Barmer Platz hinter dem Bahnhof
Köln-Messe/Deutz verbannt worden, eingekesselt und im Blick der Beamten,
während die größte der insgesamt sieben Gegenveranstaltungen auf der anderen
Seite stattfand, vor dem Bahnhof, auf dem Otto-Platz. Beide Lager waren
getrennt durch Bahnhofsgleise, Eisenbahnbrücken und eine doppelte Reihe
Polizei. Auf dem Bahnhof selbst wurden die S-Bahnen phasenweise so postiert,
dass möglichst wenig Sichtkontakt bestand.
Während auf
der Bühne des Aktionsbündnisses Birlikte („Zusammenstehen“) noch der
Soundcheck durchgeführt wurde und sich der Otto-Platz mit den ersten hundert
Menschen füllte, tröpfelten die Rechten nur sehr zäh auf dem ihnen zugeteilten
Gelände ein. Um kurz nach elf wurden dort ganze elf Hooligans gezählt. Doch
auch die schmaler Gebauten des neuerdings salonfähigen braunen Establishments
waren angereist und suchten nach dem passenden Übergang auf ihre Seite: „Malte,
ich glaube wir müssen da unten durch“ – unter dem Bahnhof traf ich zum ersten
Mal auf eine Gruppe von Nazi-Hipstern, von denen nur Malte das hellbraune Haar
brav gescheitelt hatte und ebenso ratlos wie seine Kameraden nach dem Weg
suchte. Größere Gruppen von Rechten wurden von der Polizei begleitet und an
grölenden Antifas vorbeigeleitet.
Direkt
aufeinander trafen Rechte und Gegendemonstranten nur am Bahnhof. Die Antifa
blockierte kurze Zeit den Zugang zu einem Gleis und verursachte damit die erste
aus einer Serie von Verspätungen dieses Sonntags. Unterdessen wurden anreisende
Dortmunder, Paderborner und Düsseldorfer Nazis mit Sprechchören oder (vonseiten
einiger Passanten) mit spontanen Stinkefingern begrüßt. Am Himmel zog der der Polizeihelikopter
eine Endlosschleife und beobachtete aufmerksam das Geschehen.
Auch dieses
Jahr befürchtete man umfangreiche Ausschreitungen und Gewaltausbrüche. Die
Versammlung rechter Hooligans war letztes Jahr gegen Ende ziemlich ausgeartet
und besonders ein Bild mit Randalierern, die ein Polizeiauto umstürzen, ging
durch die Presse. Die Erwartungen der Medien waren also auch heute sehr hoch –
zumindest konnte dieser Anschein durchaus entstehen: Der Focus betitelte seinen
Live-Ticker schon am Morgen mit der Frage „Köln in Aufruhr: Knallt es heute bei
der Hogesa-Demo?“ und lieferte ein paar Stunden später die Bestätigung: „Hogesa:
5 Verletzte in Köln – Es droht zu knallen“. Und tatsächlich kam es zu
Auseinandersetzungen zwischen linken Antifa-Aktivisten und der Polizei, die
auch ihren Wasserwerfer zum Einsatz brachte, und aus den Reihen der Rechtsextremen
wurden die Polizisten stellenweise mit Böllern beworfen. In den ersten Zeitungsberichten
(und natürlich auch im Focus-Newsticker) war deshalb von „linken und rechten
Demonstranten“ zu lesen, die von der Polizei getrennt und separat zur Abreise
begleitet werden mussten. Das alles kann aber nicht über die Tatsache
hinwegtäuschen, dass hier nicht nur rechte und linke Krawallmacher aufeinandertrafen:
Vielmehr standen sich auf der einen Seite eine eher mickrige Gruppe von knapp
1.000 Mann (und Frau) von Hogesa – denen zu Beginn sogar noch zehn (nüchterne
und nicht vorbestrafte) Ordner fehlten – und auf der anderen Seite über 10.000 Gegendemonstranten
aus allen politischen Lagern und aus einer Vielzahl von Initiativen gegenüber. Auf
dem Otto-Platz waren alle Altersklassen vertreten, „Köln stellt sich quer“ war wieder einmal das
Motto. Die Antifa und ihre Blockadeaktionen waren gewissermaßen lediglich das Sahnehäubchen
auf der Torte.
Die für den
Abend angemeldete Kögida-Demonstration wurde abgesagt, die einheimischen rechten
Abendspaziergänger schlossen sich stattdessen den Hooligans an. Die von einigen
Zeitungen prophezeite (und fast schon herbeigesehnte) Katastrophe blieb aber aus.
Eine Stadt hat gezeigt, dass sie keinen Bock auf Nazis hat. Nicht mehr und
nicht weniger.
Montag, 16. Februar 2015
Rosenmontag in Köln & Bonn
Karneval ist
für viele Menschen Sinnbild eines Schreckensszenarios: Zerbrochene Bierflaschen
soweit das Auge blicken kann, Erbrochenes und Konfetti, vollgepinkelte
Hauseingänge. In der Zeit zwischen Donnerstag (Weiberfasnacht) und
Aschermittwoch drehen die Menschen im Rheinland durch, wahrscheinlich mehr als irgendwo
sonst in Deutschland. Es herrscht der vollkommene Ausnahmezustand. Sogar Rewe
macht am Donnerstag früher zu, Friseure und Antiquariate haben an
Weiberfasnacht generell geschlossen. Alles in allem hält der jahrhundertealte
Brauch des Feierns vor der vierzigtägigen Fastenzeit die Rheinländer mehr auf
Trab als Weihnachten.
Was
andernorts in der Bundesrepublik Fasching heißt, trägt in Köln den Namen „Fastelovend“.
Der Rosenmontag ist traditionell Höhepunkt des Karnevals und bietet mit seinem
Rosenmontagszug ein unvergleichliches Spektakel: Die Strecke des Umzugs ist
knapp sieben Kilometer lang, die Straße wird gesäumt von knapp einer Million
Menschen – unter die ich mich dieses Jahr gemischt habe. Beim Kölner Karneval sind
so gut wie alle Zuschauer verkleidet, von der kitschigen Plastik-Blumenkette
(oftmals Überbleibsel aus Zeiten der Fußballweltmeisterschaft) über Bären- und
Bienenkostüme oder Minions bis hin zu wirklich ausgefuchsten oder
ungewöhnlichen Verkleidungen wie Barockgestalten oder britische Gardesoldaten. Alle
stehen am Rand und fangen Süßigkeiten („Kamelle“) auf. Je nach Alkoholpegel
werden die Schreie nach Süßem lauter und das wilde Gestikulieren mit den Armen
stärker. Und vonseiten der Karnevalisten wird scharf geschossen: Während der
gewöhnliche Bonbon quasi durch die Luft segelt, kann man hier und da immer
wieder förmlich hören, wie Schokoladentafeln einer unbehelmten Zuschauerin oder
einem unachtsamen japanischen Touristen gegen den Kopf knallen. Die Freude
hierüber ist jedoch unermesslich und man bedauert bloß, nicht von einer der
äußerst raren Schachteln voller Schnapspralinen getroffen worden zu sein. (Insgesamt wurden heute 300 Tonnen Kamelle in Köln unters Volk gebracht.)
Während die
Karnevalsvereine vorbeiziehen gibt es Musik – mal von einem der marschierenden
Orchester, mal aus dem Lautsprecher. Jeder neue Verein wird mit „Kölle alaaf“
begrüßt. Der Einheizer von der Galeria-Kaufhof-Bühne etabliert auch schon
gleich zu Beginn den Slogan „Galeria Kaufhof alaaf!“ – das gehört hier wohl
einfach dazu. Funkenmariechen, rot und blau Uniformierte mit Blasinstrumenten,
Tanzgruppen und bonbonschleudernde Rentner auf festlich geschmückten oder
politisch ausgerichteten Festwagen ziehen vorbei. Der 1. FC Köln ist präsent
und auch Charlie Hebdo wird indirekt thematisiert: Der allererste Wagen zeigt
einen Karnevalisten, der einen Bleistift („Narrenfreiheit“) gießt.
Eine
belgische Besucherin erzählt mir, dass sie von der Organisation und Ordnung
erstaunt sei, die hier an den Tag gelegt wird. In Belgien, wo es kleinere
Umzüge gebe, breche jedes Jahr Chaos aus. Nicht hier in Köln. Am Rande des
Umzuges versorgen die Sanitäter zwar den einen oder anderen Fall von
Selbstüberschätzung was Alkohol angeht, aber die Menge braucht in vielen Straßen
nicht einmal Absperrungen, um dem Zug freies Geleit zu geben. Unmittelbar unter
dem Dom und vor dem Hauptbahnhof ist jedoch jeder Stehplatz vergeben und die
Menschen drängen sich hinter den Absperrgittern.
In der
ganzen Stadt ist es schwer voranzukommen, und der Weg zurück zum Bahnhof wird
noch immer einige Male von der Route des Umzugs gekreuzt, weshalb sich die
U-Bahn als Rückzugsmittel anbietet. Am frühen Nachmittag sind auch viele
verkleidete Leute schon auf dem Heimweg oder auf dem Sprung zur nächsten
Location. Ich fahre zurück nach Bonn und denke irgendwie, dass auch dort das
Gröbste schon gelaufen sein wird. Schließlich begann der Kölner Umzug um 10.11
Uhr vormittags. Dieser Rückschluss erweist sich jedoch als falsch. Meine
geliebte Bonner Altstadt ist wortwörtlich der Mittelpunkt des hiesigen
Geschehens, der Karnevalszug – der in Bonn erst um 12.11 Uhr begonnen hat –
zieht sogar direkt vor meiner Haustür vorbei.
Auf den
umliegenden Straßen gibt es kein Durchkommen. Tausende Menschen in Feierlaune,
Feuerwehr, Eltern mit kleinen Kindern, gleichermaßen kostümiert wie betrunkene
Nachbarn und Nachbarinnen. Es grenzt geradezu an Kulturschock. Und trotzdem,
die Altstadt von Bonn (die eigentlich gar nicht die wirkliche Altstadt ist) als
Wohnort gewählt zu haben beschert mir zum ersten Mal einen Logenplatz am
Küchenfenster.
Man will gar
nicht daran denken, was da bis morgen früh an Müllbergen und (zumeist
reparablen) Schäden zurückbleiben wird, aber momentan empfinde ich noch so
etwas wie Begeisterung. Fasching war nie mein Fall, aber Kultur ist eben nicht
nur nüchtern und leise. Gesellschaftliche Rituale erfüllen alle einen Zweck und
der Karneval erfüllt so auch seinen: Obwohl man im 21. Jahrhundert eigentlich jeden
Tag die persönliche Freiheit ausschöpfen kann, so bietet der Karneval zusätzlich
noch die Möglichkeit närrisch zu sein. Ordnung regiert den Alltag das ganze Jahr über. Und selbst wenn die VIP-Bühnen manchmal mehr Kamelle abzubekommen scheinen, so hebt Närrischkeit trotzdem ein stückweit die gesellschaftliche
Grenzen auf.
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