Mittwoch, 8. Mai 2013

Was ist Identität?

In englischsprachigen Ländern besitzt jeder Bürger eine sogenannte Identity Card (ID). Dieser Name klingt, verglichen mit der Bezeichnung für das deutsche Pendant, dem Personalausweis, recht nutzerfreundlich. Menschen gehören ja nicht etwa zum Personal eines Staates. Andererseits, was drückt der Begriff Identity Card eigentlich aus? Diese Karte dient nicht allein der Identifizierung einer Person, denn dann müsste sie strenggenommen Identification Card heißen. So bezieht sie sich aber auf die Identität des Trägers selbst, was eine neue Frage aufwirft:
Kann die Identität eines Menschen auf eine einzige Plastikkarte oder einen Fetzen Papier gepresst werden?

Und damit sind wir schon mitten im Thema. Was ist Identität? Heute wird diese Frage oft angeschnitten und neben der Integrationsdebatte beiläufig mitdiskutiert. Was bedeutet sich mit etwas identifizieren oder mit etwas identifiziert werden? Es wird der Anschein erweckt, als gäbe es eine vorgegebene Definition für den Identitätsbegriff, die allen geläufig wäre. Dabei gibt es hierfür eine Vielzahl von Definitionen und Erklärungsansätzen. Zum einen werden wir einer bestimmten Gruppe zugeordnet, an deren Zugehörigkeit wir in den seltensten Fällen etwas ändern können, da sie vererbt ist. Die Merkmale, die diese äußerlichen und (scheinbar) unveränderbaren Unterscheidung bringen, sind – aus wissenschaftlicher Sicht – sogenannte „primordiale Codes“: Geschlecht, Generation, Verwandtschaft oder Herkunft.[1] Einige dieser unveränderlichen Fakten werden nun durch eine Identity Card und auch durch einen Personalausweis festgehalten. Ist die betreffende Person männlich oder weiblich? Zu welcher Gemeinschaft gehört sie, d.h. welche Staatsangehörigkeit trägt sie? Es sind die ganz groben Merkmale einer Identität eines Menschen, die auf diesem offiziellen und amtlichen Dokument festgehalten werden. An diesem Beispiel wird als schon deutlich, was das Problem beim Thema Identität ist:

Der Identitätsbegriff ist viel weiter und vielschichtiger, als dass er auf einigen Quadratzentimetern vollständig, umfassend und exakt beschrieben werden könnte.

Die Identität eines jeden Menschen ist ebenso einzigartig wie vielseitig. Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, jedes Individuum vereine eine Vielzahl – oder gar eine Unmenge – an Identitäten in sich. Zusätzlich zu seinen zwangsläufigen, von der Natur vorgegebenen Identitätsveranlagungen vereint er noch weitere Identitäten in sich. Zur Verdeutlichung kann man sich ein beliebiges Beispiel vor Augen führen:

Angenommen, Franziskus Schymanietz wäre mein Nachbar. Wir könnten beide in der gleichen Straße in einer Kleinstadt bei Bochum wohnen. Mein Nachbar arbeitet als Angestellter der Stadtwerke, führt morgens vor dem Dienst und dann abermals am Abend seinen Hund spazieren. Ich treffe ihn regelmäßig, wenn ich meine Zeitung vom Briefkasten hole. „Morgen Herr Nachbar, kommst Du heute Abend zum Grillen rüber? Wir wollen das Spiel anschauen.“ – „Ja, super. Da muss mir die Hilde aber erst noch was vom Metzger mitbringen.“

Wir kennen diesen fiktiven Nachbarn jetzt nur flüchtig. Was könnte man dennoch zur Identität dieses Mannes mutmaßen? Wollen wir den Herrn Nachbar doch einmal auseinandernehmen…

1) Herr Schymanietz ist männlich.
2) Er hat (vermutlich) die deutsche Staatsbürgerschaft.
2) Seine Vorfahren stammten aus Polen, wie sein Nachname verrät. Sie kamen höchstwahrscheinlich als Bergarbeiter aus dem Osten ins Ruhrgebiet. Da Herr Schymanietz bei den Stadtwerken arbeitet und nicht im Bergbau, ist er sich seines Erbes vielleicht nicht mehr so bewusst, dennoch bleibt es möglicherweise Teil seiner Identität.
3) Er ist katholisch wie seine Eltern, die ihm den Namen Franziskus gegeben haben, und gehört somit der größten der Weltreligionen an.
4) Er ist Hundebesitzer und identifiziert sich möglicherweise mit anderen Hundebesitzern.
5) Er isst gerne Fleisch und grenzt sich regelmäßig ab von Vegetariern wie etwa seinem Schwager Erhard.
6) Er ist leidenschaftlicher Fan des VfL Bochum und schaut jedes Spiel im Fernsehen, wenn er selbst nicht ins Stadion gehen kann.

Dieses Beispiel verdeutlicht uns die Vielschichtigkeit von Identität und Persönlichkeit. Vieles erfüllt hier seinen Teil als Baustein einer persönlichen Identität. Mit was identifizieren wir uns? Nicht nur dem Staat, in dem wir leben, ordnen wir uns zu. Nicht einmal die Religion kann einen universellen Anspruch auf Identitätsbildung für sich verbuchen, obwohl sie natürlich einer der größerer Bausteine sein kann. Doch als beinahe gleichrangig könnte man hier in vielen Fällen auch die Zugehörigkeit zu einer Sportmannschaft werten. Teil einer Fangruppe zu sein, regelmäßig ins Stadion zu gehen und Gesänge mitzusingen kann sehr identitätsstiftend wirken.

In den Integrationsdebatten der Vergangenheit – und auch in denen der Zukunft – kreist alles um die Frage des Dazugehörens. Wollen bestimmte Menschen dazugehören? Wollen wir, dass sie dazugehören? Gehören sie vielleicht schon längst dazu?
In einer pluralistischen, offenen Gesellschaft gibt es viele verschiedene Identitäten – und keine die wenigsten von ihnen müssen sich zwangsläufig gegenseitig ausschließen. Ein Mensch kann sich zu 100 Prozent als Deutscher fühlen und gleichzeitig zu 100 Prozent Franzose sein. Das Identitätsbewusstsein ist oft sehr subjektiv. Wir können Europäer sein und gleichzeitig eine Staatsbürgerschaft besitzen. Natürlich ist ein Christ kein Muslim und ein Buddhist kein Jude, genauso wie ein Fan von 1860 München kein Anhänger des FC Bayern sein kann. Doch beide Fußballfans mögen höchstwahrscheinlich Weißwurst. Oder es verbindet sie die Liebe zu ihrer gemeinsamen Heimatstadt München. So können Christen, Muslime, Juden, Atheisten und Angehörige jeder anderen Religionsgemeinschaft theoretisch zusammenleben und das gleiche Heimatgefühl ihres Wohnortes gegenüber spüren. Dabei sollte es ihnen allen gestattet sein, ihre jeweiligen (religiösen) Identitäten nicht verstecken zu müssen.

Unsere Gesellschaft sollte bereit sein, der persönlichen Identitätsbildung Raum zu bieten. Unsere Identitäten müssen so frei sein wie es uns die Verfassung erlaubt. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit im Rahmen einer Gruppe ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft, das Problem ist allein die Tatsache, dass man bestimmte Gruppen mit bestimmten Klischees abstempelt und sie in Schubladen steckt. Deshalb muss über Vorurteile aufgeklärt werden. Meiner Meinung nach sind z.B. auch anonymisierte Bewerbungen, die von politischer Ebene zum Abbau von Diskriminierung in der Arbeitswelt angestrebt werden, nicht der richtige Weg, um Benachteiligungen vorzubeugen. Vielmehr sollte man die Schaffung eines toleranteren Bewusstseins in den Köpfen fördern und unterstützen, denn Wandel fängt im Kopf an. Diskriminierung von Homosexuellen oder kopftuchtragenden Musliminnen ließe sich mit vergleichbaren Maßnahmen zwar in konkreten Fällen verhindern, an der Ursache würden diese Regulierungen jedoch nur wenig ändern. Unsere Gesellschaft muss sich öffnen für Andersartigkeiten. Im 21. Jahrhundert lässt sich so etwas mit Recht verlangen. Vielleicht muss man sich nur darüber klarwerden, dass die eigene Identität in vielen ihrer Aspekte mit den Identitäten der „Anderen“ übereinstimmt. Es fänden sich mit Sicherheit genügend Schnittstellen, die es ermöglichen würden, Schranken innerhalb unserer Gesellschaft abzubauen, den Anderen zu tolerieren und schlussendlich zu akzeptieren. Doch das ist ein notwendiger Prozess, der noch eher am Anfang steht als kurz vor der Vollendung.




[1] W. Gephart: Zur Bedeutung der Religionen für die Identitätsbildung, in: W. Gephart/H. Waldenfels (Hrsg.): Religion und Identität – Im Horizont des Pluralismus (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1999, S. 237)

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